Bild: Stefan Baumgartner
Am Osterwochenende luden die Einstürzenden Neubauten Unterstützer der Band zu einer einmaligen Zeitreise durch Berlin: Es war (k)ein Spaziergang durch Ost und West, bei dem sie die Mauer einstürzen ließen und Rampen errichteten.
Am frühen Samstagnachmittag traf Bassist Alex Hacke die grob 200 angereisten Neubauten-Fans im Humboldt Forum und lud zu einem kulturell angehauchten „Spaziergang” durch die Museumsinsel. Doch, so betonte er, verwehre er sich heftig der Bezeichnung des „Spaziergangs”, haben die Rechten immerhin diesen Begriff für ihre Demonstrationen vereinnahmt. Vor dem aktuell geschlossenen Pergamonmuseum gab er eine Anekdote zum Besten: Er, sein Bandkollege N. U. Unruh und Khan of Finland verhalfen 2012 dem türkischen B-Movie „Kilink Istanbul’da” (1967) in den ehrwürdigen Museumsräumlichkeiten live zu einem neuen Filmscore, da es ursprünglich so billig produziert war, dass man einfach den „James Bond: Goldfinger”-Soundtrack verwendete.
Über den Hackeschen Markt (der nicht ihm gewidmet ist) ging es schließlich weiter ins Haus Schwarzenberg, in dem vor allem die Ausstellung von „Many Tentacles” und das „Monsterkabinett” für Aufsehen sorgten, bevor schließlich im heimeligen Cuore di Vetro die spezielle Eiscreme „alien pop music” verkostet werden durfte: Guido Dorigo, ein Abbild des jungen Blixa, hat mit der Vanille-Mohn-Creme ein deliziöses Tribut an das neue Album der Neubauten geschaffen.
Am Sonntagvormittag lud Sänger Blixa Bargeld zu einer mehrstündigen, mit launigen Anekdoten gespickten Bus-Tour durch „sein” Berlin: Beginnend beim ehemaligen Flughafen Tempelhof, in dem sich heute das Candy Bomber Studio befindet, wo die Neubauten ihr aktuelles „Rampen”-Album aufnahmen, führte die Fahrt etwa vorbei am Insulaner-„Hügel” des Grazer Damms, der in „Alles in Allem” Erwähnung findet, an der Friedenauer Brücke, unter deren Rampen (ein Zufall?) das Video zum „Trinklied” der Neubauten gedreht wurde oder auch am Wasserturm des Deutschen Technikmuseums, in dem die Neubauten „DNS-Wasserturm” aufnahmen. Ein Stopp war zudem nicht nur das Tritonus Studio an der ehemaligen Grenze zwischen Ost- und West-Berlin, in dem Blixa mit Nick Cave und den Bad Seeds gerade den „Weeping Song” einspielte, als die Mauer fiel (!), sondern freilich auch die Hansa Studios, in dem nicht nur etwa David Bowie und U2 aufnahmen, sondern gar Jimmy Page mit Caterina Valente.
Höhepunkt des Wochenendes war am Abend des Ostersonntags natürlich das spezielle Konzert der Einstürzenden Neubauten in der Betonhalle des Silent Green: Taggleich zum 44. Bandjubiläum wurden bei diesem exklusiven Auftritt - explizit keine "Vorschau" auf ihre im Herbst folgende Tour - fast ausschließlich in Eigenbezeichnung „Rampen”, also Live-Improvisationen, gespielt – und so war es nur treffend, dass man erst über eine fast schon martialisch wirkende Rampe (siehe Titelbild) in die unterirdisch gelegenen Katakomben des ehemaligen Weddinger Krematoriums gelangte.
Passend zum Berliner Stadtteil der beindruckenden Location wurde der Abend natürlich mit „Wedding” von „Alles in Allem” eröffnet. Ein zaghafter Einstieg, bei dem es freilich nicht bleiben sollte - dazu hätte man die Neubauten nicht kennen müssen, allein das von Moser selbstkonstruierte, in der Bühnenmitte thronende Schlagwerk, daneben eine bespielbare Stahlfeder, sprachen Bände. Doch auch ohne Percussion folgte sogleich mit "Come Up And Break Something" dem Titel streng gehorchend im Galopp auch sogleich der Lärm, zerlegten Unruh und Bargeld doch vor ihren Mikrofonen in österlicher Passion eine Holzkiste: klingt schräg - und klang auch so.
Von „Silence is Sexy” wurden auch „Sonnenbarke” und das furios-stiebende „Redukt” gespielt, vom neuen „Rampen”-Album etwa das pulsierende „Ist ist” – zwischendrin stets eingewoben Improvisationen wie die „Federrampe” und der „Turbinenakkord”. Man darf gespannt sein, welche Spompanadeln sich die Neubauten dann für ihr Konzert am 5. September in der Wiener Arena einfallen lassen, ist immerhin schon ihr aktuelles Stück „Ick wees nich” 2022 spontan live bei einer „Rampe” ebenfalls in der Arena entstanden ...
Am Sonntag konnten in der Betonhalle auch einige der Instrumente, die Perkussionist N. U. Unruh im Laufe ihrer Geschichte speziell für die Neubauten entwickelt hatte, bestaunt werden – darunter eine Stacheldraht-Harfe, der „Air Cake”, einer Konstruktion aus einem DDR-Plattenspieler und Plastikflaschen, oder auch die „Guillotine de Magritte” –, bevor am Montag Gitarrist Jochen Arbeit live in der Kuppelhalle des Silent Green einige der Gerätschaften zeigte, die auf der letzten Tour und am aktuellen Album zum Einsatz kamen, um „schönen Lärm” zu kreieren – einige davon wurden vom niederländischen Instrumentenbauer Yuri Landman, der etwa auch für Sonic Youth, Dinosaur Jr. und Melt-Banana tätig war, erschaffen: Darunter befand sich auch eine modifizierte Computer-Festplatte!
Einstürzende Neubauten gastieren am 5. September in der Arena, Open-Air. Tickets gibt es bei oeticket.