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Nicholas Ofczarek & Musicbanda Franui interpretieren Thomas Bernhard

13.11.2024 von Sebastian Fasthuber & Stefan Baumgartner

Zweifelsohne gilt Thomas Bernhard als einer der größten österreichischen Autoren, sein Roman „Holzfällen” erzeugte bei seiner Veröffentlichung 1984 erhebliches Echo und ist bis heute neben „Heldenplatz” eines seiner meistdiskutierten Werke. Thomas Bernhards Roman stellt einen Erzähler ins Zentrum, der aus der Distanz seines Ohrensessels eine „künstlerische Abendgesellschaft“ in der Wiener Gentzgasse beobachtet und diese mit bösartiger Genauigkeit seziert. Die versammelte Menge wartet auf die angekündigte Ankunft eines Burgschauspielers; zudem sind die meisten Personen dieser Gesellschaft miteinander verbunden, weil ihre durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Freundin Joana am Nachmittag desselben Tages in der Ortschaft Kilb zu Grabe getragen wurde.

Nun erweckt der Burgtheater-Schauspieler Nicholas Ofczarek und die Musicbanda Franui das Werk rezitativ-musikalisch zum Leben. Wir sprachen mit dem Kammerschauspieler und Andreas Schett, dem künstlerischen Leiter der Band.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit von Franui und Nicholas Ofczarek?

Andreas Schett: Es war eine längere Geburt. Wir haben uns schon 2019, also noch vor der Pandemie, darauf verständigt, dass wir einen gemeinsamen Abend machen wollen. Und auch auf Thomas Bernhard und „Holzfällen“ sind wir schnell gekommen.
Nicholas Ofczarek: Der Start der neuen BURG-Direktion von Stefan Bachmann war für uns ein passender Anlass, um unser Herzensprojekt auf die Bühne zu bringen. Es war eine Freude, gemeinsam mit der Musicbanda Franui an den vielen Verwebungen zwischen Text und Musik zu arbeiten.

Warum gerade dieses Buch?

Andreas Schett: Es ist wie für uns geschrieben: Ein Ich-Erzähler sitzt in der Gentzgasse im 18. Wiener Gemeindebezirk im Ohrensessel und zerlegt mit seinen Beobachtungen eine „künstlerische Abendgesellschaft“, wie es bei Bernhard heißt. Er schimpft fortwährend über die Anwesenden und – da ein Burgschauspieler erwartet wird – über das Burgtheater. Die Gesellschaft hat sich am selben Tag schon in Kilb in Niederösterreich getroffen, weil eine gemeinsame Freundin begraben wurde, die sich umgebracht hat. Die erste Idee war: Ofczarek schimpft in der BURG übers Burgtheater und wir spielen dazu Trauermärsche. Perfekt.
Nicholas Ofczarek: Das Setting in „Holzfällen“ – die Wiener Gesellschaft trifft sich nach einer Beerdigung und erwartet die Ankunft eines Burgschauspielers – ist geradezu aufgelegt für die auf Trauermärsche spezialisierten Franui und mich als Burgschauspieler.

Herr Ofczarek, was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit Thomas Bernhard?

Nicholas Ofczarek: Thomas Bernhard gehört, seit ich denken kann, zu meinen liebsten Schriftstellern. Sein Mut und seine faszinierende Gratwanderung zwischen Polemik und Humor haben mich schon immer beeindruckt. Besonders „Holzfällen“ karikiert das Wiener Künstlermilieu wunderbar überspitzt und dennoch so treffend.

Welche besonderen Herausforderungen stellen seine Texte an Sie als Schauspieler und Rezitator – oder ist es einfach nur eine Freude, sie vorzutragen?

Nicholas Ofczarek: Es ist eine reine Freude.

Bernhard gilt als sehr musikalischer Autor. Zurecht?

Andreas Schett: Seine Werke kann man auch wie Partituren lesen. Es finden sich darin viele Rhythmen und sehr komplexe Satzbauten. Besonders „Holzfällen“ ist ein unglaublich toller, vielschichtiger Text.

Das Buch ist 40 Jahre alt. Wie gültig ist Bernhards Gesellschaftskritik heute?

Andreas Schett: Absolut gültig. „Holzfällen“ analysiert auch für die heutige Zeit noch messerscharf, wie sich Menschen in der Kunstwelt verhalten. Dieses Gewese und Getue gibt es nach wie vor. Und dabei ist es auch noch so lustig, wie das im Buch daherkommt! Was auch auf den Punkt gebracht wird, ist der Gegensatz zwischen Stadt und Land. Eine Konfrontation, die auch heute politisch wieder so schlagend ist. Bei Bernhard streben die Menschen vom Land immer danach, in den Zug zu steigen und in die Großstadt zu kommen. Und dann vernichtet sie die Großstadt.
Nicholas Ofczarek: In „Holzfällen“ zeigt sich natürlich auch das Gesellschafts- und Sittenbild einer bestimmten Zeit. Und das Werk hat unsere Wahrnehmung geprägt. Für mich persönlich ist es auch einfach eine große Lust und Freude, Bernhards Sicht auf die Wiener Gesellschaft ausgerechnet auf die Burgtheaterbühne zu bringen und mit dem Heute abzugleichen.

Franui sind für innovative Formate bekannt. Es ist also vermutlich keine konventionelle Lesung mit Musikbegleitung.

Andreas Schett: Nein. Es geht uns um eine Verbindung von Musik und Text. Über weite Strecken kommt daher die Musik zugleich mit dem Text. Es ist eine Partitur für elf Stimmen. Keine Lesung mit Musik, auch kein Hörspiel, kein Konzert, keine Oper, sondern von allem etwas. Wenn man so will, ist es ein neues Format, das noch keinen Namen hat. Die Herausforderung lautet: Wie schafft man es, die Aufmerksamkeit auf den Text zu fokussieren, obwohl auch komplexe Musik dabei ist und den Text begleitet, konterkariert, vorbereitet, neu kontextualisiert? Die Arbeit mit Nicholas Ofczarek ist eine helle Freude, weil er unglaublich musikalisch ist.

Welche Musik haben Sie gewählt?

Andreas Schett: Das war ein längerer Prozess des Suchens. Wir haben in der Vergangenheit oft mit dem romantischen Lied gearbeitet, vor allem mit Schubert oder Mahler. Das verträgt sich interessanterweise mit Bernhard überhaupt nicht. Zum Glück gibt es im Roman musikalische Anknüpfungspunkte. Der Gastgeber Auersberger wird darin als „Komponist in der Webern-Nachfolge“ bezeichnet. Webern und Schönberg kommen immer wieder vor. Und auch Henry Purcell. Wir arbeiten mit Musik von Purcell-Arien bis Webern. Und Mozart ist auch dabei. Der Tonfall seiner „Divertimenti“, mit denen er im Grunde Unterhaltungsmusik gemacht hat, passt gut zu dieser Sprache und Welt. Das ist ein riesiger Komponistenhimmel, den wir da in der Gentzgasse aufleuchten lassen.

Das klingt ziemlich ernst. Dabei ist die geschilderte Gesellschaft sehr lächerlich.

Andreas Schett: Gerade diese Spannbreite finde ich interessant. Diese Figuren legen eine unglaubliche Kunstanstrengung an den Tag und sind doch lächerlich. Überraschenderweise bekommt das Ganze am Schluss eine zutiefst menschliche Dimension: Der Ich-Erzähler – also womöglich Thomas Bernhard selbst – kapriziert sich am Ende seiner großen Schimpftirade auf seine eigene „rücksichtslose Gemeinheit und Niederträchtigkeit“. Diese so schonungslose Selbstbespiegelung ist auch bei Bernhard selten zu lesen. Richtig erhellend, auch für das Publikum.

Der Abend ist also lustig, ernst und noch mehr?

Andreas Schett: Das ist immer unser Anspruch. Kunst soll viele Gemütszustände zugleich zulassen. Dann ist sie schön. Ich finde es langweilig, wenn etwas nur lustig oder nur verkopft ist.

Nicholas Ofczarek ist Wiener und Burgschauspieler, dieser Bezug ist also gegeben. Gibt es auch einen Bezug des Romans zum Osttiroler Dorf Innervillgraten, wo Franui herkommen?

Andreas Schett: Fast! Das Vorbild für den Burgschauspieler in „Holzfällen“ war Walther Reyer, der aus Tirol stammte. Seine Tochter Cordula Reyer wiederum war in den Neunzigern das bekannteste Model aus Österreich. Sie hat vor einigen Jahren in der Tageszeitung Der Standard einen Text über den Ort in Südtirol geschrieben, wo ihr Großvater herkam. Es handelt sich um das Gsieser Tal, das direkte Nachbartal des Villgratentals. Walther Reyer ist offenbar in jeder freien Minute dorthin gefahren und mit den Einheimischen beisammen gesessen. Bei Bernhard hält der Schauspieler folgerichtig lange nach Mitternacht ein denkwürdiges Plädoyer: „In die Natur hineingehen und in dieser Natur ein- und ausatmen und in dieser Natur nichts als tatsächlich und für immer Zuhause zu sein“, das empfinde er als das größte Glück, sagt er.

Wie ist die Premiere gelaufen?

Andreas Schett: Ursprünglich wurde angekündigt, den Abend „nur wenige Male“ zu zeigen. Nun ist die Kartennachfrage so groß, dass es ziemlich viele Zusatzvorstellungen gibt. Es geht eindeutig in Richtung Hit! Und wir gastieren mit der Produktion 2025 u. a. am Berliner Ensemble, am Schauspielhaus Bochum und am Schauspiel Stuttgart.
Nicholas Ofczarek: Wir haben uns über viel Lachen, Szenenapplaus und Standing Ovations gefreut.

+++ Hardfacts +++

Nicholas Ofczarek (7. von links) ist seit 30 Jahren Mitglied des Burgtheaters, von 2010 bis 2012 war er der fünfzehnte Jedermann der Salzburger Festspiele. Die Musikbanda Franui unter der künstlerischen Leitung von Andreas Schett (rechts neben Ofczarek) stammt aus dem Osttiroler Dorf Innervillgraten. Sie spielt seit 1993 in nahezu unveränderter Besetzung und ist bei den renommiertesten Festivals und Konzerthäusern zu Gast, u. a. bei den Salzburger und Bregenzer Festspielen, im Burgtheater Wien, dem Wiener Konzerthaus, der Philharmonie de Paris und der Elbphilharmonie Hamburg. Dabei versteht sich das Ensemble als „Umspannwerk zwischen Klassik, Volksmusik, Jazz und zeitgenössischer Kammermusik”.


Live-Termine


HOLZFÄLLEN in der BURG

Mittwoch, 27. November | Burgtheater, Wien
Dienstag, 10. Dezember | Burgtheater, Wien
Montag, 23. Dezember | Burgtheater, Wien
Dienstag, 31. Dezember | Burgtheater, Wien

Infos auf dem Stand vom 13.11.2024  

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