Foto: Anton Corbijn
Wenn es in der Realität nicht so tragisch und traurig wäre, dann müsste man die morbide Ironie des Depeche-Mode-Schicksals anno 2022 fast schon augenzwinkernd analysieren. Am 26. Mai 2022 stoppten die Uhren der Bandgeschichte nach 42 Jahren das erste Mal für ein paar Tage, denn die Zukunft der Synthie-Pop-Könige war ungewiss wie nie zuvor. Ausgerechnet Andrew Fletcher, Gründungsmitglied, Keyboarder und stiller Handwerker im Hintergrund, erlag im Alter von nur 60 Jahren den Folgen einer Aortendissektion. Er war nicht nur das unscheinbarste, sondern auch zeitlebens gesündeste Mitglied einer an Skandalen nicht armen Band, die früher wenig ausließ. „Für einen großen Teil unserer Karriere war jede Party wichtiger als die Musik“, erzählt uns Hauptsongwriter Martin L. Gore unlängst in einem Interview. Vermischt mit dem immensen Erfolg litten vor allem die Hauptmitglieder Gore und Sänger Dave Gahan zuweilen kräftig am Rampenlicht und seinem Glanz.
1993 litt Lockenkopf Gore im Zuge der „Devotional“-Tour erstmals merkbar an Panikattacken und gab wenig später reumütig zu, Jahre zuvor gegen schwere Alkoholprobleme angekämpft zu haben. Noch ärger trieb es Frontmann Gahan, der sich im August 1995 die Pulsadern aufschlitzte und seinen Suizid-Versuch nur mit Glück überlebte und ein knappes Jahr später nach der Einnahme eines Speedballs (Heroin mit Kokain) für zwei Minuten klinisch tot war, erst vom Rettungsdienst wiederbelebt werden konnte. Eine neunmonatige Entziehungskur trug Früchte und Gahan deklariert sich seither als clean. 2009 überstand er sogar eine Krebserkrankung. Fletcher dagegen? Ein Musterbeispiel an Integrität und Loyalität. Immer pünktlich, stets der ruhende Pol zwischen den beiden exzentrischen Kreativköpfen und auch im Privatleben mit mehr als 30 Jahren Ehe und als zweifacher Familienvater gleichermaßen Yin und Yang in einer so explosiven wie impulsiven Combo, die einen erklecklichen Teil ihres Kultfaktors nicht zuletzt ihrer offen zur Schau gestellten Exzentrik verdanken.
Dass das wuchtig durch alle Weltmeere schippernde Flaggschiff Depeche Mode dadurch erstmals seit 25 Jahren beträchtlich ins Wanken kam, verwundert Insider nicht. Fletcher mag in der Öffentlichkeit wie ein schattiger Geist im Hintergrund erschienen sein, ohne ihn hätte die Band die finsteren Tage der späten 90er-Jahre aber wohl nicht überwunden. Man wäre vielleicht ein Nostalgieact für die „Starnacht in der Wachau“ und nicht alljährlich im Champions-League-Finale des Genres, wo man für den jeweiligen Sieg auch niemals eine Verlängerung benötigt. Zum dauerhaften Erfolg braucht man neben Hits auch ruhige Beständigkeit. „Der Tod von Andy war ein Riesenschock für uns, mit dem wir erst einmal klarkommen mussten“, schluckt Gore noch Monate später schwer, wenn das Thema auf den Tisch kommt. Gore und Gahan war nach dem ersten Schock und einer mehrwöchigen Verarbeitungsphase schnell klar, dass es nur zwei Szenarien geben kann. Entweder beenden die beiden das Kapitel Depeche Mode, oder man macht weiter und startet noch einmal voll durch.
Für so manchen mag ein Weitermachen sowieso klar gewesen sein, ganz so tief lässt sich Gore aber nicht in die Karten blicken. „Es waren harte Überlegungen, aber zur Entscheidungsfindung trug auch die Pandemie ihren Teil bei. Wir sind in den Corona-Jahren so lange faul auf unseren Hintern herumgesessen, dass uns die Entscheidung weiterzumachen, als die richtige erschien. Die Band zu den Akten zu legen und für den Rest der Tage irgendwo herumzusitzen klingt schöner als es ist. So sind wir nicht, das wäre nichts für uns gewesen. Wir wussten natürlich, dass ohne Andy alles anders und auch ein bisschen seltsam werden würde, aber ein entscheidender Punkt war auch, dass wir das starke Gefühl in uns tragen, immer noch viel sagen und geben zu können.“ Freilich können Kritiker nun das Kommerzdenken bekritteln und sich über die wirtschaftliche Komponente echauffieren, andererseits haben Depeche Mode aber noch vor Fletchers Tod an neuen Songs und einem weiteren Album gearbeitet.
Einzelne Lieder sind bislang noch nicht im Orbit der Öffentlichkeit gelandet, bis zum Album-Release im März 2023 wird man sich aber sicher an der einen oder anderen Nummer erfreuen können. Das 15. Studioalbum trägt den Namen „Memento Mori“ und klingt angesichts des harten Verlusts von Fletcher morbider als ursprünglich geplant. „Das Album wird sich stark um das Thema Tod drehen, aber dass es jetzt so knapp mit Andys Ableben zusammenfällt, das ist reiner Zufall“, beteuert Gore. Die Grundintention und Ausrichtung des Werks sei tatsächlich ganz anders zu interpretieren. Es ginge grob darum, das Leben so intensiv wie möglich zu leben und die Dinge auch in Krisenfällen positiv zu sehen. „Nach Andys Tod wirkt es anders, aber unser Bestreben war sehr lebensbejahend.“ Die ersten Songideen entstanden bereits 2019, bevor die Pandemie die Welt in Atem hielt. Die ohnehin nie als geschlossene Band an Songs tüftelten Briten haben somit auch für dieses Werk wieder auf den Erfolgsfaktor Distanz gesetzt – zumindest anfangs.
„Alle Songs auf dem Album standen, bevor Andy starb. Die letzten Ideen haben wir Anfang 2022 fertiggestellt, die meiste Zeit voneinander getrennt“, führt Gore aus. Das hauseigene Studio in seiner kalifornischen Wahlheimat Santa Barbara habe jedenfalls dafür gesorgt, dass er während der Lockdowns nicht dem Wahnsinn verfallen sei. „Ich bin jeden einzelnen Tag von meinem Haus rüber in mein Studio gegangen, wo ich ganz alleine an Ideen feilen konnte. Hätte ich diesen Anker nicht gehabt, wäre ich wohl in der Irrenanstalt gelandet.“ Das Gerücht, Rauschebart und Superstar Rick Rubin hätte produziert, erwies sich als Mär. Man habe sich schlicht in seinem Studio eingemietet, um dort aufzunehmen, beteuerten Gahan und Gore bei der großen Pressekonferenz Anfang Oktober in Berlin, wo man einen in mehrfacher Hinsicht klaren Ausblick auf die Zukunft der Band gewährte. Neben dem Album wird es nach vier langen Jahren auch wieder eine große Stadiontour geben, die im Sommer 2023 in Europa beginnt und im weiteren Verlauf wohl auch die übrigen Kontinente beehren wird.
Am 21. Juli 2023 kreuzt man für eine Show nach Österreich und bespielt das Wörthersee-Stadion in Klagenfurt. Mit einer Hommage an den verstorbenen Andy Fletcher darf gerechnet werden, auch wenn sich die handelnden Musiker selbst noch nicht so ganz darüber im Klaren sind, wie man das Vermächtnis dieses so wichtigen Teils der Band würdevoll in Szene setzen wird. Ansonsten bauen Gore und Gahan auf Beständigkeit. Keyboarder Peter Gordeno wird ebenso auf der Bühne zu sehen sein wie der österreichische Schlagzeuger Christian Eigner, der heuer sein 25-Jahre-Jubiläum in der Band feiert. Für die visuellen Aspekte wird Langzeitpartner Anton Corbijn verantwortlich zeichnen. Im internen Bandcamp war schnell geklärt, dass Fletcher unersetzbar ist. Dass der Verstorbene im Studio kein Instrument spielte und am musikalischen Prozess kaum noch teilnahm, war sekundär. Primär trumpfte er mit seinen zwischenmenschlichen Qualitäten auf.
Das ist den beiden Chefs sehr wohl bewusst und hat auch intern einiges ins Rollen gebracht, was man noch vor einiger Zeit nicht für möglich gehalten hätte. „Durch Andys Tod sind Dave und ich uns deutlich nähergekommen“, erzählt Gore und wirkt dabei selbst sehr überrascht, „früher hätten wir jedenfalls kein FaceTime benutzt, um miteinander zu kommunizieren. Mittlerweile ist das ganz alltäglich.“ Gore und Gahan fehlt der unscheinbare Kitt zwischen den großen Egos. Sie müssen nun lernen, anders und vertrauenswürdiger zu kommunizieren und haben auf der Wippe ihrer Beziehung kein austarierendes Korrektiv mehr zur Verfügung. Ob sich das auf Dauer ausgeht, kann uns nur die Zeit lehren ...
Depeche Mode gastieren am 21. Juli im Wörthersee Stadion. Tickets gibt es bei oeticket.com.