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"Heimsuchung": ein Kunstfilm über die Hexenverfolgung und Femizide

25.03.2025 von Stefan Baumgartner

Österreich hat ein Gewaltproblem - primär mit Gewalt von Männern an Frauen*. Deswegen agiert seit Ende 2021 das Kollektiv “Aufstand der Schwestern” mit Aktionskunst gegen die vergeschlechtlichte Gewaltsituation. Dabei meint “Schwester” kein biologisches Verwandtschaftsverhältnis, sondern einen solidarischen Vibe: “Wir sind alle Schwestern, egal woher oder cis/trans, es braucht Zusammenhalt und Empowerment im Kampf gegen herrschende Verhältnisse!”

Meine Gesprächspartnerin zum Thema ist Sarah Held, Kulturwissenschaftlerin und Kunstschaffende: Sie arbeitet unter anderem als PostDoc an der Akademie der bildenden Künste und interventiert feministisch-künstlerisch mit dem Aktionskollektiv “Aufstand der Schwestern” gegen Femizide - gezielt misogyn motivierte Gewaltverbrechen. Anlass unseres Gespräches: Nach einigen Performances auch im öffentlichen Raum, darunter der “Pinke Kreuzzug” zuletzt im März 2024 in Wien und die “Heimsuchungen” im Juli 2023 im Lungau, liegt mit “Aufstand der Schwestern: Heimsuchung” nun auch ein knapp 30-minütiger Kunstfilm vor, der aus der zuletzt benannten Performance entwickelt und gemeinsam mit dem Musiker und Produzenten fazo666fazo (Baits, DeathDeathDeath, Bipolar Feminin, Lovehead, u.v.m.) realisiert wurde. Der Film premiert am 4. April im Wiener Gartenbaukino.

Die wahre Erzählung, die als “Drecksheimatfilm” umschrieben wird, erzählt die Geschichte des “Aufstands der Schwestern”: Sie reicht zumindest bis in die frühe Neuzeit zurück, bereits damals leisteten die Schwestern Widerstand gegen Männer, die Inquisition und den ganzen Wahnsinn. Im späten 17. Jahrhundert nahmen die willkürlichen Gewaltexzesse, die Verleumdung und das Lynchen von Frauen als Hexen europaweit langsam ab. Außer in Österreich: Das Bistum Salzburg blieb eine Hochburg für Hexenverfolgung - allein im Jahr 1676 wurden 97 Frauen als Hexen denunziert und getötet. Eine ganz besonders rückwärtsgewandte Gegend war der Lungau, insbesondere auf Schloss Moosham folterte und mordete ein fleißiger Sadist gegen die Zeitenwende an.

Aber Österreich gilt bis heute als Land der Femizide und als Land des Faschismus. Also sind nach fast drei Jahrhunderten die Ahnfrauen des “Aufstands der Schwestern” zurück: Um ihre Schwestern zu befreien - und auferstanden, um das teuflische Patriarchat aus den Köpfen zu vertreiben und seinen Schergen zu exorzieren.

Im 17. Jahrhundert nahm das Lynchen von Frauen als Hexen europaweit langsam ab. Außer in Österreich, speziell im Bistum Salzburg. Wieso war gerade dort die Hochburg der Hexenverfolgung?

Wir gehen in der Performance von der Legende des sadistischen Richters (sog. Pfleger wegen Pfleggericht) von Schloss Moosham aus und schreiben diese mit feministischer Aktionskunst neu - haben den Namen vom Täter aber bewusst vermieden.

Im Salzburger Lungau gab es schon immer aufgrund der dortigen Geographie sehr starke und unterschiedliche Wetterphänomene. Sogenannte Wetterzauber waren sehr häufig Anklagegründe. Beispielsweise war auch bei der Performance in Tamsweg über mehrere Stunden Weltuntergang, inklusive zusammengebrochenen Handyinternet, und dann rechtzeitig gegen Abend wieder Sonnenschein.

Woher kommt eigentlich die Vorstellung, eine Frau sei eine Hexe?

Aberglaube! Die Bezichtigungen haben viele Gründe, so konnte es bereits ausreichen, wenn eine Frau einen Verehrer abwies und dieser sie dann aus gekränktem Ego und im ohnehin schon aufgeladenen Klima gegen Frauen irgendwelcher Hexenbeweisbelege aus dem Hexenhammer als eine sogenannte Hexe denunzierte. Das löste die Prozesse schon aus. Beim Lesen des Hexenhammers, eine Art Hexenbestimmungs- und quasi Exorzierlehrbuch aus dem späten 15. Jahrhundert, geht eine regelrechte Besessenheit von sexuellen Ritualen hervor und diese werden auch sehr detailliert beschrieben. Auch Impotenzzauber beschäftigten die freiwillig zölibatären Kirchenmänner sehr.

Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, warum manche Männer zu Tätern werden? Sind es soziale, psychologische oder biologische Faktoren?

Ich bin Kulturwissenschaftlerin und habe in meiner Doktorarbeit zu soziokulturellen Faktoren, die Femizide begünstigen, gearbeitet. Das ist nachlesbar in „Zur Materialität des feministischen Widerstands. Textile Agency gegen sexualisierte Gewalt/Femicides“.

„Gewalt an Frauen ist ein Männerproblem“: Was können wir, als Männer, leisten und tun, speziell die, die nicht als Täter in Erscheinung treten?

Alle freilaufenden Gewalttäter zwangskastrieren (lacht).

Gibt es Fehler oder Übertritte, die auch bei sensibilisierten Männern immer wieder zu finden sind?

Alle machen Fehler – die sind nicht unbedingt ans Gender gebunden. Es sind aber vor allem Cis-Männer.

Dem Thema zum Trotz salopp formuliert: Was früher die Hexenverbrennungen waren, wird heute Femizid genannt. Auch dabei ist Österreich – mit Stand heute: bereits vier Femizide 2025 – Spitzenreiter: Eigentlich galt lange Zeit Österreich innerhalb Europas als Vorreiter im Gewalt- und Opferschutz. Was läuft in Österreich heute und in den letzten Jahren falscher als in den Ländern rund um uns herum? Was sind die Hauptursachen? Welche politischen oder gesellschaftlichen Versäumnisse haben zu dieser Entwicklung geführt?

Gerade seit der türkis-blauen Regierung ab 2017 und der (aus feministischer Perspektive) hochgradig fehlbesetzen Frauenministerin Susanne Raab gab intensive Schließungen von Gewaltschutzräumen und Gewaltpräventionsinitiativen wurde das Geld gestrichen. Das spielt eine wichtige Rolle in einem komplexen Missstand in Bezug auf vergeschlechtlichte Gewalt und ihren multiplen und intersektional wirkenden Gründen. Das ist die kurze und beispielhafte Antwort auf das Phänomen.

Trägt die journalistische Berichterstattung über Gewaltverbrechen und trägt Social Media – Stichwort Sensationalismus, Täter-Opfer-Umkehr – dazu bei, dass sich (zu) wenig oder (zu) langsam etwas ändert?

Die Presse ist teilweise etwas lernfähig geworden, das ist zu begrüßen. Es taucht immer mehr der Begriff Femizid auf. Allerdings trägt sie auch massiv zu sexistischer, rassistischer und xenophober Berichterstattung bei. Das zementiert weiterhin Mythen und Stereotype. Sehr problematisch.

„True Crime“ ist auf TikTok und Instagram, bei Streaming-Anbietern und bei Podcasts populär wie nie – aber oft wird dabei mehr über Täter als über Opfer gesprochen. Verstärken solche Trends gesellschaftliche Gleichgültigkeit?

True Crime ist allerfeinster Boulevard, mehr nicht. Ich hasse es.

Gewalt an Frauen ist ein gesellschaftliches Problem – gibt es abgesehen vom „nicht wegschauen“ Ansätze vorliegen, wie wir, als Gesellschaft, jetzt das Ruder herumreißen können?

Microaktivismen im Alltag: Gespräche unter Männern über Affekte und Emotionen, generell Austausch über problematisches Verhalten gegenüber Frauen/weiblich gelesenen Personen, Hypermaskulinität und Stereotype in Frage stellen, darüber diskutieren, welchen Schaden das Patriarchat für Männer verursacht. Die Liste ist lange und es gibt viele Schrauben, an denen einzelne drehen können. Und Vorsicht bei Dudes, die sich feministisch labeln und damit Lippenbekenntnis-Politik machen, die sind oft so richtig perfide Arschlöcher.

Apropos „nicht wegschauen“: Gibt es explizite Hinweise auf sogenannte „Hochrisikosituationen“, auf die wir, als Gesellschaft, sensibilisiert gehören, achten müssen?

Ausgangssperre für Männer, Öffentlicher-Raum-Führerschein, bei falschen Antworten Stromschläge.

Wieso ist gerade die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen sowohl auf Täter-, als auch auf Opferseite die (zweit)größte?

Das ist eine schwierige Lebensphase für Männer, die sich noch nicht ganz damit abgefunden haben, dass die Pubertät und die Sturm-und-Drang-Phase eigentlich vorbei sind und gleichzeitig geht es ab in die aufkeimende Mid-Life-Crisis. Eigentlich ist für Männer aber jedes Alter problematisch.

Abgesehen davon, dass Prävention zielführend wäre: Erschreckend sind in Österreich die erstaunlich milden Folgen für Täter – im Falle einer Verurteilung fallen im Schnitt Freiheitsstrafen im Ausmaß von 7 bis 20 Jahren. Gibt es hier Handlungsbedarf? Oder wirkt sich eine Urteilsschwere auf die Verbrechensfrequenz nicht aus?

Es ist tatsächlich äußerst schwierig, weil die Beweislast zu erbringen ist und die Gesetzeslage diese nicht eindeutig festgelegt. Zudem leben wir in einer patriarchal organisierten Gesellschaft, die, wie du oben schon zurecht bemerkt hast, zu Täter-Opfer-Umkehr neigt und sexistische Narrative aufrechterhält. Ich empfehle in punkto Recht die Forschungsarbeit von Konstanze Jarvers, Leitung des Projekts Internationales Max-Planck-Informationssystem für Strafrechtsvergleichung an der Uni Freiburg.

Übrigens, den Move der rechtsextremen Ministerpräsidentin Meloni in Italien Femizide als Straftat zu verankern, als Fortschritt zu sehen, dementiere ich. Einerseits verschafft es ihr einen pseudofeministischen Anstrich im Sinne eines Femonationalismus (siehe Sara Farris „In the Name of Womens Rights, 2017), andererseits beklagt Jarvers, dass es keine definierte Strafrechtsgrundlage in Italien gibt, um Femizide als Delikt zu bestrafen.

Eine bewusst provokante Frage: Was erreicht man, oder: was will man mit einem Projekt wie der „Heimsuchung“ als Film und als Performance erreichen? Spricht man hier nicht ohnehin nur die sensibilisierte „Bubble“ an? Wie erreicht man mit künstlerischen Mitteln auch jene, die nicht ohnehin bereits sensibilisiert sind?

Dank dir, dem Interview und der damit verbundenen Plattform zerbersten wir die Bubble! Naja, aber vor allem auch deswegen, weil wir im öffentlichen Raum agieren und so Leute überraschen und einfach zu unserem Publikum machen. Wir schaffen Momente der Unentrinnbarkeit.

Wie fühlen sich Frauen, die Gewalt erfahren haben, bei einem Film oder einer Performance wie der „Heimsuchung“? Gibt es eine Gefahr der Retraumatisierung oder im Gegenteil eine Form der Stärkung?

Im Film gibt es ausschließlich feministische Auferstehung, multimediale Blasphemie und köstliche Katharsis im violence-reverse Sinne mit ganz viel Selbstermächtigung. 

Heimsuchung @ Gartenbaukino
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