Bild: Jan Frankl
Michael Niavarani zeigt im Theater im Park heuer nebst dem „Sommernachtstraum” auch seine neue Götterkomödie „Venus & Jupiter“ und sinniert mit Maria Happel über den „Trost der Kunst“. Ein Gespräch über weiße alte Götter, die überlebensnotwendige Kraft von Witzen, TikTok, Dickpics und den Reiz der Langeweile.
Das Erstaunliche ist: Die Antike hat extrem viel Zeitbezug. Der Untergang des Römischen Reiches ist uns inhaltlich sehr nah. Die Essenz der Theaterstücke von damals ist total menschlich und verständlich über die Jahrtausende hinweg, auch wenn man viele Anspielungen nicht mehr versteht.
Das Stück ist eine Mischung aus „Alkestis“ von Euripides und „Amphitryon“ von Plautus. Gerade Plautus hat mich fasziniert. Das ist eine wahnsinnig lustige Komödie aus dem alten Rom. Der Gott Jupiter würde gern mit Alkmene schlafen. Sie ist ihrem Mann aber unfassbar treu, weil sie ihn so liebt. Jupiter kommt auf die Idee, sich in ihren Ehemann zu verwandeln. Nach der Liebesnacht kehrt der echte Ehemann nach viermonatiger Abwesenheit aus Germanien zurück. Dadurch kommt es zu unglaublichen Verwirrungen. Es ist ein sehr weibliches Stück und eine sexuelle Komödie.
Genau. Das Familientreffen im Olymp ist abgesagt. Keiner will Jupiter mehr sehen, diesen alten, weißen Gott, der sich aufführt wie ein patriarchalischer Vollidiot. Stattdessen geht es nach Vindobona. Dort ist Jupiters Sohn Apollo, den Otto Jaus spielt. Jupiter hat ihn dorthin verbannt. Er muss als Sklave dem Präfekten von Vindobona dienen, also quasi dem Bürgermeister. Die Familie soll wieder zusammengeführt werden. Aber es entsteht eine noch viel größere Katastrophe. Im Grunde ist das Stück eine Abrechnung mit den alten weißen Göttern, über die auch alte weiße Männer lachen können. Ich zumindest.
Mir geht es nicht darum, das Publikum zu unterrichten oder zu belehren. Oft sitze ich einsam und allein bis vier Uhr in der Früh in meiner Bibliothek und recherchiere, weil mir was ins Auge gesprungen ist. Ich fange an zu lesen und bin so fasziniert, dass ich das auch Anderen mitteilen möchte. Um vier Uhr früh kann ich leider nur wenig Leute anrufen. Die, die abheben, sind betrunken. Am Ende betrinke ich mich mit denen bis sechs Uhr in der Früh und vergesse, was ich recherchiert habe. So ungefähr entstehen meine Theaterstücke.
Ja. Mir fällt gerade auf, dass ich vielleicht doch gern Lehrer wäre. Genau so sollte man nämlich unterrichten. Ein Lehrer muss glänzende Augen vor Begeisterung haben, wenn er in Biologie von der Proteinbiosynthese spricht. Und in Physik vom Gesetz der Thermodynamik. Die Kinder würden mehr zuhören.
Lesen kann ich nur analog. Selbst einen Sketch von drei Seiten muss ich ausdrucken, am Papier durchlesen und mit Bleistift Notizen hineinmachen. Dann übertrage ich das wieder mühsam in den Computer. Am Handy lese ich gar nicht. Dafür vergeude ich meine restliche Lebenszeit auf TikTok.
Ja. Mein Algorithmus und ich sind sehr unterschiedlicher Meinung. Er ist eine Drecksau. Ich sage ihm, er soll mir Kochvideos schicken. Er schickt mir dauernd Nackerte. Ich bin süchtig nach TikTok, nutze es aber nur passiv. Mich interessieren die neuesten Medien und Entwicklungen immer. Dickpics hat es in meiner Jugend einfach nicht gegeben. Ich hätte ein Foto machen und es dann beim Niedermeyer entwickeln lassen müssen. Wahrscheinlich sind Dickpics erst mit Polaroid-Kameras aufgekommen.
Ich habe keine Abneigung dagegen. Aber mein Talent, vor der Kamera etwas Lustiges zu machen, ist enden wollend. Wohingegen ich die größte Freude habe, wenn ich vor Publikum blödeln darf. Mir macht das einfach mehr Spaß. Ich gehöre ins Theater.
Wir haben im selben Haus gewohnt und sind immer noch Nachbarn. Oft treffen wir uns zufällig, manchmal auch absichtlich. Wir mögen uns sehr. Irgendwann haben wir uns gefragt, warum wir noch nie etwas gemeinsam gemacht haben. Wir beleidigen uns gern. Ich sage: „Du mit deiner subventionierten Hochkultur!“ Sie: „Du mit deinem kommerziellen Schas!“ Dabei haben wir große Hochachtung voreinander.
Ich glaube, wir alle brauchen sie zum Überleben. Die Kunst tröstet tatsächlich. Es kann einem so viel geben, wenn man sich reinfallen lässt in einen Roman, in eine Oper oder in ein Lied. Die Oper „Madame Butterfly“ ist eine der furchtbarsten Macho-Geschichten. Und sehr traurig. Trotzdem sehe ich sie gern, weil einen die Musik über die Traurigkeit erhebt. Die Komödie kann das auch, indem sie aus dem Grauen etwas Lustiges generiert. Der Witz hat die Funktion, dass ich mich nicht mehr fürchte, nicht mehr hasse, aggressiv oder traurig bin.
Aus zwei Gründen: Wenn man die Geschichte nicht versteht, weil der Regisseur das Stück ganz anders inszeniert hat, oder wenn es gar nichts zum Lachen gibt. Die Tragödie muss immer auch etwas Komödiantisches haben, die Komödie etwas Tragisches. Sonst wird’s langweilig.
Selbstverständlich. Wenn ich irgendwo warten muss, ist mir auch fad. Aber eigentlich ist es ein Gottesgeschenk. Ich habe jetzt wieder immer ein Buch mit. Ich bin draufgekommen, dass ich in meiner Jugend auch ständig mit Büchern herumgelaufen bin. Selbst beim Discobesuch hatte ich ein dtv-Taschenbuch eingesteckt. Wenn ich mit der Straßenbahn heimgefahren bin, habe ich weitergelesen. Das habe ich irgendwann aufgegeben. Jetzt gehe ich wieder mit Büchern herum. Es ist auch gar nicht schlecht, wenn einem manchmal fad ist. Dann kann sich das Gehirn ein bisschen erholen.
Michael Niavarani ist diese Saison gleich in zwei Produktionen im Theater im Park zu sehen, einerseits mit der Wiederaufnahme von „Sommernachtstraum“, andererseits mit der neuen göttlich-römischen Komödie „Venus & Jupiter“. Außerdem unterhält er sich dort auch mit Maria Happel über die Unterschiede zwischen E und U. Tickets gibt es bei oeticket.