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"Manege frei!" für das Circus-Theater Roncalli

10.09.2024 von Hannes Kropik

Sie entstammt einer legendären Artistendynastie und ist im Zirkus aufgewachsen. Heute windet sich das Leben von Lili Paul-Roncalli aber nicht nur um ihre Auftritte als Schlangenfrau. Gemeinsam mit ihren Geschwistern übernimmt die „Let’s Dance“-Siegern hinter den Kulissen des Circus Roncalli immer mehr Verantwortung.

Lilian „Lili“ Paul-Roncalli, 26, ist die jüngste Tochter von Circus-Roncalli-Gründer Bernhard Paul und der Artistin Eliana Larible-Paul. Mit sechs Jahren begann sie ihre Karriere als schlangengleiche Kontorsionskünstlerin. 2020 gewann sie die 13. Staffel der RTL-Show „Let’s Dance“ an der Seite von Profitänzer Massimo Sinató, 2022 war Lili „Starmania“-Jurorin. Gemeinsam mit ihren Geschwistern Vivian und Adrian arbeitet die Freundin von Tennisprofi Dominic Thiem auch hinter den Kulissen des Circus Roncalli, der mit seinem neuen Programm „ARTistART“ im Herbst in Wien, Innsbruck und Graz gastiert.

Was kannst du uns über das neue Programm „ARTistART“ verraten?

Es ist eine Fortsetzung unseres vorangegangenen Programms „All for ART for All“. Es geht wieder darum, große Künstler wie Keith Haring, Frida Kahlo oder Pablo Picasso zu ehren, indem wir ihre Werke in unsere Nummern einfließen lassen. Ihre Kunst ist von Anfang bis Ende Teil unserer Show.

Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Wir haben verschiedene Ansätze. Keith Haring zum Beispiel war ein guter Freund meines Papas und hat ihm einen Zylinder gemalt. Das war eines der letzten Kunstwerke, die Haring finalisiert hat. Und aus dieser Zeichnung haben wir einen Zylinder anfertigen lassen, den Andrey Romanovski geschickt in seine Nummer einbauen wird. Die Frisur unserer Ringkünstlerin Alisa Shehter ist eine Hommage an Frida Kahlo – aber meine eigene Nummer soll noch eine Überraschung sein …

Verzichtet der Circus Roncalli wieder auf Tiernummern?

Zumindest physisch, ja. Pferde werden aber erneut in Form von Holografien zu bewundern sein. Das ist unser Weg, mit Tieren zu arbeiten, ohne Tiere wirklich in der Manege zu brauchen.

Wie schwierig ist der Drahtseilakt zwischen der langen Zirkus-Tradition und den Ansprüchen einer modernen Welt?

Wir hatten damit nie Probleme. Im Gegenteil, der Circus Roncalli war von Anfang an ein Vorreiter. Wir haben uns immer Gedanken gemacht, wie sich die Welt ändert und welchen Platz der Zirkus darin hat. Ich finde, Tiere durch technologische Innovationen wie die Holografie zu ersetzen, war eine gute Entscheidung. Und wir versuchen, so nachhaltig wie möglich zu agieren.

Wie macht ihr das?

Zum Beispiel, indem wir unsere Zirkuswagen mit der Bahn von Stadt zu Stadt transportieren und nicht auf der Straße. Wichtig ist bei allen Innovationen aber, dass die ursprüngliche Atmosphäre und die Nostalgie erhalten bleiben. Du darfst im Zirkuszelt nie das Gefühl haben, in einer beliebigen Mehrzweckhalle zu sitzen.

Wie stark sind du und deine Geschwister in solche Entwicklungen einbezogen?

Mein Papa ist mit seinen 77 Jahren immer noch wahnsinnig fit und trifft die finalen Entscheidungen. Und wir sind sehr froh darüber, immerhin hat er fast 50 Jahre Erfahrung in diesem Business. Aber wir werden von Jahr zu Jahr mehr involviert. Viviane kümmert sich zum Beispiel um das Casting der Künstler für die Show und gemeinsam sind wir für alle Kostüme verantwortlich; Adrian ist vor allem in unserem Apollo Varieté in Düsseldorf tätig. Und da ich selbst regelmäßig auftrete, bekomme ich genau mit, was in der Manege und hinter den Kulissen passiert und kann rasch reagieren, wenn irgendwo etwas nicht ganz rund läuft.

Siehst du dich eher als Artistin oder als Managerin?

Es ist ein spannender Spagat zwischen beiden Welten. Tatsächlich muss ich manchmal zwischen zwei Auftritten schnell Businessentscheidungen treffen. Aber so ist das im Zirkus: Dinge entwickeln sich organisch, jeder bringt seine Stärken da ein, wo sie am besten passen.

Wenn ihr auf Tournee seid, wohnst du – wie alle anderen auch – in einem der Zirkuswagen. Wie geht man auf so beengtem Raum mit Stress und Druck um?

Im Zirkus musst du generell sehr flexibel sein und immer lösungsorientiert denken und handeln. Natürlich gibt es auch bei uns zwischenmenschliche Probleme, die werden aber so schnell wie möglich ausgeredet.

Du bist im Zirkus aufgewachsen. In deinem Buch „Manege frei für Lili“ schreibst du: „Kein Zirkuskind wundert sich, wenn Männer sich schminken oder glitzernde Kostüme tragen“. Wie groß war die Umstellung zur „richtigen“ Welt außerhalb des Zirkus?

Ich bin im Zirkus unterrichtet worden und war nur im Winter jeweils für zwei Monate in einer „normalen“ Schule. Von Jahr zu Jahr habe ich mehr Unterschiede wahrgenommen. Im Zirkus schwebt man in einem Paralleluniversum, in dem das Leben nicht ganz so kompliziert ist. Aber auch die „normale“ Welt kann sehr schön, sehr bunt sein.

Deine Mutter ist Italienerin, dein Vater Österreicher und du selbst bist in Deutschland zur Welt gekommen. Welcher Nationalität fühlst du dich am ehesten zugehörig?

Tatsächlich besitze ich den italienischen Pass. Aber eigentlich ist jedes dieser Länder ein wichtiger Teil von mir.

Deine Familie mütterlicherseits ist eine Zirkusdynastie in achter Generation, dein Onkel David Larible ist einer der berühmtesten Clowns der Welt. Hattest du als Teenager je das Bedürfnis zu revoltieren und Buchhalterin oder Beamtin zu werden?

Nein, niemals. Ich habe mit sechs Jahren spielerisch zu trainieren begonnen und nie einen anderen Berufswunsch als Artistin gehabt.

Du beschreibst dich selbst als schüchtern und zurückhaltend. Warum zieht es dich dennoch ins Rampenlicht?

Ich bin im Rampenlicht groß geworden, für mich ist das etwas ganz Normales. Deshalb habe ich mich bei „Let’s Dance“ auch so wohlgefühlt: Es war ein sehr vertrautes Gefühl. Und je älter ich werde, umso mehr genieße ich es, vor Publikum aufzutreten. Jeder Artist weiß, dass seine Zeit in der Manege nicht unendlich währt.

Kannst du dir nach der Tanzshow „Let’s Dance“ vorstellen, dich in Zukunft verstärkt in Richtung Film und Fernsehen zu orientieren?

Einzelne Projekte haben mir bisher schon sehr viel Spaß gemacht, und wenn wieder ein spannendes Angebot kommt, dann werde ich es gerne machen. Aber den Zirkus werde ich nie ganz verlassen.

Das Circus-Theater Roncalli gastiert zwischen 11. September und 8. Dezember zuerst in Wien, anschließend in Innsbruck und schließlich in Graz. Tickets gibt es bei oeticket.

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