Bild: Markus Morianz
Das Kultmusical “Tanz der Vampire” feiert ein Revival: Nach der Ur-Saison 1997 kehren die Wiedergänger bereits zum dritten Mal in und nach Wien wieder - sie tanzen ab Herbst 2027 erneut durchs Ronacher!
“Der Tod, das muss ein Wiener sein”, sang der berühmte Liedermacher Georg Kreisler 1969 – und irrte sich damit um nur wenige hundert Kilometer – eine derart minimale künstlerische Freiheit sei ihm jedoch zugestanden: Um 1725 herum soll nämlich der serbische Bauer Petar Blagojevic im heutigen Kisiljevo nach seinem Tod als Vampir wiedergekehrt und das Dorf tyrannisiert haben. Es ist dies nicht nur einer der ersten gemeldeten “Vampirfälle” der Geschichte – dieser Teil Serbiens gehörte damals zudem zur Habsburgermonarchie, die freilich ihren Sitz in Wien hatte. Auch der Fall von Arnold Paole, ein serbischer Hajduk, beschäftigte wenig später die habsburgische Militärverwaltung und Mediziner. Selbstredend gelangten diese Fälle auch über das Wienerische Diarium, einen Vorläufer der Wiener Zeitung, in die Öffentlichkeit – bis sich 1755 “unsere” Kaiserin Maria Theresia gezwungen sah, sogar ihren Leibarzt Gerard van Swieten auf den Vampirglauben anzusetzen und möglichst kritisch zu untersuchen, bevor sie in weiterer Folge höchstpersönlich gegen abergläubische Praktiken wie das Schänden und Verbrennen von Leichen vorging.
Der Vampir, der untote Wiedergänger, der die Lebenden tyrannisiert, war also lange Zeit, bevor es Film, Fernsehen oder soziale Netzwerke gab, ein Medienphänomen – weil er eine reale Angst war. Berichte über vermeintliche Untote verbreiteten sich schon damals über Grenzen hinweg, wurden gar von Gelehrten diskutiert und von der Obrigkeit untersucht – und der größte Vampir-Hype spielte sich vielleicht nicht in Wien direkt, aber zumindest im Einflussbereich unserer Hauptstadt ab.
Naheliegend, dass aus dem Vampir in den folgenden Jahrhunderten ein wahrer Popstar wurde, der wahrlich nicht totzukriegen ist – bis heute.
Von ersten literarischen Verarbeitungen wie in John Polidoris “The Vampyre” (1819) über Sheridan Le Fanus “Carmilla” (1872) bis hin zu – natürlich – Bram Stokers “Dracula” (1897) wurde der Vampir zum aristokratischen Charismatiker – ein großer Schritt weg vom verseuchten Dorftoten hin zum mondänen Verführer, nicht selten umgeben von einer weiblichen Entourage, die seine Figur und seine Erzählung zudem mit erotischer Ambivalenz aufluden. Dass dabei die ursprünglich südosteuropäischen Ursprünge von einer Verortung in Transsilvanien überlagert wurden: geschenkt. Immerhin sorgte der walachische Fürst Vlad III., der bereits um 1431 mit seiner Vorliebe zum Pfählen in die unrühmliche Geschichte einging, für einen weiteren prominenten, historisch belegten Bezugspunkt.
Ab dem frühen 20. Jahrhundert wurde der Vampir freilich auch zur filmischen Urgestalt des Unheimlichen, jedoch aus zwei konträren, konkurrierenden Perspektiven: Während gerade Friedrich Wilhelm Murnaus “Nosferatu” (1922), Werner Herzogs Hommage mit Klaus Kinski (1979) und zuletzt auch Robert Eggers Fassung mit Bill Skarsgård und Lily-Rose Depp (2025) in der Darstellung des Vampires mit kahler Schädelkontur, Krallenfingern und einer fröstelnden Körperlichkeit die Seuche erneut aufgriffen, prägte hingegen etwa Bela Lugosi 1931 mit seinem hypnotischem Blick und distinguierter Bedrohlichkeit erneut die Vorstellung eines eleganten Grafen.
Und diese Eleganz, sie stellte nicht nur den Prototyp für die dunkle Romantik, die wir später etwa in “Interview mit einem Vampir” (1994) mit Tom Cruise oder in Jim Jarmuschs “Only Lovers Left Alive” (2013) wiederfinden sollten, sondern auch in den zahlreichen Teenie-Verfilmungen wie “Twilight”, “The Vampire Diaries” und “True Blood” aus den frühen Nullerjahren, in denen der Konflikt zwischen Mensch und Vampir plötzlich mit einer weiteren Ebene aufgeladen wurde: Darf man dieses Monster auch lieben?
Dass der Vampir als “Popstar” nie ausstirbt, liegt in erster Linie wohl also daran, dass er nicht nur die Jahrhunderte überdauert, sondern sich immer wieder an die Ängste und Sehnsüchte, an die Bedürfnisse der jeweiligen Zeit anpasst: Im 18. Jahrhundert verkörperte er die Angst vor dem Tod und das Unverständnis gegenüber dem verwesenden Körper, im 19. Jahrhundert wurde er zum erotisch aufgeladenen Außenseiter und zum Symbol gesellschaftlicher Grenzüberschreitung, im 20. Jahrhundert wiederum verkörperte er einen Verführer und die Projektionsfläche für Sexualität, die im 21. Jahrhundert schließlich potenziert wurde – da war er zugleich queere Ikone, Teenie-Schwarm, aber auch Bild für gesellschaftliche Ausbeutung.
Alles, was uns ein Frösteln bereitet, lädt jedoch auch zur Demontage ein, um uns den Schrecken zu nehmen: So ist etwa Mel Brooks “Dracula” mit Leslie Nielsen (1995) oder auch die Disney-Serie “What We Do In The Shadows” (2019) eine zeitgenössische Übersetzung der Vampirtradition in Alltagskomik.
Der Ursprung dafür liegt freilich im Jahre 1967 begraben (pun intended), als Roman Polanski für seinen Film “The Fearless Vampire Killers” die Idee hatte, den schwelenden Horror und die Erotik des Stoffes mit Komik aufzuladen. Ein wesentlicher Unterschied allerdings zu den späteren Vampirkomödien: Polanski macht sich nicht über Vampire lustig, sondern baut auch eine märchenhafte Atmosphäre auf, die durchaus als ernsthafter Gothic-Horror funktioniert. Zugegeben, das liegt – zumindest aus heutiger Perspektive – vielleicht auch daran, weil der Horror von “The Fearless Vampire Killers” auch in die Realität getragen wurde: Nur zwei Jahre nach Veröffentlichung des Films fiel Sharon Tate, die im Film Sarah spielte, Mitgliedern der Manson-Gruppe zum Opfer: Im Alter von lediglich 26 Jahren und hochschwanger von Roman Polanski (der im Film zudem auch den jungen Assistenten Alfred spielt) wurde sie brutal ermordet.
Doch das größte Geschick des Films war es, dass er mit einer bitteren Ironie endet: Alfred und sein Lehrvater, der Wissenschaftler Abronsius, entkommen dem Schloss von Graf von Krolock mit Sarah – unbemerkt, dass sie bereits zum Vampir geworden ist. Damit tragen die vermeintlichen Helden die Bedrohung unbemerkt in die Welt hinaus. Das Ende unterläuft somit die klassische Erfolgserzählung, in der die Guten das Böse besiegen – die Vampirjäger verstehen nicht einmal, dass sie gescheitert sind.
Die Welt der Vampire, sie ist in “The Fearless Vampire Killers” eine Verführung, die sich der menschlichen Kontrolle erzieht – sie ist ein Ort, den man zwar betreten, aber nicht wieder verlassen kann. Und dies macht wohl auch den Reiz der Musicalfassung “Tanz der Vampire” aus: 1997 nahm man sich bei den Vereinigten Bühnen Wien diesem Kultfilm an und machte aus seiner Mischung aus Horror, Romantik und Satire ein Rockmusical. Ausgerechnet Roman Polanski führte auch hier Regie, während der renommierte Steve Barton ab der Weltpremiere am 4. Oktober 1997 den Graf von Krolock spielte.
Die Konstellation aus einem international bekannten Filmregisseur, einem erfahrenen Musicalautor (Michael Kunze) und einem Rockkomponisten (Jim Steinman – bekannt etwa von Bonnie Tyler und Meat Loaf) war wohl der wichtigste Teil eines Konzepts, das den VBW damals einen enormen Erfolg bescherte: Polanski brachte die visuelle und dramaturgische Welt des Films ein, Kunze übersetzte die Geschichte in ein fesselndes Bühnenlibretto und Steinman verlieh ihr den Sound eines überlebensgroßen Rockdramas. Das Ergebnis? Eine Auslastung der Spielzeit bis 2000 von 97 Prozent!
10 Jahre später wurde “Tanz der Vampire” revitalisiert, fortan tanzten die Vampire jedoch nicht im Raimund Theater, sondern im Ronacher. Thomas Borchert übernahm zunächst – in einer eleganten Interpretation – die Rolle des Grafen, bevor ihm Drew Sarich – der die Rolle körperlicher anlegte – nachfolgte, und das Stück wurde für eine neue Generation von Musicalbesuchern aktualisiert, ohne seine kongeniale Grundidee aufzugeben. Erneut durften sich da die VBW mit einer Auslastung von 96,3 Prozent über einen enormen Hype freuen.
Zum 20-jährigen Jubiläum kehrte “Tanz der Vampire” 2017 dann erneut ins Ronacher zurück. Drei Grafen – erneut Drew Sarich und Thomas Borchert, aber auch Mark Seibert – übernahmen die Rolle abwechselnd und boten so Raum für unterschiedliche Interpretationen. Zudem wurde das Ende überarbeitet – und man verzeichnete mit 99,8% ein weiteres Mal praktisch eine Vollauslastung. Spätestens da musste man “Tanz der Vampire” mehr als nur eine Nostalgie attestieren, sondern vielmehr einen Kultstatus zusprechen, der das Stück als Selbstläufer definiert: “Tanz der Vampire” ist nicht nur ein Musical, das man einmal gesehen haben muss. Vielmehr besitzt es Eigenschaften eines Fanobjekts, das man mit wechselnden Darstellern zudem völlig unterschiedlich erlebt, da sie in ihrer diversen Interpretation die Dramaturgie der Geschichte immer wieder neu mit einer “unsterblichen Gier”, um eine der Solo-Nummern zu zitieren, aufladen.
Eine wiederholte Gelegenheit bietet sich nun kommenden Herbst, wenn die Wiedergänger ein weiteres Mal im Ronacher wiederkehren: Am 24. September startet dort erneut eine überarbeitete Neuproduktion. Wie stark diese von den früheren Inszenierungen abweichen wird, lässt sich vor der Vorstellung des Kreativteams jedoch noch nicht seriös beurteilen – es wird jedoch bereits verraten, dass man das Stück nun “noch mystischer, noch düsterer und noch unheimlicher als je zuvor” anlegen wird.
Die großen Fragen schweben natürlich vorerst noch im Raum: Wird das Finale erneut verändert? Wird die Geschichte aktualisiert, in die Neuzeit geholt? Welche Rolle spielen digitale Bühnentechnik, Licht und Sound im Vergleich zu älteren Produktionen? Und: Wird die Besetzung erneut auf einen besonders prominenten Grafen setzen – oder gibt es einen völlig neuen Ansatz? Natürlich wäre es naheliegend, wiederholt auf Mark Seibert als Zugpferd zu setzen. Er müsste sich die Rolle nicht erst neu erarbeiten, hat er immerhin nicht nur in Wien, sondern auch in Deutschland die Rolle bereits eingenommen. Zudem bringt er genau die Mischung aus stimmlicher Autorität, Rockpräsenz und Starstatus mit, die für diese Figur gebraucht wird. Allerdings wäre er gerade weil er die Rolle schon mehrfach gespielt hat, vielleicht nicht unbedingt die treffende Wahl für einen Neustart. Dasselbe gilt natürlich auch für Drew Sarich, der ebenfalls bereits nicht nur in Wien, sondern auch in Deutschland den Grafen gab: Zwar passt er zur düsteren, mystischeren Ausrichtung wie die Faust aufs sprichwörtliche Auge – doch auch er wäre lediglich eine “Wiederholung” von Altbekanntem. Auch Thomas Borchert wäre vielleicht emotional aufgeladen, aber zu nostalgisch angesetzt.
Mutig hingegen wären drei andere Namen:
Moritz Mausser hat bereits mit “Rock Me Amadeus” bewiesen, dass er eine charismatische, musikalisch anspruchsvolle Hauptrolle tragen kann. Als Falco musste er nicht einfach eine historische Person imitieren, sondern eine Bühnenfigur mit enormem Wiedererkennungswert und großer Energie entwickeln. Und genau das braucht der Graf: nicht nur eine klassische Musicalstimme. Er muss eine Bühne beherrschen, Menschen in seinen Bann ziehen und gleichzeitig etwas Unheimliches ausstrahlen. Maussers Falco-Erfahrung irgendwo zwischen Rockstar-Aura und dunkler Verführung könnte dafür eine interessante Grundlage sein. Allerdings müsste man die Rolle stimmlich dann in einer jüngeren Interpretation denken.
Ein radikaler Rollenwechsel wäre Alex Melcher, der 1997 als Alfred im Ensemble dabei war. Man stelle sich vor, der Darsteller, der bei der Weltpremiere vor 30 Jahren noch auf der Seite der Vampirjäger stand, übernimmt nun die Rolle des Grafen! Vom Helfer zum Herrscher, das wäre eine fast unschlagbare Geschichte.
Ein unterschätzter Kandidat wäre zudem Filippo Strocchi. Er war 2017/18 als Cover für die Rolle und im Ensemble bereits tätig und hat auch in anderen deutschsprachigen Produktionen die Rolle bereits gespielt. Er könnte eine Brücke zwischen den bekannten Wiener Darstellern und einer neuen Generation bilden – allerdings ist seine Bekanntheit im breiten österreichischen Publikum geringer als die zuvor genannten Kandidaten.
Aber all dies ist vorerst ohnehin nur ein Glaskugellesen: Erst im Frühjahr werden Cast und Team vorgestellt, während der Vorverkauf ab sofort eröffnet ist. Bis das Geheimnis gelüftet wird, bleibt also vorerst das Warten: Die Vampire selbst haben schließlich alle Zeit der Welt.