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Kultur

Der Bücherwurm #5

11.11.2025 von Stefan Baumgartner

In der HEADLINER-Serie "Bücherwurm" empfehlen wir euch in regelmäßigen Abständen aktuelle Bücher und Lesungen. Denn Lesen ist, so finden wir, eine der wertvollsten Gewohnheiten, die das Leben bereichern: Wir tauchen ab in eine andere Welt, unsere Gedanken werden entfesselt und unser Bewusstsein erweitert. Wir lernen dazu, werden unterhalten oder schaffen es, für einen kurzen Moment aus der Realität auszubrechen. Lesen ist Entspannung und Bildung gleichzeitig!

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen, damit sie aufwachen.

(Jorge Bucay)

Umweltschutz wurzelt in der Kindheit

In meinem letzten Gespräch hat sich Schauspieler Simon Schwarz ("Eberhofer"-Krimis) als Mensch präsentiert, der sich sehr viele Gedanken über nachhaltige Ernährung macht - und demnach auch seit fünf Jahren überwiegend vegan-vegetarisch ernährt. Woher diese Einstellung kommt, erfahren wir nun in seinem Buchdebüt “Geht's noch?”, einem Buch über CO2-Abdruck, Konsumwahn, Gleichberechtigung und Ernährung. Seine durchwegs fundierten Überlegungen dazu präsentiert er anhand der eigenen Biografie und der seiner Mutter, die in den 70ern Mitbegründerin der “Mütter gegen Atomkraft” war. Ihr Aktivismus prägt ihn bis heute, und so nähert er sich diesem komplexen Thema nicht nur reflektiert, sondern auch unterhaltsam, aber auch voll Offenheit und mit sprudelnder Neugier an und zeigt, dass man selbst als engagierter Mensch manchmal an seine hehren Grenzen stößt. 

Simon Schwarz spielt mit Manuel Rubey “Das Restaurant” laufend in ganz Österreich, und auch ihren gemeinsamen Podcast bringen sie live auf die Bühne!

Erinnerungen an Einstürzende Neubauten

Alexander Hacke, 1965 geboren, schmiss kurz vor Abschluss die Schule und trieb sich in der Westberliner Untergrundszene zwischen Punks, Hausbesetzer*innen und Lebenskünstler*innen herum und wurde schließlich - bis vor kurzem - zuerst Gitarrist, später Bassist der heute legendären Einstürzenden Neubauten. Während die Neubauten zur bahnbrechenden Band avancieren, experimentierte er nicht nur mit allerlei Aufputschmitteln, sondern entwickelte sich nebenbei auch musikalisch unermüdlich weiter - darunter auch kurzzeitig mit Christiane F. ("Wir Kinder vom Bahnhof Zoo") und später mit seiner Frau, der Künstlerin Danielle de Picciotto. Seine Autobiographie (2015 erschienen, nun erweitert) ist mit “verzerrte Erinnerungen” untertitelt und ist ein tatsächlich schillerndes, echtes Zeitzeugnis des wilden Westberlins vor der Wende, ein Lebensbericht zwischen Avantgarde und Nomadentum.

Alexander Hacke präsentiert “Krach” am 20. November in Klagenfurt.

Was tun gegen Frauenhass? Zusammen wütend sein!

Tara-Louise Wittwer behandelt seit 2019 in sozialen Medien, in eigenen Publikationen und zuletzt in einer Spiegel-Kolumne Themen wie Feminismus, toxische Männlichkeit und Misogynie. Dass sie dafür nicht nur Lob erntet, ist klar: Frauen, die sich offensiv wütend ob ihrer Lebensumstände zeigen, werden - insbesondere von Männern - auch gern angefeindet, da fällt gar auch die Umschreibung “hässliche Instagram Fotze”. Dies ist auch das Thema ihres neuesten Buches, ein Buch über die Wut, die sich in Frauen aufstaut - und die Reaktionen darauf, der die Frauen ausgeliefert sind: Wut, so Wittwer, ist jedoch ein heilsames Gefühl, das nicht ignoriert, runtergeschluckt oder weggelächelt werden muss - denn zumindest hierzulande und heute hat man das “Privileg”, dass man für “female rage” keine Bestrafungen fürchten muss. Ja, wütende Frauen wirken vielleicht auch mal anstrengend (so Wittwer), aber mit Nettigkeit allein gewinnt man keine Meter.

“Nemesis' Töchter” von Tara-Louise Wittwer wird am 23. November im WUK präsentiert.

Von Nick Cave bis hin zu The Sisters Of Mercy

John Robb ist nicht nur Mitglied der Post-Punk-Band the Membranes und der Punk-Rock-Band Goldblade, sondern auch Journalist und Autor - er interviewte unter anderem als erster Journalist überhaupt (!) Nirvana für das Sounds, schrieb später auch für The Guardian und Melody Maker, sowie zahlreiche Bücher über British Pop, Punk Rock und Post Punk: “The Art of Darkness: The History of Goth” erschien zwar bereits 2023, nun auch in deutscher Sprache. Es ist dies ein Grundlagenwerk, in dem er die sozialen, politischen und popkulturellen Kontexte beschreibt, aus denen sich in Großbritannien ab den späten Siebzigern “die dunkle Seite des Punk” entwickelte. Dabei schöpft er aus seinem eigenen riesigen Fundus an Originalmaterial, Interviews mit maßgeblichen Bands wie The Sisters Of Mercy, Bauhaus, The Cult, Joy Division, New Model Army, Einstürzende Neubauten, Laibach, The Cure und Nick Cave & The Bad Seeds.

Nick Cave & The Bad Seeds gastieren am 21. Juni auf Burg Clam!

Eine Anklage gegen die Gewalt an Frauen

Die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates, die seit Jahrzehnten für den Nobelpreis gehandelt wird, hat wieder einen umfangreichen Roman geschrieben: “Der Schlächter” ist der fiktive Bericht eines Arztes im Pennsylvania des 19. Jahrhunderts, ergänzt um Berichte zweier Frauen und “herausgegeben” von seinem Sohn. Durch diesen formal-literarischen Rahmen erreicht sie eine beklemmende Unmittelbarkeit des Geschehens und lässt die Taten des Arztes - Dr. Silas Aloysius Weir - umso historisch belegter wirken, beinah als Tatsachenbericht aus den Abgründen der Medizingeschichte: Er leitet nämlich - angetrieben von krankhaftem Ehrgeiz und einer Hybris - eine Anstalt für Frauen mit psychischen Erkrankungen und nutzt sie als - man kann es nicht anders formulieren - Versuchskaninchen für seine bestialischen Studien, die in erster Linie an seinem Unverständnis und Desinteresse am weiblichen Körper scheitern und vermeintlichen medizinischen Fortschritt selbst über das Leben stellen.

Eine Familiengeschichte zwischen Blut und Botanik

Anna Maschik wurde 1995 in Wien geboren, studierte Sprachkunst/Literarisches Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft - “Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten” ist ihr erster Roman. Es ist dies eine Familiengeschichte über vier Generationen hinweg, die auf einem Bauernhof in Norddeutschland mit einer Schlachtung beginnt. Warum? “Wir betreten diese Geschichte durch die Innereien eines Schafes und wie auch ich die Welt betreten habe: durch einen Schnitt im Unterleib.” Programmatisch zieht sich also das Leben und das Sterben durch die Erzählung, das Sterben oft angedeutet am Verwelken der Flora. Doch die wahre Faszination liegt weniger in der zwar lang andauernden, doch spärlich ausgebreiteten Handlung, sondern vielmehr an der Sprachkunst: Maschik brilliert hier mit beinah abenteuerlich anmutenden Kunstgriffen und gigantischer Lakonie.

Anna Maschik präsentiert ihren Debütroman u. a. auf der Buch Wien am 16. November.

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