Bild: Jim Louvau
Max Cavalera, der ehemalige Bandkopf von Sepultura und Soulfly-Mastermind, revitalisiert sein Nebenprojekt, das er eigentlich vor 30 Jahren (!) zu Grabe getragen hat: Mit dem kultigen Industrial-Hardcore-Punk-Bastard Nailbomb bringt er seine kathartische Krachmusik im Sommer auch in die Wiener Szene.
1994 befanden sich Sepultura auf einer Schwelle, auf einem künstlerischen Hoch: Gerade hatten sie “Chaos A.D.” veröffentlicht, ein wütendes Neo-Thrash-Monster, das die Brasilianer einem breiteren Publikum als zuvor öffnete und einschlug wie eine Bombe. Der Nu Metal - Stichwort Korn (Dieses Jahr live am Nova Rock!) - war gerade am Kommen und ihre hardcorelastigen Tribal-Klänge passten in den Hype wie Arsch auf Kübel. Sänger/Gitarrist Max Cavalera brauchte da jedoch ein Ventil, um Dampf abzulassen und gründete gemeinsam mit Alex Newport von Fudge Tunnel Nailbomb - einen Industrial-Hardcore-Punk-Bastard mit offensiver Antikriegs-Message. Das Projekt war jedoch nur kurzlebig: Nach dem Album “Point Blank” (1994) und einem einzigen Live-Auftritt am holländischen Dynamo Open Air im Jahre 1995 war nach einem Jahr schon wieder Schicht im Schacht.
Wobei, so ganz stimmt das nicht: Schon 2017 waren Nailbomb - allerdings ohne Alex Newport - kurzzeitig wieder zurück, in Cavaleras Augen verlangte die damalige Zeit irgendwo zwischen Korruptionsaffären und Kriegen (Stichwort Pakistan, Saudi Arabien, Philippinen, Irak) einen wütend rasenden, musikalischen Gegenpol, einen Katalysator. Mit der damaligen Soulfly-Besetzung und seinen beiden Söhnen Igor Amadeus und Zyon betourte er mit “Point Blank” im Gepäck einmalig Nordamerika und Kanada.
Weltpolitisch geändert hat sich seitdem nur wenig: Heute ist auch der europäische Kontinent zerfressen von Kriegen und Korruption - Russland bombardiert die Ukraine und Israel hungert Palästina aus. Der passende Nährboden für Cavalera, um Nailbomb erneut auf die Bühne zu bringen.
Die Rückkehr von Nailbomb habe ich zum Anlass genommen, um mir die zahlreichen Nebenprojekte, die gerade im Metal immer wieder aufploppen, einmal näher anzuschauen (und zu hören). Nebenprojekte gibt es aus unzähligen Gründen: Sie können eine Möglichkeit sein, Dampf abzulassen, um sich vom Stress der Hauptband zu entziehen, neue Ideen zu erforschen, die nicht in die gewohnte künstlerische Vision passen, oder einfach nur eine Abwechslung, mit neuen Leuten, in einem anderen als dem gewohnten Umfeld kreativ zu werden. Auf den ersten Eindruck mag es so scheinen, dass Nebenprojekte von Natur aus mit weniger Einsatz und Engagement oder auch Druck verbunden sind - aber nicht selten können Nebenprojekte qualitativ mühelos mit den Hauptbands mithalten. Ich habe 10 Beispiele herauskristallisiert, die mehr als nur gelungen sind!
HatePlow war ein 1994 gegründetes Nebenprojekt von Phil Fasciana, Gitarrist bei den amerikanischen Kult-Death Metallern Malevolent Creation (Live am 12. Juli in der Livestage in Innsbruck!). Gemeinsam mit prominenten Mitstreitern - darunter Rob Barrett von Cannibal Corpse, Tim Scott von Revenant und Dave Culross von Suffocation - veröffentlichte er zwei Alben, “Everybody Dies” (1998) und “The Only Law Is Survival” (2000). Stilistisch bewegte sich HatePlow irgendwo im Spannungsfeld zwischen Napalm Death und den Kult-Grindern Terrorizer.
Spectral Voice ist das beinahe zeitgleich gegründete Nebenprojekt von einigen Mitgliedern der amerikanischen Death Metaller Blood Incantation - die übrigens diese Woche Sonntag in der SIMMCity spielen (Restkarten gibt es noch bei oeticket). Neben zahlreichen Splits mit Szene-Größen wie Phrenelith, Vastum, Undergang und natürlich Blood Incantation gibt es aktuell zwei Alben, “Eroded Corridors of Unbeing” (2017) und “Sparagmos” (2024): Während Blood Incantation nach den Sternen greifen, tauchen Spectral Voice klanglich ab in die tiefsten Alpträume von Death und Doom.
Down ist ein Anfang der Neunziger gegründetes Nebenprojekt von Phil Anselmo (Pantera), Jimmy Bower (EyeHateGod), Pepper Keenan (Corrosion of Conformity) und Kirk Windstein (Crowbar). Auf bisher drei Alben - “NOLA” (1995), “Down II” (2002), “Down III” (2007) - und zwei EPs (2012 und 2014) huldigt diese Supergroup ihre Heroen Black Sabbath, Saint Vitus und Led Zeppelin, allerdings mit einem starken Southern-Rock-Einschlag. Wurde es - insbesondere wegen der Rückkehr von Pantera - in den letzten Jahren eher still rund um Down, so hat man vergangenes Jahr bei Nuclear Blast unterschrieben und wird 2026 ein neues Album veröffentlichen!
Brujeria ist ein multi-nationales Projekt, das von Dino Cazares und Raymond Herrera (beide Fear Factory) 1989 ins Leben gerufen wurde, hochpolitisch ist und musikalisch irgendwo zwischen Grindcore und Death Metal changiert. Über die Jahre hinweg sind und waren Musiker von Szenegrößen wie Napalm Death, At The Gates, Carcass und Faith No More daran beteiligt und man veröffentlichte bis dato fünf Alben, zuletzt 2023 “Esto Es Brujeria”, das letzte Album mit Ur-Sänger Juan Brujo, der 2024 verstarb. Unbedingt auch reinhören in das Brujeria-Nebenprojekt Asesino!
Murder Squad ist ein 1993 gegründetes Nebenprojekt von Mitgliedern der schwedischen Kult-Bands Dismember, Entombed und Merciless, außerdem war Chris Reifert von Autopsy bei einigen Songs als Gast mit an Bord. Beide Alben - “Unsane, Insane and Mentally Deranged” (2001) und “Ravenous Murderous” (2003) haben zwar mittlerweile gut 20 Jahre am Buckel, sind aber immer noch eine erfrischende Hommage an sowohl den schwedischen, wie auch den amerikanischen Death Metal. Und angeblich soll bald neues Material kommen …
Meathook Seed war ein Industrial-Metal-Projekt, das 1992 vom Napalm-Death-Gitarristen Mitch Harris gegründet wurde. Am ersten Album “Embedded” (1993) waren auch die Obituary-Mitglieder Donald Tardy und Trevor Peres zu hören (Obituary spielen am 22. Oktober in der Arena), am zweiten Album “B.I.B.L.E.” (1999) Mitglieder von Benediction und Napalm Death - und der Sound wurde etwas zugänglicher.
Probot war ein Nebenprojekt von Dave Grohl: Grohl hatte sich mit Nirvana und Foo Fighters einen Namen gemacht, wollte aber seiner langjährigen Leidenschaft für Heavy Metal Ausdruck verleihen. Die meiste Musik für das einzige Album von Probot schrieb er selbst und rekrutierte für die einzelnen Songs unterschiedliche Sänger, die ihn beeinflusst haben - angefangen bei Cronos von Venom über Max Cavalera von Sepultura (und Nailbomb, hah!) und Lemmy von Motörhead bis hin zu King Diamond von Mercyful Fate. King Diamond spielt übrigens am 6. Juli in der Arena, Tickets gibt es bei oeticket!
Fantomas ist ein Nebenprojekt von Mike Patton (Faith No More, Mr. Bungle) samt zahlreicher Superstars, angefangen bei Dave Lombardo (Slayer) über Buzz Osborne (Melvins - live am Poolbar Festival!) bis hin zu Trevor Dunn (Melvins, Mr. Bungle, Tomahawk). Auf bis dato vier Alben - “Fantomas” (1999), “The Director's Cut” (2001), “Delirium Cordia” (2004) und “Supsended Animation” (2005) - gibt es herrlichen Lärm zu hören, mal cineastisch, mal asiatisch angehaucht. Sogar Megaseller wie Tool und Slipknot (live am Nova Rock!) zeigen sich stark von Fantomas beeinflusst!
Bloodbath ist ein Ende der Neunziger gegründetes Nebenprojekt von Mikael Åkerfeldt (Opeth), Dan Swanö (Edge of Sanity), Anders Nyström (Katatonia - live am 22. November in der SIMMCity) und Jonas Renkse (Katatonia) - über die Jahre hinweg hat sich jedoch das Line-Up immer wieder verändert, auch Peter Tägtgren (Hypocrisy) sang bereits für die schwedische Death-Metal-Maschine, aktuell ist Nick Holmes von Paradise Lost für den Gesang zuständig. Übrigens: Paradise Lost spielen im Oktober in Dornbirn und Wien, Tickets gibt es bei oeticket!
Kommen wir wieder zurück zu Nailbomb: Max Cavalera vorzustellen hieße, Eulen nach Athen zu tragen - etwas unbekannter ist jedoch sein (ehemaliger) Mitstreiter Alex Newport von Fudge Tunnel, mit dem er 1994 das einzige Album von Nailbomb, “Point Blank”, aufgenommen hat. Dabei hat Newport als Tontechniker und Producer sogar schon mit so Szenegrößen wie At The Drive-In, Melvins und Bloc Party zusammengearbeitet!
Anfang der Neunziger war seine Band Fudge Tunnel jedenfalls mit Sepultura auf Tour, und so begann er, gemeinsam mit Cavalera zu jammen - der Grundstein für Nailbomb war gelegt. Beide verband eine gewisse Punk- und DIY-Attitüde, bei Cavalera mit einer spürbaren Metal- und Hardcore-Schlagseite, während Newport begonnen hatte, eine Vorliebe für Sampling und elektronischer Spielereien zu kultivieren. Das Ergebnis war schließlich “Point Blank”, ein ziemlich räudig und fett aufgenommenes Album, für das sich insbesondere Cavalera auch vom politischen Diskurs und der Aggro-Message von Rage Against The Machine inspirieren ließ. Dass das Album, auch durch seine explizite systemkritische inhaltliche Komponente, ein zeitloser Klassiker werden sollte, war damals wohl für keinen der Beteiligten absehbar.
Beim damals einzigen Auftritt 1995 am holländischen Dynamo unterstützten Cavalera und Newport live auch eine wahre Prominenz an Mitmusikern - darunter Evan Seinfeld von Biohazard, Dave Edwardson von Neurosis und DH Peligro von Dead Kennedys.
Auch heute noch, 30 Jahre später (!), klingt Nailbomb großartig - aufgrund der Stringenz und Simplizität zeitlos, mit der Message zudem brandaktueller denn je. Allerdings sind Nailbomb nicht stumpf, sondern durchaus abwechslungsreich: Von Blastbeat über Groove bis hin zu Industrial-Stampfern wird da ein breites Potpourri geboten, das selbst Fans von Bands wie Nine Inch Nails (live am 27. Juni in der Wiener Stadthalle!), Prong oder Ministry begeistern wird! Wer im Sommer in der Szene dann neben Max Cavalera und seinem Sohn Igor Amadeus, der Alex Newport ersetzt hat, auf der Bühne stehen wird, bleibt allerdings noch ein wohl gehütetes Geheimnis …