Bereits Odysseus erlag liebestoll den Verlockungen der Sirenen, und übersah hierbei sogar, dass ihr ihn fesselnder Liebreiz allein Projektion war - sie selbst waren von befremdlicher Gestalt, Mischwesen aus Vogel und Mensch, mit scharfen Krallen auf Felsen lauernd. Dämonen, denen nicht einmal eindeutig ein Geschlecht zugeordnet werden konnte. In Apollonius von Rhodos’ noch älterer Erzählung wären die Argonauten beinahe von Sirenen ins Verderben gelockt worden, hätte Jason sie nicht mit den eigenen Waffen geschlagen und mit Leierspiel gekontert. Bis heute zieht sich die - zunehmend verweiblichte und in weiterer Folge erotisierte - Vorstellung durch die Kulturgeschichte, dass lockende Stimmen ihre - zuvörderst männlichen - Opfer sehenden Auges ins Verderben locken vermögen.
Wenn man dem modernen Trash-Format “Voice of Germany” etwas abgewinnen kann, dann dass hierin der archaische - im neuen Kontext: hehre - Grundgedanke in die Gegenwart gezerrt wird: die Allmacht der Stimme. In “blind auditions” erwählen hierin die gemeinhin als Autoritäten anerkannten Coaches ihr Team und recken programmatisch, aber durchaus werbewirksam, einen erigierten Mittelfinger in die moderne, gemeinhin auf körperliche Erscheinungen fokussierte Popwelt. Es mag sonderbar klingen, wenn gerade bei Musik Klänge und nicht das Erscheinungsbild nicht automatisch im Fokus stehen, sondern in selbigen erst gerückt werden müssen. Dabei ist Oberflächlichkeit und Sexualisierung freilich kein Produkt moderner Musik - ihre ekstatischen Qualitäten betrafen schon immer Psyche und Physis. Aber im Zeitalter von Autotune und Co. gerät die tatsächliche gesangliche Leistung oft ins Hintertreffen und wird allein auf eine wirksame Oberfläche projiziert - bestes und jüngstes Gegenbeispiel ist Billie Eilish, die sich bewusst entsexualisiert und mit ihren überweiten Klamotten sogar entkörpert und allein ihre Stimme in den Fokus rückt und ihr allgegenwärtige Potenz verleiht. Sie schafft es, selbst die banale Äußerung eines “d’uh!” beinahe zölestisch zu erhöhen.
Mit ihr gemein hat Claudia Bruckner, Stimme des Wiener Kollektivs Pure Chlorine, nicht nur die “Fuck-it-all-and-more-importantly-fuck-you-you-fucking-fuck”-Attitüde, die zugegeben einen reizvollen Charm sondergleichen hat, sondern auch den ursprünglichen, fesselnden Klang, der wie der sagenumwobene Rattenfänger von Hameln einnehmend lockt. Man könnte überspitzt folgern, dass Menschen mit diesem Genius selbst sinnentleerte, ja stupide Vorträge verlockend und ansprechend erscheinen lassen können - Ben Beckers Lektüre eines Telefonbuches und zahlreiche Podcasts sind der beste Beweis hierfür. Doch Pure Chlorine erliegen dieser einfachen Verlockung nicht und transportieren im Wohlklang - der instrumental zugunsten der Stimme dezent in den Hintergrund rückt und Fundament und Rahmen gleichermaßen bildet - auch eine Weltanschauung, eröffnen einen Diskurs - etwas, das sich übrigens auch im ethisch, vegan und umweltfreundlich produzierten Merchandise widerspiegelt. So ist es nicht verwunderlich, dass im Pressetext - gemeinhin ein in Superlativen badender Werbezettel, der das Produkt schubladisiert und mit klanglichen Bezugspunkten nicht geizt - wenig auf die Zurschaustellung eingegangen wird - die soll beim geneigten Hörer für sich sprechen -, sondern vielmehr auf die kontextuelle Inhaltsschwere hinweist: Es wird eine Reise ins aufflackernde Selbstbewusstsein versprochen, eine Triebfeder, die eigene Souveränität und Befähigung zu transportieren - dabei nicht meinungsbildend, aber meinungskräftigend zu agieren und auch in der Zurschaustellung von Schwäche Größe zu demonstrieren. Ihre Single “Crown” ist das bis dato expliziteste Exempel hierfür, aber auch der heute veröffentlichte, direkte Nachfolger “Anxiety” - ein Stück über mentale Gesundheit; Nach wie vor ist dies ein Tabuthema, das im Gegensatz zu körperlichen Beschwerden vorbelastet ist, über das gerne, selbst im engen und privatimen Raum, ein Mantel des Schweigens gelegt wird, zeugt eine verletzte Seele doch von Schwäche und einem Unvermögen, mit den Wirren des Alltags umzugehen. Nicht jedoch bei Pure Chlorine, hier wird ein massives Zeitgeistproblem auf den Tisch geknallt: Die Adoleszenz - die “Lehr- und Wanderjahre” - sind heute derart divers, dass sie mit einem genetisch gewachsenen Scheuklappenblick nur schwer zu erfassen sind - in ihrer Klein- und Vielteiligkeit erscheinen sie dermaßen brüchig, dass eine daraus resultierende Entscheidungsunfähigkeit oft in allumfassender Resignation fußt.
Pure Chlorine entzaubern mit “Anxiety” dieser Erscheinung ihre Omnipotenz - sie lösen den Zeitgeist zwar nicht auf, mit der Thematisierung sind sie jedoch ein wichtiger Teil, ein Tabu dingfest und greifbar zu machen, indem sie es verbildlichen.
Eine Verbildlichung ist auch die an “Anxiety” angelehnte Fotostrecke mit Claudia Bruckner: Während ich “Anxiety” und freilich auch die Stücke davor und jene, die noch folgen mögen, für sich sprechen lassen möchte, sind die 13 Fotos spontane Momentaufnahmen, die Pure Chlorine nebst der Seele der Musik auch einen Körper verleihen sollen. Es sind dies Eigenaufnahmen einer heranwachsenden, an sich reifenden jungen Frau, die sich nicht nur inhaltlich, sondern persönlich inmitten der Weltunordnung befindet, die sie thematisiert - und die sich, allein mit Gestik und Mimik Situationen stellt und ohne Maske ihr Empfinden dabei sprechen, manchmal sogar schreien lässt. Die Augen sind gemeinhin als das Seelentor bekannt, der ganze Körper jedoch und das Gesicht im Speziellen unser Ausdruckstanz, der sich oft verstecken versucht, meist aber dennoch Bände spricht. Lassen wir also Pure Chlorine zu Pure Chlorine tanzen!