Bild: oeticket / Eva Ruiz
Nova Rock 2022. Während ich backstage auf einen Interviewtermin warte, grölen wildgewordene Horden Deutsche wie von Sinnen aus einer der Backstage-Kabinen. Die Musik-Partybox ist auf Anschlag gedreht, ich vernehme das wohlige Klatschen sich zuprostender Dosenbiere und Kevin Russell, umstrittener Frontmann der Böhsen Onkelz, singt irgendwas von alten Göttern und verlorener Liebe. Es sind Finch und seine Entourage. Ein paar Stunden später entert der deutsche Rapper der Stunde die Red Stage und verwandelt das Nova Rock in ein Tollhaus des Hedonismus. Oberkörperfrei und mit straffem Vokuhila bittet er zum Moshpit und bedient sich an der eigens aufgebauten Bühnenbar. Songs wie „Wir eskalieren“, „Gabber Girl“ oder „Bassdrum“ dröhnen über das Gelände und der Abriss wird real. Überhaupt: der Vokuhila! Er gehört zur Standardausstattung des Asis vom Dienst. Keine (N)Ostalgie aus dem Berliner Raum kommt ohne die straffe Genickmatte aus, davon kann auch Chartstürmer Ski Aggu ein Lied singen.
Beim diesjährigen Frequency Festival, sowieso längst von einem Hort der alternativen Musik zum mitteleuropäischen Ballermann mutiert, konnte man sich erstmals zur selben Zeit an beiden Phänomenen – Finch und Ski Aggu – laben. Hier wie dort erstreckten sich die Fanmassen vor der Green Stage bis weit nach hinten. Hier wie dort wurde hemmungslos gefeiert, bis der Arzt kam – manchmal sogar wortwörtlich. Als bei Finch im Publikum vermehrt Bengalen entzündet werden, kennen Securities und Polizei keinen Spaß mehr und drücken den Unhold nieder. Augenzeugen zufolge ging das nicht reibungslos vonstatten. Beide Künstler spielen die Charmekarte des Gossenproletariats aus und lassen äußerlich wie auch musikalisch wenig Zweifel darüber aufkommen, dass man die Niveaulatte vorsichtshalber gleich am Boden befestigt. Während Finch gerne im Fußballtrikot seines Lieblingsvereins Union Berlin über die Bühne fegt und mit „Bullenschweine“-Rufen Exekutive und Brausehersteller gleichzeitig beleidigt, versteckt Ski Aggu sein Augenpaar hinter einer Skibrille und gibt sich als Hansi Hinterseer der TikTok-Generation.
Ältere Semester erkennen in den beiden eine Mischung aus dem entlarvenden Hollywood-Streifen „Idiocracy“ und den unvergessenen Flodders aus Holland. So mancher prophezeit den Untergang des Abendlandes, wenn Finch wieder einmal vom Sex auf der Rückbank palavert oder Ski Aggu sich einen „Früchtetee (mit Honig)“ zubereitet. Stumpf ballern die Tracks zwischen Gabber, Hardstyle, Rap, Happy Hardcore und Schlager auf die Fans ein und bereiten ihnen Momente, die absolut gar nichts mit dem normalen Alltag zu tun haben. Finch und Ski Aggu bedienen gleichermaßen die niedersten Instinkte, führen ihre Anhänger auf den Konzerten und mit ihren Songs aber auch aus einer Realität, die wenig verheißungsvoll ist. Wenn ein 40-Stunden-Job noch nicht einmal mehr zum Bezahlen der Miete reicht, man tatenlos zusehen muss wie Wirtschaftstreibende an allen zukunftsträchtigen Klimaplänen vorbeiinvestieren und die Work/Life-Balance vom Arbeitgeber noch immer nicht ermöglicht wird, dann hilft nur mehr die Flucht in den Eskapismus. Sonnenbrille auf, Bier und Joint rein und ab zur Party, in der für eine gute Stunde absolute Anarchie herrscht und man sich einfach mal treiben lassen kann.
Ski Aggu begann seine musikalische Rapper-Laufbahn während der Corona-Pandemie. Mit Singles wie „Weißwein & Pappenbecher“ oder „Super Wavy“ vermengte er den Hedonismus und Nihilismus seiner Generation zu einem Brei des Exzesses und wurde zum allumfassenden Partykracher. Zweieinhalb Jahre später sollte er mit „Friesenjung“ die Charts im deutschsprachigen Raum stürmen. Für alle Beteiligten – Ski Aggu, den holländischen Trash-DJ Joost und Urheber Otto Waalkes – war es gleichermaßen die erste Nummer eins. Via TikTok bettelte Ski Aggu förmlich um Ottos Sanktus – am Ende lohnte sich die Geschichte für alle Beteiligten.
Finch hingegen kommt aus dem Battle-Rap, wo die Hackeln naturgemäß tief fliegen und man mit der Wortwahl nicht sonderlich vorsichtig ist. „Zugegeben, wenn man sich als Außenstehender nur meine Musik anhört, könnte man leicht denken: Oh, mein Gott.“, gab er 2019 in einem Interview bekannt, damals firmierte er noch unter dem Banner Finch Asozial. Dass er seinen despektierlichen Namenszusatz im Mai 2021 via Instagram zu Grabe trug, kann man gemeinhin als gewonnene Reife betrachten. Nannte er seine Songs unter dem Banner Finch Asozial noch „Richtiger saufen“ oder „Fick mich Finch“, firmieren sie heute unter Titel der Marke „Liebe auf der Rückbank“ oder „Eismann“. Ganz nach dem Prinzip: die Verpackung ist harmlos, der Inhalt hat es aber immer noch in sich.
Obwohl der seichte und vermeintlich schlechte Geschmack bei der „Generation Woke“ verpönt ist, reißen sich die Stars nur so, um mit den beiden zusammenzuarbeiten. So hat Finch etwa nicht nur mit einschlägigen Genre-Kollegen wie Harris & Ford, Scooter oder Porno-Starlet Mia Julia kooperiert, sondern auch schon Marteria, Silbermond oder Matthias Reim zur Zusammenarbeit bewegt. Ski Aggu bastelt derweil mit dem Berliner Trap-Rapper und Post-Punk $oho Bani und dem gehypten Wiener Bibiza an gemeinsamen Songs. Er gibt außerdem den deutschen Marco Pogo und geht im Herbst (auch in Österreich) auf seine „Wahlkampftour“: Das Fernziel des Skibrillen-Vokuhila-Rappers sei eine Kanzlerkandidatur bei der deutschen Bundestagswahl 2025. Das kann man von außen gerne belächeln, aber Satirefiguren haben wir politisch schon jetzt zur Genüge. Hierzulande rüttelt Marco Pogo recht erfolgreich an den Grundfesten der gewohnten Politik, in Deutschland reüssiert Serdar Somuncu im politischen Diskurs. Der jüngeren Generation dürstet es nach neuen Idolen. Sie wollen Politik anders gedacht haben. Würden Finch und Ski Aggu also wirklich zu einem realen „Idiocracy“ führen? Gegenfrage: Kann die Realität denn überhaupt noch schlimmer werden?
Ski Aggu gastiert am 6. Oktober im Grazer ppc, am 1. November im Gasometer und am 2. im Backstage München. Tickets gibt es bei oeticket.
Finch gastiert am 20. und 21. Juli Open Air in der Arena. Tickets gibt es bei oeticket.