Bild: Stefan Baumgartner (Stefan Bachmann & Thomas Jonigk)
Ab der kommenden Saison bespielt die BURG wieder alle vier ihrer Bühnen und setzt auf das „Erzählen von Geschichten“ – zum Teil in außergewöhnlichen theatralen Formen. Neben einem Programm von Karl Kraus über Johann Nestroy bis hin zu Heinrich Böll setzt die BURG auch in der kommenden Saison auf das bewährte Ensemble von Klaus Maria Brandauer und Maria Happel über Mavie Hörbiger und Michael Maertens bis hin zu Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek.
Stefan Bachmann, Künstlerischer Direktor der BURG, geht es wie vielen Menschen da draußen: Für ihn wird die Welt vehement verwirrender und beunruhigender. Kriege, Krisen und Katastrophen schaffen in uns allen Unsicherheiten, die nur schwer greifbar sind: „Ungerechtigkeit, Chaos und Willkür schaffen ein Klima der Sorge. Kriege, die nicht enden: Die Menschen sind angespannt, aufgewühlt.“ Allerdings hat Bachmann für sich persönlich im kürzlich verstorbenen Dramaturg Carl Hegemann einen Anker gefunden, genauer: in dessen Essay-Band „Dramaturgie des Daseins“.
Die Texte in diesem Buch verbindet der Versuch, das Theater als einen Ort zu begreifen, an dem sich das menschliche Dasein strukturell und historisch als Drama reflektiert – und das Drama versteht Hegemann als Bedingung dafür, dass wir überhaupt mit Bewusstsein am Leben sind. Weniger philosophisch ausgedrückt: Erzählungen schaffen für uns Menschen eine Orientierung, die uns bei den drei großen Fragen des Lebens zwar keine endgültigen klaren Antworten, so doch aber eine Richtungsweisung geben – wo kommen wir her, wer sind wir und wo gehen wir hin?
Und so bietet die BURG nicht nur einem fantastischen Ensemble (von Klaus Maria Brandauer und Maria Happel über Mavie Hörbiger und Michael Maertens bis hin zu Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek), sondern auch einigen den größten und großartigsten Geschichtenerzählern der Menschheitsgeschichte kommende Saison eine Bühne – genauer gesagt: vier Bühnen. Denn nach der Renovierung öffnet sich auch das Kasino am Schwarzenbergplatz wieder einem Publikum und wird „zu einem Ort neuer Theaterformen, intimer Ensembleabende und der Verbindung mit der Stadt“ – darunter mit „Jetzt!“, eine Initiative der BURG und der MUK: Es ist dies ein Professionalisierungsprogramm für Menschen mit körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen, die vorhaben, am Theater sowie im Bereich Film als Darsteller*innen zu arbeiten. Im Kasino wird aber auch Platz für Spontanes, Late-Night-Formate, Diskussionen und Kooperationen mit lokalen Künstler*innen und Institutionen sein. Hervorzuheben ist hier insbesondere „Die Nacht kurz vor den Wäldern“: Bernard-Marie Koltés‘ vielschichtiger Monolog fängt die menschliche Sehnsucht nach Nähe ein und zeigt das emotionale Chaos eines Haltsuchenden. In der Inszenierung von Robin Ormond wird das Publikum Teil dieser rastlosen Reise: Es bewegt sich mit dem Schauspieler Michael Wächter vom Kasino aus durch die Stadt. Zeitgenössisch brandaktuell ist auch „Lysistrata“ von Aristophanes, eine Komödie, die Regisseurin Ebru Tartici Borchers als radikale Gegenstimme zum erstarkenden männlichen Chauvinismus in die Gegenwart holt – verweigern im Stück doch die Frauen kriegsführenden Männern Sex, um so einen Friedensschluss zu erzwingen.
Das Vestibül bleibt ein Ort für die erfolgreiche Arbeit der Community-Abteilung, an dem wieder zwei Inszenierungen junger Regietalente – darunter das noch nicht feststehende Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises unter der Regie von Claus Nicolai Six –, sowie zwei neue Stücke mit Expert*innen des Alltags und Themen der Stadt entstehen werden: Einerseits „Klassenputtel“, in dem Regisseurin Saliha Shagasi gemeinsam mit einem Ensemble aus Expert*innen mehrerer Generationen Fragen des äußeren Erscheinungsbildes nachgeht, andererseits „Zwischenton“, in dem ein Ensemble aus jungen Erwachsenen unter der Regie von Anna Manzano versucht, sich in einem Schubladendenken zwischen „Mann“ und „Frau“, „krank“ und „gesund“ und vielen mehr zu verorten.
„Gemeinsam statt einsam“ ist nicht nur eine Devise, die im alltäglichen Leben einen sicheren Anker bietet, sondern für Stefan Bachmann auch im Theater. Und so setzen die beiden Hauptbühnen der BURG – das Burgtheater und das Akademietheater – in der kommenden Saison auch auf Kooperationen mit anderen Häusern, denn das Zwischenmenschliche findet letztlich auch auf der Bühne statt.
Im Burgtheater sind dies „Die letzten Tage der Menschheit“ nach Karl Kraus (Regie: Dusan David Parizek) – eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen über die Verblendung der Politik, die gezielte Desinformation durch die Presse und die dumpfe Gleichgültigkeit der Bevölkerung. In Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, eine Produktion des Schauspiel Köln, zeichnet Bastian Kraft das Bild einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft, in der Populismus und Sexismus destruktiv zusammenwirken.
Im Akademietheater setzt Stefan Bachmann seine Arbeit mit dem preisgekrönten Dramatiker Ferdinand Schmalz fort: In der Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen „Bumm Tschak Oder: Der letzte Henker“ wird über das dünne Eis, auf dem sich unsere Demokratie bewegt, nachgedacht. Ebenfalls eine Produktion des Schauspiel Köln ist „Gespenster“ von Henrik Ibsen unter der Regie von Thomas Jonigk – ein familiäres Lügengebäude, das am Ende buchstäblich in Flammen aufgeht. Und auch die Comédie-Francaise, das älteste Nationaltheater, ist mit einem Gastspiel (in französischer Sprache) vertreten: „Bérénice“ von Jean Racine in der Regie von Guy Cassiers.
Die „ur-österreichische“ Seele hört bei Karl Kraus und Ferdinand Schmalz jedoch nicht auf: Am Burgtheater wird anhand von Thomas Bernhards „Auslöschung“ Vergangenheitsbewältigung versucht (Regie: Therese Willstedt), anhand von Johann Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ (Regie: Bastian Kraft) die Klassenunterschiede beäugt. Um Klüfte zwischen oben und unten, zwischen Herrscher und Beherrschten geht es schließlich auch in „Sankt Falstaff“ von Ewald Palmetshofer (Regie: Karin Henkel): Falstaff, eine der berühmtesten Figuren Shakespeares, führt hierin in die Abgründe einer dystopischen Welt. Apropos Shakespeare: Aus seiner Feder erleben wir den Dreckskerl „Richard III“ im Akademietheater.
Rollenzwang und Monotonie stehen im Akademietheater in Peter Handkes „Selbstbezichtigung“ (Regie: Dusan David Parizek) im Fokus, ein Stück, das davon erzählt, dass Menschen in Regelwerke und Muster hineingeboren werden, denen sie nicht entkommen können. Nicht minder radikal ist auch eines der „Fäkaldramen“ von Werner Schwab, nämlich „Volksvernichtung Oder: Meine Leber ist sinnlos“ – ein Stück, in dem Regisseurin Fritzi Wartenberg eine groteske Welt ohne Moral, Mitgefühl oder Takt auf die Bühne holt, brutal komisch. Von Hoffnungs- und Ratlosigkeit schließlich erzählt Lucia Bihler in Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“: Weil sie nichts mehr „zum Fressen“ hat, will die junge Elisabeth ihren Körper zuerst für wissenschaftliche Zwecke verkaufen, sich schließlich ertränken – gab es im Jahr 1932, in dem das Stück spielt, doch noch kein „Kanzlermenü“ vom Schachtelwirten …
Zu seinem 250. Geburtstag ist die BURG aber auch weiterhin mehr als nur eine Bühne, sondern zudem ein Raum für Austausch und Diskussion zu aktuellen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen.
Seit siebzehn Jahren legt die Reihe „Europa im Diskurs“ den Fokus auf einen vielschichtigen Dialog über die Herausforderungen und Perspektiven des europäischen Kontinents, während die neue Reihe „Eine Bühne für Osteuropa“ verhandelt, wie bedrohte Staaten unter dem Druck neuer, unwägbarer Allianzen überleben und ihre Zukunft in Demokratie und Freiheit sichern können. Eingedenk unserer multikulturellen Stadt Wien und eines multikulturellen Europas sei an dieser Stelle auch auf „3000 Einzelteile“ am Akademietheater und unter der Regie von Ádám Császi hingewiesen: In seiner Satire beleuchtet er mit dem BURG-Ensemble, aber auch Rom*nja-Schauspieler*innen die Darstellung von Minderheiten.
In „Philosophieren mit Hirn“ stellt sich Lisz Hirn philosophischen Fragen der Gegenwart und Zukunft, während in den „Literarischen Stolpersteinen“ Ensemblemitglieder Texte zum jüdischen Leben in Wien lesen werden.
Auch wenn die Welt da draußen aus den Angeln bricht, die Welt in der BURG scheint in Ordnung: Die aktuelle Saison verzeichnete nicht nur eine respektable Auslastung von knapp 80%, sondern auch laufend frenetischen Applaus und Standing-Ovations vom Publikum: Nutzt also die Möglichkeit, noch bis zur Sommerpause umjubelte Produktionen wie „Heldenplatz“ und „Holzfällen“, „Die Vegetarierin“ und „Der eingebildete Kranke“ am Burg- und Akademietheater zu besuchen!