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Wieso ist der ESC in Österreich eigentlich ein "Schas"?

30.05.2025 von Stefan Baumgartner

“Leitln, wir hab'n den Schas gewonnen!” - diesen Spruch haben sowohl Ö3-Moderator Andi Knoll, Stermann & Grissemann, als auch Conchita bei ihrem ESC-Gewinn 2014 in Kopenhagen sowie JJ bei seinem diesjährigen ESC-Gewinn in Basel gebracht. Für unwissende Ohren muss es sich seltsam anhören, wenn jemand den ESC als “Schas” bezeichnet - insbesondere in der Euphorie. Dabei ist der Spruch schon seit über einem Jahrzehnt österreichisches Kulturgut - und geht zurück auf den ESC-Vorentscheid aus dem Jahre 2011, als sich die Wiener Kultband Alkbottle um die Teilnahme für den Eurovision Song Contest bewarb …

Wenn man heute von “österreichischer Musik” spricht, dann fallen in erster Linie wohl Namen wie Seiler & Speer, Josh., Wanda, Voodoo Jürgens und Bilderbuch, wenn man etwas wilder unterwegs ist, Namen wie Belphegor, Pungent Stench und Mortal Strike. Und ältere Semester weinen Falco oder der EAV immer noch eine Träne nach, finden aber in Rainhard Fendrich oder Wolfgang Ambros ihr Seelenheil. Wenn man wie ich aber ein Millennial ist, kommt man auch an einer Band nicht vorbei: Alkbottle.

Alkbottle wurden 1990 von Roman Gregory gegründet, der insbesondere mit den ersten vier Alkbottle-Alben “No Sleep Till Meidling” (1993), “Blader, fetter, lauter & bissl mehr” (1994), “Wir san auf kana Kinderjausn” (1995) und “Trivialkbottle” (1997) das Meidlinger “L” salonfähig gemacht hat - und über das ich an der Universität Wien sogar eine Seminarbeit geschrieben habe! Ihr Kult-Status verhalf ihnen sogar zu Konzerten im Vorprogramm von KISS, Bon Jovi, ZZ Top, Deep Purple und Ozzy Osbourne, bevor sich Roman Gregory in den frühen Nullerjahren seiner Solo-Karriere widmete - unter anderem mit seinem “Dean Martin”-Programm, gemeinsam mit Russkaja-Sänger Georgij oder im Musical “Falco Cyber Show”.

Doch Alkbottle kamen wieder und bewarben sich 2011 sogar für den Eurovision Song Contest: Bei der ORF-Show “Düsseldorf, wir kommen!” traten sie mit dem Song “Wir san do ned zum Spaß” im Vorentscheid an. Der Refrain sollte lauten: “Wir san do ned zum Spaß - wir g'winnen euch den Schas!” Allerdings mussten Alkbottle nach Intervention vom ORF die Zeile abändern, weil beim ESC keine böse Fäkalsprache erlaubt ist. Außerdem schickte Österreich statt Alkbottle Nadine Beiler mit “The Secret Is Love” nach Düsseldorf. Doch: Mit “Wir g'winnen euch den Schas!” haben Alkbottle trotzdem nachhaltig österreichische ESC-Geschichte geschrieben.

In den Folgejahren wurde es stiller um Alkbottle, bevor im März 2021 Roman Gregory die endgültige Auflösung von Alkbottle bekannt gab. Allerdings war das endgültige Aus nur von kurzer Dauer: Im Dezember 2024 spielte Alkbottle drei ausverkaufte (!) und frenetisch umjubelte Weihnachtskonzerte im legendären U4 - und auch die Zukunft schaut rosig aus, wie uns Roman Gregory im Interview verrät: Wir sprachen nicht nur über die Vergangenheit und die Zukunft des ESC, sondern auch darüber, dass Alkbottle nun tatsächlich wie “Phönix aus der Flasche” aufsteigen wird. Aber: Lest selbst!

JJ hat mit „Wasted Love“ den „Schas“ nun also gewonnen: Was ist dein persönlicher Eindruck vom Song?

Es ist halt kein Mitsing-Lied, sondern eher ein Kunstwerk. Ich habe den Song von Anfang an mögen. Dramatisch, außergewöhnlich und verdammt gut arrangiert, inszeniert und interpretiert. Da hat diesmal alles gepasst.

Aus Österreich kamen auch Abor & Tynna mit „Baller“, die für Deutschland ins Rennen gingen. Wie findest du diesen Song, der es auf Platz 15 schaffte?

Den habe ich jetzt auch nicht so schlecht gefunden. Sie hat schon eine lässige Art zu singen. Vielleicht insgesamt ein bissl zu unspektakulär für den ESC und musikalisch hätte es meiner Meinung nach ruhig mehr ballern können.

Alkbottle haben Österreich zwar nie beim ESC vertreten, sind aber zumindest im deutschsprachigen Raum eng damit verbunden: Dein legendärer „Schas“-Sager ist zum Kulturgut und zum „Spruch des Jahres“ geworden, wurde von Andi Knoll, Stermann & Grissemann, Conchita und jetzt auch JJ wieder verwendet. Beginnen wir daher ganz am Anfang: Ihr habt euch 2011 mit dem Song „Wir san do ned zum Spaß“ für die ESC-Teilnahme beworben. Was war eure Motivation dahinter? Üblicherweise winken bekannte Bands eher ab, weil sie einerseits der Meinung sind, der ESC bringe karrieretechnisch weniger oder andererseits fürchten, ein schlechtes Abschneiden brächte einen Karriereknick.

Das war eine Ho-Ruck-Schnapsidee, die gemeinsam mit dem Privatradiosender 88.6 entstanden ist. Wir waren schon glaublich spät dran damit, zwei Wochen vor der Einreichfrist haben wir dann den Song geschrieben und fertig produziert. Wir haben gehofft, dass wir dann einen guten Promotioneffekt für unser nächstes Album erzielen können, was aber dann eher nicht der Fall war. Wir waren danach medial ausgeblutet, kann man sagen.

Rein prinzipiell: Würdest du, aus deiner Sicht als Künstler, es begrüßen, wenn Österreich aber auch die einzelnen Länder, tendenziell aktuell angesagte und bekannte Künstler*innen teilnehmen lassen würden, damit die kulturelle Identität des Landes besser beim ESC reflektiert wird?

Es hat sich bewährt, wenn man junge, unverbrauchte Leute da hinschickt. Die machen jeden Scheiß mit, zicken nicht herum und haben keine Sonderwünsche.

Wie lief das bei „Guten Morgen Düsseldorf“ eigentlich genau ab, dass ihr im Vorentscheid gelandet seid? Es mischten da ja Ö3 und die Castingshow von „Helden von morgen“ mit.

Genau weiß ich das auch nicht, aber ich denke, die kostenpflichtigen Wählerstimmen aus unserer Fangemeinde waren dem ORF sicher nicht unangenehm.

Wie kam es zum Song „Wir san do ned zum Spaß“? Was waren die Anforderungen an den Song – einerseits von euch, aus künstlerischer Perspektive, andererseits hinsichtlich Vorgaben, denen ihr euch zu beugen hatten?

Da wir ja kaum Zeit hatten uns Gedanken zu machen, hätte das nichts anderes als ein selbstbewusstes Statement werden sollen, dass wir den Schas wieder mal gewinnen wollen. Dieses Selbstbewusstsein war ja diesem Land zu der Zeit wegen der vielen Niederlagen schon länger abhanden gekommen.

Ganz ehrlich: Welche Chancen hättest du euch rückblickend beim ESC 2011 eingeräumt – jetzt, wo du das Ergebnis kennst und vielleicht einordnen kannst, wie ihr in den damaligen Zeitgeist gepasst hättet?

Ich glaube nicht, dass wir dort damit überhaupt in den Hauptbewerb gekommen wären. Wir hätten dort auch überhaupt nicht hingepasst, aber das haben wir auch schon vorher gewusst. Es ging uns hauptsächlich um die PR in unserem Land. Viele haben ja noch immer geglaubt, wir hätten uns Ende der Neunziger endgültig aufgelöst. Das Bild konnten wir mit unserer Teilnahme breitenwirksam korrigieren.

Vertreten wurde Österreich von Nadine Beiler mit „The Secret Is Love“. Wir landeten auf Platz 18. Wie findest du ihren Song?

Eine langweilige 08/15 Ballade, die man in der Sekunde vergessen hat, in der man sie gehört hat und ich hab sie seit damals auch nicht mehr gehört.

Unter den Top-10 im Vorentscheid waren auch die Trackshittaz mit „Oida taunz!“. Sie wurden auch zum ESC geschickt, allerdings erst 2012 mit „Woki mit deim Popo“. Damals schieden sie im Halbfinale aus. Was hat dem Song gefehlt?

Mein erster Gedanke war: „Ah interessant, Bauerndisco auf Anabolika?“ Sympatische Burschen, aber ich habe mit dem Schmäh nicht sehr viel anfangen können.

Auch Alf Poier (Platz 19 im Vorentscheid) war zuvor schon einmal beim ESC, und zwar 2003. Er erreichte damals den 6. Platz. Überraschend?

Kann man wohl sagen! Ich war damals beim Voting zum Vorentscheid im ORF-Zentrum zu Gast und habe miterlebt, wie sich die ORF-Verantwortlichen danach gegenseitig ins rot angelaufene Gesicht gebrüllt haben. Niemand hat das glauben wollen, dass sich das Land gern mit dem Dodel blamieren will. Ich habe sehr gelacht.

Von den damals 30 bei „Guten Morgen Düsseldorf“ nominierten Künstler*innen: Welchem Song würdest du rückblickend die größten Chancen beim ESC 2011 einräumen?

Mein Favorit war der Song von Klimmstein feat. Stings Sohn, Joe Sumner. Die sind damals dritter geworden, hinter Nadine Beiler und Trackshittaz. Sonst ist mir auch keiner mehr in Erinnerung geblieben, ehrlich gesagt. Es ist aber auch schon ein paar Jährchen her und ich habe keinen einzigen Song dazwischen noch einmal gehört.

Österreich hat beim ESC nur selten wirklich brilliert – ja, wir hatten Udo Jürgens, Conchita und zuletzt JJ, ansonsten sind wir tendenziell eher im Vorentscheid ausgeschieden oder haben hintere Plätze kassiert. Welche österreichischen Songs der letzten Jahre fandest du trotzdem so richtig, richtig gut?

„Who the hell is Edgar“ von Teya & Salena hab ich ganz witzig gefunden und auch Cesár Sampson war da irgendwie ein Ausreißer nach oben. Sonst war da auch schon sehr viel Schrott dabei.

Roman Gregory samt Alkbottle-Maskottchen Oliver mit Nadine Beiler, 2011. Bild: Roland Rudolph

Deine Textzeile, die heute Kulturgut ist, musste für den ESC selbst bekanntlich abgeändert werden, weil keine Fäkalsprache erlaubt ist. Kritisch betrachtet: Wie viel „Schas“ ist der ESC für dich persönlich tatsächlich – was wären deine fundierten Kritikpunkte, speziell auch was Vorschriften zum Beispiel in Punkto Landessprache und politische Statements betrifft?

So wie sich die Sprachen und die politischen Verhältnisse mit der Zeit verändern, verändert sich auch der Song Contest mit. Das ist keine feste Größe, so wie die Rolling Stones oder AC/DC, die immer gleich sind. Der Song Contest ist ein Fähnchen im Wind, das einmal im Jahr weht.

Oft kritisiert wird das Auswahlverfahren beim ORF: Würdest du hier personellen Handlungsbedarf sehen? Oder gar die Rahmenbedingungen von Auswahl und Vorentscheid grundlegend adaptieren?

Ich war lange Verfechter eines nationalen Vorentscheides, weil es die heimische Szene belebt hat und für mich im Sinne eines Demokratieverständnisses logisch wäre, habe mich aber wie so viele eines Besseren belehren lassen. Jetzt, wo der ORF aus Kostengründen an einem weiteren Sieg in nächster Zeit wohl weniger interessiert ist, lassen sie ja vielleicht wieder das Volk wählen. Da können sie sicher sein, dass wir dort nix reißen.

Überraschend oft lagen dieses Jahr Jury- und Publikumsvoting beim ESC weit auseinander: Wieso?

Ich sehe Jurywertungen sowieso immer skeptisch. Warum zählen die Stimmen von ein paar Typen genauso viel wie die Stimmen von Millionen von Menschen, die auch noch dafür zahlen dürfen, dass sie mitabstimmen können?

Dein Blick auf 2026: Alkbottle sind seit vergangenem Winter wieder mehr als stark zurück. Probiert ihr es nochmal mit dem ESC?

Nein, das Thema ist endgültig abgehakt. Es war einmal ein netter Gag. Wenn wir den nochmal bringen, könnte man glauben, es wäre uns ein echtes Anliegen. Aber ja, wir haben wieder Bock und darum konzentrieren wir uns jetzt ganz auf unser neues Album, das vorraussichtlich im Frühjahr 2026 erscheinen wird. Der Titel steht schon fest, er heißt „Phoenix aus der Flasche“.

Mittlerweile haben sich ja einige Bundesländer beziehungsweise Hallen ins Rennen gebracht, darunter auch Oberwart. Für Wien spricht freilich die Hallengröße und die Infrastruktur, für Innsbruck etwa auch die Kulisse. Was wäre dein Wunsch?

Ich denke, das kann aus kaufmännischen Hinsicht nur Wien sein, weil da halt die größte Halle des Landes steht. Den Event in einer sechstausender Halle zu machen, kann sich eben nur die Schweiz leisten. Wenn’s aber wurscht is, würde ich mir das Meidlinger Schutzhaus wünschen. 

JJ hat bereits den Wunsch geäußert, den ESC 2026 zu moderieren. Was hältst du davon?

Ich glaube, das Thema hat sich nach seinen unglücklichen Aussagen zu einem etwaigen Israel-Ausschluss erübrigt. Und ich wüsste nicht, wer das für uns besser moderieren könnte, als die Tante Conchita. Hazel Brugger hat da schon eine Benchmark gesetzt heuer.

Welchen Ratschlag würdest du JJ nun nach seinem Gewinn mit auf den Weg geben? Ein ESC-Gewinn bedeutet bekanntlich nicht automatisch eine steile Karriere: Aus den letzten Jahren kennt man international neben Maneskin vielleicht noch Loreen.

Er soll sich ein gescheites Management und gute Songschreiber besorgen, die fähig sind, eine Marke aus ihn zu kreieren. Ich sehe da schon ein gewisses Potential.

Apropos: Was ist für dich persönlich der beste Gewinner-Song seit Anbeginn des ESC – oder der beste Gewinner/die beste Gewinnerin?

Ganz schwierige Frage, ich könnte mich nicht entscheiden. Es waren so viele große Momente. Aber als Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ gewann, war das der erste ESC, den ich bis zum Schluss habe schauen dürfen, darum ist das wohl auch der einprägsamste. Obwohl aus mir dann eher das genaue Gegenteil von einem blonden langhaarigen Mädchen mit einer weißen Gitarre geworden ist.

Nachdem du durch dein persönliches Interesse, deine Tätigkeit bei Rock Antenne und durch deinen Bandfußballcup die österreichische Musiklandschaft gut kennst: Hättest du das alleinige Entscheidungsrecht, wen würdest du 2026 für Österreich auf die Bühne stellen?

Da wir ja keinen Gewinnerdruck mehr haben, können wir endlich wieder etwas experimenteller werden. Jazz Gitti feat. Belphegor mit so einer Black Metal-Bierzelt-Techno-Polka wäre sehr schön. Wenn das zu teuer ist, dann tuts auch ein jodelender Zementmischer aus Serbien mit einem dressierten Hamster, der Kunststücke macht.

Alkbottle spielen ihr legendäres “Biernachten” dieses Jahr am 13. Dezember im Grazer Explosiv, sowie am 19., 20. und 21. Dezember im nicht minder legendären U4 in Wien!


Live-Termine


JJ live bei der "Starnacht am Neusiedler See"

06. und 07. Juni 2025 | Mörbisch am See, Seebühne


Infos auf dem Stand vom 30.05.2025  

Tickets

TIPP FÜR ALLE ESC-FANS

Im ESC-Kontext sei auf folgende Veranstaltungen noch hingewiesen, bevor der ESC dann 2026 in Österreich - irgendwo zwischen Innsbruck und Oberwart - über die Bühne geht:

  • Im Rabenhoftheater gibt Tom Neuwirth aka Conchita Wurst gerade sein Theaterdebüt bei “Luziwuzi”, einer Geschichte aus der österreichischen Kaiserzeit. [mehr Infos auf oeticket]
  • Im Dezember singt Conchita Wurst sowohl im Orpheum Graz als auch im GLOBE Wien in der Marx Halle weihnachtliche Klassiker. [mehr Infos auf oeticket]
  • Der Vorjahresgewinner Nemo aus der Schweiz spielt am 5. Dezember in der SIMMCity. [mehr Infos auf oeticket]
  • Tommy Cash, der dieses Jahr Estland beim ESC vertrat, spielt im Rahmen des FM4 Frequency Festivals - und zwar am 15. August (Freitag). [mehr Infos auf oeticket]
  • Abor & Tynna, die beiden Österreicher*innen, die dieses Jahr für Deutschland beim ESC im Rennen waren, spielen im Oktober in Wien und und Linz. [mehr Infos auf oeticket]
  • ESC-Moderatorin Hazel Brugger gastiert mit ihrem Kabarett-Programm “Immer noch wach” im Juli in Wien und Salzburg, im September in Bregenz. [mehr Infos auf oeticket]
  • Nicole - ja, die mit “Ein bisschen Frieden” - gastiert am 27. Juni im Wiener Portofino. [mehr Infos auf oeticket]
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