Bild: Live Nation
Wäre der Begriff der „Powerfrau“ nicht so ausgelutscht und selten dämlich, Poppy, Witch Club Satan und Darkened Nocturn Slaughtercult wären das perfekte Beispiel dafür.
Wenn man in Österreich sprichwörtlich sagt, jemand „wisse, wo der Bartl den Most holt“, heißt das, dieser jemand kenne alle Kniffe und wisse, wo es langgeht. Neben möglichen Herleitungen dieser Redensart aus dem Weinbau und der Gaunersprache gilt folgende etymologische Erklärung für wahrscheinlich: Im Niederdeutschen ist Batheld („der Bartl“) der Storch. Weiß jemand, woher dieser die Mäuse („den Most“) – also die Kinder – herholt, dann ist er aufgeklärt und kann auf Erfahrungswerte zurückblicken.
Wenn man nun also sagt, es gibt da exemplarisch (!) drei Künstlerinnen, die sogar dem sprichwörtlichen (männlichen) Bartl zeigen, wo man den Most herholt, ist das beileibe keine rückwärtsgewandte, sexistische Weltsicht – im sklavischen Sinne von „Schatz, hol mir ein Bier!“ –, sondern vielmehr ein Ausdruck davon, dass eine weiblich gelesene Person einem Mann zeigt, wo der Hammer hängt. Punktum. Lange Zeit hat man dazu „Powerfrau“ gesagt, und auch heute noch klingt diese Begrifflichkeit verlockend, dabei steckt die Abwertung schon in der Wortkomposition – ein Begriff so sperrig und falsch, wie der des männlichen CEO-Wolfrudels, dass man dringend die heiße Luft aus ihm rauslassen muss. Bei einer „Powerfrau“ wird nämlich impliziert, sie hätte es geschafft, ohne Jammern auf Augenhöhe mit Alpha-Männern zu stehen – ein „Girlboss“ im toxischen Mix aus American Dream und Wohlfühlfeminismus. Quasi ein Energiebolzen trotz ihres Geschlechts. Ob das feministische Synonym der „Boss Bitch“ (Katja Krasavice, Doja Cat) so viel besser ist, kann man durchaus diskutieren – oder die Schubladisierung einfach ganz negieren und einfach (zum Beispiel) Künstlerinnen exponieren, die eben: dem Bartl zeigen, wo man den Most herholt.
Bereits in der Zeit meiner Adoleszenz, in den Neunzigern, begann das eigentlich archaisch-männlich dominierte Bild des Heavy Metals langsam aufzubrechen und plötzlich standen da nicht nur bärtige Zottelmonster auf der Bühne, sondern auch Frauen: zumeist „abgeschoben“ auf die zu Unrecht gering geschätzte Position einer Bassistin, wo man „eh nicht viel falsch machen kann“. Immerhin wurden die meisten – wie etwa Jo Bench von Bolt Thrower oder Doris Yeh von Chthonic – positiv aufgenommen, wurde ihnen attestiert, dass sie „Eier“ hätten. Heute ist man ob dieser Formulierung natürlich etwas schlauer.
Später kamen dann auch „female fronted“ Bands, also Bands mit Frauen an der Poleposition des Gesangs – zwischen guttural wie bei Arch Enemy (Angela Gossow, Alissa White-Gluz) und symphonisch wie bei Nightwish (Tarja Turunen, Floor Jansen) – nach. Dies hinterließ dann doch ein zwiespältiges Gefühl: Nicht selten war der Eindruck des „optischen Aufputzes“ vorherrschend, zudem war das Exponieren der „seltenen Tatsache“, des Alleinstellungsmerkmals einer weiblichen Sängerin irgendwie plump und schrecklich binär. Mittlerweile – Stichwort Jinjer, Infected Rain, Venom Prison, Esculea Grind – ist es glücklicherweise schon mehr en vogue und weniger Verkaufsargument.
Dass der Gendergap jedoch noch lange nicht geschlossen ist, ist wahr: Insofern ist das „Loud + Proud“-Festival, das am 21. und 22. November erstmals im Wiener Flucc über die Bühne geht, anerkennend hervorzuheben. Es ist dies ein „Metal-Festival für alle, die sich bisher nicht gesehen fühlten“, im Vordergrund stehen (zwölf) Bands, deren Mitglieder*innen vielfältig und nicht ausschließlich männlich sind, Künstler*innen, die zeigen, „wie abwechslungsreich, eigenständig und kraftvoll dieser Musikstil“ sein kann – und das „fernab stereotyper Männlichkeitsbilder“.
Neben den Konzerten erwartet die Besucher*innen auch die Möglichkeit zum Diskurs sowie Drag-Performances, das musikalische internationale Programm zeigt eine spannende Bandbreite zwischen neo-klassizistischem Doom (Divide And Dissolve, Australien), psychedelischem Fuzz (Lurch, Österreich), dröhnend verzerrten Entrückungen (Pfarre, Österreich), okkultem Flair (Scimitar, Dänemark), Mittelalterklängen (The Divine Accolade, Deutschland), NWoBHM mit The Devil’s Blood-Schlagseite (Tower, Amerika), sowie infernalischem Black Metal: Witch Club Satan aus der Black-Metal-Wiege Norwegen haben erst im September das Backstage in München (nebst zahlreichen anderen Europa-Terminen) restlos ausverkauft und wurden sogar von Avatar als Vorband für ihre kommende Headliner-Tour, die sie im März auch in die Raiffeisen Halle im Gasometer führt, ins Vorprogramm verpflichtet. Die intensivere Erfahrung dieses durch Mark und Bein pflügenden Feuers ist aber freilich im intimeren Rahmen des Loud + Proud zu erleben.
Über Witch Club Satan war vergangenes Jahr im Metal Hammer zu lesen: „While their sound is rooted in raw chaos, it’s fuelled by a unique and powerful perspective: female rage. The Norwegian trio take inspiration from injustices aimed at women over generations, reclaiming words that have been used to diminish them – ‘witch’, ‘hysterical’, ‘whore’, among others – to find empowerment within themselves.” Und tatsächlich: Blickt man auf die Geschichte der Frau in der Gesellschaft zurück, müsste man eigentlich schreien – vor Wut und Verzweiflung. Lange und nach wie vor werden viele dieser Aufschreie jedoch belächelt und negiert, Witch Club Satan ist jedoch schwer zu überhören.
Auch wenn ihre thematische Wurzel in der Zeit der Hexenprozesse – siehe dazu auch mein Artikel [hier] – begraben ist, so greifen sie auch aktuelle Zeitgeistthemen – etwa die Klimakatastrophe und den Gaza-Konflikt – auf, versteht sich Witch Club Satan immerhin alles andere als apolitisch: „Wenn man in dieser Zeit Kunst macht, muss man das Globale ansprechen, muss man zeigen, wofür man steht.“ Und ein Einstehen für Menschenleben und Menschenrechte, das mag im Black Metal vielleicht ein neues, aber hehres Ziel sein: „In einer Welt, die stark von aggressiver Machokultur geprägt ist, werden Zugehörigkeit, Empathie und Liebe zu Kräften des Widerstands an sich.“
Klanglich ähnlich, dabei ohne die sozio-politische Schlagseite gerät Darkened Nocturn Slaughtercult, eine deutsche Black Metal-Band, die neben unter anderem Bolzer und Misthyrming als Headliner für die fünfte Ausgabe des „The Fall“-Festivals verpflichtet wurden, das am 21. März in der Wiener Szene über die Bühne geht.
Bereits 1997 legte Gitarristin und Sängerin Onielar den Grundstein zu dem, was Darkened Nocturn Slaughtercult werden soll – nämlich eine Fortsetzung des räudigen, ursprünglichen, skandinavischen Black Metals fernab einer Überflutung mit Gothic-Ballast. Genährt aus einem Fundament irgendwo zwischen DarkThrone und Marduk pendelt sich seit ehedem ihr „purer Hass“ und ihre „gelebte Misanthropie“ ein – und mit Black Metal dieser Machart verhält es sich ja paradoxerweise ähnlich wie mit Gottesdiensten in der Kirche: Der Fromme erwartet hier wie dort der Unfromme keine Revolution, sondern eher kollektive Hingabe – und Onielar gewährt exakt dies, in schwarzmetallischer Entsprechung. Höre ich einen Song wie „Exaudi Domine“, dann glaube ich nur allzu bereitwillig, dass es sich bei der Furie um eine Widergängerin handelt, die angesichts all des menschlichen Frevels nur Grimm und Groll hegt – und danach trachtet, mit ihrer Stimmgewalt all Lebenslicht auszuhauchen. Das klingt vielleicht radikal, in der Konsequenz auf lange Sicht aber möglicherweise konstruktiv: Auch ein Phönix entstieg der Asche.
Zugegeben, von den beiden zuvor genannten Künstlerinnen ist Poppy - ebenfalls am 21. März, allerdings in der Raiffeisen Halle im Gasometer - ein Eck entfernt, ihr Sound breitentauglicher: Die provokative Performancekünstlerin, Videoregisseurin, Autorin von Science-Fiction-Comics und Musikerin, die spielerisch zwischen brachialen Metal-Breakdowns und süßem 60er-Jahre-Bubblegum bis hin zu Trap-Pop und Grunge-Punk springt, ist dennoch eine Künstlerin, für die es absolut keine Grenzen gibt, wenn es darum geht, das Kaleidoskop ihrer künstlerischen Vision auszudrücken. Das klingt mal nach Kawaii-Barbie und J-Pop, dann auch wieder nach Babymetal oder Gwen Stefani in der No-Doubt-Ära - oft im Stile, der dem Geist von David Lynch, Tim Burton oder Andy Warhol entsprungen sein könnte. Dabei stellt sie in ihrer Musik nicht selten die richtigen Fragen: So heißt ihr zweites Album etwa “Am I a Girl?” - eine Frage, der auch sie sich selbst stellte, um schließlich zum Fazit zu kommen: "I am a girl, but I believe everyone should be able to identify with whatever they choose."
Kein Wunder, dass Poppy da auch im "Mainstream" Anerkennung findet: Ihre GRAMMY-Nominierung 2021 für die beste Metal-Performance (für “Bloodmoney”) war die erste Nominierung einer Solokünstlerin in dieser Kategorie, 2025 erhielt sie ihre zweite GRAMMY-Nominierung für die beste Metal-Darbietung für ihre Zusammenarbeit mit Knocked Loose ("Suffocate") - und ihr aktuelles Album “Negative Spaces” wurde von Jordan Fish von Bring Me The Horizon produziert: Das hört man auch raus, ebenso ihre Kollaborationen mit Knocked Loose und Bad Omens haben Spuren hinterlassen und selbst Fans von Igorrr dürften bei einem Chamäleon wie Poppy in den endlosen Zyklen voll von Wut, Frust und Selbstzerstörung aufgehen - während Fans von etwa Ethel Cain die düsteren, facettenreichen Intermezzi voll von fragiler Schönheit zu schätzen wissen.