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Made in Austria

Anna Buchegger: ein Gespräch über Heimat und Identität

30.01.2026 von Stefan Baumgartner

Vergangenen Herbst hat die aus dem salzburgerischen Abtenau stammende Anna Buchegger mit “Soiz” innerhalb eines Jahres bereits ihr zweites Album veröffentlicht. War ihr Debüt “Windschatten” künstlerisch noch stark im heimatlichen Tal verhaftet, trägt Buchegger ihre Herkunft nun musikalisch wie sprachlich über Berg und Tal hinaus in die Welt. Ihr ureigenes Potpourri aus Volks- und Brauchtum sowie popkultureller Inklusion hat in diesem Jahr mehr als gute Chancen, bei den Amadeus Austrian Music Awards entsprechend honoriert zu werden.

Anna Buchegger, 1999 geboren, stammt aus Abtenau, einer malerischen Marktgemeinde im Salzburger Bezirk Hallein. Bereits mit sechs Jahren begann sie Hackbrett zu lernen, später kamen Gitarre und Klavier hinzu. Auch in der Schule war Musik ihr prägender Schwerpunkt. Seit 2019 studiert Buchegger an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Schon in jungen Jahren sammelte sie Bühnenerfahrung: 2011 nahm sie als jüngste Teilnehmerin an der Castingshow “Die große Chance” mit einem Lied aus dem Musical “Elisabeth” teil, 2014 war sie mit “Nur ein Lied” von Thomas Forstner in der Puls-4-Show “Herz von Österreich” zu sehen. Der Durchbruch folgte schließlich 2021, da gewann sie den Wettbewerb “Starmania” mit ihrer selbst verfassten Ballade "Ease".

2024 erschien ihr Debütalbum “Windschatten” - ein Werk, das vor allem durch sein klares Alleinstellungsmerkmal überzeugte: klanglich wie inhaltlich setzte sich Buchegger mit Regionalität und Heimat auseinander, ohne diese zu verklären oder gar in einer oberflächlichen Folklore zu suhlen, sondern sie kritisch zu befragen, dabei aber auch wertzuschätzen. Ein Jahr später folgte mit “Soiz” ihr zweites Album, das diesen Ansatz konsequent weiterdenkt: Erneut trifft die rohe Kraft des Ruralen auf eine urbane Klangästhetik. Buchegger zeigt damit, dass volkstümlich geprägte Popmusik durchaus internationale Strahlkraft haben kann - und dass dem Ländlichen eine genuin kosmopolitische Kraft innewohnt.

Bei dieser gekonnten Grätsche, die Anna Buchegger da vollzieht, kommt es nicht von ungefähr, dass sie bereits letztes Jahr bei den Amadeus Austrian Music Awards in gleich zwei Kategorien nominiert war und zudem auch noch mit dem Hubert-von-Goisern-Kulturpreis honoriert wurde. Heuer ist sie bei den AAMA in sogar drei Kategorien nominiert - und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie nicht zumindest eine der Trophäen mit nach Hause nimmt. Doch eine Frage bleibt: Wo ist dieses “Zuhause” eigentlich?

Nach zwei Nominierungen bei den AAMA im vergangenen Jahr bist du dieses Jahr gleich dreifach nominiert – in den Kategorien “Album”, “Songwriter” und “Sound”. Steht dir eine davon näher als die andere?

Nein, die eine greift in die andere. Außerdem schaut die Trophäe in jeder der Kategorien ohnehin gleich aus, von daher ist das egal (lacht). Ich finde nur, bei “Sound” geht es auch um die Menschen, die hinter dem Vorhang arbeiten, etwa im Studio mein Produzent und Schlagzeuger David Wöhrer. Oder auch um diejenigen, die Mixing und Mastering verantworten – das sind Menschen, die oft unsichtbar bleiben. Deshalb finde ich die Kategorie “Sound” ganz geil – weil da der Preis auch an die Leute geht, die an den Reglern sitzen.

Auszeichnungen wie diese ernten nicht nur Lob, sondern auch teils berechtigte, konstruktive Kritik. Wo würdest du dir eine Weiterentwicklung oder Adaption des Amadeus wünschen?

Ich habe mir tatsächlich schon überlegt, wie ich es selbst angehen würde, wenn ich einen Preis ins Leben rufen würde; So eine Auszeichnung muss man immer auf irgendeine Art und Weise einschränken, jede Auszeichnung exkludiert auch - man kann nie alles sichtbar machen. Insofern muss man jede Kritik aus beiden Perspektiven beleuchten: Auch beim Amadeus gibt es natürlich Randgruppen, die nicht sichtbar oder marginalisiert sind – zum Beispiel migrantische Musik, die in Österreich generell unterrepräsentiert ist. Oder dass in der Kategorie “World/Jazz” alles verortet wird, das sonst schwer zuordbar ist, bei “Hard/Heavy” auch Bands nominiert sind, die eigentlich nicht “hard”, sondern eher “soft” sind (lacht).

Was hingegen leistet der Amadeus gut?

Es ist halt in erster Linie ein Industriepreis. Beim Amadeus trifft man auf Personen, die im Musik-Business tätig sind und hinter den Kulissen die Hebel in der Hand haben. Allein eine Nominierung ist da schon ein Zeichen der Wertschätzung, weil man so als Künstlerin erfährt, dass das, was man macht, auch ankommt. Ich persönlich verstehe die Gala als Austausch, als einen Abend, wo man netzwerken kann und vielleicht auch als einen Ort, wo man sich selbst strukturieren und weiterentwickeln kann. Aber natürlich ist der Amadeus auch eine Chance, in den Medien wieder ins Gespräch zu kommen – was für eine Künstlerin natürlich auch wichtig ist, um ihre Relevanz zu bewahren. 

Wertest du Honorierungen, die aus der Branche kommen, anders als Feedback aus deiner “Bubble”?

Ich habe begonnen Musik zu machen, weil es mir wichtig war, Menschen eine “Heimat” in meiner Musik zu bieten – auch, weil ich meine eigene Diskrepanz von “Heimat” aufarbeiten wollte. Für mich als Musikerin ist es dann ein tolles Gefühl, wenn man die Rückmeldung bekommt, dass jemand in meiner Musik ein Gefühl von Zugehörigkeit empfindet. Deswegen gibt es bei meinen Konzerten auch Postkarten zu kaufen, auf die man zum Beispiel “Ich hab' dich lieb” schreiben kann - und ich schicke die dann an den gewünschten Adressaten ab. Das ist, im Gegensatz zum Amadeus, das Direkte, wo man weiß, man hat als Künstlerin jemandem einen guten Abend beschert und trägt das auch hinaus.

Ein Thema, das sich in vielen kulturellen Bereichen und somit auch beim Amadeus seit langem durchzieht, ist der Gender-Gap. Hat es dahingehend in letzter Zeit eine positive Entwicklung gegeben – etwa auch resultierend aus dem stets steigenden Erfolg bevorzugt weiblicher Künstlerinnen in der Popmusik?

Für die Menschen auf der Bühne vielleicht, aber die Branche besteht ja auch aus den Personen im Hintergrund – und da herrscht nach wie vor eine enorme Männerdomäne. Nur, weil jetzt bevorzugt Frauen oder FLINTA-Personen im Gespräch sind, heißt das noch lange nicht, dass ein grundlegendes Problem gelöst ist – und ich habe schon das Empfinden, dass ich als Frau oft kämpfen oder mich richtig hart beweisen musste.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass in einigen Weltbildern immer noch das Geschlecht als wertender Faktor herangezogen wird?

Das ist historisch bedingt – ich denke da an die Zeit des Nationalsozialismus zurück, wo Frauen auf Reproduktion und Haushalt reduziert wurden. Das wird über Generationen weitergetragen, Stereotype können von einer Gesellschaft nicht von heute auf morgen abgearbeitet werden – das ist ein langfristiger Prozess, der schon im privaten Umfeld bei der Frage anfängt, wer denn heute den Geschirrspüler ausräumt. Es braucht immer wieder einen Gegenwind.

Weg von der Geschlechteridentität, hin zur österreichischen Identität: Es bedarf eigentlich keiner Erklärung, aber bei den AAMA wird naturgemäß “österreichische Musik” ausgezeichnet – spielt diese abseits deines Dialekts für dein künstlerisches Selbstverständnis überhaupt eine Rolle?

Gute Frage. Ich glaube, die österreichische Identität ist eine multikulturelle, sie ist divers. Der nationalistische Gedanke, dass es eine autochthone Gesellschaft gibt, existiert einfach nicht – und wird es hoffentlich auch nie geben. Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir alle verschieden sind – selbst, wenn man im selben sozialen Umfeld, mit ähnlichen Privilegien aufgewachsen ist. Das beginnt ja schon bei den Geschwistern, die oft grundverschieden sind (lacht)! Mein Ansatz ist, dass “Heimat” solidarisch gedacht werden muss – und ein Recht für alle ist. Natürlich fußt die Identität immer darauf, in welchem Umfeld, in welchen Gruppen oder Vereinen man sich aufhält, wo man sich zugehörig fühlt. So ein Zugehörigkeitsgefühl ist etwas Schönes, man darf sich nur nicht nach Außen hin abschotten.

Und sprachlich? Was leistet bei dir der Einsatz des salzburgerischen Dialekts über eine folkloristische Verwendung hinaus?

Sprache ist Identität - und gerade im Dialekt gibt es wahnsinnig viele Varietäten. Ich muss daheim nur über den nächsten Hügel gehen und die Menschen dort reden komplett anders! Diese Vielfalt trägt zur Diversität bei – und das ist angesichts der Digitalisierung und Globalisierung, wo sich alles anpasst und fast amerikanisch wird, besonders spannend. Ein Dialekt ist dann schon so etwas wie ein politisches Statement, man zeigt sich authentisch und bodenständig, und begegnet den Menschen auf Augenhöhe - insbesondere auch jenen, die keine Verbindung zu elitären Strukturen oder Zugang zu kulturellen Institutionen haben.

Dialektale Sprache wird, gerade im akademischen Umfeld, jedoch gerne stiefmütterlich behandelt.

Ich hatte das Privileg zu studieren und habe lange geglaubt, meinen Dialekt ablegen zu müssen. Weil einem beigebracht wird, dass Dialekt automatisch weniger Kompetenz bedeutet – und dass kluge Gedanken angeblich Hochdeutsch brauchen. Mittlerweile sehe ich das völlig anders – der Dialekt ist ein ästhetisches Instrument, man muss ihn nur aus dieser Kleinbürgerlichkeit rausholen.

Gibt es in deinem Dialekt einen Begriff oder eine Formulierung, die dir besonders nahesteht?

In letzter Zeit benutze ich wieder öfter das Wort “wax”, das hat man bei uns in den Nullerjahren immer verwendet, wenn etwas “besonders oag” war – sowohl oag “geil” als auch oag “scheiße”. Ich finde, es gibt viel zu selten Worte mit “x”!

Deine beiden Alben tragen einen starken Herkunftsfaden in sich, du hast bereits durchschimmern lassen, dass du “Heimat” als fluiden Begriff erachtest – insbesondere zwischen den Extrempolen der Bewahrung und Abgrenzung. Inwieweit hat sich seit deiner “Landflucht” von Abtenau nach Wien deine Vorstellung von “Heimat” verschoben?

Über das habe ich schon oft nachgedacht. Ich glaube, die Vorstellung von “Heimat” hat sich bei mir nicht verändert – sondern vielmehr erweitert. Immer, wenn ich zu meinen Eltern fahre, fahre ich “heim”, aber wenn ich dann wieder zurück nach Wien fahre, fahre ich auch “heim”. “Heimat” ist für mich ein größerer Umkreis geworden. Aber es ist schon immer wieder ein kleiner kultureller Schock, wenn man von der einen Heimat in die andere kommt, weil man sich dann in einer komplett anderen Bubble wiederfindet (lacht). Es ist, als hätte man zwei Leben.

Als Salzburgerin kennst du natürlich den Touristenstrom durch die Mozartstadt, und in deinem Song “Maria” nimmst du Bezug auf “Sound of Music”, einen Film, der in insbesondere der amerikanischen Außenwahrnehmung gern auf österreichische Klischees und Kitsch reduziert wird. Inwieweit öffnen für dich derartige Überspitzungen auch eine neue, andere Sicht auf deine “heimatliche” Identifikationsfläche?

Komplett! Dieser Ausverkauf der Heimat, diese touristische Vermarktung, hat vollkommen zu meinem eigenen Nationalbewusstsein beigetragen. Vielleicht hänge ich auch nur deswegen so an Österreich, weil die Vermarktung so ausgereift ist, dass ich selbst nicht mehr unterscheiden kann zwischen Werbung und echt. Die Alpenidylle, die Bergseen, die weiten Wiesen – das wird alles immer so schön dargestellt, dass man da leicht darauf reinfällt. 

Dieses Heimatbild ist ja nicht nur emotional, sondern – wie du bereits angesprochen hast – auch politisch stark aufgeladen und wird oft von rechter Seite vereinnahmt. Jedoch setzte Alexander Van der Bellen bei seiner Hofburg-Wahl 2022 ebenfalls auf eine Heimaterzählung. Wie schmal ist für dich diese Gratwanderung zwischen positiver Bezugnahme und problematischer Aufladung?

Der Wahlkampf von Alexander Van der Bellen war glaube ich die erste Initiative, wo dieser Heimatbegriff reclaimed worden ist. Seitdem trauen sich immer mehr, diesen Heimatbegriff zu verwenden und vielleicht auch ein Stück zurückzuerobern. Ich habe da zumindest noch nie einen Gegenwind erfahren. 

Ein Thema, das aktuell die Runde macht, denken wir da etwa an Christina Stürmer: Könnte man deine Musik auf “Austria First” hören oder hast du als Künstlerin Möglichkeiten, dich von dieser Präsentationsfläche nicht vereinnahmen zu lassen?

Ich glaube nicht, dass die FPÖ meine Musik spielen wird – da gibt es kaum eine Gefahr (lacht). Ich muss mich gar nicht mehr politisch positionieren, bei mir weiß man allein schon wie ich aussehe, wo ich gesellschaftspolitisch stehe! Ich würde zwar auch nicht unbedingt wollen, dass ich dort gespielt werde, aber man darf sich nicht scheuen, miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu diskutieren, und einander zuzuhören, auch wenn man eine andere Meinung vertritt. Man muss schon auch versuchen darüber nachzudenken, warum ein FPÖ-Wähler so denkt, wie er denkt.

Diese Diskurs-Bereitschaft ist in den letzten Jahren ja komplett zusammengebrochen.

Genau. Das ist eine Art der Solidarität, die ich sehr unterstütze: Man kann auch mit Menschen solidarisch sein, deren Meinung man scheiße findet.

Zurück zu dir, als Person: Seit letztem Jahr stehst du nicht nur als Musikerin auf der Bühne, sondern agierst zudem als Kuratorin vom bodenst@ndig Festival auch hinter der Bühne.

Ich mag das, wenn man mich als “Kuratorin” bezeichnet – da fühle ich mich dann gleich wichtig (lacht). Das Festival findet wieder Mitte September in Salzburg statt – aber über das Line-up will ich noch nichts verraten!

Wirst auch du dort wieder auf der Bühne stehen, vielleicht sogar mit neuer Musik? Ich habe gehört, du hast das bisherige Tempo beibehalten und dein drittes Album ist bereits weit vorangeschritten.

Ich moderiere zumindest die beiden Abende – und vielleicht spiele ich auch ein paar Stücke. Tatsächlich bin ich mit meinem nächsten Album schon sehr weit und wir haben bereits ein paar Songs in petto, aber ich glaube, bis Herbst wird noch nichts Neues erscheinen.

Dein erstes Album war – positiv konnotiert – noch etwas sperrig, das zweite offener, poppiger. In welche Richtung gehst du hinkünftig musikalisch?

Es wird komplett anders! Aber das interessiert mich jetzt: Was findest du bei “Windschatten” sperrig?

“Windschatten” ist verkopfter, suchender. Mit “Soiz” hast du gefühlt das Tal verlassen und bist auf den Berg gewandert, mit Blick auf den Horizont.

Das gefällt mir! Und ja, emotional war es genau das! Das erste Album war noch so ein Selbstfindungsprozess, beim zweiten konnten wir schon mit mehr Mut und Vertrauen bestimmte Schemen aufbrechen. Bei der Arbeit an “Windschatten” stand vielleicht noch viel zu stark im Mittelpunkt, nicht in gewisse Muster einer Dialektmusik, die man ohnehin schon kennt, zu verfallen - es war wie ein Wegweiser. Aber es wird nie wieder so ein Album für mich so viel Wert haben, wie das erste. Da geht es nicht darum, welches der beiden Alben besser ist – es ist allein ein Gefühl.

Es ist wohl vergleichbar mit dem ersten Kuss: Auch der mag vielleicht noch ungeübt gewesen sein – aber doch eben: der erste.

Auch das: Kein schlechter Vergleich (lacht)!


Live-Termine


Anna Buchegger

20. Februar 2026 | St. Pölten, frei:raum
04. April 2026 | Graz, Orpheum
17. April 2026 | Imst, Stadtbühne
18. April 2026 | Melk, Tischlerei
21. Mai 2026 | Rankweil, Altes Kino
22. Mai 2026 | Vöcklabruck, OKH
20. Mai 2026 | St. Andrä, Domkirche (im Rahmen der Domspiele)
01. Juli 2026 | Linz, Musiktheater am Volksgarten (im Rahmen von #weare)
02. August 2026 | Gmunden, Toscanapark (mit Lovehead und Ankathie Koi)
08. August 2026 | Bildein, Open-Air-Festivalgelände (im Rahmen vom picture on Festival)


Infos auf dem Stand vom 30.01.2026  

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