Bild: Joël Hunn
Die Welt ist eine andere als 2001, als Kaya Yanar mit seiner TV-Show „Was guckst du?!“ das erfolgreiche Genre der Ethno-Comedy begründet hat. Aber war sie wirklich besser oder einfach nur ignoranter? In seinem neuen Programm „Lost“ denkt der 51-jährige Deutsche über die Grenzen des Humors nach. Ob man darüber lachen darf? Absolut!
Kaya Yanar, 51, zählt seit mehr als 20 Jahren zu den erfolgreichsten und beliebtesten Comedians im deutschsprachigen Raum. In seinem neuen Programm beschäftigt er sich mit „Klimaklebern, Geflüchteten, Trans-Personen, Gendersternchen, Blackfacing, Rassismus, Sexismus“ und der Frage, welche Witze er überhaupt noch machen darf. Im Jänner feiert „Lost“ Premiere in Deutschland, danach gastiert der Wahl-Schweizer auch in Österreich.
Es war ein schleichender Prozess. Mit meinen 51 Jahren verstehe ich gewisse Dinge nicht mehr und andere dafür besser: Während ich an einer Dusche mit 20 Tasten scheitere, wird mir die menschliche Psyche – vor allem meine eigene – immer klarer. Aber, ja, insgesamt fühle ich mich „lost“. Die Welt verändert sich immer schneller.
Klar. Arbeit war Arbeit und Freizeit war Freizeit. Heute kann man nicht mehr abschalten, man ist ständig erreichbar. Es gab Gut und Böse; heute gibt es kein schwarz/weiß mehr, es ist alles eher „50 shades of grey“. Und irgendwann hat man nicht mehr die Lust oder die Kapazität, sich mit all den komplizierten Dingen zu beschäftigen.
Bin ich denn überhaupt weiß? Oder gehöre ich selbst zu den PoC, den „People of Color“? Ich weiß es nicht. Und vor allem: Es ist mir egal.
Der Begriff „woke“ ist knapp 100 Jahre alt. Er beschreibt ein „wachsames“ Bewusstsein für mangelnde soziale Gerechtigkeit und Rassismus. Im Zuge der „Black lives matter“-Bewegung wurde der Begriff bei uns in der deutschsprachigen Welt weit verbreitet.
Sensibilisierung gegen jede Form der Diskriminierung ist begrüßenswert. Und, ja, es ist natürlich gut, dass wir Menschen nicht mehr als „Schwuchteln“, als „Neger“ oder „Kanaken“ bezeichnen. Dennoch sollte es gerade im Rahmen von Comedy erlaubt sein, mit solchen Begriffen zu spielen – aber nicht, um sie wieder zu normalisieren, sondern um sie einzuordnen.
Selbstverständlich darf man sagen, was man möchte. Man muss dann aber mit den Konsequenzen leben. Die Frage ist: Wie sehen diese Konsequenzen aus und sind sie gerechtfertigt? Der Job eines guten Komikers ist definitiv, die Grenzen der Gesellschaft auszuloten und diese auch mal zu überschreiten. Und dann zu akzeptieren, wenn man zurückgepfiffen wird.
Zu oft folgt auf möglicherweise berechtigte Kritik gleich purer Hass. Es wirkt mir so, als ob manche Leute nur auf einen Grund warten, ihrem Ärger ganz einfach freien Lauf zu lassen. Das verängstigt manche Künstler. Sie schränken sich selbst ein und darunter leidet dann die Kunst.
Ich habe keine Angst. Aber ich spiele zum Beispiel meine alte Kunstfigur Ranjid nicht mehr. Denn das wäre – je nach Schminke, die ich verwende – Black- beziehungsweise Brownfacing. Ich persönlich sehe zwar kein Problem in dieser Figur, aber ich habe keine Lust, das mit tausenden Menschen auszudiskutieren.
Natürlich gibt es die „cancel culture“ – und zwar schon sehr lang. Ich erinnere nur an Ingo Appelt, der vor mehr als 20 Jahren seine TV-Show wegen eines Sketches verloren hat. (Anm.: Pro7 setzte im Herbst 2000 die „Ingo Appelt Show“ ab, weil sie „dem Qualitätsanspruch des Senders“ nicht mehr genügte. Zuvor hatten Studiogäste Kinderpuppen wie Fußbälle auf eine Torwand geschossen). Klar, Zuschauer haben das Recht zu sagen: „Ich will dich nicht mehr sehen“. Aber es ist ein Unterschied, ob man sich kein Ticket kauft oder im TV wegschaltet, oder eine Petition einreicht, um jemanden zu „canceln“. Das ist eine Grenzüberschreitung.
Es ist wichtig, dass wir Comedians den Finger auf gesellschaftliche Wunden legen. Denn wenn wir das nicht können, kann es keiner mehr. Aber die Gefahr für die Demokratie sehe ich woanders. Denn ein Merkmal der Demokratie ist der Schutz der Menschenrechte, und in Deutschland entscheiden sich Millionen von Wählerinnen und Wählern für die AfD, also eine Partei, die die Menschenrechte eher verachtet.
Ich sehe in Deutschland keine große Solidarität. Im Gegenteil. Schau nur, was Martin Rütter in der Causa Mockridge gemacht hat: virtue signalling (Anm.: eine abwertend gemeinte Zurschaustellung eigener überlegener moralischer Werte). Er stellt sich hin, bedient den öffentlichen Aufschrei, holt sich Likes ab und erklärt, wie Comedy funktioniert – und das ziemlich fehlerhaft. Ich verteidige Luke nicht, ich fand seine Witze in diesem Podcast geschmacklos und unwitzig. Aber ich bin der Meinung: Das regelt der Markt.