Bild: oeticket/Stefan Baumgartner
Ist Bibiza “bigger than Bowie”? Nein. Aber: Mit seinem neuen Album "Rocknrollst☆r" hat sich der Wiener Franz Bibiza in eine ganz, ganz große Liga hochgespielt, wie er vergangenen Freitag live in der Wiener METAStadt vor ausverkauftem Haus bewies.
Spätestens, als vergangenen Freitag der Vorhang mit dem an David Bowies “Blackstar” erinnernden Symbol in der Wiener METAStadt fiel, begann für den Floridsdorfer Franz Bibiza eine neue Zeitrechnung. 8.000 Fans verfolgten da in einer der malerischsten – und natürlich ausverkauften – Open-Air-Location Wiens – der METAStadt – diesen Triumphzug, der österreichische Popmusik – irgendwo zwischen Rap und natürlich Rock – neu definierte. Und dabei ist Bibizas neues Album “Rocknrollst☆r” noch nicht einmal erschienen. Ist Bibiza also – in der Analogie zu Beatles‘ “Bigger Than Jesus” – nun größer als David Bowie? Nein. Aber er spielt mittlerweile mühelos aus dem kleinen Finger in der Liga von Bilderbuch und Co. mit. Mindestens.
Dabei hat Bibiza zuvörderst natürlich das Guerilla-Marketing verstanden: Seit Wochen ist die Hauptstadt zugepflastert mit “Who The Fuck Is Frank?”-Plakaten, sodass man beinahe glauben möchte, Wien befinde sich gerade im Wahlkampf. Und erst vor einem Monat stand er in brütender Hitze am Naschmarkt und schenkte stundenlang – passend zum Titel seiner gleichlautenden Single – Soda Zitron aus: wahrlich ein Nektar, nicht nur am “Morgen danach”. Sein im In-Café Savoy am Wiener Naschmarkt dazu gedrehtes Video ist – wie auch schon seine Taxifahrt bei “Opernring Blues” und “Galopp!” mit Ikkimel – selbstverständlich auch bereits Kult.
Dort, wo Bilderbuch vor 10 Jahren den Nagel auf den Kopf trafen, schlägt Bibiza heute nach: Wenn man das bunt gemischte, aus mehreren Generationen bestehende Publikum beobachtet, merkt man, dass er musikalisch und textlich den Zeitgeist auf den Punkt getroffen hat: Er, der hedonistische, pointiert gekünstelt arrogante Falco-Nachfolger – wenngleich er im Interview mit dem Standard verlautbart, dass wohl kaum jemand aus seiner Bubble den Falken kennt. Er, der sympathische, ganz und gar nicht unangenehme Strizzi, mal Kavalier, mal Gfrast. Er, der sich ganz in Weiß gewandet in seinem unglaublich catchigen Elektropoprock suhlt. Er, der die Rockmusik nicht zu hart und nicht zu weich über Hammer, Amboss und Steigbügel peitscht. Er, der zwischen Soda Zitron und Schnaps wankt, eine “Ode an Wien” besingt und am Pony querbeet galoppiert, dass hierauf kein Gänseblümchen mehr steht. Es wirkt überaus sympathisch, dass der selbsternannte “Rock’n’Roll-Star” dabei den Hype um seine Person merklich kaum fassen kann: “Was geht denn hier ab? Oida, bist du deppat!” entfleucht es ihm bereits früh im Set, wenn 8.000 Kehlen seine Zeilen mitsingen, 16.000 Hände im Takt mitklatschen. Und das selbst bei den paar neuen live gespielten Stücken, die noch nicht ihren Weg auf die Streaming-Portale fanden und erst diese Woche Freitag erscheinen werden – und nicht nur bei den hinlänglich bekannten “Klassikern”.
Aber welches geschickte Händchen beweist Bibiza eigentlich? Sowohl im Schnelldurchlauf auf Spotify, vielmehr aber noch im Liveprogramm, merkt man seine Vielseitigkeit, die mittlerweile aus seinem Cloudrap-Anfängen herausgebrochen ist: Einen Stil, ein Genre gibt es bei Bibiza nicht mehr, er klingt nach Pluralismus, fischt sich aus den gängigen Stilen die Essenz heraus, verdichtet sie und schmiegt sie zu einem unglaublich einlullenden, aber auch unglaublich euphorisierenden Potpourri zusammen, das stellenweise nach dem besten Musikjahrzehnt überhaupt, die Achtziger, klingt. Dadurch entsteht ein unglaublich funkiger Spannungsbogen, der zwar massentauglich ist, aber selbst in Ö3-Momenten doch noch Ecken und Kanten hat, die stets aufhorchen lassen. So, wie sich Bibiza gibt, lockt er die geneigten Hörer*innen unweigerlich in ein entrücktes Laissez-faire, das nicht nur in den Sommer passt, sondern jede Jahreszeit erhellt.
Bibiza ist somit seinem engmaschigen Ruf als “Botschafter Wiens” entwachsen – zwar ist sein Schmäh, sein Vibe immer noch im Klientel, in der Großstadt verwurzelt, aber er hat kongenial verstanden, sich als Kunstfigur größer, über die Landesgrenzen hinaus zu denken: Ein Kunstgriff, der nur wenigen heimischen Künstlern gelingt. Und damit geht nicht nur er selbst gerade supersteil, sondern seine stetig wachsende Bubble mit ihm: Bibiza ist einfach leiwand – und hat sich nicht nur in die Gehörgänge, sondern auch ins Herz eingenistet. Franz ist gekommen, um zu bleiben: Das ist kein lediglich temporärer Hype, das ist einfach nur hip.