Ich gehöre zu den privilegierten Österreichern. Nicht allein im Sinne von "älterer, weißer, heterosexueller Mann", sondern auch beruflich: Ich gehe jeden Tag nicht ins Büro, sondern aufs Konzert. Also, ich gehe natürlich schon ins Büro, und meine Arbeit besteht auch nicht aus Biertrinken und Staubigwerden, aber ich beschäftige mich von früh bis spät mit dem reichen Potpourri, das die heimische (und internationale) Eventbranche hergibt. Da braucht es keine Meisterprüfung im Studium der Höheren Angewandten Mathematik, um sich auszurechnen, dass der Alltag deutlich trister ist, seit un-dank Corona das komplette Livegeschehen weggebrochen ist.
Umso erfreulicher war dann die Einladung von Red Bull und dem Nova Rock-Team, die vergangenen Freitag auf den Pannonia Fields ein kleines Nova Rock über die Bühne gehen ließen - nur hieß es halt in diesem Jahr, in dem alles anders ist, also sonst, die "You Can't Cancel Rock'n'Roll Show". In etwa dort, wo sonst auch die Red Stage steht, stand die Red Bull Stage, die zwar nicht von weit über 100, sondern nur von vier, und außerdem nicht von internationalen, sondern von heimischen (wohlgemerkt ohne "nur") Bands bespielt wurde. Und das natürlich nicht vor 50.000 frenetisch feiernden Fans, sondern vor geschlossener, am Acker auch tatsächlich berufstätigen Gesellschaft.
Reverend Backflash legten bei strahlendem Sonnenschein das Fundament, auf das Kaiser Franz Josef und Black Inhale aufbauten, bevor Seiler und Speer mit gesunkener Sonne im Hintergrund den Corona-Mittelfinger den leeren Pannonia Fields entgegenreckten: Ausgestrahlt wird diese kleine, dafür aber umso intensivere Show am 12. Juni um 20:30 Uhr auf der Homepage von Red Bull.
Wir haben den Tag jedoch nicht nur genutzt, um endlich wieder Konzertenergie zu tanken (ja, inklusive Bier und Staub!) - sondern haben bei Seiler und Speer auch nachgefragt, wie oasch Corona wirklich ist.
Bernhard Speer: Für uns ist es irgendwie wie ein Backflash, wir hatten ja durchaus schon Projekte, wo wir vor genau so wenig Publikum gespielt haben. Das war damals nicht schlecht und ist es heute auch nicht.
Christopher Seiler: Heute spielen wir ja eigentlich viel mehr für die Kameras. Das ist dann schon ein bisschen ein lächerliches Gefühl, wenn auf der Bühne mehr Leute sind als davor. Aber immerhin komm' ich schon mit Schädelweh daher, damit ich wenigstens ein bisschen dieses Nova-Rock-Flair hab'.
Seiler: Vom Zeitunglesen. Nein, im Ernst: Der heutige Tag ist schon eine gute Sache und ein wichtiges Zeichen aus der Branche. Für uns selbst ist es halt eine etwas spektakulärere Probe. Aber vielleicht seh' ich nach ein, zwei Spritzern eh schon mehr Leute vor der Bühne (lacht).
Speer: So weit haben wir noch gar nicht gedacht. Wer weiß, wann das wieder sein wird. Außerdem sind wir nicht so die Typen, die sich irgendwie sonders vorbereiten.
Seiler: Ich möchte nicht sagen, dass ich mich über die Zwangspause gefreut habe, aber wir sind von einer langen Tour zurückgekommen und haben uns erst einmal eingesperrt – und Angst gehabt. Produktiv waren wir gar nicht. Immer, wenn ich rausgehen wollte, hat mich die Polizei wieder aufgefordert, heimzugehen.
Speer: Das sagen sie dir aber schon seit vier Jahren. Ich hab' jedenfalls viel Zeit in meinem Garten verbracht und genieße die Zeit mit meinen Kindern.
Seiler: Nein, das mache ich sowieso immer. Dafür brauche ich keinen Lock-Down. Aber ich kann mich jetzt ehrlich nicht erinnern, was ich in den ganzen Wochen so gemacht habe.
Speer: Na, dann kannst dir schon vorstellen, was du gemacht hast (lacht) …
Seiler: Böse Zungen behaupten ja, dass ganz Österreich dem Alkoholismus verfallen ist. Weil: Was macht der Österreicher, wenn er nichts zum Tun hat? Er säuft. Und was macht er, wenn er was zu tun hat? Er ist angesoffen. Nein, im Ernst: Wir sind ja nun schon auf einer durchgehenden, fünfjährigen Reise, und da gönnt man sich dann schon einmal auch eine Auszeit.
Seiler: Aber schade, dass für viele, viele Arbeiter, die eine Hilfe dringend nötig hätten, nichts von der Regierung kommt …
Seiler: Viele von unserem Team haben gar keine andere Einnahmequelle und die haben jetzt eine absolute Ungewissheit, wann sie wieder Geld verdienen können. Vor allem: Das sind alles Menschen, die Steuern gezahlt haben! Wenn man da jetzt nichts zurückbekommt, verstehe ich den Sinn vom Staat nicht ganz … Aber ich bin ja leider nicht der Finanzminister – oder eher: zum Glück! Weil dann hätten wir ganz andere Probleme (lacht).
Speer: In unserer Branche plant man außerdem alles ein, zwei Jahre im Voraus. Und das ist jetzt einmal alles gestrichen. Da hätte man auch nicht die Zeit und Möglichkeit gehabt, sich nebenbei um eine etwaige alternative Einkommensquellen zu kümmern. Da gehört vom Staat schon mehr unterstützt.
Seiler: Die haben ja alle Familien auch, es sind ja nicht nur linkslinke Staatskünstler, die ohnehin alles gefördert kriegen und nix tun. Also, ich rede jetzt von den Arbeitern – wir zwei sind schon linkslinke Staatskünstler. Erst gestern war wieder einer vom Küniglberg mit einer Scheibtruhe voll mit Fünfhundertern da (lacht).
Speer: Wir reden ja auch untereinander, da hört man bei einigen aus dem Team schon raus, dass es langsam wirklich eng wird. Da überlegt man sich halt notgedrungen, wie wir das gemeinsam durchstehen können.
Seiler: Was ja eigentlich eben die Aufgabe des Staates wäre. Aber: Bei uns wird keiner verhungern, darauf haben wir uns verständigt.
Seiler: Das ist für uns undenkbar. Solche McDrive-Konzerte funktioniern nicht.
Speer: Ein Konzert ist ja auch immer eine Symbiose zwischen Künstler und Publikum, wenn die nicht vorhanden ist, dann kannst du dich sowohl auf der Bühne wie auch vor der Bühne nicht wirklich g’scheit spüren.
Seiler: Diese Autokino-Konzerte sind für mich eine reine Geldmacherei: Parken und Lichthupen ist doch kein Konzert! Für uns muss auf jeden Fall wieder ein normales Umfeld her, bis wir wieder spielen dürfen – und wenn der Jedermann darf, wieso dann wir nicht?
Speer: Ich habe mir ein paar Internetkonzerte von Künstlern, die ich mag, angeschaut. Aber nach ein paar Minuten habe ich immer abgedreht – es fehlt einfach was, wenn ich mir ein Konzert am Handy anschaue.
Seiler: Du hast halt schon gemerkt, dass ein paar Künstler auch irgendwie Angst haben, vergessen zu werden und jeden Tag irgendeinen Scheiß posten müssen – da frage ich mich schon, wo die Wertigkeit ist.
Speer: Deswegen haben wir uns da rausgehalten – wenn wir wiederkommen, dann ordentlich.
Seiler: Ich glaube, dass dem normalen Menschen der Künstler nicht leidtut, weil der ohnehin vermeintlich überbezahlt ist. Der Künstler ist ein Hallodri und macht, was er will – das ist für den Menschen nicht systemrelevant. Wieso es da Unterschiede zwischen uns und dem Jedermann gibt – keine Ahnung.
Speer: Mir kommt die Politik gerade sehr überfordert vor.
Seiler: Das brauchst du jetzt aber nicht schönreden! Wenn da beim Fernsehtermin jedes Haar sitzt, ist da niemand überfordert!
Speer: Du meinst also, die scheißen wirklich einfach drauf?
Seiler: Das hast du gesagt, und in der Zeitung würde ich sowas nicht behaupten, weil dann hast du einen Shitstorm, der sich gewaschen hat.
Seiler: Richtig. Und vor allem hast du in den Köpfen der Leute immer noch so eine Grundangst drinnen, dass viele nicht gleich wieder Massenveranstaltungen besuchen werden wollen. Ich denke, es ist jetzt noch nicht einmal annähernd absehbar, was da für ein Schaden für die gesamte Branche angerichtet wurde. Dabei war der einzig wirkliche Krisenherd in Österreich in Ischgl …
Seiler: Du kannst keinen Menschen zu irgendeiner Musik zwingen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Musik von irgendjemandem jetzt besser klingt als vor Corona.
Speer: Es wird alles so, wie vorher.
Seiler: Oder Nazi-Haie!
Seiler: Naja, wir haben ja zumindest noch den Horvath, und nachdem zum Horvath ohnehin jeder von Haus aus einen Sicherheitsabstand einhalten will, können wir im Herbst weiterdrehen. Gesendet wird dann im Weihnachtsgeschäft.
Bereits fixiert sind folgende Live-Termine für Seiler und Speer im kommenden Jahr: irgendwann zwischen 2. und 5. Juni am Nova Rock Festival (Wochentag noch nicht fixiert), am 2. Juli in der Festung Kufstein, am 7. August auf Burg Clam und am 14. August auf der Schlosswiese Moosburg. Tickets gibt es bei oeticket.com.
Getreu dem Titel „You can’t cancel Rock’n’Roll“ trotzen das Nova Rock und Red Bull der Absage-Welle und lassen den diesjährigen Festival-Sommer für Fans, Bands und Stage-Crew doch noch aufleben. Im Line-up versammelt sich geballte Rock Power aus Österreich: Seiler und Speer, Black Inhale, Kaiser Franz Josef und Reverend Backflash. Zu sehen gibt es die Show für alle online am Freitag, den 12. Juni, um 20:30 Uhr, unter redbull.com/novarock2020.
Rock’n’Roll heißt es aber nicht nur auf der Red Bull Stage, denn dank einer
Call-in-Funktion haben Fans die einmalige Chance, selbst im live im Stream
dabei zu sein! Per Videochat kann jeder digital ein Teil der Nova Rock Festivalgemeinde
werden und mit etwas Glück erscheint ihr Video vom Mitrocken im Wohnzimmer
direkt neben den Bands in der Show.