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Donaufestival 2023: was man nicht verpassen sollte

15.02.2023 von Stefan Baumgartner

Wenn man – gerade über die deutschsprachigen – Landesgrenzen hinausblickt, haben Festivals immer noch etwas Abenteuerliches an sich. Ja, natürlich müssen gerade große Namen wie das ungarische Sziget, das spanisch-portugiesische Primavera oder das serbische Exit in ihrer Programmierung auch die Wirtschaftlichkeit mitbedenken – sprich: big names buchen –, beweisen aber spätestens ab der zweiten Reihe ein ureigenes Gespür für kontemporär Angesagtes oder unter vorgehaltener Hand von obskuren Musik-Connaisseuren Zugeflüstertes, das sich nicht alljährlich in einer vorhersehbaren Grundfadesse wiederholt und untereinander auch schon einmal spießen darf. Kein Problem, dass die avantgardistische Krachkapelle Boris aus Tokio gegen Måneskin anfährt, wie dieses Jahr eben am Primavera. Oder in Novi Sad der wahnwitzige Mahlstrom von Midnight dem Disco-Beat von Micka Life und TAM mit gebleckten Zähnen die Latschen auszieht. Oder, am Island of Freedom, das breite Spannungsfeld zwischen Viagra Boys, Mimi Webb, Yungblud und Billie Eilish abgedeckt wird.

Zwei hiesige Veranstaltungen, die – um Deichkind zu bemühen – wider die Natur des heimischen Festivaltreibens arbeiten, sind das Grazer Elevate und das Donaufestival in Krems. Beide Festivals verbindet viel: Sie sind beide Kunst- und Kulturfestivals, die einem breiten Spektrum an künstlerischen Ausdrucksformen einen Raum geben, und dabei auch und insbesondere KünsterInnen in den Vordergrund rücken, die in der Regel nur jene Individuen am Schirm haben, die in jeder Urlaubsdestination erstmal den Weg in den hiesigen Plattenladen suchen und ebda. nicht bei den schnöden Chart-Empfehlungen verharren, sondern in die Untiefen von schrägem Noise, Experimental und Avantgarde – gerne aus dem verruchten asiatischen Raum – hinabsteigen.

So wird am Elevate etwa die amerikanische Post-Industrial-Krachmusikerin Pharmakon alles, was andernorts für schiefes, partyeskes Mitgegröle sorgt, in chirurgischer Manie durch den Fleischwolf drehen, verwursten und rücklings ausspeien. Und auch das Donaufestival, das gestern die ersten Namen für beide diesjährigen Festivalwochenenden bekanntgab, gräbt tief in der Trickkiste und lässt mit einem fröhlichen „Krawutzi Kaputzi“ einen Klangkompost über Hammer, Amboss und Steigbügel purzeln, dass es eine helle Freude ist.

Denn: Wenngleich dem Donaufestival im Gegensatz zum Elevate zwar nicht nur ein übergroßer Diskurs nicht zwingend nötig erscheint (an dessen statt ein Programm in seinem diskursiven Charakter schon ausreicht), sondern auch die Klänge etwas verhaltener (oder: weniger verquer) sind, ist die Norm, die Normierung, die Normalität hier mit Hausverbot belegt. Nicht vorstellen muss man wohl den Namen Justin K. Broadrick, der in der Frühphase von Napalm Death die zwei Güterzüge Crust und Punk mit Vollkaracho gegeneinander rauschen ließ und hierauf unter dem Banner Godflesh – mit dem er auch das Donaufestival beehren wird – jedwede Genregrenzen in ihre Schranken wies und sich zuvörderst die Unberechenbarkeit auf die Banner heftete: ein grindiger, industrieller Lavastrom, der hämmert, groovt, vor Wut überschäumt und in sich selbst zerbirst. So in etwa klingt wohl die Apokalypse.

Abgesehen davon seien insbesondere vier Namen in den Raum geworfen, die es nicht zu verpassen gilt: Zebra Katz und yeule am ersten Wochenende vom 28. bis 30. April, Puce Mary und Debby Friday am zweiten Wochenende vom 5. bis 7. Mai.

Hinter Zebra Katz steht der jamaikanisch-amerikanische Rapper Ojay Morgan, der mittlerweile in Berlin beheimatet ist und bereits mit Damon Albarn und den Gorillaz auf Tour war. „Feelgood“ ist bei ihm nicht, seine Musik speist sich aus Industrial, Noise und Drone und weckt vor allem eins: ungute Gefühle und daraus eruptierend eine herrlich erfrischende Katharsis, nicht unähnlich einem Klistier.

yeule ist das Projekt der singapurischen Produzentin Natasha Yelin Chang – ein Potpourri aus Ambient, Glitch und asiatischen Post-Pop. Hier piept es, hier kracht es, das Geschick liegt hier darin, die Virtuosität im nicht-virtuosen zu finden. Das kann schon einmal bis zur Unhörbarkeit zu gehen, doch dann schieben Derivate der Popmusik querbeet, sodass fahrigen Zuckungen auch koordiniert ekstatische Tanzbewegungen folgen können. Dekonstruierter K-Pop, wenn Sie so mögen – niedlich, aber hinterfotzig.

Puce Mary heißt eigentlich Frederikke Hoffmeier und ist eine dänische Experimentalklangkünstlerin. Martialische Kraftmalerei und eine beklemmende Intensität ihrer Tracks sind ihr USP, nicht immer stehen bei ihr Extreme gleichbedeutend mit Lautstärke – vielmehr ist es ihr Geschick, eine verdammt ungut anmutende, cineastische Zwischenwelt inmitten von sedierenden Spoken Words und verstörenden, stoischen Stimmmanipulationen, hämmernden Industrial-Texten und Power-Electronics zu erschaffen.

Der vermutlich zugänglichste Name in meinen Must-Sees ist Debby Friday, eine nigeranische, in Kanada lebende Experimentalmusikerin. Zu metallenen Industrial-Beats singt und rappt sie über Gewalt und die Diskriminierung, die ihr Leben als queere schwarze Migrantin beherrschen, taucht aber auch ein in das Begehren erotischen Genusses. Das klingt alles hart, düstern, stählern, doch hie und da explodieren ihre Stücke auch in Sanftheit, so wie Federn, die aus einem Kissen hervorquellen. Nicht immer pulsiert und lärmt sie, mittlerweile hat sie gelernt, auch anmutig zu sein und setzt nur harte Worte gegen einen zerbrechlichen, wunderschönen Sound.

Musik kennt keine Grenzen – bei Musik geht es nur darum, diese auszuloten. The new frontier, sozusagen. Nicht jede Toleranz wird dafür bereit sein, wenn doch, wird sie jedoch reich belohnt werden.

ZUM DONAUFESTIVAL

 

 

ZUM ELEVATE
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