Bild: Konrad Fersterer
Liedermacher, Weltmusiker, Politkritiker und Autor – Hubert Achleitner aka Hubert von Goisern hat in seinem 70-jährigen Leben schon so manch wichtige und gewichtige Position im Kulturbereich eingenommen und startet in diesem Jahr voll durch. Seine Open-Air-Tournee „Neue Zeiten Alte Zeichen“ umfasst 30 Konzerte und ist bereits seit Mitte Mai quer durch ganz Österreich zu sehen. Dazu veröffentlichte er auch das Live-Doppelalbum „Zeichen & Zeiten live“, aufgenommen im November 2022 im Salzburger Festspielhaus, und die Best-Of „Derweil II“, die die letzten 15 musikalischen Jahre des Tausendsassas abdeckt. Wenn im Laufe des Herbstes dann die letzten Töne auf den Freiluftbühnen erklingen, wird sich von Goisern eine wohlverdiente Bühnenpause gönnen, doch bis dorthin ist noch einiges zu tun. Kein schmales Programm für einen 70-Jährigen, der aber mit Leidenschaft für Kunst, Kultur, die Natur und das Berggehen immer wieder versteckte Kräfte in den Vordergrund holt.
„Ich habe schon Anfang 2005 nach meiner ,Trad‘-Tour eine längere Bühnenpause eingelegt und werde mich wieder eine Zeit lang von der Bühne entfernen“, erzählt von Goisern im Gespräch, „ich weiß noch nicht, wie es weitergeht, denn ich kann mir auch gut ein Leben ohne Musik und Bühne vorstellen. Ich komme nicht zurück, um ein paar Best-Of-Shows zu spielen. Entweder fällt mir etwas Neues ein, oder ich lasse es bleiben.“ Auf der faulen Haut wird der umtriebige Künstler aber nicht liegen, er könne sich nach der Tour durchaus wieder einen Abstecher in literarische Gefilde vorstellen. Sein 2020 unter seinem bürgerlichen Namen Hubert Achleitner veröffentlichter Roman „Flüchtig“ stieß auf Anklang. „Dafür müssen mir aber erst die richtigen Ideen kommen und dafür muss ich so richtig tief in eine Geschichte eintauchen, was mir sehr gefällt, weil ich mich dafür mit niemandem koordinieren muss. Hier habe ich völlige Freiheit, die mir in der Musik mit einer Band natürlich fehlt.“
Möglicherweise gehen künftige Texte – in welcher Form und Fassung auch immer sie erscheinen werden – wieder in eine politische Richtung. Von Goisern, ein dezidiert politischer Mensch, der mit seinen Ansichten und Meinungen noch nie Haus hielt, juckt es durchaus in den Fingern. „Die politische Spannung im Land hat sich erhöht und es reizt mich schon, in diese Richtung hin die hohen Töne zu spielen“, erklärt er auf Nachfrage süffisant. „Das Lebensgefühl ist derzeit ziemlich angespannt und wir alle müssen ganz allgemein wieder wacher werden. Nur Musik zu machen ist zu wenig, man muss immer auch politisch sein.“ Eine kulturelle Aushöhlung in den schwarzblauen Bundesländern oder mit nahender schwarzblauer Regierung sieht er nicht. „Die Kunst lebt von der Kreativität. Solange keine Zensur herrscht, wird es immer Wege geben, sie frei auszuüben. Solange wir keine Zustände wie in Russland, Ungarn oder der Türkei haben, sorge ich mich nicht. Sehr wohl müssen wir aber für diese Freiheit kämpfen. Sie ist nicht selbstverständlich und bleibt uns nur erhalten, wenn wir uns um sie kümmern.“
An eine aktive, sofortige Politisierung denkt der Vollblutkünstler vorerst noch nicht. „Die Musik verliert immer, wenn sie sich in den Dienst einer bestimmten Ideologie stellt. Ich will nicht bewusst politische Klänge erzeugen. Die Kunst kann nichts verändern, aber sie kann trösten.“
Für die laufende Open-Air-Tour setzt von Goisern auf dieselbe Live-Besetzung wie im letzten Jahr, will aber aufgrund der Gegebenheiten zunehmend auf die ruhigeren und intimeren Songs verzichten. „Es ist wichtig, dass das Gesamtkorsett funktioniert. Wir haben im Vorfeld sehr viele Lieder geprobt und stark darauf geachtet, was zusammenpasst und was nicht. Es soll einfach ein rundes Erlebnis sein.“ Dass es in Österreich, Deutschland und Italien insgesamt ganze 30 Shows gab und gibt, sei für von Goisern absolut ausreichend. „2022 haben wir 70 Konzerte gespielt, das war mir zu viel. Nun sind es eben 30. So kommen wir in zwei Jahren auf 100, das passt dann wieder. 100 Konzerte in zwei Jahren waren immer das Ziel, allerdings fiel die Aufteilung ein bisschen anders aus als ich vorhatte.“
Neben einem weiteren Buch träumt von Goisern schon länger von einem opulenten Bühnenwerk. „Eine Oper, wenn man so will, wo sich Musik und Dramaturgie vermischen. Auch ein guter Film oder eine schöne Filmmusik würden mir gefallen, aber wir wissen ja, dass es zwischen Wunsch und Umsetzung noch eine große Lücke gibt.“ Partiellen Anfragen von Touristikern erteilt der leidenschaftliche Weltenbummler jedoch seit jeher eine klare Absage. „Ich bin der Letzte, der irgendwem erzählt, wo er in seiner Freizeit hingehen soll. Ich will Dinge entdecken und gehe mit offenen Augen durch die Welt – und das maximal mit meinen engsten Freunden. So wie das Reisen passiert bei mir auch die Kreativität. Ich brauche immer andere Kulturen und Zugänge, das wird sich auch weiterhin nicht ändern.“ Und vielleicht findet er nach einer Verschnaufpause in ein paar Jahren doch wieder seinen Weg zurück auf die Bühne. Überraschungen ist man von Hubert von Goisern seit jeher gewohnt.
Hubert von Goisern gastiert auf seiner vorläufigen Abschiedstour diesen Sommer noch in Klam, Graz, Hallstatt und St. Margarethen. Tickets gibt es bei oeticket.com.
Zum sechsten Mal wurde heuer der Hubert von Goisern-Preis zur Förderung von Talent und Beharrlichkeit für außerordentliches Engagement und Leistungen im Bereich Musik verliehen. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert und vorerst bis 2024 ausgelobt. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahre Von Seiten der Gemeinde, Kimyan Law und Durchstarterin Zelda Weber, die am 7. September beim Most + Jazz im steirischen Fehring, am 30. Oktober im Wiener Stadtsaal und am 16. November in Gleisdorf konzertiert und uns Rede und Antwort stand.
Es war eine fette Überraschung, als mich Hubert angerufen hat und davon berichtete. Ich hatte mich davor beworben, dachte aber eigentlich nicht, dass ich da so wirklich reinpassen würde.
Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Ich schreibe Songs, um unterdrückte Gefühle rauszulassen. Ich mag MusikerInnen, die Geschichten erzählen und die von ihren Songs voll eingenommen werden.
Er macht nicht Musik, um Künstler zu sein, sondern ist Künstler, um Musik zu machen. Es geht bei ihm und seinem ganzen Team um die Liebe zu dem, was sie machen und nicht um irgendein Pseudo-Star-Getue.
Als kleines Mädchen hat sich die Welt um mich herum wie ein Theaterstück angefühlt hat – jeder spielte seine Rolle. Es wird wahnsinnig viel gelogen und verschwiegen. Das hat mich schon immer gezwickt. Die Wahrheit fand ich bei MusikerInnen. Ich will jemand sein, der ehrlich ist und Sachen anspricht, die man gerne vor Mitmenschen versteckt und runterschluckt.