Bild: Dr. Mark Benecke
Ist Dr. Mark Benecke am Werk, ist es meist zu spät: Er ist Deutschlands berühmtester Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie. Ihm gelingt es aber auch wie keinem zweiten, sein Fachwissen virtuos dem lebenden Laien zu vermitteln: Seine spannenden Vorträge sind ein Pflichtbesuch für alle “Dexter”-Fans und all jene, denen bei der Netflix-Anthologie “Monster” über Ed Gein gerade das Popcorn im Halse stecken bleibt.
Eine von Insekten übersäte Leiche: Für die meisten blanker Horror, für Dr. Mark Benecke lediglich Arbeitsalltag. Das Thema “Tod” begleitet den Forensiker jahraus jahrein, Krabbelviecher und eine Vielzahl an anderen winzigkleinen Spuren und Indizien erwecken den Leichnam vor seinen Augen wieder zum Leben: Wenn man genau hinschaut, erzählen auch Tote eine Geschichte. Man kann bekanntlich nicht nicht kommunizieren.
Bereits im März 2018 durfte ich mich mit ihm über das Thema austauschen, das heute ein breites Publikum fasziniert: True-Crime-Podcasts boomen, Serien wie “Dexter” (Paramount) und die dritte “Monster”-Staffel über Ed Gein (Netflix) verzeichnen Streaming-Rekorde. Und auch die Serienmörder-Ausstellung in Berlin, die in enger Zusammenarbeit mit Dr. Mark Benecke und einem wahren Mörder, Nico Claux, kuratiert wurde, verzeichnet einen Besucherandrang, der Grenzen sprengt - mehr Hintergrundinformationen findet ihr [an dieser Stelle] bei uns am HEADLINER.
Im Gespräch gibt uns Dr. Benecke lebendige Einblicke in die Welt der Toten, über Kannibalismus und Hitlers Schädel. Da das Gespräch bereits 2018 geführt wurde, wurde es behutsam angepasst.
Beides. Charakter-Anlagen sind erstens oft genetisch, das zeigt sich in Studien mit getrennt aufgewachsenen Zwillingen. Zweitens sind sie durch frühkindliche Einflüsse bewirkt ("Gehirnreifung"), und drittens dann durch die Chancen und Entscheidungen des erwachseneren Lebens. Das Zusammenspiel ergibt das Ergebnis.
Nein. Es gibt immer Menschen, die sich für superschlau halten, aber das heißt nicht, dass sie es auch sind.
Frauen “töten” wohl eher sozial, indem sie eine Person vollkommen unmöglich machen und damit “ausschalten”. Das mag an unterschiedlicher Muskelkraft oder irgendwelchen Gender-Dingen liegen. Es gibt genügend Serientaten, die nicht Morde sein müssen, aber mörderische soziale Folgen für die Betroffenen haben.
Einen Reiz, menschliche Artgenossen zu essen, sehe ich nur zwischen stark bindungsgestörten Menschen, die das Gedankenbild, jemanden “zum Fressen gern haben” etwas zu wörtlich nehmen. Sonst nicht. Chemisch gibt es natürlich keinen nennenswerten Unterschied zwischen Menschen-, Schweine- und Rindergewebe. Ein Schnitzel ist eine Leichenscheibe mit Leichenknochen, Gulasch sind Leichenmuskelwürfelchen, Wurst ist oft reichlich Leichenfett in Leichendarm. Sozial gesehen ist es aber ein Riesen-Unterschied. Menschen lieben halt künstliche, unlogische Grenzen, die ihnen das Leben einfacher machen.
Solange nicht “Menschenfleisch” drauf steht, interesseriert es wohl nur wenige. Im Krieg ist es auch recht egal, wen man erschießt, solange man auf der Seite der “Guten” ist. Menschen sind sehr stark darin, die Wahrheit auszublenden. Du kannst auf Schachteln und Plakate drucken, was du willst – wenn da nicht der Prozess der Einsicht vorher eingesetzt hat, passiert nichts.
Menschen sind ein sehr, sehr guter Witz. Sie sind, wie sie sind, und sie haben ihr zeitweises Plätzchen auf der Erde. Es gibt evolutiv gesehen keinen höheren Sinn, sondern einfach das Dasein. Kölsch gesagt: Et is wie et is. Nicht mehr, nicht weniger.
Ich mag Klarheit und Wahrheit, so wie ich auch jeden Tag das Klo und die Badewanne putze und die Socken alle ordentlich aufräume. Ansonsten ist es mir zu kompliziert. Wenn das einem großen Zusammenhang dient, ist es gut. Meine Motivation ist aber einfach Ordnung und Prüfbarkeit. Das ist vielleicht ein Charakterzug.
Es ist wie in der Außenpolitik: Erstmal muss der Gesprächsfaden angeknüpft (oder nicht durchschnitten) sein. Mein Team und ich bilden daher gerne Große, Kleine, Dicke, Dünne und auch sonst fast alle aus, auch Polizist*innen. Ich gehe auch in den Knast. Wir reden immer und mit allen über Fälle und Wahrheit, nicht über politische oder religiöse Werte. Natürlich darf keine*r allzu fest davon überzeugt sein, dass eine Spur gleich etwas über den Lauf der Welt aussagt. Wenn wir das hinkriegen, dann können wir alle miteinander reden.
Zu Empathie, Rassismus und Hass: Ich war zweimal bei PEGIDA-Veranstaltungen in Dresden, einmal zu Weihnachten auf dem Theaterplatz vor der historischen Kulisse der Elbflorenz und auch auf dem schönen Platz vor der wieder aufgebauten Frauenkirche. Was ich dort gelernt habe: Hass, wenn er einmal aufkocht, ist universell. Er bahnt sich seinen Weg. Wenn es das Ziel von Ausländerfeind*innenen nicht gebe, würden sich die überängstlichen Menschen eben ein anderes Ziel für ihre Angst, die in Hass umgeschlagen ist, suchen.
Aus dem “kriminalbiologischen” und “rassenhygienischen” Bullshit der Nazis und anderer Menschen, den ich mir tief und gründlich angesehen habe, aber auch aus den Aussagen von Tätern und Opfern aktuellerer Genozide - besonders dem in Ruanda - kann ich als Vorbeugung gegen Vorurteile jeder Art nur empfehlen, rumzureisen und mit Menschen in allen möglichen Regionen so viel wie möglich zu arbeiten. Das war schon immer so: Handel bringt Frieden, Reisen bringt Verständnis.
Zu Berufsständen kann ich nichts sagen, da ich Motorrad fahrende Anwält*innen, saucoole Polizist*innen, obrigkeitshörige Büro-Angestellte und schwer verbohrte angeblich liberale Menschen kenne. Ich stärke einfach die positiven Kräfte und biete negativen Menschen Daten und Tatsachen an, die ihnen hoffentlich ein wenig Angst nehmen. Mehr kann ich nicht tun.
Ist mir egal. Ich möchte nur nicht durch Witze eine Lebenshaltung eingerieben bekommen, die unsozial ist. Daher meide ich Witze, sondern rede lieber Klartext.
Selbstverständlich. Die kontrollierte Arbeit mit entlassenen Sexualstraftätern senkt das Rückfallrisiko um zehn Prozent auf grob fünf Prozent. Die “Prozente” sind echte Menschen, die nicht Opfer und nicht Täter geworden sind. Die Programme “Nicht Täter werden” und weitere in Deutschland beugen sogar wirksam schon der ersten Tat vor. Gesundheitsprävention ist auch wichtig, gerade mit Blick auf psychische Krankheiten. Außerdem würde es unter anderem wegen Amokläufen an Schulen helfen, über Narzissmus zu reden, statt sich auf Mobbing einzuschießen, denn kein einziger Schulattentäter war Mobbingopfer. Man muss diese Probleme offen ansprechen, und das in einer Form, die sinnvoll und konstruktiv ist – also ohne Hetze oder Weltanschauung. Dazu die Fähigkeit zu diplomatischen Prozessen, so dass man die andere Seite wirklich versteht. In Skandinavien, wo es Geldüberschüsse und lange eine liberale Politik gab, wird massenhaft Geld in Prävention und Aufklärung gesteckt – und das funktioniert super. Am Ende ist Vorbeugung immer menschlicher und kostet weniger Geld als die Jagd nach Verbrecher*nnen.
Weil ich es am längsten mache, auch mit den Studierenden in den Trainings: Blutspuren und komplizierte DNA-Tatorte. Ein Beispiel: Ich habe auch schon doofe Fehler gemacht (und behoben), aber auch viele vermieden, beispielsweise die in Deutschland teils verbreiteten, verunreinigten Wattestäbchen für Abriebe. Wir testen einfach unser Material.
Unser Trick ist, dass wir im Team alles, auch einen 20 Aktenordner umfassenden Bericht, auf das Wesentliche, das Klare, die grundsätzlichen und darstellbaren Spuren einschmelzen. Dieses “Hinwegschneiden”, Zusammenschmelzen, Eindampfen, das liebe ich, auch am Tatort. Da Blut beispielsweise manchmal als selbstverständlich vorhanden gilt - “Kein Wunder bei der Verletzung!” - und Erbsubstanz auch an den verrücktesten Stellen abgelagert werden kann (Alltagsgegenstände), liebe ich die sozusagen übersehenen, aber eigentlich mitten im Bild steckenden Spuren, sozusagen den Fehler im Erwarteten, die Besonderheit im scheinbar Normalen. Bei Blutspuren kann das Blut das des Täters sein, das mitten im Blutspurenfeld der Opfer ist - doch wie erkenne ich das? Manchmal nur an der Form der Tropfen oder Spritzer. Bei Erbsubstanz ist es beispielsweise die Unterseite des Tisches, weil der verschoben worden sein muss - und irgendwer muss an diese hölzerne Kante (oder die Duschabtrennung, den Glasperlenvorhang, ... ) gefasst und damit Spuren hinterlassen haben.
Meine Kolleg*innen, die mit Fasern und Fingerabdrücken arbeiten, bewundere ich auch. Ich hatte mal einen Schlapphut-Fall, der nicht polizeilich bearbeitet werden durfte, bei dem wir 25 Jahre alte Hautlinien in einem alten Bibliotheksbuch gefunden haben, das ein Terrorist damals angefasst hatte und das nun die einzige Vergleichsspur zu seiner Identifizierung war. So etwas macht Spaß.
Datensammlung hat nichts mit Überwachung zu tun: Ein Rezeptbuch ist auch eine Datensammlung. Überwachung führen Menschen durch, die Daten verknüpfen. Um zu verhindern, dass das missbraucht wird, geht man am besten wie bei Betriebssystemen von Rechnern vor: Einfach die Software offen legen, dann gibt es auch keine Viren, denn viele Menschen schauen dauernd auf den Code. So ist es auch mit Datensammlungen: Sie müssen offen gelegt und kontrolliert werden.
Jeder Arbeitsschritt verändert Spuren - das ist nicht schlimm. Bein Kochen verändern sich auch die Ausgangsstoffe, aber hoffentlich kennt der Koch, die Köchin ihr Material und kann den Prozess steuern, so dass etwas Gescheites dabei rauskommt.
Als Biolog*innen haben wir es mit vielen Umwelteinflüssen zu tun: Feuchte, Bakterien, Insekten, Wind, Rettungsdienst, ... Wir orientieren uns einfach: Stammt die Schuh-Spur vom Rettungsdienst oder einem Unbekannten? Haben die Maden Sperma des Täters aufgenommen und können wir es aus dem Madenmagen holen? Hilft die Vertrocknung, eine Wunde zu erhalten oder ist die “Wunde” im vertrockneten Gewebe erst nach dem Tod durch Insekten entstanden? Das ist unser Job, da gibts keine Pros und Cons, sondern nur den Stand der Dinge und Spuren, durch den wir uns durchtüfteln. Ärmel hoch und zack.
Die meisten Universitäten scheuen den Aufwand und die öffentliche Aufmerksamkeit, der mit einer Body Farm zusammenhängt. So kommt es, dass es nur eine Body Farm dauerhaft gibt, eben die in Tennessee. Wir erheben unsere örtlichen Daten an anderen Leichen: Hunden, Schweinen oder was der Tierarzt halt hat. Außerdem werten wir die Daten von menschlichen Leichenfunden aus. Es ist nicht perfekt, aber was ist schon perfekt? In der Biologie sind wir es gewohnt, Umwelteinflüsse und Schwankungen zu verstehen und in Gutachten offen darzulegen. Ehrlichkeit siegt.
Ich habe keine Landkarte, ich denke nur von Bahnhof zu Bahnhof oder von Flughafen zu Flughafen. Das ist wie am Tatort: Den kenne ich ganz genau, was räumlich dazwischen liegt, nicht. Meine Weltkarte besteht aus den Orten, an denen ich arbeite: Hochiminhstadt, Manila, Seattle, New York, Neustrelitz, Stuttgart, Rügen, Finsterwalde - wie Stecknadeln in einer Landkarte.
Der US-Profiler Robert Ressler hat einmal gesagt, es gebe einen bestimmten Menschenschlag, der sei sehr gut in dem was er macht, doch er könne nur “Chirurg, Kriegsheld, Fleischer oder Serienmörder werden”.
(lacht) Er meinte natürlich Psychopathen. Robert Ressler hatte eine Neigung zu Bonmots, ich würde das nicht überbewerten. Ich hatte beispielsweise mal einen Fall zusammen mit ihm in Ciudas Juárez: Sehr viele tote, jüngere Frauen. Abends beim Bier hat er mir gesagt: “Mark, wir werden uns wohl nicht mehr wiedersehen” – er war sehr alt –, “aber hier noch mein Rat für dich: Schreibe niemals einen schriftlichen Antrag. Andernfalls könnte er abgelehnt werden.” So war er halt. Ein Körnchen Wahrheit steckt natürlich drin: Um das Herz eines Babys zu operieren, muss man schon sehr konzentriert und gefühlsarm sein, sonst heult man wohl die ganze Zeit.
In Filmen sind meist viele Jobs – von Ermittler*n über Rechtsmediziner*n bis hin zum Biologen und zur Biologin – in einer Figur zusammen gezogen. Das ist natürlich Quatsch.
Wir haben die Röntgenbilder des Kopfes von Hitler, damit auch das seiner Zähne aus dem Jahr 1944, als Hitler noch lebte, mit seinen Zähnen in Moskau verglichen. Da die Zähne sehr viel Metall enthielten, waren sie leicht zu identifizieren.
Ja, Hitlers Vorfahren sind vermutlich nordafrikanische Juden, das haben Kolleg*innen aus der DNA seiner Verwandten herausgerechnet. Schädelvermessungen sind aber natürlich Nonsens, da die zugeschriebenen Charakter-Züge nie doppelt verblindet nachzuweisen waren. Menschliche Rassen gibt es nicht. Das erkennt man am leichtesten, wenn man gedanklich zu Fuß über den Erdball spaziert: Es gibt nur leichte Unterschiede von Tag zu Tag der Wanderung, keinerlei scharfe Trennungen der äußeren Merkmale. Heutzutage ist es eh Schmarrn, weil sich alle geografisch gehäuft zufällig auftretenden Gene nebst ihrer Träger*nnen bunt mit anderen mischen.
Von meinen Vorträgen ist der über Hitler derjenige, der mit Abstand am seltensten gewählt wird. So groß kann die Aufregung und das Interesse also nicht sein, wenn selbst die “Plötzliche Selbstentzündung von Menschen” deutlich mehr Fans hat.
Es sollte sich schon jeder ab und zu fragen, was er an einem Clown auf Speed (Hitler war amphetaminabhängig) und seinen Kumpanen - Göring war so morphiumsüchtig, dass man ihn nach dem Krieg nicht auf Entzug kriegte, Göbbels hatte einen Klumpfuß, faselte aber von genetisch überlegenen Menschen - so interessant sein könnte. Doch wohl am ehesten, dass man Menschen zuhört, die offensichtlich sehr, sehr schwere Probleme haben.
In Entenhausen spielen gut und böse keine Rolle, wir Donaldisten erforschen eher die Stromspannung, das Klima, Veonkelungs-Effekte und die Radioaktivität. Die Panzerknacker sind ja im Herzen ganz niedlich und träumen nur ein einziges Mal von der Weltherrschaft, aber erst, falls ihnen die Kohldampf-Insel gehört. Aber selbst die kriegen sie nicht …
Vermutlich, dass sie gespürt haben, dass sie nicht unsterblich sind.
Nö, es sind Gratis-Bonus-Runden, wie beim Flippern. Man sollte sich drüber freuen und was Gescheites damit anstellen.
Menschen glauben an höhere Gerechtigkeit, dass der Schornsteinfeger Glück bringt, dass Öl das Wasser besänftigt, dass Verwandte aus dem Himmel auf sie schauen, dass Hexen nicht über geöffnete Scheren steigen können und dass ihr Fussballverein wirklich der beste ist. Solange es niemanden stört und bedrängt, kann jede*r glauben, was sie oder er will, warum auch immer.
Mahlzeit.
Zwei spannende Vorträge hält Dr. Mark Benecke diesen Winter in Österreich:
Am 5. Dezember heißen wir ihn zum Thema “Mord im geschlossenen Raum” im Linzer Posthof willkommen, die Veranstaltung ist jedoch bereits ausverkauft. All jene Besucher*innen, die sich ein Ticket sichern konnten, dürfen sich unter anderem darauf freuen, dass Dr. Benecke sie direkt an einen Tatort führt: Sechs Jahre nach einem Mord in einem komplett geschlossenen Raum stellt sich bei der Wohnungsdurchsuchung heraus, dass alles sehr anders gewesen sein dürfte als man zunächst denken könnte. Marks Student*innen staunen, als die das Haus auseinander nehmen …
Am 6. Dezember entführt Dr. Mark Benecke im Salzburg Congress zu “Kriminalfälle am Rande des Möglichen”: Am Rand liegen die Fälle, die selbst den Kolleg*innen von Dr. Benecke zu schräg werden: Kann man Menschen mit Körperteilen töten? Hat ein Mann, der mit Waffen handelt und ein Bordell betreibt, dieses eine Mal wirklich nicht auf den nun toten Mann in seiner Bar geschossen? Können Polizisten Spuren so fälschen, dass genau derjenige, der als letzter mit der nun toten Frau gesehen wurde, zu Unrecht in Verdacht kommt? Die Antworten sind kniffelig, aber spannend - solange man dabei nicht denkt, sondern die Spuren ohne Annahmen zum Sprechen bringt.
Welche Veranstaltungen in den nächsten Monaten für True-Crime-Fans noch interessant sein könnten, erfahrt ihr in unserem aktuellen HEADLINER-Artikel über die “Serial Killer”-Ausstellung in Berlin.