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Konzerte

Einstürzende Neubauten: Die Unterseite von hässlichen Teppichen

05.04.2024 von Sebastian Fasthuber

Zu Beginn ihrer Karriere lärmten die Einstürzenden Neubauten aus Berlin mit Kram, den sie am Müllplatz aufgelesen hatten. Heute hat die Band um Sänger Blixa Bargeld längst den Rang moderner Klassiker. Dennoch forschen und suchen sie nach wie vor nach neuen Klängen. Die Musik auf dem sehr starken jüngsten Album „Rampen“, mit dem sie heuer auf Tour gehen, bezeichnet Bargeld als „Alien Pop Music“.

Herr Bargeld, ein neuer Song trägt den Titel „Everything Will Be Fine“. Sollen wir Ihnen das wirklich glauben?

Wer’s glaubt, wird selig. Vor unserem letzten Album „Alles in Allem“, das im Frühjahr 2020 erschienen ist, dachte ich, der Brexit ist das Schlimmste, was uns passieren kann. Es war nicht abzusehen, was noch alles auf uns zukommt.

Das Weltgeschehen fließt aber nicht unbedingt in Ihre Texte ein, oder?

Schon, aber nicht direkt. Die Texte auf der neuen Platte sind genauso kryptisch wie immer, vielleicht sogar noch kryptischer.

Erstaunlich ist, wie frisch, anregend und letztlich einzigartig die Musik der Einstürzenden Neubauten nach mehr als 40 Jahren klingt. Ich habe mich beim Hören des neuen Albums keine Sekunde gelangweilt.

Schön zu hören.

Wie machen Sie das?

Vielleicht liegt es daran, dass wir diesmal schneller waren. Wir saßen 2022 im Tourbus und haben gesprochen, ob und wie wir eine neue Platte machen könnten. Normalerweise brauchen wir ein Jahr. Ein Drittel der Zeit geht für die Material- und Klangforschung drauf. Wir suchen ja immer nach neuen Dingen und Instrumenten. Diesmal haben wir mit dem Instrumentarium von der Tour gearbeitet. Den Forschungsprozess konnten wir also knicken. So waren wir in der Lage, die 15 Stücke in drei Monaten aufzunehmen. Danach wurde noch an Feinheiten gearbeitet. Am Schluss bleibe ich übrig und lasse mir die letzten paar Sätze einfallen.

Die Songs haben Ihren Ursprung in Improvisationen bei Konzerten. Was ist der Reiz dieser Methode?

Wir versuchen, die Routinen zu unterlaufen. Ich weiß bei Improvisationen nicht, was die Anderen machen werden. Es gibt bei uns immer wieder Strategien, um die Gewohnheiten zu zerbrechen. Wir nennen diese Improvisationen vor Publikum „Rampen“. Diesmal habe ich das erweitert auf „gestützte Rampen“.

Was heißt das?

Wir haben nicht ganz bei Null begonnen, es gab vorher eine Minimalverabredung. Beim Stück „Gesundbrunnen“ war es so: Alex spielte die Bassfigur, die man aus dem Titelwort ableiten kann. Also: ges, d, b, e. Ich habe mir auf meinen Teleprompter ein Set von Textfragmenten aus meinen täglichen Notizen geladen, wo ich Anstöße für Songs sammle. So entstand ein assoziatives Gerüst, das wir später im Studio noch ausbauten. Wir verfleischlichten es, wenn man so will. Aber an dem in der Improvisation entwickelten Kerngedanken der Stücke wurde nicht mehr gerüttelt.

Ist die Art, wie die Band arbeitet, immer noch ähnlich wie in der Anfangszeit im Berlin der frühen Achtziger?

Es wäre traurig, wenn ich in 40 Jahren als Musiker nichts dazugelernt hätte. Ich bin als Dilettant da herangegangen. Heute kann ich nicht mehr so tun, als wüsste ich gar nichts über Musik. Am Anfang der Neubauten-Karriere haben wir quasi nur improvisiert. Es gab lediglich ein paar musikalische Anhaltspunkte, die man wiederholen konnte. Erst mit dem Anwachsen unseres Katalogs konnten wir auf immer mehr Material zurückgreifen und richtige Sets spielen. Dazwischen gab es immer Improvisationen. Das ist bis heute übriggeblieben, bloß spielen wir heute meistens nur mehr eine Improvisation pro Konzert.  

Ich habe gehört, Neubauten-Fans haben auch zu den neuen Stücken beigetragen.

Durchaus. Wir haben seit vielen Jahren ein Supporter-System. Diese Schwarmintelligenz nutzen wir. „Gesundbrunnen“ ist mein Lieblingsstück auf dem Album, es war aber unglaublich schwierig zu schreiben. Ich bat unsere Fans, mir die Unterseite von hässlichen Teppichen zu beschreiben.

Wozu das?

Davon ausgehend habe ich den Text geschrieben. Deshalb stehen Metaphern wie „neu verknüpft“ darin. Manchmal weist mich auch jemand auf grammatische Fehler hin. Aber wir schließen das System jetzt ab.

Weil es nicht funktioniert hat?

Doch. Wir haben 2002 damit begonnen. Meine Frau hat den Code geschrieben, da es noch nichts in der Form gab. Sie hat damit das Crowdfunding erfunden. Das war noch vor Social Media. Das gesamte technische und mediale Umfeld hat sich inzwischen so sehr verändert. Man erwartet nun von jedem Künstler, dass er sich ständig per Instagram veräußert. Er muss zeigen, was er auf dem Teller hat und welches Kleid er anzieht. Diese digitale Intimität gab es im Netz 2002 noch nicht, höchstens in der Pornografie. Das haben wir uns erfolgreich zunutze gemacht. Mit der Zeit entwickelte sich unser Supporter-System aber zu einem engen und elitären Zirkel. Das war nicht unsere Intention. Wir suchen uns jetzt wieder etwas Neues, was auch wieder keiner vorher gemacht hat.

Sie haben für „Rampen“ ein neues Genre erfunden: „Alien Pop Music“. Was darf man sich darunter vorstellen?

Ich brauche Begriffe, an denen ich mich abarbeiten kann. Ich weiß noch, ich saß hier in meinem Haus und starrte das Fenster an. Irgendwie kam ich auf „Alien Pop Music“. Wir haben ja in den Achtzigern den Begriff „Geniale Dilettanten“ erfunden. Ein ganzer Zirkel Westberliner Bands wurde darunter zusammengefasst. Es war wieder Zeit für etwas Neues. Ich stelle mir darunter Popmusik für Außerirdische vor, oder Popmusik für Andere. Irgendwo gibt es ein Paralleluniversum, in dem wir so groß sind wie die Beatles.

Wie halten Sie es mit der Popmusik? Verfolgen Sie die Entwicklung?

Ich persönlich habe mit Popmusik überhaupt nichts zu tun. Ich kenne nur einige Namen, weil ich sie öfter höre, aber ich kenne die Musik dazu nicht. Ich weiß, wer Taylor Swift ist. Musik von ihr habe ich noch nie bewusst gehört. Man kann mir nicht vorwerfen, ich hätte mich von irgendwelcher Popmusik beeinflussen lassen, denn ich kenne sie ja gar nicht. Aber auch hier gilt: Vielleicht bin ich in einer Parallelwelt Popmusiker.

Hätten Sie gedacht, dass die Einstürzenden Neubauten so lang bestehen würden?

Niemals. Es gab ja keinen Plan. Mir wurde überhaupt erst klar, dass wir eine Band sind, als wir unseren ersten Plattenvertrag unterschrieben haben. „Aha, jetzt ist das zementiert”, dachte ich mir da. Die Band wurde ja auch nicht gegründet. Sie spielte einen Auftritt am 1. April 1980. Ob wir noch ein zweites Mal auftreten werden, war da nicht klar. In den Anfangszeiten gab es sehr viel Fluktuation. Wir spielten keine zwei Konzerte mit demselben Lineup. Heute kann ich sagen, ich bin froh, dass wir unseren „Winterspeck an Möglichkeiten“ nicht so schnell verbraten haben, wie ich es in einem Stück einmal formuliert habe.

Machen die Tourneen eigentlich noch Spaß?

Die letzte Tour hat sehr viel Spaß gemacht, wahrscheinlich auch durch die lange Pause davor. Wir sind mit eigens installierten Luftreinigern im Bus gefahren. Jeder wurde jeden Tag getestet. Und trotzdem mussten wir nach Köln die Tour abbrechen, weil es Corona-Fälle gab. Ich selber habe es geschafft, bis November 2023 ohne Infektion durchzukommen.

Ich frage auch, weil Sie ein großer Feinspitz sind und unterwegs gern Haubenlokale aufsuchen. Ist das Essen bei den Locations so furchtbar?

Nicht immer.  Ab und zu kommen von Veranstalterseite richtig gute Sachen zustande. Natürlich esse ich lieber gut als schlecht. Es ist oft schwierig, weil wir als Band die Abendunterhaltung sind. Wenn ich fertig bin und wir von der Bühne runterkommen, hat in der Regel kein Lokal mehr offen. Darum mache ich mich schon mittags auf die Suche.

Eines meiner ewigen Neubauten-Lieblingsstücke ist „Ich warte“. Warten Sie immer noch?

Ja. Das ist ein Zustand, der bleibt. Ich warte auch immer noch auf Musik. Meine Vorstellung ist, dass sie etwas sein kann, was so gewaltig und lebensverändernd ist, dass man davon ausgehen muss: Alles, was man bis jetzt gehört hat, ist gar keine Musik. Das ist die Idee dahinter.

Und solang Sie diese Idee verfolgen, musizieren Sie weiter?

Hoffentlich.

Einstürzende Neubauten bringen ihre „alien pop music” am 5. September ins Open-Air-Areal der Arena Wien. Tickets gibt es bei oeticket. Tipp: Am 5. Dezember gastiert Blixa Bargeld zudem mit Teho Teardo im WUK. In ihrem feinsinnigen Zusammenspiel verschmelzen Avantgarde und Anschmiegsamkeit, Kakophonie und Komposition, Sprachabgrund und Schönheit. Auch hierfür gibt es Tickets bei oeticket.

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