Bild: Katie Hovland
Das oft zitierte Glück der Iren ist häufig nur ironisch, wenn nicht gar zynisch zu betrachten. Man nehme nur die vielen außergewöhnlichen Musiker, die der Inselstaat hervorgebracht hat. Von Van Morrison über Rory Gallagher und Thin Lizzy bis zu den Cranberries, doch wer wird am erfolgreichsten: U2, ausgerechnet. Großartige Schauspieler wie Liam Neeson oder Cillian Murphy, die nie in ihrer Muttersprache arbeiten können, weil sie sonst keiner versteht. Die unglückliche Lösung in Nordirland, die auch im Jahr 2024 noch eine Mauer in Belfast nötig macht, damit sich Protestanten und Katholiken nicht an die Gurgel gehen. Und zu allem Übel noch die frechen Schotten, die sich, ob der diversifizierteren Geschmacksprofile aus Unmengen an Destillerien (und besserem Marketing) seit Jahrzehnten anmaßen, den Uisce Beatha (gälisch für Aqua Vitae; Wasser des Lebens) erfunden zu haben. Wo doch heute anhand einer Chronik aus Clonmacnoise eindeutig feststeht, dass das Destillat erstmals 1405 in Irland schriftlich erwähnt wurde – ganze 90 Jahre vor einer erstmaligen Niederschrift in Schottland. Alles andere ist, so wie die oft bemühte irische Trinkkultur, nur Folklore.
Nun, wo die Historie und Etymologie geklärt wären, ist auch die Erzeugung relativ schnell besprochen. Zuerst verfährt man wie bei der Herstellung von Bier, aus gemälztem Getreide und Wasser wird eine Maische angesetzt, in der Hefe den Zucker in Alkohol wandelt. Für den Brand wird diese Brühe dann in großen Kesseln mehrfach destilliert, bis ein hochprozentiger Schnaps entsteht. Dieser wird dann in Eichenfässer gefüllt und reift dort eine unterschiedliche Anzahl von Jahren. Fertig. Im Detail freilich sieht das wesentlich vielfältiger aus, dazu kommen auch noch strenge gesetzliche Regelungen. Dies alles sprengt aber jeglichen redaktionellen Rahmen. Nur so viel als kleiner Spickzettel: schottischer Whiskey darf ausschließlich aus gemälzter Gerste hergestellt werden, wird üblicherweise zweifach gebrannt und muss mindestens 40% Alkohol haben und drei Jahre in Eichenfässern lagern. Irischer Whiskey hingegen kann neben mindestens 30% gemälzter und 30% ungemälzter Gerste auch andere Getreide als Basis haben und wird traditionell dreifach gebrannt, bei Lagerung und Alkoholgehalt verhält es sich wie beim Schotten. Die vermeintlich geringen Unterschiede machen aber beim Endprodukt viel aus. Während bei schottischen Produkten ein grundsätzlich schärferes und je nach Brennerei recht klar abgegrenztes Geruchs- und Geschmacksprofil vorherrscht, sind die Iren meist weicher, runder und mit weit weniger Ecken und Kanten in der Sensorik versehen. Dort wie da gibt es aber natürlich Ausnahmen, Whisky und Whiskey sind reine Naturprodukte und die Vorgänge in Brennblase und Fass sind nach wie vor mehr Magie als exakte Wissenschaft. Daher die oft auch innerhalb einer Brennerei deutlich ausgeprägten Variationen von Charge zu Charge und Fass zu Fass.
Wer sich das alles in Form einer kompetent aufbereiteten Präsentation im Detail erklären lassen will, dem empfehle ich die Jameson Experience in Dublin. Als leidenschaftlicher Sammler und Trinker aller Arten von Whiskey und Whisky seit über 30 Jahren habe ich an die hundert Brennereien besucht; nirgends wird das so gut aufbereitet wie dort. Was irgendwie ironisch ist, denn dieser Ort ist heute keine Operating Distillery mehr, der eigentlich äußerst beliebige Wald- und Wiesen-Standard Jameson wird eigentlich ganz im Süden in Midleton hergestellt. Nebst anderen Brands wie Redbreast, Powers, Paddy, Spot, usw. Man sieht also, dass nicht nur bei der Form der Brennblasen und der Lagerung eine große Vielfalt herrscht, sondern auch bei Produktionsorten und Marken. Es lohnt sich daher, in nur drei Stunden von Österreich nach Dublin zu jetten, sich dort in einen Mietwagen zu setzen (Achtung, Linksverkehr!) und eine Inseltour zu den interessantesten Destillerien Irlands zu unternehmen. Grüne Hügel, steile Klippen, alte Schlösser, belebte Pubs und natürlich Schafe sind da ein willkommener Side Benefit. Bereit für eine virtuelle Tour?
Dublin ist über die Jahrzehnte zu einer Millionenmetropole gewachsen, die für Städtereisende ein lohnendes Ziel ist. Aber entgegen allen Vermutungen gar nicht so sehr für Destillerien. Während in goldenen Zeiten vor der großen Depression der 1920er hier zig Brennereien in Betrieb waren, sind es heute nur eine Handvoll innerhalb der Stadtgrenze. Hier lohnt es sich vor allem, die der Familie von Whiskey-Pionier und gemeinhin als Retter der irischen Whiskey-Wirtschaft anerkannten John Teeling zu besuchen. Wer es gerne jünger und lifestyliger hätte, kann – in unmittelbarer Nähe des legendären Guinness-Storehouse – auch Roe & Co begutachten. Disclaimer an dieser Stelle: Durch den Boom der letzten Jahre gibt es, nach dem Tiefpunkt Ende des letzten Jahrhunderts mit nur drei (!) Brennereien, mittlerweile weit über 40 Whiskey-Destillerien in Irland. Nicht jede lohnt sich, nicht jede kann und will überhaupt Besucher empfangen. Ich habe daher nur welche herausgepickt, die wirklich signifikant sind. Nach gestrecktem Galopp Richtung Norden, vorbei an der eher unspannenden Cooley Distillery, überquert man die grüne Grenze nach Nordirland, um die dortige Bushmills Distillery zu besuchen. Die 1784 gegründete Brennerei ist das Juwel der Industrie im britischen Teil der Insel und kann mit sehr gutem Whiskey und einem umfangreichen Visitors Centre aufwarten. Die Westküste Irlands, so schön sie ist, kann punkto Whiskeys eher wenig bieten, daher geht es gerade runter nach Zentralirland, wo sich mit der Kilbeggan Distillery (ehem. Locke’s) und Tullamore DEW zwei der bekanntesten Marken finden. Wirklich interessant ist die lange, sich windende Straße auf die Halbinsel Dingle, wo sich mit der gleichnamigen kleinen Destillerie einer der interessantesten und fähigsten Betriebe der neuen Generation befindet. West Cork im Süden wiederum ist ein Industriekomplex, der neben Whiskey auch Unmengen an anderem Alkohol herstellt, beim irischen Lebenswasser aber durchaus den einen oder anderen potenten Kandidaten hat. Dann kommt, Richtung Nordosten, die schon erwähnte Midleton Distillery, faktisch das Herz der Whiskey-Industrie Irlands. Waterford und Glendalough sind die letzten spannenden Stationen, bevor man wieder in Dublin landet.
Klar kann man dort dann in den Bezirk Temple Bar eintauchen, sich in überfüllten Touristenbars neppen lassen und den Eindruck gewinnen, die Iren saufen 24/7 und hören am liebsten nur The Corrs und The Pogues aus der Dauerfett-Phase des kürzlich verstorbenen, großartigen Shane McGowan. Das könnte unzutreffender nicht sein. Denn, obwohl es natürlich in der grauen Vergangenheit ein gravierendes Alkoholproblem auf der Insel gab und der durchschnittliche Ire grundsätzlich schon trinkfest ist, hat man durch staatliche Maßnahmen wie strengen Jugendschutz und vor allem horrende Steuern auf Alkohol den Genuss von zumindest Hochprozentigem gut im Griff. Tatsächlich ist es so, dass ein und dieselbe Flasche/Abfüllung eines Whiskeys in Österreich billiger ist als in der Destillerie. Der Ire nach Feierabend greift also lieber zum geliebten Guinness, Murphy’s, Kilkenny oder Galway Hooker (kicher) und hört Snow Patrol oder irische Altvordere wie die Stiff Little Fingers. Und sicher nicht U2. An der Stelle ein Witz, den mir ein Guide in Cork erzählt hat: „What’s the difference between Bono and God? God doesn’t think he’s Bono.“ Naja, worauf ich hinauswill: die Iren selbst fangen mit dem oft vermittelten Fremdbild des Whiskeys saufenden, Riverdance-artig hopsenden Gingers wenig an und sehen sich als moderne Europäer, die zwar ein starkes Geschichtsbewusstsein, aber keine selbstbeschädigenden Tendenzen mehr aufweisen. Daher hatten und haben Expats wie Flogging Molly-Gründer Dave King kein Problem damit, auch unter der heißen Sonne Kaliforniens typische irische Rhythmen und die omnipräsente Fiedel mit modernem Rock zu verschmelzen, ohne kommerziell zu wirken. Viele irische Bands und Künstler zählen darüber hinaus zu den besten Live-Musikern, die man für Geld kriegen kann. Grund dafür ist das im irischen Alltag fest verwurzelte Busking, also Straßenmusizieren. Wer monate- oder jahrelang gelernt hat, das kritische Publikum auf irischen Straßen zu fesseln, hat später mit einem vollen Wembley auch kein Problem. Darauf trinken wir!
Flogging Molly gastieren am 23. August auf der FrischLuft-Bühne des Posthofs, am 24. August in der Kasemattenbühne (beide ausverkauft), Dropkick Murphys spielen am letzten Nova-Rock-Tag, am 16. Juni. Tickets gibt es bei oeticket.