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Fuckhead: eine 75-stündige Extrem-Performance

17.01.2024 von Stefan Baumgartner

Da hat Michael Masen von music austria schon recht - das mit der Namensfindung für eine Band ist ja immer so eine ganz eigene Sache: Prägnant sollte er sein, der Name, einfach zu merken und im besten Falle schon mal suggerieren, auf welcher Baustelle die jeweilige Formation denn so ungefähr am Werken ist. So simpel diese Zielvorgaben aber auch anmuten mögen, so grandios scheitern letztendlich die meisten Bands daran und berauben sich selbst damit sozusagen der Möglichkeiten einen bleibenden ersten Eindruck zu hinterlassen. Fuckhead hingegen haben, wie der klingende Bandname unter Beweis stellt, diese Hürde schon mal mit Bravour gemeistert.

Fuckhead wurden 1988 in der Stahlstadt Linz von den Gebrüdern Bruckmayr gegründet - und bereits von Anfang an ist man auf Exzess gebürstet. "So richtiger Industrial Krach" - irgendwo zwischen Einstürzenden Neubauten und Test Dept., von denen man übrigens auch den Bandnamen ausgeborgt hat. Ja, während Didi und Christoph Bruckmayr anfangs ein dynamisches Duo waren, das auszog, um Krach allein zu machen, brachten bereits die Neunziger nebst einer Line-up-Erweiterung auch einen bühnentauglicheren Gesamtsound, der zumindest auf verträglichen Noiserock runtergeschraubt war - Hintergrundmusik für den großelterlichen Wochenendskaffeetratsch wurde Fuckhead freilich dennoch nicht. Nach einem weiteren Line-up-Wechsel fanden schließlich die heute berühmt-berüchtigten ironisch-grotesken Bühnen-Performances Einzug, die Didi Bruckmayr vom WUK auch schon einmal ins AKH transportierte, weil ihm ein Brustmuskel riss, nachdem er sich am Fleischerhaken aufgehängt hatte.

Bereits als Solist hatte ich ein klares performatives Bild im Hinterkopf, allerdings nicht den Schneid, das irgendwie zu realisieren. Ich habe mir gedacht, es würde einfach reichen, Krach zu machen und herum zu schreien – das war es dann aber natürlich eher nicht. Die Bilder, die ich im Kopf hatte, waren alle abgeschaut: Bilder der Wiener Aktionisten einerseits, aber auch solche von Performance-Artists, wie beispielsweise Diamanda Galas. Mit denen mitzuhalten ist aber natürlich nicht besonders einfach.

(Didi Bruckmayr)

Fuckhead, das ist also viel mehr als nur ein Potpourri unterschiedlicher Klangfetzen vom Jazz über Ambient, Electro und Metal bis hin zum Noise, sondern ein theatralischer Ausdruck mit dem Ziel, die Grenzen zu verschieben - und so etwas funktioniert auf Konzertbühnen (mittlerweile gar dem Elevate und dem Popfest) ebenso, wie in Theatern, wie zuletzt auch in der Roten Bar des Volkstheaters, wo nicht nur Didis Mundwerk für schräge Töne sorgte, sondern auch der ansonsten gesanglich eher vernachlässigte Gegenspieler am anderen Körperende. Fuckhead, das ist eine Performance, ein Gesamtkunstwerk, für das man schon etwas verschobene Hemmschwellen braucht - nicht nur als Künstler, sondern auch im (nicht selten in die Show eingebundenem) Publikum. Immerhin kam es neben den bereits angesprochenen Fleischerhaken auch schon einmal vor, dass man sich auf der Bühne erbrach.

Das war für mich schon auch ein Punkt, wo ich gedacht habe, dass es vielleicht zu eigensinnig wird.

(Didi Bruckmayr)

Überhaupt passen Fuckhead vielleicht sogar viel besser auf Theaterbühnen, zumindest seitdem hier das Dogma, es dürfe nicht zu lärmig und zu säuisch werden, nicht mehr so streng genommen wird - wie auch die klassischen Zeitvorgaben, übrigens. Fuckhead beginnen selten pünktlich um 20 Uhr und verlassen nach 90 Minuten die Bühne. Fuckhead, das ist der Rock'n'Roll, der sich auch noch Anno 2024 so erbricht, wie er will - und nun eben, für vier Tage, im Theater im Werk am (beziehungsweise: unterm) Petersplatz.

T Fuckhead & Friends: die Uraufführung

Vom 18. Jänner 18 Uhr bis 21. Jänner 21 Uhr gastieren Fuckhead nun im Theater unterm Petersplatz, tief unter der Erde, wo sich die Botschaften diverser Kleinstaaten diverse Wohn- und Büroflächen grundsätzlich einträchtig teilen, wo Ordnung, Disziplin, Kunst- und Wissbegierigkeit herrschen, wie der Pressebericht verlautbart. Darüber, da liegt Europa, das in Kleinstaaten, in Dörfer, in Käffer und vermeintliche Metropolen zersplittert ist, regiert von niederen Instinkten. Menschen, Zoomorphe und Zombies jeglichen Standes und irgendwelcher Herkunft eint lediglich die Liebe zu Fressen, Saufen, Tanzen, Raufen und Kaufen von billigem Scheiß. Und was machen Fuckhead daraus? Ein 75-stündiges Trepanations-Ritual, das Programm verspricht freilich alles und: nichts.

Donnerstag

Ab 19 Uhr Trepanation, anschließend fröhliche Zusammenkunft bei Familie Bobrow. Essen, Trinken, Hausmusik mit Milan und Clemens, Fuckhead, Quehenberger und Stina Fors. Nebenan Klangkunst von Viermaier Kirlinger und Gischt.

Freitag

Ab 0 Uhr audiovisuelle Weiterbildung „Traumazone“ von Adam Curtis bis 06.00. Anschließend Meditation bis 7. Morgensport Boxen für Anfänger mit Didi Bruckmayr von 9 bis 10.30, anschließend Entspannung, Plünderungen, Exkursionen, Staatsbesuche bis 12. Dann Essenfassen! Kochkunst mit Kalivoda von 15 bis 17 Uhr. Zeitgleich Klangkunst mit Androsch, Vorträge zu KI Eskatologie von MSc Toma Pilein, sowie über das Altern von Dr. Schlosserer. Um 19 Uhr dann wieder Trepanation. Anschließend Boxkämpfe der Female Fighters Union! In anderer Sphäre Abu Gabi und 23.00 Klangkunst mit Kutin!

Samstag

Um 2 Uhr Früh gibt es eine cinematographische Weiterbildung mit Stalker und Pleistocean Park! Es folgt eine Meditation von 6 bis 7, dann wieder Frühsport Boxtraining für Anfänger von 9 bis 10.30, gefolgt von Entspannung, Plünderungen, Exkursionen und Staatsbesuche bis Mittag. Dann Essenfassen! Zeitgleich kulturelle Darbietungen von Tamara und Caro P. Schneckenkönig Gugumuck und Dr. Pezawas referieren über Schneckenzucht, Dopamin und Ketamin. Um 19 Uhr wieder: Trepanationsritual. Frau Sophie Ardelt erschafft neue Klangräume. Dann: Beginn des Tanzmarathon! Tribunal des Elferrats. Symbolische Hinrichtung des Nubbels. Es folgt der Abriss: Gabber, Hardcore, Sinnlosigkeit mit DJ Jukebox Utopia! Klangarchitekt Nikolaus von Saalfelden sucht auf einer nahen Lichtung die desorientierten Trinker zu beruhigen.

Sonntag

Ab Mittnacht; Anderswo laufen sonderbare Filme um die Wette. Meditation von 6 bis 7 Uhr früh, dann wieder Frühsport Boxtraining für Anfänger von 9 bis 10.30, gefolgt vom Essenfassen von 12 bis 13 Uhr. Kochkunst mit Kalivoda von 15 bis 17. Zeitgleich kulturelle Darbietungen mit dem Klingenden Sigi von Schönbrunn und Kasho & Marcin. Kuchen essend sitzen wir mit Aileen im Death Café. M.A. Phil/M.A. Kat Suryna aus Belarus referiert über Tiefseebergbau. Wir sind tief unten. Und vom tiefsten Seelengrunde rufen wir glücklich hinauf zum Licht: "RRRRRAAAAAWOUUUUUUUU!" Es folgt um 19 Uhr das letzte Trepanationsritual!

Die wichtige Information zum Schluss: Mit dem Kauf eines Tickets kann diese Veranstaltung während dieser Zeit so oft und so kurz und so lang wie gewünscht besucht werden. Weil sonst wäre für den ungeübten Besucher ein Weg ins AKH möglicherweise unausweichlich.

T Fuckhead & Friends: live

Von 18. Jänner 18 Uhr bis 21. Jänner 21 Uhr gastieren Fuckhead mit der Extrem-Uraufführung im Theater am Werk am Wiener Petersplatz. Tickets gibt es bei oeticket.

TICKETS
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