Foto: Stephanie Ramones, Contigo Photography
Vor 25 Jahren brachte der Londoner Verlag Bloomsbury Publishing den ersten Band der heute weltbekannten Harry-Potter-Reihe heraus, „Harry Potter and the Philosopher’s Stone”. J. K. Rowling, Autorin des Buches, erfand nach eigenen Angaben während einer Zugfahrt von Manchester nach London 1990 die titelgebende Figur, von Anfang an habe sie gewusst, dass es eine siebenbändige Buchreihe über einen jugendlichen Magier werden solle, der ein Internat für Hexen und Zauberer besucht. Bei zwölf Verlagen fand die Idee keinen Anklang, elf davon werden sich heute wohl in den Hintern beißen, denn: Zumindest Bloomsbury besann sich und gab dem Kampf zwischen Gut und Böse in einer mageren Auflage von 500 Stück doch noch eine Chance – gesegnet, wer damals eines dieser Bücher erstand, brachte doch eine Ausgabe aus dieser ersten Edition 2021 bei einer Auktion 471.000 Dollar. Der Erfolgszug nahm (natürlich von Gleis 9 3/4) schließlich Fahrt auf, als sich der amerikanische Verlag Scholastic die Rechte um eine sechsstellige Summe sicherte.
Das ursprünglich für Kinder und Jugendliche intendierte Buch war allerdings zuerst bei Erwachsenen beliebt, bevor es von der eigentlichen Zielgruppe, den heutigen Millennials, regelrecht aufgefressen wurde. Ausgehend von den Büchern, von denen mittlerweile mehr als 500 Millionen Stück verkauft wurden, wurde Harry Potter zu dem bestimmenden popkulturellen Phänomen für diese Generation, ungefähr wie es die Beatles für die Babyboomer waren: Wie sie blieb auch Harry Potter für die nachfolgenden Generationen relevant – wenngleich ohne derselben Obsession und einer durchaus auch kritischeren Rezeption. Mitgeholfen, die magische Harry-Potter-Welt derart im Bewusstsein zu verankern, hat freilich auch eine andere zauberhafte Welt, die zeitgleich immer wichtiger wurde: das World Wide Web. Das Internet ermöglichte eine völlig neue Art des globalen Austauschs und definierte Fankultur neu, was früher etwa bei „Knight Rider” oder „Baywatch”, den Wolfgang-Hohlbein-Büchern oder auch der Scheibenwelt-Romanreihe von Terry Pratchett im engsten Freundeskreis oder der Schule passiert ist, funktionierte nun international. Fantasy erschien plötzlich nicht mehr als Nischen- oder gar Nerd-Phänomen, sondern kam in der Mitte der Gesellschaft an: So lief neben dem ersten Harry-Potter-Film 2001 auch Peter Jacksons erster „The Lord of the Rings” vor einem Massenpublikum im Kino, später etwa auch „Twilight”. Und ja, auch den Schritt ins Serielle schaffte der Fantasy-Hype – man denke nicht nur an die bereits benannten, sondern etwa auch an das zeitgenössischere „Game of Thrones”.
Wie so oft feuerten aber auch zahlreiche Zensurambitionen den Hype an – was verboten ist, ist schließlich gerade für herankeimende Erwachsene erst recht von größtem Interesse: Doch gerade die konservative Seite nicht nur in den USA, sondern auch in Europa hatte ein großes Problem mit Literatur, die Okkultes propagierte. Auch die damals noch progressiv erscheinenden Ideen zu Inklusion, Antirassismus und Homosexualität war diesem Klientel freilich ein Dorn im Auge, während sich eine ganze Generation in Hogwarts in ihrer eskapistischen Coming-of-Age-Erfahrung verankert fühlte, allein weil man ja auch gemeinsam mit den Figuren von Band zu Band alterte, so also irgendwie ein Gemeinsamkeitsgefühl hatte – und letztlich auch ganz gleich, ob man sich mit dem Haus Gryffindor, Slytherin oder (seltener) Hufflepuff und Ravenclaw identifizierte.
Bei diesem generationenübergreifenden Hype, der längst vom Kult zur Populärkultur gereift ist, verwundert es nicht, dass neben den Büchern und Kino- auch Studiobesuche in Orlando oder London bei Warner Bros., die die Filmreihe verantworten, Massen aus den unterschiedlichsten Generationen mit diversen Backgrounds ziehen und quer durch alle Altersschichten hindurch begeistern. Dazu ein persönliches Erlebnis: Vor zwei Jahren flog ich, ein Kind der frühen Achtziger und demnach ein Eizerl zu früh geboren, um dem Potter-Hype verfallen zu sein, nach London, um einem Black-Metal-Festival beizuwohnen. Aber auch ein Besuch der „The Making of Harry Potter”-Studiotour stand am Programm: Es ist dies ein gigantischer Fundus in den Warner Bros. Studios kurz außerhalb von London. Einen ganzen Tag verbrachte ich dort, konnte etwa durch die Winkelgasse schlendern und Ollivanders Zauberstabgeschäft besuchen und ein Butterbier trinken, saß im Festsaal von Hogwarts am Platz, wo sonst Harry Potter, Hermione Granger und Ron Weasly dinieren, fuhr mit dem Hogwarts-Express oder flüchtete im Verbotenen Wald vor Aragog. Mit mir staunten aber nicht nur (vornehmlich weibliche) Millennials, teils bereits mit ihren (nicht minder ergriffenen) Kindern, sondern auch stark tätowierte, vollbärtige, gestandene Herren, die (wären sie nicht in apokalyptische T-Shirts gewandet) durchaus als Rubeus Hagrid durchgehen würden – und die ich tags zuvor beim benannten Festival auch schon getroffen hatte. Wenn der Schritt von „Transilvanian Hunger” zu „Expecto Patronum” gelingt, dann ist über die Prominenz von Harry Potter eigentlich schon alles gesagt.
Zwischen 16. Dezember und 19. März nun muss man nicht nach London oder gar Orlando reisen, um livehaftig in die magische Welt von Harry Potter einzutauchen, es heißt lediglich, die Donau zu überqueren, denn: In die METAStadt, die sich seit 2019 auch als sommerliche Open-Air-Location etabliert hat, zieht für wenige Wochen eine wahrhaft magische Ausstellung ein, die dieses Frühjahr im amerikanischen Philadelphia premierte, im Herbst nach Atlanta weiterzog und leicht zeitversetzt nun auch in unserer Bundeshauptstadt Europapremiere feiert. Hier möchte ich gleich voranstellen: Wer eine der benannten Studio-Touren bereits besucht hat, muss seine Erwartungen hier etwas zurückschrauben; Es handelt sich um eine (tourende) Ausstellung, die liebevoll, qualitativ hochwertig, interaktiv und vor allem beseelt geraten ist. Ein Studiobesuch ist allein im Pomp aber freilich noch einmal ein anderes Kaliber.
Dennoch: Kaum, dass man zwar nicht dem Hogwarts-Express, aber immerhin der S80 entstiegen ist, wird man schon vor die Wahl gestellt – jeder Besucher erhält beim Eingang ein Bändchen, das ihn als Schüler einer der vier Häuser ausweist und für die Verweildauer in der Ausstellung (für die Sie etwa anderthalb bis zwei Stunden einplanen sollten) auf der „Karte des Rumtreibers” positioniert. Mit dem Bändchen sammelt man nicht nur – etwa beim Quidditch (!) – Punkte für „sein” Haus (wie es aus den Büchern und Filmen bestens bekannt ist), das Bändchen ist gleichzeitig auch der Schlüssel für zahlreiche interaktive Spots, die über die komplette Ausstellung verteilt sind und so eine individuelle Experience ermöglichen – aber Achtung: Um den Besucherfluss tatsächlich flüssig zu halten, ist immer nur eine im wahrsten Wortsinn einmalige Interaktion möglich! Im Labyrinth durch die Räume, die die neuesten Innovationen in Sachen immersives Design und Technologie bieten, begegnet man aber auch zahlreichen authentischen Requisiten und Originalkostümen (angereichert mit spannenden Hintergrundinformationen) aus dem Franchise, angefangen bei Besen und Zauberstäben über die ikonischen Lebewesen, die neben den Hexen, Zauberern und Muggeln die magische Welt auch bevölkern, über die Klassenräume, wo Sie Zaubertränke brauen, eine Alraune pflanzen und einen Irrwicht besiegen können, bis hin zu einem Nachbau des Inneren von Hagrids Hütte: Wenn man dort auf seinem tiefen Stuhl platznimmt, wird dem einen oder anderen Besucher wohl eine Träne über die Wange kullern, hat doch Darsteller Robbie Coltrane diesen Herbst im Alter von 72 Jahren das Zeitliche gesegnet. Allein, um dem riesenhaften, liebenswerten Mentor von Harry Potter und Co. noch einmal Tribut zu zollen, lohnt sich schon der Besuch der Ausstellung!
Abgeschlossen wird der Rundgang in einem wohlfeil sortierten Shop, in dem von Gewand, Accessoires, Leckereien und Butterbier bis hin zu Merchandise, das in keiner anderen „Wizarding World”-Experience verfügbar ist, alles, was das Fan-Herz begehrt, zu erwerben ist. Sofern man also noch etwas Gold bei Gringotts eingelagert hat, kann man die Magie von Hogwarts somit auch in den eigenen vier Wänden einziehen lassen!
„Harry Potter: Die Ausstellung” gastiert zwischen 16. Dezember und 19. März in der METAStadt. Die Ausstellung ist (mit nur wenigen Ausnahmen) täglich zwischen 9 und 21:30 Uhr geöffnet. Tickets gibt es bei oeticket.com.