Bild: Sony Music
Seit 31. Oktober ist Michael Patrick Kellys neues Album “Traces” erhältlich, 2026 beehrt er erneut Wien. Das gab Anlass, um mit ihm ein Gespräch über Spurensuche und Menschlichkeit zu führen, und zu erfragen, wie es ist, über den Tod des eigenen Vaters zu singen - noch dazu wieder vereint mit den Geschwistern von der Kelly Family.
Ich treffe Michael Patrick Kelly Ende Oktober im Wiener Hotel Motto im sechsten Bezirk. Vor ihm eine Tasse Kaffee und ein gesunder hausgemachter Energy-Riegel, und mein erster Gedanke ist: Vielleicht ist es diesem Riegel zu verdanken, dass Kelly so jung und ausgeschlafen aussieht. Denn seine 47 Lenze sieht man ihm nicht im Geringsten an, und dass er gerade inmitten der Promotour seines neuen Albums, das seit 31. Oktober erhältlich ist, steckt, scheint bisher auch keine Spuren hinterlassen zu haben.
“Traces”, also: “Spuren”. Darum geht es heute. So heißt nämlich auch Michael Patrick Kellys neues Album. Natürlich sind damit nicht die Anzahl der Fältchen im Gesicht, etwaige Altersflecken oder schütteres Haar gemeint, weshalb ich mich für meinen ersten Gedanken auch sogleich schäme. In Gegenwart von Michael Patrick Kelly, der immerhin Jahre im Kloster verbracht hat, bei jedem Konzert seine Friedensglocke schwingt, ebendort eine Schweigeminute für das menschliche Seelenheil einlegt und 2024 zum Botschafter für Frieden und Gerechtigkeit der Vereinten Nationen in Deutschland ernannt worden ist, denkt man nicht über solche Oberflächlichkeiten nach.
Denn Kelly, dem geht es auch in seinem fünften (sechsten, wenn man “In Exile” mitrechnet) Werk um Tiefgreifendes. Tiefgehendes. Um Reales. Um Authentizität. Um Hilfestellung. Das kennt man, zugegeben, bereits von Kelly, der später in unserem Gespräch sagen wird, dass Songwriting so etwas wie seine persönliche Psychotherapie ist. Aber irgendwie, man kann es nicht genau fassen, ist “Traces” anders als seine Vorgänger. Nicht unbedingt musikalisch, wir dürfen uns nämlich erneut auf eine hitverdächtige Mixtur aus radiotauglichen Ohrwürmern, zurückgenommenem Brit-Pop, eingängigen (Indie-)Rockmelodien und Einsprengeln aus Urban und (keltischer) Worldmusic freuen - Chor- und Operngesänge inklusive. Genre-Crossovers als Analogie der Nächstenliebe und des Miteinanders: das geht nur bei Michael Patrick Kelly, dem einstigen Teenie-Star, der auf einem Hausboot lebte.
Aber emotional, da kommt “Traces” wuchtiger daher, als man es erwartet hätte und man im ersten Moment überhaupt zu verdauen vermag. Was uns Kelly hier präsentiert, ist großes akustisches Gefühlskino. Die Scheibe atmet von der ersten Sekunde an glühenden und vor allem authentischen Humanismus, ist eine kraftvolle Reise voll von Hoffnung, Katharsis, Mut und Poesie. Kelly geht auf Spurensuche nicht nur in seiner eigenen (vielschichtigen) Lebensgeschichte, sondern auch in jener des menschlichen Individuums. Er blickt tief in die Seele einer krisengebeutelten Welt, widersteht aber der Versuchung, sich der Verzweiflung, der Düsternis und dem Zynismus hinzugeben. Die Sehnsucht Kellys, sich selbst und die Menschheit besser zu verstehen sowie der drängende und in ihm so tief verwurzelte Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, ist in jeder Textzeile, in jeder Note zu spüren. Statt anzuprangern und zu belehren setzt Kelly auf Mitgefühl, Zuversicht und die Heilung durch zwischenmenschliche Nähe. Die Spuren werden hier zu Leuchtspuren, die Pfade zu Wegweisern. Kelly erlaubt uns, endlich wieder mal durchatmen zu dürfen. Weil weitergehen, das tut es immer irgendwie.
“Traces” ist die bis dato vielleicht beste Platte des Künstlers. Als ich ihm das mitteile (so viel Zeit muss schließlich sein), ist Weltstar Kelly – mit 15 Jahren der erste Welthit, danach Stadiontourneen, 20 Millionen verkaufte Tonträger und über 50 Gold- und Platinauszeichnungen – sichtlich berührt. Er legt mir seine Hand auf die Schulter und bedankt sich. Wie viel ihm das bedeute, versichert er mir ergriffen. Ich glaube ihm. Es fällt schwer, es nicht zu tun. Aber: Hört einfach selbst, während ihr das Gespräch lest!
Als Künstler denke ich natürlich immer: “This is my best record!” Aber bei diesem glaube ich tatsächlich, dass es vielleicht mein bisher bestes Solo-Werk ist. Rein quantitativ ist es auf jeden Fall jenes Album, für das ich am meisten Songs geschrieben habe: nämlich knapp 100 Songs über eineinhalb Jahre! Ich war wirklich in einem Writing-Fieber. Ich finde, manchmal muss man viel schreiben, damit alles rauskommt, was einen so aufwühlt und beschäftigt. Und Songwriting ist für mich auch ein bisschen wie Seelentauchen. Man sucht nach Dingen, denen man bisher vielleicht noch nicht so viel Aufmerksamkeit gegeben hat. Was ist noch alles so in mir drin?
Es geht um Spuren – sowohl positive als auch negative. Spuren, die man im Leben mitbekommt und hinterlässt. Es geht darum, sich damit zu befassen, statt davor wegzurennen oder sich abzulenken. Das erfordert Mut, nach dem Motto: Facing your fears. Das ist nicht immer einfach, deswegen ist dieser Songwriting-Prozess über eineinhalb Jahre sehr intensiv gewesen. Es gibt einen Songwriter aus Nashville, dessen Namen ich vergessen habe, der immer gesagt hat: “Ein guter Song besteht aus drei Akkorden und der Wahrheit.” Und genau diese Wahrheitssuche, die war sehr intensiv. Vielleicht liegt das aber auch an meinem Alter. Ich bin jetzt 47 Jahre alt. Vielleicht wird man auch reifer als Mensch und reflektiert die Dinge anders. “Traces” ist vielleicht mein psychologisches Album.
All diese Dinge. Und noch etwas: Manchmal werde ich nachts wach, weil ich im Traum Melodien höre. Mittlerweile habe ich es raus, dass ich mich dann selbst wach bekomme – oder zumindest wach genug, um zum Handy zu greifen, auf Record zu drücken und dann dort reinzusummen. Vielleicht ist nachts das Unterbewusstsein wach oder kommt mehr zum Vorschein.
Ich habe bei vielen Songs mit anderen Songwritern gearbeitet. Aber so gut wie immer weiß ich, worüber ich schreiben möchte, weil mir ein Thema wichtig ist. Dann gibt es aber auch Menschen, denen ich begegne oder von denen ich höre und die ich treffen möchte. Dann arbeite ich ein bisschen wie ein Investigativ-Journalist und suche diese Begegnung und das Gespräch, um an der Quelle zu sein. Und daraus schreibe ich dann Songs.
Ich finde schon. Absolut. Aufgrund meines sozialen Engagements bin ich ja auch immer wieder in der dritten Welt – wobei ich hier sagen möchte, dass ich diesen Begriff nicht mag, denn das klingt so abwertend. Auch den Begriff “Entwicklungsländer” finde ich schwierig, denn das hört sich so an, als wäre der wirtschaftliche Fortschritt das Nonplusultra. Auf jeden Fall: In diesen Ländern gibt es viel menschlichen Reichtum, sprich Reichtum an Menschlichkeit, Lebensfreude, Zufriedenheit und Zusammenhalt. Es gibt viel weniger Einsamkeit. Die Menschen dort geben sich mit wenig zufrieden und davon kann man viel lernen. Wir sollten auch mit Menschen aus anderen Kulturen viel mehr sprechen.
Diese Aufnahme hat mich sehr berührt. Auch auf meinem letzten Album gab es ein Lied für meine verstorbene Mutter. Und bei diesem Album wollte ich meinem Vater ein musikalisches Denkmal setzen. Beim Songschreiben musste ich mehrmals abbrechen, weil mir einfach die Tränen kamen. Beim Einsingen genauso. Da musste ich immer wieder aufhören. Dann waren die Tränen und der Kloß wieder weg und ich konnte weitersingen. Das hört man auch teilweise in der Stimme, im Song. Die Emotionen sind so stark, dass man das kaum fassen kann. Ich weiß auch noch gar nicht, ob ich den Song nächstes Jahr auf Tour live vortragen kann.
Es war tatsächlich so: Als mein Vater starb, habe ich nicht geweint. Ich war zudem für die Beerdigung zuständig. Das heißt, ich war zehn Tage lang nur am Organisieren. Erst, als alles vorbei war, habe ich zum ersten Mal wirklich getrauert. Darum geht es auch im Song “Healing”, den man auch wie ein Selbstgespräch verstehen kann. Wenn es ums Trauern geht, bin ich eher der Typ, der alles runterschluckt. Ich renne dann immer ein bisschen vor allem weg oder lenke mich ab. In den letzten paar Jahren aber haben mir zwei Freunde sehr dabei geholfen, Trauer und Tränen zuzulassen. Es einfach anzunehmen. Das Klischee “Boys don't cry” zu durchbrechen. Denn Weinen hat etwas Heilendes, Befreiendes. Manche Themen kommen erst Jahre später hoch, weil wir vielleicht erst dann wirklich dafür bereit sind. Vielleicht war das der Grund, wieso erst jetzt “The Day My Daddy Died” zustande gekommen ist.
Ja, ich glaube schon. Was ich unter Psychotherapie verstehe, ist, der Wahrheit über sich selbst näher zu kommen. Ordnen, neu sortieren, re-setten. Und in dieser Hinsicht hat Songwriting auch definitiv so eine Funktion.
Zwei Wochen, bevor wir das Album abgeben mussten, kam die spontane Idee, meine Geschwister für diesen Song ins Boot zu holen. Also habe ich sie alle angerufen. Das war eine Last-Minute-Aktion. Super spontan. Es war aber unmöglich, so kurzfristig alle an einem Tag an einen Ort zu bekommen. Deswegen haben wir in Tonstudios in Spanien, Irland, USA und Deutschland aufgenommen. Als ich den Kelly-Chor schlussendlich gehört habe, war ich zu Tränen gerührt. Auch, weil ich ja als Musiker eigentlich zwei Karrieren habe: eine in der Gruppe und jetzt als Solo-Künstler. Und in diesem Song konnte ich beide Karrieren zusammenführen.
Meine Eltern sind auf jeden Fall die prägendsten Menschen für mich. Und dann natürlich auch die Erziehung, die sie mir gegeben haben, dieser sehr alternative Lifestyle: unterwegs gewesen im Doppeldecker, auf dem Hausboot gelebt, ich bin nicht zur Schule gegangen, wurde mit Homeschooling großgezogen. Dann Musik. Das sind alles Sachen, die habe ich von meinen Eltern. Klar, es gab auch Nachteile. Kein Leben ist perfekt. Aber wenn ich nochmal wählen müsste, würde ich genau das alles nochmal haben wollen. Weil es so ungewöhnlich war. Ich sage immer, ich bin ein normaler Mensch mit einem unnormalen Leben.
Es gibt am Album zum Beispiel den Song “Keep Hope Alive”. Dieser wurde inspiriert von einer Begegnung mit dem Highway Patrol Officer Kevin Briggs, der in seiner 15-jährigen Dienstzeit über 200 Menschen auf der Golden Gate Bridge in San Francisco davon abgehalten hat, von der Brücke zu springen und sich das Leben zu nehmen. Kevin ist ein sehr bescheidener Mensch. Mittlerweile befindet er sich im Ruhestand und coacht Menschen, die in der Suizidprävention arbeiten. Er hat nie jemanden mit Gewalt gerettet, sondern immer das Gespräch gesucht. Er ist so jemand, der auch in meinem Leben Spuren hinterlassen hat. Oft sind es die stillen Menschen, von denen man in der Öffentlichkeit kaum etwas mitbekommt, die die Heldengeschichten unserer Zeit schreiben.
Allgemein haben jene Menschen in meinem Leben Spuren hinterlassen, die mir ihre Geschichte erzählt und mir aber auch Feedback gegeben haben. Zum Beispiel sagen mir Leute, dass sie zu einem Song von mir geheiratet haben. Oder einen lieben Menschen beerdigt haben. Eine Frau hat mir letztens erst für meine Musik gedankt und mir erzählt, dass sie mein Album während ihrer Chemotherapie gehört hat. Ich bekomme aber auch Feedbacks von Athleten, Ski-Weltmeister zum Beispiel. Die, kurz bevor sie auf die Piste gehen, einen Song von mir hören, um sich selbst Mut zu machen.
All das sind Spuren, die mir bewusst machen: Das, was ich mache, ich mehr als bloß Entertainment. Meine Musik hilft Menschen in ihren Lebenssituationen. Mehr kann man sich nicht wünschen als Künstler. Natürlich freue ich mich über Goldene Schallplatten. Aber ganz ehrlich, solche Begegnungen sowie das Wissen, Menschen helfen zu können, sind für mich die wahren Goldenen Schallplatten.
Hoffnung ist für mich kein Gefühl, das kommt und geht, und in herausfordernden Zeiten, die ich natürlich auch ganz klar wahrnehme, automatisch verschwindet. Es ist für mich die Entscheidung zu einer Lebenshaltung. Ich hatte vor einigen Jahren ein Gespräch mit der kürzlich verstorbenen Primatenforscherin Dr. Jane Goodall, das mich sehr geprägt hat. Sie sagte, dass Hoffnung kein passiver Zustand ist, sondern untrennbar verknüpft ist mit unserem Handeln. Dem stimme ich zu. Hoffnung ist sowas wie der Motor der Welt. Und ich habe definitiv Vertrauen in und Hoffnung für unsere Zukunft.
Nach einer längeren Öffentlichkeitspause kehrt auch sein jüngerer Bruder Angelo Kelly 2026 wieder auf die Bühne zurück - und er hat die Pause sehr genossen und dazu genutzt, um neue Songs zu schreiben: Auf seiner “Ready To Rock”-Tour wird es also auch neue Songs zu hören geben, aber ebenso einige der Mega-Hits, die Angelo Kelly mit der Kelly Family hatte, werden dabei sein - und das noch dazu in einer intimen Club-Atmosphäre!