Bild: Anna Hadaier
Zum fünften Mal präsentiert IMPALA die besten europäischen Musiker*innen - aus Österreich kommen gleich vier Frauen! Damit ist bewiesen, was ohnehin ein jeder wissen sollte: Es müssen nicht immer toxische Männer sein, denen der rote Teppich ausgerollt wird.
Viel zu viele Männer werden "ihren Dämonen" nicht Herr: Selbstverständlich ist es eine Verfehlung, dem männlichen Geschlecht eine Kollektivschuld anzudichten, wie es mancherorts passiert. Dennoch ist die Häufung an Übertritten kritisch zu beachten: Ganz gleich, ob im privaten Umfeld, an Örtlichkeiten, die Mann wie Frau gleichermaßen dem Amüsement dienen sollten, oder auch im Berufsleben - es schrillen vermehrt die Alarmglocken. Insbesondere männliche Personen “des öffentlichen Lebens”, oder jene, die auf der Karriereleiter weit oben stehen, erlauben sich mit dreister Selbstverständlichkeit Grenzüberschreitungen physischer wie psychischer Natur. Die Leidtragenden - die Begrifflichkeit des “Opfers” ist mir zu passiv - sind dabei beinah ausschließlich Frauen: Im "besten" Fall werden sie “nur” hintenangestellt, im schlimmsten Fall müssen sie sich Nötigungen widersetzen.
Dass Themen wie diese keine reißerischen Geschichten für den Boulevard allein sind, sollte selbstverständlich sein: Geschichten über Gewalt an Frauen, Geschichten über insbesondere prominente Männer, die übergriffig sind und dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - verehrt werden, Geschichten über Menschen, die kein Korrektiv haben und in ihrem Größenwahn an einen Freibrief glauben, gehen uns alle an.
Für eine “Schubumkehr” dieser gesellschaftlichen Misere kann allein ein Umdenken sorgen: Das Geschlecht darf nicht mehr als (ab)wertender Faktor herangezogen werden. “Ich denke heute immer wieder an die Zeit des Nationalsozialismus zurück, wo Frauen auf Reproduktion und Haushalt reduziert wurden”, erzählte mir da die österreichische Musikerin Anna Buchegger bereits zu Jahresanfang im Gespräch. Und weiter: “Das wird über Generationen weitergetragen, Stereotype können von einer Gesellschaft nicht von heute auf morgen abgearbeitet werden – das ist ein langfristiger Prozess, der schon im privaten Umfeld anfängt. Es braucht immer wieder einen Gegenwind.”
Ein kleines Lüftchen für diesen Gegenwind steuert nun die europäische Interessenvertretung unabhängiger Musikunternehmen namens IMPALA bei: In der fünften Ausgabe ihres Programms “100 Artists to Watch” werden auch 2026 wieder hundert aufstrebende Acts aus dem unabhängigen Musiksektor in den Fokus gerückt. Mitglieder*innen aus zahlreichen europäischen Ländern - darunter auch der Verfasser dieser Zeilen - nominieren Künstler*innen, die insbesondere durch eigenständige, starke künstlerische Ansätze auffallen. Im Zentrum stehen dabei unabhängige Personen, die außerhalb großer Major-Strukturen arbeiten und maßgeblich zur Dynamik des europäischen Musikgeschehens beitragen. Während diese Liste selbstverständlich nicht nur die musikalische, sondern auch die geschlechtliche Vielfalt liebt und lebt, hat man sich in Österreich dieses Jahr entschieden, ausschließlich Frauen zu exponieren.
Eine davon ist die bereits angesprochene oberösterreichische Alpenpop-Musikerin Anna Buchegger, die (nicht nur in “Maria”) kongenial Tradition mit Zeitgenössischem vermengt. Ein weiterer Name ist Sodl, die sich mit ihren Liedern wie “I Am A Woman” irgendwo im Spannungsfeld zwischen den Feedback-Schleifen von Neil Young und dem introspektiven Zauber von Alice Phoebe Lou bewegt. Auch Jo The Man The Music wurde bewusst in den Fokus gerückt: Die Steirerin zeigt - etwa mit ihrer ersten EP “Soft Skin” -, dass es oft nur einzelne Sätze und Töne braucht, die insbesondere in grauslichen Lebensmomenten genau jenen kleinen Spalt aufmachen, der Licht ins Dunkel lässt. Ebenfalls berücksichtigt wurde die Jazz-Kontrabassistin Helene Glüxam, die sich in den vergangenen Jahren als vielseitige Musikerin zwischen Jazz, Improvisation und zeitgenössischer Musik positioniert hat.
Sie mögen zwar allesamt noch keine Stadien füllen, bekanntlich ist Größe allein jedoch nicht alles: Sodl wird wie auch Anna Buchegger das diesjährige picture on festival bereichern, während Anna Buchegger außerdem bereits am 20. Mai bei den Domspielen in St. Andrä gastieren wird und gemeinsam mit Lovehead und Ankathie Koi am 2. August im Toscanapark Gmunden aufspielt. Zudem tourt sie mit ihrem aktuellen Album “Soiz” auch durch Österreich, zu erleben unter anderem in Imst, Melk, Rankweil und Vöcklabruck.
Jo The Man The Music ist dieses Jahr nicht nur einer der Programmpunkte am Acoustic Lakeside (16. bis 18. Juli), sondern im April bereits am Styrian Sounds Festival, im Mai am Dornbirner Dynamo Festival zu erleben.
Helene Glüxam ist Teil des reichhaltigen Programms des diesjährigen Carinthischen Sommers, am 19. Juli im Alban Berg Konzertsaal in Ossiach gemeinsam mit Birgit Minichmayr zu erleben: Die Lebensreise Ingeborg Bachmanns steht im Mittelpunkt dieses besonderen Abends.
Zur vollständigen YouTube-Playlist aller europäischen “100 Artists”, die man sich merken sollte, gelangt ihr an dieser Stelle.
Aber selbstverständlich ist die österreichische Musiklandschaft mit den vier zuvor genannten Namen noch lange nicht auserzählt - es gibt noch viel mehr weibliche Künstlerinnen oder Bands mit weiblichen Personen, die eure Unterstützung verdient haben. Folgend haben wir eine Playlist implementiert, die wir immer weiter füttern werden. Aber natürlich freuen sich die Musikerinnen nicht nur über eure Spotify-Streams, sondern auch auf eure Konzertbesuche! Dahingehend seien ein paar wenige davon exemplarisch hervorgehoben: