Bild: Mickie Winters
Unser liebster Brummbär Kurt Wagner hat mit seiner Band Lambchop ein erstaunliches, wild wucherndes Werk vorgelegt. Von Alternative Country und Americana bewegte sich der Mann aus Nashville zuletzt in überraschende Gefilde, experimentierte mit Autotune-Gesang und sogar ein wenig mit Hip-Hop. Beim Songwriter-Festival Blue Bird in Wien wird Lambchop in ungewohnt intimer Besetzung auftreten: als Duo, nur mit Stimme und Klavier. Ein Gespräch über Frank Sinatra und Punk, Veränderung und Stillstand, die Beatles und Jimi Hendrix.
(lacht) Vielleicht. Nein, Diva bin ich bestimmt keine. Wenn ich Stimmen wie Frank Sinatra heute höre, kommt mir die damalige Zeit einfacher vor, weniger kompliziert als unsere Gegenwart. Sinatra ist aber nicht Schuld an diesen Konzerten.
Das Ganze hat sich aus unserem letzten Album „The Bible“ entwickelt. Andrew Broader war einer der Produzenten. Wir haben Arrangements für spezielle Konzerte mit 16 Leuten auf der Bühne erarbeitet. Danach dachte ich mir: Wenn wir das mit so vielen Musikern machen können, können wir es auch ganz reduziert als Duett versuchen. Wir haben in den USA schon ein paar solche Auftritte gemacht. Das lief sehr gut. Also kommen wir damit auch nach Europa.
Klar. Wobei schon auch viel Piano drauf war, vor allem auf unserem vorletzten Album „Showtunes“. Für mich ergab es Sinn, alles andere rauszuschmeißen und zu schauen, wie die Songs klingen, wenn nur mehr das Piano da ist. Wir spielen vor allem Songs der letzten Alben, haben uns aber auch einige ältere Stücke vorgeknöpft.
Nein, ich spreche nicht. Oder nur das Nötigste. Die Idee der Performance ist, aus all den Songs ein ganzes Stück zu machen. Sie gehen ineinander über, Andrew Broader spielt am Klavier improvisierte Übergänge. Es ist zwar eine ganz andere Baustelle, aber mich hat es an frühe Punkbands erinnert. Die haben auch einfach angefangen zu spielen und nie aufgehört. Diese Energie möchte ich erzeugen. Nichts soll von der Musik ablenken.
Ich mag das Ungewisse. Wir haben uns schon intensiv vorbereitet. Dabei gingen es vor allem darum, das Menü festzulegen. Die Speisefolge kennen wir. Aber es bleibt Abend für Abend viel Raum für Improvisation. Das bringt die Freiheit zurück in die Musik. Ich finde es langweilig, eine ganze Tournee lang mehr oder weniger dasselbe Set zu spielen.
Auf jeden Fall. Das Gute ist: Dadurch kommen auch Menschen in meinem Alter zu den Konzerten, die es begrüßen, wenn sie einen gemütlichen Sitzplatz haben. Wir spielen in schönen Theatersälen oder in Wien eben in einem Jazzclub. Und es braucht nicht viel Technik. Da sind nur ein Instrument und eine Stimme. Keine Elektronik, keine Ablenkungen.
Stimmt. Ich bin erst im Lockdown durch Videos auf Instagram draufgekommen, dass er Piano spielt. Er hat schon sehr viele interessante Sachen gemacht. Unglaublich finde ich das Album, das er mit dem Native American Joe Rainey aufgenommen hat. Das war eine der interessantesten Platten 2022. Herausfordernd und schön. So mag ich es.
Manche waren nicht so begeistert. Es ist total okay, wenn man eine bestimmte Ära von Lambchop bevorzugt. Ich spiele immer die Musik, an die ich gerade glaube. Letztlich geht es vielen Künstlern so. Denken Sie an Bob Dylan oder Neil Young. Manche mochten es nicht, als Dylan elektrisch wurde. Das ist okay. Aber für ihn als Künstler war es wichtig, sonst wäre er stehengeblieben.
Sehe ich auch so. Sogar die Beatles hatten in ihrer kurzen Karriere einige verschiedene Phasen. Wenn sie länger gespielt hätten, hätten sie sich wohl noch drastischer geändert. Und das hätte auch nicht allen gefallen. Oder nehmen wir Jimi Hendrix: Vor seinem Tod hat er nicht Acid Rock gespielt, sondern Jazz und improvisierte Musik. Es wäre interessant zu sehen gewesen, wo er sich hinbewegt hätte. Ich bin mir sicher, er hätte sich selbst und das Publikum herausgefordert.
Es gibt so viele tolle Sänger, ich bin gewiss keiner von ihnen (lacht). Die ganze Sinatra-Ära, das hatte schon was. Aber auch Oper ist wunderbar. Und Joe Rainey. Das wollte ich noch einmal sagen: Es sollte mehr herausfordernde Musik wie die seine geben.
Noch nicht, aber ich arbeite aber daran. Ich habe in letzter Zeit viel frühe Country Music mit Gesang, Banjo und einem Chor gehört. Das geht auf eine schottische Tradition zurück und wurde nach Amerika importiert. Es gibt einen Leader, der eine Zeile singt, und der Chor wiederholt sie. Diese Call-and-Response-Struktur inspiriert mich sehr. Die Texte der Songs waren meist sehr religiös. Nun, ich werde über andere Dinge singen.
Das Blue Bird Festival findet zwischen 23. und 25. November im Porgy & Bess statt. Tickets gibt es bei oeticket.
23.11.: Porridge Radio (solo), Ben Caplan, Kira Skov & Naima Bock
24.11.: Lambchop, Maiijata, Chloe Foy, & Murray A. Lightburn
25.11.: The Magnetic Fields, Will Sheff/Okkervil River, The Saxophones & Kendall Lujan