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Konzerte

Emanzipation zwischen Ikkimel und Nina Chuba, zwischen „Fotze“ und „Rage Girl“

27.08.2025 von Stefan Baumgartner

Female Empowerment trägt in der Musik diverse Früchte: Von Provokation bis Selbstermächtigung. Im Spannungsfeld zwischen Ikkimel und Nina Chuba ist aber auch ausreichend Platz für zahlreiche Graustufen - die wohl alle ihre Legitimation haben.

Wenn Deutschrapperin Ikkimel – zuletzt in der ausverkauften großen Arena-Halle oder vor den FM4-Frequency-Massen – ihr „Böser Junge“ zum Besten gibt, dann wird zumeist ein auserwählter männlicher Fan aus dem Publikum zu ihr auf die Bühne geholt, bekommt eine Hundemaske über den Kopf gezogen und wird in einen Käfig gesperrt. Unter Johlen des vornehmlich weiblichen Publikums heißt es dann: „Schnauze halten, Leine an, Schatz, jetzt sind die Weiber dran“. Dazu stellt Ikkimel mit möglichst viel nackter Haut eine überzeichnete Weiblichkeit zur Schau, in derer Stilisierung Kritiker eine Anbiederung an den male gaze sehen, die eigene „Bubble“ natürlich „Selbstermächtigung“. Wohlgemerkt: Eine Selbstermächtigung, die nicht gefallen oder gar Gräben überwinden, sondern in erster Linie provozieren – und vielleicht auch dem Patriachart einen Spiegel vorhalten will; Die explizite Message: Ab sofort drehen wir den Spieß um, fortan ist das Leben unsere Party und ihr, die Männer, seid nun das Freiwild, das wir für viel zu lange Zeit für euch waren.

Nach einem ähnlichen, wenngleich weniger aggressiven Muster funktioniert auch das thematische Konzept beim neuen Shootingstar, der Exil-Österreicherin und Wahl-Berlinerin Vicky: Eigentlich nur aus Spaß an der Freude hatte sie Ende letzten Jahres ihren programmatischen Einstand „T-Shirt hoch, Titten raus“ ins Netz gestellt. Auch in den folgenden Songs geht es zuvörderst um das Leben einer jungen Frau, die mit galoppierendem FOMO dem ungezwungenen Vergnügen hinterherjagt und sich nicht dafür schämen will, dass sie sich nimmt, was sie will. Die Spezies Mann wird unterwegs selbstredend pimmeltief durch den Kakao gezogen – um „Männerhass“ geht es Vicky jedoch nicht, auch wenn sie für sie schon auch einmal das Synonym „Bastarde“ oder „Pisser“ findet: Dem Falter erklärte sie erst kürzlich, es sei nicht zwingend eine feministische Agenda, es gehe ihr schlicht um das Recht, Spaß zu haben – wofür sie zuletzt hierzulande in rappelvollen Hallen am Popfest und am FM4 Frequency frenetischen Zuspruch bekam, und selbst ihre Solo-Show kommendes Frühjahr in der 600er-Halle des WUKs ist bereits restlos ausgebucht. 

Dass beide Rapperinnen – wie etwa auch Shirin David – gewollt oder ungewollt auf eine überspitzte Hyperfeminität setzen, ist aller Hetz zum Trotz in ihrer Gesamtheit dennoch sozialpolitisch relevant: Bisher war insbesondere die Rap-Szene von einer patriarchalen Prahlerei geprägt, die Frauen mit allerlei abwertenden Begrifflichkeiten zu sexualisierten Objekten degradiert. Man denke an „Fame“ des Berliner Rappers Fler: „Will keine Frauen, will Hoes – sie müssen blasen wie Pros.“ Dass Frauen nun nicht nur ihre eigene Wertigkeit abfordern, sondern auch jedwede Diffamierung für sich einnehmen, ist mehr als nur legitim – ob man dieselben Geschmacklosigkeiten wie ihre männlichen Pendants dafür anwenden muss, ist Geschmacksfrage: Wenn Ikkimel sich selbst und ihresgleichen als „Bitch“ und „Fotze“ tituliert, ist die Niveaulosigkeit zwar nicht weit – mit Tabubrüchen wie diesen öffnet sie jedoch Räume eines kontemporären Diskurses.

Dass „Empowerment“ allerdings auch anders funktioniert, zeigte Nina Chuba – die zeitgleich zu Ikkimel 2022 ihren Höhenflug begann – zuletzt etwa in ihrer Single „Rage Girl“: Gemeinsam mit einer Female Force, die aus Badmómzjay, Eli Preiss, Marie Bothmer, Rua, Kauta, Layla, Kayla Shyx und Esther Graf bestand, stellte sie sich da gemeinsam gegen ein von Männern geprägtes und kontrolliertes Weltbild: Alle neun Musikerinnen gestalten die zeitgenössische deutschsprachige Musikszene nicht nur mit, sondern dominieren sie. In „Rage Girl“ nehmen sie explizit den Raum ein, der ihnen zusteht – sie sind laut, wütend und machen klar: Wir haben genug von einem männerdominierten System und zementieren unseren eigenen Selbstwert. Klar, auch hier kriegt’s „der Typ auf die Fresse“, und die Rage Girls sind auf Krawall gebürstet – jedoch nicht als kaltblütige Sexgöttinnen, sondern als emanzipierte Harley Quinns.

Schon zuvor, in ihrer Single „Wenn das Liebe ist“, verdeutlichte Nina Chuba, was „Emanzipation“ für sie bedeutet und formulierte ganz klar ihr Selbstverständnis: „Hab nicht vor, das jetzt zu ändern, nur weil du nicht magst, was ich mach.“ Emanzipation heißt für sie, für sich selbst einstehen – jedoch nicht, dabei das Gegenüber zu degradieren, Augenhohe statt Hierarchie.

Beide Strategien – die der grellen Provokation wie auch die der solidarischen Selbstbehauptung – sind wohl objektiv betrachtet legitim und gesellschaftlich relevant, um immer wieder aufkeimende, regressive Kräfte zurückzudrängen: Natürlich kann ich als alter, weißer Cis-Mann mich der Lebensrealität junger Frauen ohnehin nur annähern, ohne sie jemals vollinhaltlich zu verstehen und zu empfinden. Als (männlicher) Kritiker fehlen einem durchaus Zugänge und Erfahrungen, die entscheidend sein können, um ein popkulturelles Phänomen in seinen Extrem-Ausprägungen vollinhaltlich zu verstehen – etwa aus der direkten (weiblichen) Fan-Wahrnehmung: Vielleicht braucht es tatsächlich nicht nur das emotive, verbindende Kollektiv (Nina Chuba), sondern auch Stimmen wie die von Ikkimel, die auf dicke Hose machen und damit in ihrer Eskalation für viele ein Selbstbewusstsein erst anstoßen. Der Erfolg gibt jedenfalls beiden recht – und auch den zahlreichen Graustufen dazwischen.

Die Graustufen

Neben großen Namen wie Ikkimel und Nina Chuba prägen aber auch zahlreiche weitere, teils erst aufstrebende Musikerinnen die zeitgenössische Musik-Landschaft – und bewegen in ihrer Vielstimmigkeit ganze Bubbles: Ob Pop, Rap oder Indie - sie alle stehen für eine Generation, die ihre eigenen Räume besetzt, Bühnen füllt und mit frischen Perspektiven durchaus auch neue, progressive Lebensrealitäten anstößt. Eine reduzierte, durchaus subjektive Auswahl zeigt, wie breit und zugleich verbindend dieser Aufbruch klingt – und wie sehr er das Publikum in seiner ganzen Vielfalt anspricht.

ANNA-SOPHIE

Zu den größten Vorbildern der Südsteirerin zählen Taylor Swift, Sabrina Carpenter und Olivia Rodrigo - kein Wunder, dass nicht nur ihre Interpretation von Kim Wildes “Cambodia”, sondern auch ihre eigenen Lieder über massives Ohrwurmpotenzial verfügen.

ELIMAKO

Auf TikTok schlug die Bambergerin mit ihren Covers bereits ziemlich große Wellen - was vermutlich auch daran liegt, dass ihr Mix aus Hip-Hop, Dancehall, Acapella und R'n'B ziemlich einzigartig ist. Selbst Jeremias und Blumengarten sind Fan von ihrem “sad girl summer”!

LARA HULO

Sie kommt aus Schleswig und wurde schon früh mit Musik sozialisiert, studierte später Musik/Biologie auf Lehramt. 2022 nistete auch sie sich auf TikTok ein und fuhr dort mit “Side B*tch” ihren ersten Hype ein. Ihre Bandbreite? Von queeren Lebenswelten bis toxischen Beziehungen.

DODIE

Die Britin Dodie ist schon ziemlich huge - und tobt sich gerne in einer Vielzahl an Genres aus. Ihre neueste Single “I Feel Bad For You, Dave” erzählt über einen toxischen Idioten, der auf Social Media gern seinen Senf abgibt. Und so einen kennen wir doch alle!


JULIA MELADIN

Auch die Brandenburgerin ging bereits mit ihrer Debütsingle “Angst” auf TikTok viral: Ihre Songs sind perfekt zelebrierte Popmusik und behandeln oft persönliche und gesellschaftliche Themen wie Missbrauch, Leistungsdruck, Selbstwert oder Einsamkeit.

ELLA STERN

Die Österreicherin war gerade am Frequency Festival zu hören und hat auch bereits vor Josh. gespielt: Kein Wunder, mit ihren Sommerparty-Vibes und dem gewaltigen Groove geht sie auf Spotify ziemlich steil - und spricht vielen von uns aus tiefster Seele.

BELLA

Die Steirerin startet grad massiv durch: Nicht nur war sie grad im Vorprogramm von Nina Chuba in Graz auf der Bühne, im Herbst spielt sie an der Seite von Bibiza vor Cro und im Dezember mit Cro am Gastein Sounds - und erzählt unter anderem von toxischen Beziehungen.

LINA

Im Jänner veröffentlicht “Bibi Blocksberg” bereits ihr viertes Album “Melodrama” und wird uns nicht nur erneut mit hartnäckigen Ohrwürmern beschenken, sondern auch emotionale Geschichten unter anderem über Schmetterlinge im Bauch erzählen!


DANI LIA

Die Wahlberlinerin schreibt Songs für alle, die zwischen Nostalgie und Neuanfang hängen – mal melancholisch, mal tanzbar: In der neuesten Single “du küsst jetzt jemand anderen:/” prallt da etwa Herzschmerz auf einen massiv eindringlichen Hook. Besser als jede Therapie!

EILEEN ALISTER

Die Schweizerin ist grad massiv gehyped - und das sogar in der Musikmetropole London! Kein Wunder: Irgendwo zwischen Dark-Pop und Dreamy-Indie entführt sie in eine Welt aus Herzschmerz, Liebe und Verlustängste. Pflicht für Gracie-Abrams-Fans!

ZSÁ ZSÁ

Die Wahlberlinerin wurde als Teil der “Wilden Hühner” bekannt, seit 2021 macht sie aber auch solo Musik - und erreicht mit ihrem Hyperrap auf TikTok natürlich bereits ein Millionenpublikum: Wenn das Patriarchat noch einen letzten Nerv hat, dann tritt sie ihn mit Absicht. Geil!

LUNE

Längst hat sie sich als eine der stärksten neuen Stimmen im Deutschpop etabliert, was wohl auch daran liegt, dass sie nicht nur über Herzschmerz und Empowerment, sondern auch über ihr Leben als Tochter von kurdischen Kriegsgeflüchteten singt.



Live-Termine


Ikkimel - "Europas größte F*tze"

23. November 2025 | Graz, pcc
12. Dezember 2025 | Bad Hofgastein, Talstation
(im Rahmen von GASTEIN SOUNDS mit Ski Aggu und SDP)


Infos auf dem Stand vom 27.08.2025  

Tickets Ikkimel


Live-Termine


Nina Chuba

09. Juli 2026 | Wien, Wiener Stadthalle D
10. Juli 2026 | Linz, Donaulände


Infos auf dem Stand vom 27.08.2025  

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