Bild: Gemma Warren
Es ist der 27. Februar in Berlin, das Wetter eher trist, für Februar-Verhältnisse jedoch in einem fast schon frühlingshaften Zwischenstadium. Bereits am Nachmittag finden sich die ersten Konzertgäste am urigen RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain ein - am Abend wird die 24-jährige isländische Multiinstrumentalistin Laufey im Astra ein Konzert geben, die Halle ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Stunden vor dem Konzert weht schon die angespannte Aufgeregtheit durch das junge, vornehmlich weibliche Konzertpublikum, Mobiltelefone spielen allerorts in der stetig wachsenden Schlange zur Einstimmung bereits Songs ihres aktuellen Albums "Bewitched" ab, zwischendurch auch ältere Stücke. Man schaut schnatternd auf Instagram und TikTok nach Fotos, Kurzvideos ihrer vergangenen Konzerte - allesamt ausverkauft. Im London gastierte sie etwa drei Tage hintereinander im Earth Theatre, in Paris im Le Trabendo, und gerade noch am Vorabend im Vega in Kopenhagen. Die Aufregung steigt, als Abschluss ihrer Setlist wird es mit "Goddess" gar ein bis dato unveröffentlichtes Stück Musik geben. Zwei Stunden vor Konzertbeginn zieht sich die Schlange schon quer durch das RAW-Areal - passen doch immerhin 1.500 Menschen ins Astra.
Punkt 19 Uhr dann endlich der Einlass, es geht schnell: Obwohl Singer/Songwriter Adam Melchor aus New Jersey erst in einer Stunde den Abend eröffnen wird, stürmt die Traube hektisch vor die Bühne, begleitenden Vätern, Freunden werden Jacken mit einem "Bis später!" im Eilschritt zugeworfen - Zeit fürs Anstellen bei der Garderobe gibt's nicht, und man sieht allerorts panisch überlegende Blicke: Geht sich ein schneller Gang aufs Klo noch aus, oder riskiert man für allzu menschliche Bedürfnisse gar den besten Platz in der Halle? Melchor steht noch nicht einmal auf der Bühne, da haben die zierlichen Menschenkörper dicht an dicht gepresst schon gut zwei Drittel der Halle eingenommen und warten auf die Königin des Abends: Laufey, eine chinesischstämmige Isländerin, die in Los Angeles lebt und Bossa Nova macht. Zuvor aber noch eine gute halbe Stunde gefühlvolle, akustische Balladen von eben Adam Melchor, dessen Geschichten als Intermezzi mal lachen machen, aber auch zu Tränen rühren: Sein Auftritt wird eifrig beklatscht, es klingt albern, einen Menschen als "menschlich" zu bezeichnen - doch genau dies trifft auf Melchors verblüffende Authentizität zu. Es scheint, als würden die natürlichen Mauern zwischen dem Künstler, auf der Bühne, und dem Publikum im Saal aufhören zu existieren, als seine Musik den Raum erobert. Es ist mit anschwellenden Bridges und krachenden Crescendos mehr als eine typische Indie-Folk-Show, und auch einzelne seiner Stücke werden bereits eifrig mitgesungen.
Dann endlich: Der Star aus dem Netz, der über die Plattform TikTok, wo Laufey es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Gen Z mit Swing und Jazz bekannt zu machen und damit in Windeseile berühmt geworden ist, tritt zu Klängen von Billie Holiday aus dem Mobiltelefon heraus ins Leben. Im Gepäck zuvörderst Musik aus ihrem im Herbst erschienen Album "Bewitched", das erfolgreichste Debüt eines Jazzalbums in der Geschichte von Spotify, das zudem erst letzten Monat mit einem Grammy premiert wurde. Flankiert wird sie von einem Streichquartett, Kontrabass und Schlagzeug, sie selbst inszeniert sich als Bossa-Diseuse alter Schule, greift selbst hie und da zur Gitarre oder setzt sich ans Klavier. Ihr Timbre, das schwebt dazu direkt aus dem Bauch, vorbei an ihrer Brust, wo das Herz wohnt und hüllt so den Saal in wärmende Melancholie, ähnlich wie es auch die überdimensionierten Leselampen auf der Bühne tun. Es werden Geschichten von Dates, zarten Liebesbanden, aber auch unerwiderten Gefühlen gesungen - oft werden einzelne ihrer Textzeilen vom Publikum übertönt: Die Gen Z fühlt mit ihr mit, geht in ihrer Zerbrechlichkeit, die doch Stärke suggeriert, auf. Laufey vermag es - ebenso mit den geschickt eingewobenen Covers von Keely Smith ("I Wish You Love") und Erroll Garner ("Misty") - jeden, der nicht herztot ist, herausreißen aus seiner kleinen Welt. Gemeinsam ist man liebeskranker Träumer, kann die Augen nicht von der schlafenden Person neben sich lassen - bevor nur wenig später tränenreich das Herz gebrochen werden wird, dies ist der Lauf der Dinge. Heute, da sind wir alle für einen Moment auch wieder 13 und wissen, irgendwann, dann, wenn wir erwachsen und von heute auf morgen gereift sind, werden wir einen Brief an unser jugendliches Ich schreiben: "Ich hab's dir doch gesagt." Laufeys Musik verkörpert in unglaublicher Leichtigkeit die chaotischen Lebensveränderungen, die junge Liebende durchlaufen und beschwört mit schwungvollen Rhythmen dann sowohl romantische Erleuchtung als auch einbrechende Verzweiflung herauf. Das Unglaubliche: Nur selten, wirklich selten, blitzen Mobiltelefone über den kleinen Köpfchen auf, machen ein Erinnerungsfoto oder filmen die Lieblingstextzeile mit - zumeist, da bleiben die Augen, Ohren, die Seele auf die in weichblaue Farben gehüllte Laufey gerichtet, wenn sie da etwa singt: "No boy's gonna be so smart as to try and pierce my porcelain heart." Gegen Ende des entrückenden Abends betritt auch ihre Zwillingsschwester Junia an der Geige die Bühne - sticht Laufey spielerisch neckend mit dem Bogen an den Po, bevor es kurz vor der Encore mit "From the Start" erneut zu einem schillernden Höhepunkt kommt; Der Raum wird so still, dass man Stecknadeln fallen hören würde, während ihre kristallklare Stimme sich leichtfüßig durch den Raum schlängelt, die Arme ausbreitet und schließlich, zum Grande Finale, dann auch zum Tanze zu "Goddess" auffordert, dem neuen Stück. Es wird geklatscht, von allen Ecken des Saales hört man "I love you!"-Rufe, bevor sich zahlreiche feuchte Äugleinpaare auf den Weg in die Berliner Nacht machen ...
Und nun erscheint am 26. April endlich "Goddess" nicht nur im Konzertsaal oder auf Spotify gar, sondern auch mit gleich drei weiteren neuen Songs auf der erweiterten Edition ihres aktuellen Albums "Bewitched" - über das Stück verrät uns Laufey: "'Goddess' is my most honest song yet. I wrote it alone at my piano after feeling like someone had fallen in love with the version of me they’d seen on stage, just to find that I wasn’t what they projected once I was off stage. They deemed me to no longer be a shiny thing when the glamor wore off, reduced to skin and bone.”
Die "Goddess"-Edition ist auf Vinyl, Kassette und CD erhältlich und bereits vorbestellbar, das erweiterte Paket enthält dunkelblaues Vinyl, ein aktualisiertes Booklet und ein individuelles Brettspiel. Exklusive Ausgaben werden bei Urban Outfitters mit transparentem, grünem Vinyl, bei Barnes & Noble mit einem Poster und hellblauem Vinyl und bei Amazon mit cloudy-clear Vinyl erhältlich sein.