Bild: oeticket / Björn Franck
Am 6. Februar erscheint mit “Liturgy of Death” das neue Album der Black-Metal-Urväter Mayhem, nur wenige Tage später gastieren sie am 19. Februar gemeinsam mit Marduk und Immolation in der Wiener SIMMCity. Eine Einstimmung auf das Konzert liefert die erste Single “Weep for Nothing”.
“Gehasst, verdammt und vergöttert” werden nicht nur die Böhsen Onkelz, sondern auch das Genre des Black Metals: Die insbesondere dank des “Lords of Chaos”-Films des schwedischen Regisseurs und ehemaligen Bathory-Schlagzeugers Jonas Akerlund aus dem Jahre 2018 in den Mainstream-Orbit gesendeten Skandale der frühen Neunziger strahlen noch heute aus und das Subgenre polarisiert in der heutigen Gesellschaft mehr denn je.
Die in Skandinavien entstandene „zweite Welle" des Genres - die erste fand mit unter anderem Bathory schon Mitte der Achtziger Jahre statt, kam aber weitgehend ohne Skandale aus - hatte ihren Höhepunkt zwischen 1992 und 1993, als nicht nur die damals wie eine Kakophonie klingende Musik, sondern vielmehr von Musikern verübte Kirchenverbrennungen und Morde selbst in der Popular-Weltpresse breitgetreten wurde, Stichwort: Varg Vikernes von Burzum. Eigentlich ist die Frühgeschichte des Black Metals sogar Hollywood-reif, so ist es nicht verwunderlich, dass zwar erst spät, aber doch die Geschichte von einer der Bands dieser frühen Stunde, Mayhem, eben unter dem Titel “Lords Of Chaos” (lose am gleichnamigen Buch von Michael Moynihan basierend) verfilmt wurde.
Gibt man heute bei Google “Black Metal ist …” ein, kommt als erster Vorschlag “Krieg” - ein Verweis auf den Titel des 2001er-Albums der deutschen Band Nargaroth, und dies ist durchaus programmatisch zu sehen: Heute liegt die Magie des Black Metals gerade in Zeiten der globalen Gleichschaltung und der P.C.-Gesellschaft in seiner radikalen Unangepasstheit, im Kokettieren mit dem Verbotenen und dem Anecken an gängigen Normen, auch wenn sich reelle Skandale mittlerweile auf ein Minimum beschränkten; Ein Gros dessen, was im Black Metal heute passiert, passiert auf der Bühne, richtet sich klanglich, inhaltlich und stilistisch gegen alles, was gemeinhin unter “normal” oder “angepasst” firmiert. Kirchen brennen und Menschen sterben heute - zumindest verübt von Musikern des Black Metals - nicht mehr. Doch die Bands des damaligen Schmelztegels haben ihre Popularität in die moderne Zeit gerettet - darunter auch eben Mayhem, die sich anschicken, im Februar ihr erst siebtes Album “Liturgy of Death” zu veröffentlichen.
Mayhem wurden 1984 in Oslo gegründet - ihr Name war ein Tribut an Venoms “Mayhem with Mercy”. Ihre erste EP “Deathcrush” (1987) zeigte sie stark von eben Venom, aber auch Bathory, Hellhammer, Sodom, Destruction und Motörhead beeinflusst. Die anfangs thrashige, crustige, fast schon punkige Atmosphäre änderte sich, als der Schwede Per Yngve “Dead” Ohlin wenig später, 1988, bei ihnen einstieg: Wie sein Pseudonym andeutet, faszinierten ihn Themen wie der Tod und alles Makabre. Dies hörte man nicht nur an seinem elendig krächzenden und kreischenden Gesang, sondern merkte man insbesondere auch in seinen anormalen Verhalten: Er vergrub etwa seine Kleidung für Monate, um bei Auftritten modrige Fetzen tragen zu können. Außerdem hatte er einen verwesenden Raben in einem Plastikbeutel bei sich, um “den Duft des Todes einzuatmen” - und auf der Bühne schnitt er sich die Arme auf. Wenngleich ein Livemitschnitt aus dieser Epoche - “Live in Leipzig” aus dem Jahre 1990 - nicht nur eindrucksvoll das bereits damalige Raffinesse von Mayhem dokumentiert: Der Höhenflug endete abrupt, als Dead sich 1991 im Bandhaus die Pulsadern aufschnitt und anschließend mit einer Schrotflinte in den Kopf schoss. Gitarrist Euronymous fand ihn wenig später - und schoss ebenfalls, allerdings mit einer Polaroidkamera Fotos. Eines davon wurde wenig später zum Cover des Bootlegs “The Dawn of the Black Hearts”.
Nur zwei Jahre nach Deads Suizid - immer noch war kein offizielles Studioalbum erschienen - dann der nächste Todesfall in der Band: Eben jener Euronymous wurde von Varg Vikernes in seiner Wohnung erstochen, als Motiv wird eine anhaltende Streiterei um Geld genannt. 1994 folgte dann mit “De Mysteriis Dom Sathanas” endlich das erste Album - mit Attila Csihar von den ungarischen Tormentor am Gesang und nicht nur mit Euronymous' Gitarrenspuren, sondern ursprünglich auch mit Vikernes' Bassspuren. Heute gilt das Album als Meilenstein der Black-Metal-Geschichte.
Auf Csihar am Gesang folgte Maniac (der auch schon auf “Deathcrush” zu hören war), Euronymous wurde von Blasphemer ersetzt: Das zweite Album “Grand Declaration of War” (2000) zeigte Mayhem avantgardistischer, während Maniac an eine weniger feminine Version von Marilyn Manson erinnerte, auf der Bühne Sexualverkehr mit toten Tierköpfen simulierte und sich wie Dead zuvor mit einem Messer tiefe Schnitte an Hals, Körper und Armen beibrachte. Das Folgealbum “Chimera” (2004) präsentierte Mayhem wieder ruppiger, weniger experimentell, mehr noch “Ordo Ad Chao” von 2007, für das Attila Csihar erneut in den Bandschoß geholt wurde. Mit ihm folgten schließlich auch noch “Esoteric Warfare” (2014) und “Daemon” (2019). Und nun erscheint am 6. Februar - mit kleiner Verspätung - zum 40. Bandjubiläum ihr erst siebtes Studioalbum “Liturgy of Death”.
“Nach vier Jahrzehnten des Exzesses hat die Band einen neuen Höhepunkt erreicht: schneller, heftiger und finsterer als alles andere in ihrem bisherigen Schaffen”, verspricht da der Pressetext - und tatsächlich, der erste Höreindruck mit der Single “Weep for Nothing” lässt klanglich durchaus an die frühen Neunziger und auch etwa an die Genre-Kollegen von Dark Funeral denken. Programmatisch zieht sich wie auf den Alben zuletzt - und mehr noch in der bewegten Band-Historie - eine “unerbittliche Meditation über den Tod in all seinen Erscheinungsformen" durch die acht neuen Stücke, in der limitierten Deluxe-Variante sogar zehn.
“Vom wütenden Chaos von ‘Despair’ und ‘Funeral of Existence’ bis zur düsteren Erhabenheit von ‘Ephemeral Eternity’ und ‘Aeon’s End’ zieht jeder Track den Hörer tiefer in ein Ritual des Elends und der Transzendenz hinein. ‘Propitious Death’ und ‘The Sentence of Absolution’ verbinden Brutalität mit einer bedrohlichen Atmosphäre, während ‘Life Is a Corpse You Drag’ und ‘Sancta Mendacia’ (die beiden Bonus-Tracks) keinen Zweifel daran lassen, dass Mayhem nach wie vor unübertroffen darin sind, Verzweiflung in Klang umzusetzen”, heißt es da weiter im Pressetext.
Das Album ist bereits vorbestellbar, in der Deluxe-Vinyl-Variante ist neben dem Album (mit alternativen Coverartwork) und einer gesonderten EP mit beiden Bonustracks auch ein 12-seitiges Booklet, ein Pin mit umgekehrtem Kreuz, ein Patch, zwei Kunstdrucke und eine Tarotkarte enthalten.
Knapp zwei Wochen nach Veröffentlichung präsentieren Mayhem dann ihr neues Album auch live in Wien, unweit des Zentralfriedhofs, in der SIMMCity: Im Schlepptau haben sie nicht nur die Death-Metal-Legenden Immolation aus New York (beste Alben: “Dawn Of Possession” und “Failures For Gods”), sondern mit Marduk auch eine weitere Black-Metal-Legende, allerdings aus Schweden: Mit Songs wie “Fuck Me Jesus”, “Panzer Division Marduk” oder “Fistfucking God’s Planet” spielten auch sie in einem regen Besetzungsreigen seit Anbeginn geschickt auf der Klaviatur der Provokation, irgendwo zwischen Religionshass und einem überbordenden “Interesse” am Zweiten Weltkrieg. Man kann nur hoffen, dass nicht nur Mayhem, sondern auch Marduk nach ihrem “Memento Mori” von 2023 dem Tod, dem Sterben und der Vergänglichkeit bis dahin erneut ein Denkmal setzen.