Bild: Emily Rhodes Bild: Emily Rhodes
Konzerte

Das Phänomen Boyband und der Kreischalarm: die 25 besten Songs von Take That

31.08.2026 von Stefan Baumgartner

Von Take That zu Tokio Hotel, von den Beatles bis zu BTS - wir vollziehen eine Zeitreise in und durch das Universum der Boybands, die vor allem eines zeigt: Das Spiel mit Sehnsüchten gibt es schon lang. Kreischende Fans sowieso. Und allein Take That liefern 25 gute Gründe, um zu juchezen - kommenden Sommer auch live in der METAStadt!

Es ist ein Rezept, von dem alle Köche träumen: leicht zubereitet und trotzdem der Masse mundend. Boybands sind also sowas wie das Würstel mit Senf, Kren und Semmerl - immer ein bisschen belächelt, aber der Renner bei jeder Geburtstagsfeier. Oder sonstigen Veranstaltungen, bei denen viele Menschen zusammenkommen. In dem Fall: viele kreischende Mädchen und junge Frauen. Ohnmachtsfälle, Liebesbriefe, auf die Bühne geworfene Teddybären und BHs, Riesenposter im Kinderzimmer. Wer in den Neunzigern nicht vom Boyband-Virus befallen war, der hat nicht gelebt.

Der Stoff, aus dem Träume sind

Die Neunziger waren eindeutig das Jahrzehnt der Boybands. Lou Perlman war der erste Musikmanager, der das Boyband-Rezept zur Perfektion erhob. “Solange es kreischende Mädchen gibt, solange gibt es auch Boybands”, so sein berühmtes - sehr wahres - Zitat. Perlman, der Jamie Oliver der Musikszene. Die Zutaten wählte er im Feinkostladen für Junk Food-Liebhaber aus: Fünf (um das Fotoformat gut auszufüllen und auf der Bühne viel Action zu ermöglichen) möglichst unterschiedliche Jungs, die den unschuldigen Romantik-Geschmack der Zielgruppe der zehn-bis vierzehnjährigen Mädels abdecken sollte - der Streber, das süße Nesthäkchen, der Klassenclown, der Bad Boy und der Fitness-Junkie. Sie alle sollten passabel - synchron - singen, vor allem aber perfekt synchron tanzen und dabei verdammt gut ausschauen können. Die Personifizierung des (ersten) feuchten Traums.

Boybands synchronisieren das Kollektiv der Männlichkeit, auch wenn die Jungs eher Geschäftspartner denn Freunde sind: Denn weil nichts dem Zufall überlassen werden darf, wird die Band gecastet und von Minute Null an deren Image streng kontrolliert: Skandale gibt es keine, Single sind natürlich auch alle und schwul ist schon gar keiner - Unerreichbarkeit ist schließlich nur so lange begehrenswert, solange es die (kleinste) Möglichkeit des Erreichbaren gibt. Die Boys folgen den aktuellen Trends, eingängige Pop-Nummern werden ihnen auf den durchtrainierten Leib geschneidert, Texte über die Liebe und Musikvideos mit Choreos im Regen inklusive. Eine Scheinwelt, die das Sein uninteressant macht, weil der Eskapismus so verführerisch in der Realität verwurzelt ist.

In den Neunzigern kamen die Boybands von überall her und machten die Welt sexier, kitschiger, poppiger: Aus den USA stammten unter anderem Boyz II Men, Backstreet Boys, *NYSYNC, O-Town und Hanson (viele von Perlman gemanagt, der signifikanterweise auch bei den Chippendales involviert war). Aus den Niederlanden kamen Caught In The Act, aus Irland Boyzone und Westlife, aus Deutschland Bed & Breakfast und Touché. Der Hype (in Europa) wurde aber in Großbritannien von Take That (mit der 1992er-Single “I Found Heaven”) ausgelöst, die nicht nur Robbie Williams, sondern auch eine Seelsorge-Hotline aufgrund von diversen Selbstmorddrohungen hervorbrachten, als die Band sich 1996 (vorerst) auflöste. Die Neunziger-Boybands waren ein Produkt ihrer Zeit: Das Künstliche wird zur Kunst erhoben. 

Vom Trend zum Gegentrend und zurück zur Renaissance

Auch wenn der Begriff (und das Konzept) der Boyband streng genommen erst in den Neunzigern erfunden wurde, sind männliche Gesangsgruppen natürlich so alt wie die Musikgeschichte selbst. Schon im späten 19. Jahrhundert gab es sogenannte (sehr beliebte) “Barbershop-Quartette”, also eine Gruppe von Männern mit vierstimmigen Harmonien - siehe auch Homer's Barbershop Quartet in den “Simpsons”, der bekanntlich größte Richtungsweiser in der Popkultur. In den Vierzigern und Fünfzigern ließen Doo-Wop-Bands wie The Ink Spots diese Tradition wieder aufleben, sie sangen bevorzugt über Liebe, Freundschaft und Selbstfindung.

Mehr in Richtung des modernen Konzepts der Boygroup ging man in den Sechzigern und Siebzigern, in denen vor allem die Jackson 5 (mit einem blutjungen Michael Jackson), The Osmonds, Menudo (mit Ricky Martin!) und The Bay City Rollers die Charts regierten, Trends setzten und bereits Ohrwurm-Songs mit peppigen Choreographen verbanden. Bemerkenswert: Sowohl Jackson 5 als auch The Osmonds bestanden aus Brüdern, eine Tradition, die sich später in Bands wie Hanson, Jonas Brothers oder Tokio Hotel wiederholen sollte.

Rückblickend als “erste Boyband der Welt” werden gerne die Beatles genannt, die in den Sechzigern eine (Kreisch-)Hysterie auslösten, die als “Beatlemania” in die Geschichte einging und ihnen die Boygroup-Etikette verpasste - nicht ganz korrekt eigentlich, da die Jungs nicht gecastet wurden, selbst ihre Songs schrieben, Instrumente spielten und sich als “Rockband” bezeichneten. Aber kreischende Mädchen übertönen eben alles.

Jene Gruppe, die aber tatsächlich den Weg für männliche Popbands wie den Backstreet Boys oder Take That ebneten (letztere wurden gar nach ihrem Vorbild konstruiert), waren New Kids On the Block, die in den Achtzigern die USA im Sturm eroberten und bis heute als Boyband-Pioniere gelten. Während ihrer aktiven Zeit waren NKOTB zeitweise die bestverdienenden Entertainer der Welt.

Weil auf jeden Trend ein Gegentrend folgt, wurde es nach dem Hype in den Neunzigern ruhig um Boybands. Viele lösten sich auf, Bandmitglieder als auch Fans waren dem Teeniealter entwachsen. Anfang der Nullerjahre hatte man genug vom Pop-Zucker, nun war rotzfrecher Punk angesagt. Ausnahmen gab’s aber nach wie vor, Bands wie Jonas Brothers, Blue, Echt oder (bereits polarisierend-pulsierend) Tokio Hotel hievten die unbekümmerten Spuren der Neunziger in das neue Jahrtausend. 

Weil man sich in komplexen Zeiten nach orientierungsgebender Simplizität und tröstender Nostalgie sehnt, gab es in den 10er-Jahren eine Boyband-Renaissance, angeführt von OneDirection, der erfolgreichsten britischen Boyband seit Take That. Auch K-Pop mit BTS war endlich im Mainstream angelangt und hob den poppigen Zuckerschock auf ein neues Level. Auch wenn es ganz im Sinne der Zeit die Frauen sind, die aktuell den musikalischen Ton angeben (siehe brandaktuell auch die Girlgroup Katseye oder Blackpink), wagten Kult-Bands wie die Backstreet Boys, Take That oder auch Tokio Hotel ein (fulminantes) Comeback, um uns die Möglichkeit zu schenken, den Rausch der Jugend niemals enden zu lassen.

Kein Wunder, dass da vergangenes Jahr eine elendslange Schlage mehrerer Generationen (!) vor dem Gasometer anstand, um Tokio Hotel live zu erleben. Das diesjährige Konzert der Kaulitz-Brüder in der Wiener Stadthalle ist bereits ausverkauft - gut, dass kommendes Jahr am FM4 Frequency bereits der Nachschlag folgt! Kein Wunder auch, dass die Backstreet Boys vergangenen Winter an gleich drei Tagen vor 50.000 Besucher*innen beim Ski-Opening in Schladming auftreten mussten, um dem übergroßen Wunsch nach Eskapismus Herr zu werden. Und ebenfalls kein Wunder, dass sich nach ihrem überwältigenden Konzert auf Burg Clam im Sommer 2024 Take That nun anschicken, zu einem Highlight kommenden Sommer in der Wiener METAStadt zu werden - der neben Danger Dan bisher zweite Termin im transdanubischen Backsteinareal: Im Rahmen ihrer “Dreamers”-Tour sind sie “back for good”!

Anlass genug, sich mit einer Best-of-Liste aus ihrem kompletten Katalog schon jetzt darauf einzustimmen, bevor es ab dieser Woche Donnerstag (3. September) um 10 Uhr Tickets für das Happening gibt!

Natürlich gibt es bei Take That die Songs, die jeder kennt: “Back For Good” etwa, oder die Klassiker “Never Forget” und “How Deep Is Your Love” - zwei Songs, bei denen wirklich auf jeder Party alle die Hände in die Luft reißen müssen!

Aber da sind auch so Schmankerl wie “Patience” aus dem Jahre 2006, der selbst von Manic Street Preachers' Nicky Wire abgefeiert wurde: “Wenn Neil Young diesen Song geschrieben hätte, hätte man ihn als Meisterwerk bezeichnet”, kam er damals aus dem Jubel gar nicht mehr heraus. Oder auch “Rule The World” aus dem Jahre 2007, eine cineastische Blockbuster-Ballade, die für den Fantasy-Film “Der Sternwanderer” (u. a. mit Michelle Pfeiffer) geschrieben wurde - und bei der epischen Abschluss-Zeremonie der Olympischen Spiele 2012 aufgeführt wurde.

Viel Spaß bei der Zeitreise!

Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren