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Konzerte

Bei Fettes Brot ist der Ofen aus

09.11.2022 von Sebastian Fasthuber
Die wichtigsten Artefakte aus ihrer Epoche, zum ersten Mal auf einem Greatest Hits-Album vereint. Das Best-of erscheint im Jänner.

Der häufigste Grund, warum sich Bands auflösen, ist Erfolglosigkeit. Musiker haben große Pläne und Träume – und es wird nichts daraus. Klingt hart, ist aber in 98 Prozent der Fälle so. Dass ein Act mit einer langen Liste an Hits und ausverkauften Tourneen plötzlich aufhört, passiert dagegen höchst selten. Fast jede Band mit einem Namen, die noch irgendwie ein, zwei Mitglieder aus der Originalbesetzung zusammenkratzen kann, ist nach wie vor unterwegs. Das geht quer durch den Gemüsegarten: Musiker aus der Woodstock-Ära, Rockdinos aus den Seventies, Leute mit 80er-Radiohits – alle machen weiter. Und warum auch nicht, wenn das Publikum immer noch dabei ist!

Insofern verdienen Fettes Brot für ihren Schritt in die musikalische Frühpension unseren höchsten Respekt. „Anno 2022 erscheint uns unsere gemeinsame Story irgendwie auserzählt“, ließen sie via Aussendung wissen. Und: „Dreimal solange durchzuhalten wie die Beatles, ist für uns noch keine Kunst. Bevor wir also bald unsere eigenen Wachsfiguren bei Madame T einweihen dürfen, schaufeln wir ewigen Teenager uns mit >fast 50< lieber unser eigenes Grab.“ Nach einer Abschiedstour, einem Greatest-Hits-Album und einigen Überraschungen wird Ende 2023 endgültig der Ofen aus sein.

Die Geschichte der Band, deren Mischung aus Jux, Tiefsinn und Selbstironie im deutschsprachigen Raum ziemlich einmalig war, lässt sich schön anhand ihrer Hits nachvollziehen. 1992 beschlossen im Hamburger Vorort Pinneberg die Gymnasiasten Boris Lauterbach (König Boris), Björn Warns (Schiffmeister) und Martin Schrader (Doktor Renz), Rapper sein zu wollen. Anfangs schrieben sie noch auf Englisch und nannten sich Poets of Peeze. Nach der Umbenennung in Fettes Brot passierte ihnen 1995 der Disco-Blödelhit „Nordisch By Nature“, den die Musiksender MTV und Viva rauf und runter spielten.

Ein Partysong dieser Art hätte Fettes Brot fast zum One-Hit-Wonder prädestiniert, doch im Jahr darauf bewiesen sie, dass sie mehr drauf hatten. „Jein“ war musikalisch deutlich erwachsener und trotzdem wieder ein Ohrwurm. Vor allem aber zeigten die drei jungen Herren mit der Hymne auf den Zwiespalt und das Sich-nicht-entscheiden-können, dass sie auch etwas zu sagen hatten. Schon damals waren sie eine Ausnahmeerscheinung im Musikgeschehen: zu lustig und poppig, um zum Hip-Hop gezählt zu werden, nicht wirklich Indie, aber auch nicht Mainstream. Das sollte auch ihre weitere Karriere bestimmen.

Sie setzten sich bewusst zwischen alle Stühle. Und nahmen sich die Freiheit, ohne Zielgruppendenken darüber zu schreiben, was sie gerade beschäftigte. Wie sagte König Boris in einem Interview mal so trefflich: „Es gibt mehr, worüber man rappen kann, als nur Autos, Mädchen und Schuhe.“ Auch musikalisch verbreiterten sie ihr Revier immer mehr: Von Rock über Pop und Soul bis zu Electro, Punk und Schlager haben sie im Laufe der Zeit so gut wie alles mal gemacht.

Manchmal waren sie dieser voraus. Mit dem Song „Schwule Mädchen“, einer überdrehten Absage an Geschlechterklischees aller Art, nahmen sie 2001 in gewisser Weise schon das heute so dominante Thema Gender vorweg. Nach einer kleinen Hit-Durststrecke waren sie mit dem fiesen Ohrwurm „Emanuela“ (2005) und danach noch einmal mit „Bettina“ (2008) sogar einmal ganz vorne in den Hitparaden. Kurzzeitig fand ihre Musik im Fußballstadion und beim Après-Ski statt. Nicht aus Kalkül, sondern weil die Nummern eben ordentlich ballerten.

 

Später – so ehrlich muss man auch sein – kamen die Alben immer spärlicher und hinterließen keinen so großen Eindruck mehr. Anders als Die Fantastischen Vier, die ihre Liveshows als Spektakel inszenieren und wahrscheinlich Deutschlands erste Hip-Hop-Opis sein werden, haben Fettes Brot keine Lust, ewig auf berufsjugendlich zu machen. Und dem heutigen Trap- und Cloudrap-Zeitgeist hinterherrennen wollen sie schon gar nicht. Nun denn: Danke und wir hoffen, der Pensionsschock wird nicht zu schlimm!

Die allerallerallerletzten Konzerte geben Fettes Brot am 12. und 13. April im Gasometer. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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Das Best-of-Album von Fettes Brot ist bereits vorbestellbar und erscheint im Jänner.

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