Klar, manchmal sind Live-Alben wie auch Best-of-Kollektionen eine traurige Pflichterfüllung: nichtssagend, in Punkto Aufmachung und Tonqualität medioker, sodass selbst der treueste Fan zugeben muss, dass dies nur vertragliche Not oder monetäre Gier sein kann. Nicht jede Band muss zwangsweise Livealben veröffentlichen, schon gar nicht, wenn sie erst auf ein oder zwei Studioalben zurückblicken kann. Aber natürlich gibt es auch bei Livealben eine Vielzahl, die zu einzigartigen, direkten, testosterongeladenen Momentaufnahmen geraten sind.
Livemitschnitte, egal ob allein in Ton oder gleich in Ton und Bild, ersetzen natürlich weder Studioplatten noch Livekonzerte: Studioplatten haben zumeist einen besseren Sound, sind fehlerfrei gespielt und perfekt durchkomponiert, sie haben einen einzigartigen Spannungsbogen. Einen Spannungsbogen haben Livekonzerte freilich auch, aber jener baut sich anders auf - historisch und erst im kollektiven Taumel erlebt. Doch im Spannungsfeld zwischen Studio und Live, in dieser Graustufe, die nun Livealben abgreifen, kann in einigen wenigen Momenten auch etwas Besonderes passieren - sei es, weil man bei eben jenem Konzert selbst dabei war, sei es, weil man die Band zumindest auf jener Tour gesehen hat, sei es, weil einfach die Komposition des Konzertes schlichtweg ein Geniestreich ist, oder das Umfeld ein derart ekstatisches, dass im Zusammenspiel zwischen Künstler und Publikum ein Funke auflodert, der so erregt gar auf Platte gebannt werden konnte. Oder oder oder.
Für mich als regen Konzertgeher - ich stehe fast so oft erste Reihe links wie unter der Dusche, und ja, ich bin ein Fan von Körperhygiene - sind Livealben natürlich im Alltag nicht im geringsten Ersatz von Livekonzerten. Aber jetzt, wo man nicht nur in den eigenen vier Wänden eingesperrt ist, sondern eben nicht einmal eh nur drei, vier Konzerte pro Woche, eh im kleinen Rahmen, besuchen darf, sind Livealben wie eine Ersatzdroge.
Welche Drogen ich mir in den vergangenen 10 Tagen so reingepfiffen habe, zeigt folgende subjektive Liste - es ist keine Liste der zwangsweise indiskutabel besten, geschweige denn aller relevanten Livealben, sondern schlichtweg ein Einblick in mein ureigenes Ersatzhandlungstreiben, dringlich lebensnotwendiger als Tonnen an Klopapier und Teigwaren: Bis zu 90 Tage kann der Mensch ohne Essen überleben (einen Selbstversuch habe ich noch nicht gestartet), und ich habe zu meinen jugendlichen Hochzeiten immerhin schon einige Viertagesfestivals ohne Toilettengang (außer dem zum Zaun) überlebt - Musik hingegen rennt bei mir auch in der Nacht. Möge also die Liste auch euch ein klein wenig über die Runden helfen, bis wir wieder gemeinsam live mehr spüren dürfen.