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Absage von Laibach in Kiew

01.03.2023 von Stefan Baumgartner

Die legendäre Industrial-Band Laibach aus - man kann es erahnen - Ljubljana, die immer wieder mit religiöser und politischer Symbolik provoziert hatte, kündigte vergangene Woche ein Konzert im ukrainischen Kiew, am 31. März in der Bel Etage Music Hall an - einige Medien, darunter auch der britische The Guardian, schrieben gar vom "ersten Konzert einer ausländischen Band in der Ukraine seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022". Der Hintergedanke: Die Ukraine hatte vergangenes Jahr mit "Stefania" vom Kalush Orchestra den Eurovision Song Contest (natürlich) gewonnen, eine diesjährige Austragung des ESC in der Ukraine war freilich nicht möglich - und so wurde die diesjährige Ausgabe "United by Music" nach Liverpool verlegt. Laibach plante, "Eurovision" - also die musikalische Einigkeit Europas - dennoch zumindest für ein Stück in die Ukraine zu bringen, alle Einnahmen hätten an die Kriegsopfer gespendet sollen - doch nun wurde das Konzert von den Veranstaltern abgesagt, da sich ein bedeutender Teil des potentiellen Publikums kategorisch gegen das Kommen der Band ausgesprochen hatte. Was war passiert?

Laibach in der Ukraine: Problem #1

Die Nachricht, dass das geplante Konzert von Laibach "das erste große Konzert einer ausländischen Band in der Ukraine seit der russischen Invasion" sein würde, machte ab 22. Februar in ukrainischen Medien die Runde, internationale Medien - darunter auch der britische Guardian - übernahmen diese Meldung unhinterfragt. Das Problem dahinter: Bono und The Edge von U2 konzertierten bereits im Mai 2022 in einer U-Bahn-Station in Kiew, neben ihnen spielten auch bereits Samsas Traum, Rome (sogar mehrfach), Die Weisse Rose und einige Künstler mehr in der Ukraine. Nun kann man freilich über Größenverhältnisse diskutieren oder auch hinterfragen, wie "offiziell" der Auftritt von Bono und The Edge war - diese plakative Meldung warf jedoch schon einmal ein schiefes Bild auf das Konzert von Laibach. Hierauf wiederrief Laibach diesen Marketing-Sprech deutlich, aber: Die Zeit vergisst nicht.

Bereits 2015 behaupteten Laibach, die erste westliche Band zu sein, die in Nordkorea auftritt - ihr "Liberation Day" dokumentiert den Auftritt im Sommer desselben Jahres in Pjöngjang und bis heute hält sich diese Meldung, durchaus verkaufsfördernd. Aber: Bereits 1989 spielten bereits die Finnen Peer Günt und Sielun Veljet in der nordkoreanischen Hauptstadt auf einem großen Festival.

Ja, Laibach hätten an ihrem Konzert in der Bel Etage in Kiew "nichts verdient", da die Einnahmen im vollen Ausmaß gespendet worden wären - aber wie auch schon ihr "Nordkorea"-Ruf hätte sich der Ukraine-Hype in Zukunft für die Band tausendfach gerechnet. Immerhin ist es weder ein Lärcherl, in einem totalitären Staat, noch in einem Kriegsgebiet zu spielen. Andererseits: Im Verkauf heißt es immer "schneller, größer, weiter", Superlative sind das Maß aller Dinge.

Laibach in der Ukraine: Problem #2

Die Kunst von Laibach - ihre Musik, ihre Texte, ihre Grafiken und ihr Erscheinungsbild - sind extrem, ähnlich wie es auch Rammstein später abgekupfert haben, ist es auf eine totalitäre, militaristische Ästhetik ausgerichtet. Nein, es ist keine Propaganda für eine bestimmte Ideologie oder gar ein Regime, sondern eine Kunstperformance, die mit der Macht der Propaganda spielt, indem sie imitiert. Aufgrund dieser Zweideutigkeit hat die Band sowohl im linken, wie auch im rechten Lager ihre Anhänger gefunden: Laibach werden sowohl als Kryptofaschisten wie auch als Kommunisten bezeichnet, finden auch Genossen in beiden Lagern abseits der Mitte.

Ja, die Bandgeschichte erzählt, dass die Band zu ihren Anfangszeiten in ihrer Heimat, dem totalitär-sozialistischen Jugoslawien, zensiert und verboten wurde. Andererseits durften sie, wie oben bemerkt, im totalitären kommunistischen Nordkorea auftreten - es muss sich also jemand wirklich viel Mühe gegeben haben, den kleinen Raketenmann von ihrer ideologischen Anständigkeit und Loyalität zu überzeugen.

Welche Ansichten und Positionen sich tatsächlich hinter der Band verbergen, ist freilich schwer herauszukristallisieren - Tatsache ist, dass die Bilder, die Laibach hervorrufen, totalitäre Regime zwar nicht verherrlichen, aber zumindest zu einer gewissen Romantisierung beitragen. Wie dies beim Rezipienten, beim potentiellen Publikum, ankommt, ist freilich von dessen Einstellung, seinem sozio-kulturellen Fundament, abhängig - ist dies doch immerhin gleichermaßen die große Chance wie auch die große Gefahr gleichermaßen in der Kunst, dass Provokation, zweideutige Raffinesse und ein Rollenspiel zum Reiz der Avantgarde zählt. In einem Land wie der Ukraine, das von einem totalitären Aggressor - Russland - überfallen wurde, ist es vielleicht "nicht der richtige Zeitpunkt", um es einmal vorsichtig auszudrücken.

Laibach in der Ukraine: Problem #3

Laibachs Landsmann Slavoj Žižek, ein linker slowenischer Philosoph (der übrigens einer der Redner am dieswöchigen Elevate in Graz ist), ist dafür bekannt, dass er die Band mehrfach gegen Faschismusvorwürfe verteidigt hat. Er benutzte das Konzept der subversiven Affirmation, um zu erklären, dass sie durch die groteske Überbetonung totalitärer Ideologien diese tatsächlich herausfordern und untergraben. Hand in Hand mit der grotesken Überbetonung geht freilich auch, dass sich die Band in Interviews und öffentlichen Äußerungen mehr als nur vage und zweideutig gibt, viel Raum für (Fehl)interpretationen lässt.

Der allgemeine Konsens in der westlichen Welt folgt jedoch Žižek und liest in Laibach keine Verherrlichung, sondern eine Verspottung des Totalitarismus heraus. Allerdings bezeichnen sie die Vereinigten Staaten als eines der totalitärsten Länder überhaupt und beschimpfen Amerika und die NATO als eine, vielleicht sogar die größte Ursache für die weltweite Misere, die sich aktuell eben auf das ukrainische Hoheitsgebiet fokussiert. Eine Ansicht, die freilich nicht nur im rechten Lager, sondern auch in Teilen der Mitte und links davon zu finden ist.

Hinter Laibach steht nämlich das von ihnen gegründete Kunstkollektiv der Neuen Slowenischen Kunst, von dem in aller Anarchie ein "staatenloser Staat" als Ideal einer neuen Weltordnung hervorgekehrt wird - vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass sowohl das Symbol des Kapitalismus (die USA) als auch das Symbol des Militarismus (die NATO) verachtet wird. Dieses Ideal einer Welt ohne Staaten und Grenzen in allen Ehren, aber solange es aggressive Regime wie die von Russland, China, Nordkorea und vielen mehr gibt, in denen Grundrechte wie auf Freiheit, Eigentum, Leben und Würde nicht respektiert werden, ist dies reines Wunschdenken. Schaffen wir Armeen, Regierungen und Grenzen ab, Geier wie die zuvor genannten Regime würden sich auf die leichte Beute ihrer Nachbarländer stürzen.

Demnach ist es als durchaus problematisch zu sehen, dass Laibach in Interviews und auf Social Media angedeutet haben, dass sie die USA und die NATO als die Schuldigen am Krieg in der Ukraine sehen, die Putin "in die Ecke gedrängt" und zu "unvernünftigen Handlungen gezwungen" hätten, woraus man lesen kann, dass das Gebiet der Ukraine letztlich nur "Territorium für die geopolitische Konfrontation zwischen Russland und den USA" sei. In Verbindung mit einem Interview, das die Band 2018 einem kremlfreundlichen russischen Medium gab und in dem sie ihre Bereitschaft bekräftigte, auf der besetzten Krim und im Donbass aufzutreten, ihrem Coversong der russischen Hymne von 2006, ihren wiederkehrenden Verbeugungen vor der "großen (imperialistischen) russischen Kultur" und ihrer Aussage, dass logistische Hürden der einzige Grund für die Absage ihrer Russland-Konzerte im Jahr 2022 seien, führte dies wenig überraschend dazu, dass man sie verdächtigte, mit Russland zu sympathisieren und kremlfreundliche Narrative zu verbreiten. Ja, man kann auch heute noch Tschaikowski hören und Dostojewski lesen, und man muss auch nicht Russland als Gesamtheit, die Bevölkerung an sich, verdammen - aber in der Gesamtbetrachtung ist das Bild (vielleicht auch: gewollt) etwas schief.

Laibach in der Ukraine: Fazit

Vor der Konzertabsage am vergangenen Wochenende haben sich Laibach nochmals zu Wort gemeldet und bekräftigt, dass sie Putin verurteilen und als Motivation hinter ihres Auftritts allein die - auch finanzielle - Unterstützung der Ukraine steht.

Since the first days of the Russian aggression against Ukraine, we have taken an unequivocal position and reiterated that there is no place for war in a modern society. Geopolitical issues cannot be resolved by armed attack and political incitement. (...) To all those who doubt our views, let us therefore once again make it very clear that Russia is the main aggressor in this clash of destructive political and geostrategic interests. Russia's army illegally entered foreign territory with weapons and started this terrible war.

Laibach erklärt also, deutlicher als gewohnt, ihre Position - legt dabei aber zeitgleich nicht unbedingt fragwürdige, zu dem Zeitpunkt aber vielleicht kontraproduktive politische Ansichten an den Tag. Sie rechtfertigen Völkermord nicht, und so hat auch niemand das Recht, ihnen, als Künstler, Gewalt bei einer etwaigen Einreise anzudrohen - wie in den Sozialen Medien passiert.

Dass die Ukrainer - im Gegensatz zu Ländern, in denen Laibach auch auftreten, die sich aber nicht im Krieg befinden - ein gewisses Bewusstsein benötigen, mit wem sie es zu tun haben, ist verständlich. Kunst darf provozieren, muss nicht die Erwartungen eines Publikums erfüllen und muss auch nicht nach dem Wunsch der Masse tanzen - aber die Öffentlichkeit hat das Recht, auf Provokationen zu reagieren und diese gegebenenfalls abzulehnen. In einer Demokratie wäre dies kein Grund für eine Absage, aber in einem Kriegsgebiet muss man angemessen reagieren. So sehr ich mich gegen "Cancel Culture" ausspreche, und so schade es ist, dass mit Laibach kein Geld für eine humanitäre Hilfe in der Ukraine lukriert werden kann - es ist, eingedenk der Umstände nachvollziehbar, wenn die ukrainische Mehrheit in diesem Fall dankend ablehnt. Laibach haben bereits 1997 und 2013 in Kiew und Charkiw gespielt, sind dort nicht negativ mit bösartiger Propaganda aufgefallen und werden - unter anderen Umständen - wohl wiederkehren dürfen und - befriedet - hoffentlich ihr "Geburt einer Nation" intonieren dürfen.

Laibach spielen im friedlichen Kärnten, im Rahmen des Klagenfurt Festivals, am 20. Mai im Klagenfurter Burghof. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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