Hast du ab und zu darüber nachgedacht, dass es nur ein feiner Grat zwischen dem süßlichen Wien-Klischee und Klasse ist?
Conchita: Die Herausforderung war, dass ich keine Kopien von den Original-Songs mache. Ich wollte nicht versuchen, jemanden zu imitieren, sondern das Gefühl, das die Interpreten in die Songs gelegt haben zu verstehen und in meine Sprache umzuwandeln. Insofern war mir das schon sehr wichtig, dass es keine Disney-Musik wird, ohne das abwertend zu meinen. Aber es sollte kein Märchen-Soundtrack werden, sondern ein Album mit einem klassischen Orchester.
Als einzige deutschsprachige Nummer ist „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ auf dem Album. Weshalb Hildegart Knef?
Conchita: Ich hab‘ mit meiner Oma eine kleine Fehde am Laufen. Meine Oma ist einer meiner größten Fans und sie sagt immer zu mir: "Thomas, du singst so schee, aber i versteh‘ di net." Seitdem habe ich in meine Sets immer zumindest einen deutschen Song eingebaut weil ich weiß, dass meine Oma partiell dabei sein wird. Um ihr einen Moment zu schenken, hab‘ ich mich für einen deutschen Song entschieden und das wollte ich auf diesem Album auch machen. Wenn ich den Text von "Für mich soll's rote Rosen regnen" singe, hab‘ ich das Gefühl, das Lied wurde auch für mich geschrieben. Dass ein fremdes Stück Musik einem so aus der Seele sprechen kann ist etwas ganz besonderes. Deshalb wollte ich die Nummer unbedingt am Album haben.
Nach der Show im Konzerthaus mit Orchester geht es mit der Rock-Band auf Tour. Was ist der Unterschied? Da gibt’s den rockigen Conchita?
Conchita: Wenn ich Orchesterkonzerte spiele, ist mein Mindeset ab dem Aufwachen schon ein anderes. Ich bin eine andere Version meiner selbst, ich bin ein bissl ruhiger, trinke ruhig meinen Tee. Ich channel meine innere Diva weniger als meine innere Rampensau. Und wenn es Band-Konzerte sind ...
... gibt es Whiskey zum Frühstück?
Conchita: Zum Frühstück vielleicht ned, aber nachher ... Da ist es in allen Belangen etwas unfrisierter. Es wird mehr improvisiert, es gibt mehrere spontane Momente. Es kann sein, dass ich die Tonart nicht erwische und sag‘, Entschuldigung, wir fangen noch einmal von vorne an.
Das ist bei einem Rock-Konzert ja durchaus üblich, dass der eine oder andere Ton daneben geht.
Conchita: Genau. Bei einem Orchesterkonzert will ich, dass es in dieser Gesamtheit und Perfektion, die dieses Orchester mit sich bringt, vonstatten geht. Ein Band-Konzert ist lockerer und es gibt mehr Witze und Geschichten, die ich bei einem Orchesterkonzert vielleicht nicht erzählen würde.
Auf was freust du dich mehr?
Conchita: Ich werde auf beiden Bühnen schwitzen, weil das Orchesterprogramm ist sehr anspruchsvoll.
Angstschweiß?
Conchita: Ja. Definitiv. Das eine kann man mit dem anderen nicht vergleichen. Alle Arten von Konzerten die ich geben darf, haben etwas eigenes und verschiedene Energien. Insofern könnte ich mich nicht entscheiden.
Klassikalbum, Proben mit Band und Orchester, Moderationen, unzähliges mehr. Wie viele Stunden hat dein Tag?
Conchita: Ach, das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Zeiten, die sind ganz dicht und dann gibt’s Zeiten, wo man mehr Zeit hat kreativ zu sein, wo mehr Freizeit vorhanden ist. In diesem Job sind es Wellen.
Und du füllst die Wellentäler dann mit Moderationen und dergleichen.
Conchita: Natürlich! Wenn ich arbeiten kann ist es das, was ich will. Aber es gibt eben Zeiten, in denen nicht so viel zu tun ist, die nutzt man, um sich weiterzubilden in welcher Richtung auch immer.
Andere legen sich zwei Monate an den Strand.
Conchita: Ich lieg‘ auch am Strand. Wie alle hat man gerne ein paar Wochen Urlaub und liegt am Strand oder besucht Freunde. Ich hab‘ jetzt, durch den Verlauf meines Lebens, Freunde in ganz Europa verstreut und das ist total nett, wenn man die mal besuchen kann. Ich liebe es Künstler zu treffen, man tauscht sich aus, man lernt so viel voneinander. Man geht zu vielen Shows. Natürlich ist das Freizeit, aber man nimmt ja was mit. Ich schalt‘ mein Hirn nie ab wenn ich raus gehe, mich inspiriert ja alles. Ich schreib‘ mit, ich sing‘ etwas in mein Handy, ich hab‘ plötzlich die Erleuchtung für ein Videokonzept und muss das sofort jemandem kommunizieren.
Weshalb tust du dir das alles an, denn wegen der Kohle kann es ja nicht mehr sein?
Conchita: (lacht) Na weil es Spaß macht! Ich darf Menschen kennenlernen, ich darf mich in Berufsfeldern bewegen, die vielen verschlossen bleiben oder wo viele wahnsinnig lang drauf hin arbeiten müssten. Ich bin wahnsinnig neugierig und die Neugier treibt mich an.
Du hast öfters von deiner Transformation vom Weiblichen zum Männlichen gesprochen. In Deutschland wurde nun offiziell ein drittes Geschlecht eingeführt. Ist das ein Thema für dich?
Conchita: Ich beschäftige mich damit, weil es in unserer Gesellschaft eine Entwicklung gibt die ich großartig finde: Dass für alle Platz gemacht wird und dass alle gleich behandelt werden sollen. Ich hab‘ in den vergangenen Jahren viel dazu gelernt was mir tatsächlich wichtig ist. Und, wie sehr ich mich doch über mein Geschlecht definiere. Ich bin aber auch zu dem Schluss gekommen, dass das für mich wichtig ist. Aber in der Gesamtheit unserer Gesellschaft ist es vollkommen egal.
Dürfen sich denn nun auch die Damen Hoffnungen machen?
Conchita: Ich bin nach wie vor schwul
(lacht).
Auf der einen Seite lebst du deinen Traum. Auf der anderen muss es doch immer wieder ein Albtraum sein, Stichwort Klatschpresse. Denkst du dir schon mal, dass man diesen Teil des Geschäfts weglassen könnte?
Conchita: Ja. Darauf hab‘ ich aber wenig Einfluss. Das Einzige was ich machen kann ist, dass ich mich nicht damit beschäftige und das tu ich auch nicht.
Der Großteil deines Lebens hat sich öffentlich abgespielt. Gibt es etwas wo du heute sagst, dass du es hättest auslassen können, sollen, müssen?
Conchita: Nein. Aber natürlich gibt es Dinge wo man zurückschaut und denkt: Na, Serwas, pfff! Aber ja, was soll‘s, man sammelt Erfahrungen, man kommt nicht mit einem Handbuch in diese Branche wo steht, mach das und das und das. Und wenn es das gebe, würde es auch nicht immer passen. Somit, nein.
Du bist auch eine der Galionsfiguren der LGBT-Bewegung, bist in der HIV-Aufklärung aktiv. Das bedeutet aber auch Verantwortung. Wie breit sind deine Schultern?
Conchita: In Wahrheit gar nicht. Ich habe nie gesagt, dass ich das bin. Ich hab‘ mich nie hingestellt und gesagt, dass ich eine Galionsfigur bin. Die einzige Person, die ich vertrete, bin ich selbst. Und ich sage die Dinge, die ich für richtig halte. Wenn es Menschen gibt, die meiner Meinung sind, dann ist das toll. Aber deswegen tue und sage ich nicht, was ich tue und sage. Somit ist es manchmal schon immer wieder notwendig, Menschen den Unterschied zwischen Erwartungshaltungen und dem, was tatsächlich passiert, zu erklären. Ich kann nichts dafür, was andere von mir erwarten. Ich selbst versuche auch keine Erwartungshaltungen zu haben. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann sage ich es. Ich hab‘ aber zu vielem auch nichts zu sagen.
Könntest du dir angesichts der politischen Lage, bei der Flüchtlinge und Immigranten die Sündenböcke sind, vorstellen, dass auch Homosexuelle zu Feindbildern werden? Diese Entwicklung gab es ja schon einmal.
Conchita: In unserer Gesellschaft gibt es meines Erachtens eine Schere, die immer weiter auseinander geht und es finden große Entwicklungen in beide Richtungen statt. Es gibt eine Welt, wo androgyne Makeup-Artisten Millionen und Millionen an Followern haben, Milliarden mit ihren Produkten verdienen und so akzeptiert werden wie sie sind. Dann gibt es Geschichten wie unlängst in Chemnitz, wo man sich fragt ... das kann nicht wahr sein, dass es wirklich Menschen gibt, die so denken, die so handeln und die Ideale vertreten, die einzig und alleine von Hass geschürt sind. Es liegt daran, in welcher Bubble man sich befindet. Für mich ist das Allerwichtigste, dass ich prinzipiell kein Mensch bin, der gegen etwas ist. Ich bin lieber
für etwas. Natürlich ist es zu verurteilen, wie manche unserer Politiker denken und die Menschen, die ihnen folgen. Aber die Europawahlen stehen an. Ich kann nur sagen, dass jeder wählen gehen muss. Es gibt keine Alternative! Es ist mir vollkommen egal, was jeder einzelne Mensch wählt. Aber es muss gewählt werden. Ich glaube daran, dass die Menschen, die ein friedvolles Miteinander möchten, in der Mehrzahl sind.
Conchita spielt mit Band im Dezember im Orpheum Graz, im Linzer Posthof, in der Szene Salzburg und im MuseumsQuartier (Halle E) in Wien. Tickets gibt es bei oeticket.com.