Bild: Andreas Graf
2025 feiern Iron Maiden ihr 50-jähriges Bestehen mit der „Run For Your Lives!”-Tour im Ernst-Happel-Stadion - die erste Österreich-Show mit ihrem neuen Schlagzeuger Simon Dawson. Der Wiener Edelfan Robert Körner wird wieder dabei sein – wie schon die letzten 30 Jahre quer über den Kontinent.
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Gewisse Dinge im Leben lassen sich nicht rational oder wissenschaftlich fundiert erklären. Warum fahren Fußballfans ihrem Verein Tausende Kilometer weit nach, um an einem Montagabend auswärts in die erwartete Niederlage zu rauschen? Weshalb plant man seinen ganzen Jahresurlaub um die Tourdaten einer Band herum? Weshalb kriegt man einen mittleren Herzinfarkt, wenn man unterwegs gerade kein W-Lan hat, aber dringend Tickets für die nächste Sommertour seiner Lieblingsband kaufen muss? Was die Vernunft nicht zu erklären mag, das erstrahlt eben direkt aus dem Herzen. Ein ausgewiesenes Fantum kann aber auch schöne Blüten treiben und das Leben nachhaltig bereichern. Ein derartiges Erweckungserlebnis hatte der Stammersdorfer Robert Körner im zarten Alter von zwölf Jahren. Sein damaliger Schwager war den Schminkrockern KISS verfallen, kokettierte aber auch mit anderen Bands. Eine davon heißt Iron Maiden, die schon damals größte und wichtigste Heavy-Metal-Band aus England.
„Damals haben wir Kassetten aufgenommen und getauscht. Als ich ins Gymnasium gekommen bin, habe ich einen Typen kennengelernt, der mir eine Kassette gab. Auf der einen Seite war ,The Number Of The Beast‘, auf der anderen ,Seventh Son Of A Seventh Son’. Da war es um mich geschehen.” Für Körner war der Hörgenuss von Iron Maiden nicht bloß der Anstoß zu einer neuen Lieblingsband, er hat schlichtweg sein Leben verändert – nachhaltig. Der Wiener erlebt das klassische Teenager-Fanleben der 90er-Jahre. Mit dem kargen Taschengeld werden Musikmagazine gekauft, 1995, im Alter von 16 Jahren, folgt in der Wiener Stadthalle das erste Live-Konzert. „Ich habe die Werbung auf den Plakaten gesehen. Damals gab es kein Internet oder einen Ticketalarm.” Aktuell war zu dieser Zeit das in vielen Kreisen wenig geliebte Album „The X Factor“, am Mikrofon stand Blaze Bayley. „Die absolute Hochzeit der Band war in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre. Da war ich aber erst zehn Jahre alt und hatte andere Sorgen.“ „The X Factor“ hört Körner auf und ab, während er am PC bei „Doom“ Zombies abschlachtet. Deshalb hat das umstrittene Album bis heute einen besonderen Wert in seinem Leben.
Als uns der leidenschaftliche Rapid-Fan bei sich zu Hause empfängt, fällt uns gleich einmal „das Ladl runter“. Die Wände beim Stiegenaufgang sind tapeziert mit Fotos, unterschriebenen Drum-Fellen und Zeitungsausschnitten über ihn selbst und die Band. In einer beleuchteten Glasvitrine befinden sich besonders wertvolle Stücke, direkt daneben steht der üppige Vinyl- und CD-Schrank, wo sich Platten eines einzigen Albums in einer respektablen zweistelligen Zahl aneinanderreihen. Die „Piece Of Mind“, erschienen 1983, ist Körners absolutes Lieblingsalbum und steht in Pressungen aus u. a. Spanien, Brasilien und den USA im Regal. Nicht nur seine Freunde und Bekannte nennen den obersten Stock in seinem familiären Daheim ehrfurchtsvoll „Museum“. Ehefrau Tamara und die zwei Kinder kennen den Herrn Papa gar nicht anders. „Meine Frau hat von Anfang an gewusst, worauf sie sich einlässt“, lacht er, „ich habe halt einen gewissen Poscher. Aber bei Fußballfans ist das auch nicht so viel anders.“
Die Iron-Maiden-Gene hat er längst familiär weitergegeben. Kurz vor unserem Treffen kehrte Körner gerade aus Japan zurück. Ein zweiwöchiger Urlaub mit der 18-jährigen Tochter – und natürlich mit Maiden-Konzerten in Tokio, Osaka und Yokohama. „An einem Abend sind wir in Nagoya spazieren gegangen und da begegneten wir Jannik Gers. Natürlich haben wir gleich ein Foto gemacht. In einer 1,5-Millionen-Einwohnerstadt ist uns das passiert – das war ja nicht Mistelbach.“ Zwei Tage später sehen die beiden den Maiden-Gitarristen schon wieder in freier Wildbahn, entscheiden sich aber dafür, nicht um ein weiteres Foto zu fragen. Als treuer Fan will man seinen Helden auch die verdiente Privatsphäre lassen.
In 29 Jahren Körner-Maiden-Konzertgeschichte haben sich so einige Anekdoten für die Ewigkeit angesammelt. Etwa als Drummer Nicko McBrain beim Signieren von Drum-Fellen erkannte, dass sie ein Nachbau aus Taiwan seien. Oder wie Frontmann Bruce Dickinson Körner und seine Freunde in einem Pub in Stuttgart mit Bierdeckeln bewirft. „Er hat mit uns Kontakt aufgenommen und dann sind wir zusammengesessen. Er hat dann mit seinem kleinen Finger Bierdeckel durchgedrückt. Unglaublich. Das war unvergesslich.“
Körner und seine Freunde riefen 2005 eine Website ins Leben und firmierten ab da als inoffizieller österreichischer Maiden-Fanclub. „Auf eigene Kosten, aber ohne Vereinsmeierei“, wie Körner betont, „wir haben uns Mitgliederausweise gebastelt, aber keine Beiträge eingehoben." Der EDV-affine Fan sammelt Daten und Fakten zusammen und erschafft eine Art Online-Enzyklopädie zu Iron Maiden. Die Mitglieder verstreuen sich über die heimischen Landesgrenzen hinaus und das Wachstum scheint unaufhaltsam. Bis im Jahr 2015 der Brief einer Anwaltskanzlei eintrudelt. Man hätte gegen das Namensnennungs- und Urheberrecht verstoßen. Es ging um ein Maiden-Foto von Starfotograf Ross Halfin. 1.250 Euro Entschädigung werden verlangt. Körner zapft das Telefon an, kommt bis zum Maiden-Management durch, aber mehr als die 250 Euro Anwaltskosten lassen sich nicht wegdiskutieren. Die 1.000 Euro Pönale teilen sich die Mitglieder fair auf, dem Fan vergeht aber die Lust, die Webseite in gewohnter Art und Weise weiterzuführen.
„Das war ein ordentlicher Dämpfer. Wir hatten damals ca. 45.000 Scans und Fotos gesammelt. Stell dir vor, jemandem fällt dann ein, uns zu klagen.“ Schweren Herzens wird die Webseite geschlossen, man wechselt in den „rechtsfreien“ Raum auf Facebook und 10 Jahre intensive, leidenschaftliche Arbeit waren dahin. An der Liebe zur Band änderte der Vorfall nichts. „Die Musiker können ja nichts dafür. Die Zeit heilt alle Wunden, wie man so schön sagt“, ringt sich Körner ein Lächeln ab, „wir sind jetzt in Österreich ein Kern aus circa 15 Leuten, die sich organisieren, zu Konzerten fahren und intensiv untereinander austauschen.“
In der Sammlerwelt hingegen ist Körner global vernetzt. Nur so ist es ihm möglich, der schier unendlichen Menge an Maiden-Devotionalien immer weitere hinzuzufügen. „Ich kenne Sammler, die können sich alles leisten, aber das macht keinen Spaß. Ich liebe die Jagd und tausche sehr gerne.“ Von seinem Japan-Aufenthalt hat er sich vorausschauend mehrere Shirts mitgenommen, um sie dann gegen andere aus anderen Ländern/von anderen Touren einzutauschen. „Ich kaufe mir auch keine signierten Sachen. Alles, was du bei mir unterschrieben findest, habe ich mir von den Musikern unterzeichnen lassen. Teilweise gibt es auch Fotos davon.“
Warum denn aber genau Iron Maiden und nicht irgendeine andere Band? „Das ist eine gute Frage. ,Piece Of Mind‘ und ,Seventh Son Of A Seventh Son’ haben mich völlig mitgerissen. Iron Maiden machen anspruchsvolle Musik, die trotzdem leicht zu hören ist. Sie kamen zum richtigen Zeitpunkt zu mir – straight in your face!“ Das süchtig machende Sammeln zum bloßen Fantum kam automatisch dazu. „Mit 16 habe ich das erste Mal Geld verdient und bin gleich mal zum Libro, um mir alle Limited-Edition-Picture-CDs zu kaufen. Ich bin grinsend mit zehn Alben rausgegangen und mein ganzes Geld war weg. In dem Alter hat man noch große Ehrfurcht vor den Eltern, die haben mich natürlich für deppat gehalten, aber für mich war das die Erfüllung.“ Das Sammeln sei früher aber weitaus lustiger gewesen. „Man hat über brasilianische und japanische Mailorder bestellt. Es war ein richtiges Abenteuer. Das Internet hat der Mystik ein bisschen den Zauber genommen. Ich sammle auch nicht alles. Unterhosen oder Socken von Maiden trage ich nicht. Auch bei den Bieren halte ich mich vornehm zurück.“ Klasse statt Masse ist die Devise. Körner weiß, dass er finanziell nicht mit anderen Maiden-Sammlern mithalten kann und setzt prinzipiell darauf, ideell wertvolle Stücke zu bekommen.
So hat der Floridsdorfer etwa ein Schweißband von Drummer Nicko McBrain, seinem dezidierten Lieblingsmusiker der Band, gefangen. In Belgrad hat ihm der 72-Jährige einen Drumstick gereicht. „Den zweiten hat er ins Publikum geschmissen. Da gibt es ein YouTube-Video davon – das ist so, wie wenn du einen Stein in die Donau schmeißt.“ Einmal verschwand ganz zufällig ein Bierglas von Dave Murray in seiner Tasche. Im Laufe seines Lebens hat Körner bislang 57 Maiden-Konzerte gesehen und dabei nicht nur Japan, sondern auch ganz Europa bereist. 2025, wenn die „Run For Your Lives!“-Jubiläumstour auch ins Wiener Happel-Stadion kommt, wird der Frühsommer für ihn wieder ganz im Zeichen der eisernen Jungfrauen stehen. Die Karten für Gigs in Budapest, Prag, Madrid, Lissabon und Helsinki liegen schon ausgedruckt im „Museum“. „In Helsinki verbinden wir das gleich mit einem Familienurlaub“ freut sich Körner, der nur beim Sohnemann noch etwas Nachholbedarf sieht, „er ist momentan voll in der Hip-Hop-Schiene, aber das kann sich ja noch ändern.“
Die leidenschaftlichsten Maiden-Fans hat der 46-Jährige bislang in Italien erlebt. „Wenn du da vorne stehst, dann bebt die ganze Erde. Aber alles, was südlich von Österreich liegt, ist wesentlich enthusiastischer.“ Mit den Jahren wird auch die Konzertfrequenz immer größer, was schlichtweg daran liegt, dass auch Metal-Götter wie Iron Maiden ein biologisches Ablaufdatum haben.
„Wir reden in unserer Community natürlich viel darüber. Nicko ist mit 72 Drummer und hatte einen Schlaganfall. Bruce Dickinson hat Krebs überstanden. Mir ist bewusst, dass die Band nicht mehr ewig so touren kann, deshalb versuche ich seit einiger Zeit auch mehr mitzunehmen als früher. Wenn man die Reisen und das Merchandise mitrechnet, ist das natürlich ein ziemlicher Kontoknacker.“ Wie alle Fans hofft Körner vor allem auf ein würdiges Ende, sollte es einmal dazu kommen. „Nicht so wie bei KISS, wo Paul Stanley schon seit Jahren nicht mehr singen kann und sie trotzdem immer weitermachten. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ In der persönlichen Sympathierangliste will Körner nach Liebling McBrain nicht werten, er weiß aber, dass Dickinson das distanzierteste Bandmitglied ist. „Er mag die Fans, aber wenn es nach ihm ginge, würde er sich am liebsten auf die Bühne beamen, singen und wieder wegbeamen. Er ist eher zurückhaltend und mag das Bad in der Menge nicht gerne.“
Körner ist trotz seiner überbordenden Leidenschaft bewusst, dass Iron Maiden auch nur Menschen wie du und ich sind. „Am Ende des Tages sind sie ein großes Unternehmen. Sechs Leute stehen auf der Bühne und machen zwei Stunden pro Tag ihre Arbeit. Rund 150 Personen sind angestellt, um das Drumherum in die Wege zu leiten.“ Die Konzert- und Sammelwut wird Körner noch weiter begleiten, auch wenn in seinem heiligen Metal-Stockwerk kaum noch ein Quadratzentimeter Raum für Merchandise ist. Was hier schon steht, kann sich sehen lassen: eine Board-Menükarte aus der „Ed Force One“, die Dickinson jahrelang selbst von Ort zu Ort flog. Ein mit Schreibmaschine verfasstes Organisationstourbuch für die „Seventh Tour Of A Seventh Tour“ 1988 inklusive Eintrag für das Konzert in der Innsbrucker Olympiahalle. Teufelshörnchen von der „Eddie Rips Up The World“-Tour 2005. Ein originales Tourbuch der „Killers“-Tour 1981 und noch vieles, vieles mehr. Für Körner ist Iron Maiden keine Leidenschaft, die Leiden schafft. Auch wenn man dafür viele Opfer im Leben bringen muss. Und wer weiß, vielleicht steigert sich seine Konzertbilanz sogar noch in den dreistelligen Bereich – Iron Maiden selbst stehen schließlich noch immer voll im Saft. Up the irons!