Festwochen-Intendant Milo Rau; Bild: Nikolaus Similache Festwochen-Intendant Milo Rau; Bild: Nikolaus Similache
Kultur

Missbrauchsskandale bei den Wiener Festwochen

05.05.2025 von Stefan Baumgartner

Beim „Wiener Kongress“ im Rahmen der diesjährigen Wiener Festwochen steht neben dem Thema der “Cancel Culture” auch das Thema „Missbrauch“ im Fokus: Thematisiert werden an drei Tagen im Odeon Theater unter anderem die Vorfälle rund um Aktionist Otto Muehl und Schauspieler Florian Teichtmeister. Gesucht wird aber auch ein Rammstein-Fan, der für eine Gage von € 500 erklären soll, wieso er Rammstein immer noch abfeiert.

Das Programm der diesjährigen Wiener Festwochen steht diesmal unter dem Claim „V is for loVe“. Nach der betont politischen Ausgabe des Vorjahres wendet sich die „Freie Republik Wiener Festwochen“ nun also dem Inneren zu, den heißen und zartfühlenden, aber auch den düsteren Gefühlen. Große Fragen wie „Was heißt Liebe?“, „Wie lieben wir?“, aber auch „Wie hängt Liebe mit Verlangen, Vertrauen, Schönheit und Gemeinschaft zusammen?“ sollen da im Rahmen eines diversen Programms beantwortet werden – insbesondere auch mit einem Fokus auf Macht und Abhängigkeit.

Denn wenngleich der Begriff „Liebe“ im Grunde positiv konnotiert ist, müssen wir heute, wenn wir über die Liebe sprechen, nicht nur die rosarote Brille aufsetzen, sondern leider auch über Übergriffe sprechen. Als „tödliche Umarmungen“ umreißt Festwochen-Intendant Milo Rau da das Thema, das eine der zwei „Kongress“-Serien im Rahmen der Wiener Festwochen prägen wird: Während am ersten Wochenende zwischen 30. Mai und 1. Juni im Theater Akzent die „Kulturkriege“ und die bitteren Zerwürfnisse rund um die „Cancel Culture“ verhandelt werden, steht die zweite „Kongress“-Serie zwischen 13. und 15. Juni im Odeon unter dem Titel „Kunst des Missbrauchs“.

Infos zu den Kongressen

Missbräuche als Teil der Kulturszene

Festwochen-Intendant Milo Rau; Bild: Nikolaus Similache

Die „Kunst des Missbrauchs“ widmet sich dem Umgang mit Missbrauch, Übergriffen und Gewalt und damit auch einer der wohl einflussreichsten gesellschaftlichen Bewegungen der letzten Jahre, der #MeToo-Debatte, die auch in Film, Theater, Kunst und Musik ihre Wurzeln geschlagen hat. Und das somit ausgerechnet in einer Szene, in der die Grenzüberschreitung und der Exzess schon immer zwei der maßgeblichsten Fundamente waren – Fundamente, die vielleicht viel zu lang nicht beachtet und hinterfragt wurden.

Thematisiert werden an den drei Tagen die Missbrauchsfälle rund um den Wiener Aktionskünstler Otto Muehl, den ehemaligen Burgtheaterstar Florian Teichtmeister und die weltweit erfolgreichste deutsche Band, Rammstein. Die Fragestellungen: „Können Kunst und Künstler*in getrennt werden?“, „Wie sehr sind Kunst, Gewalt und Kapital ineinander verstrickt?“ und „Wer profitiert am Ende von einer Kunst, die reale Opfer produziert?“ Es ist dies ein heikler Diskurs, eine schwierige Gratwanderung, die ich zuletzt schon an der Netflix-Dokumentation zum Fall Bertrand Cantat und seiner Band Noir Désir versucht habe.

Drei Einzelfälle als Spitze eines Eisbergs

Über Jahre misshandelte Otto Muehl innerhalb seiner selbstgeschaffenen Kommune ab den Siebzigern Minderjährige: Seine 120 m² große Wohnung auf der Wiener Praterstraße 32 verwandelte er in ein Auffanglager für junge Künstler, Studenten und „skurrile Existenzen am Rande der Gesellschaft“. „Freie Sexualität“ war hier einer der Grundpfeiler, physische Gewalt wie in Einzelfällen die sogenannte „Watschenanalyse“ standen da an der Tagesordnung – im 1988 eingeleiteten Strafverfahren wurde jedoch dargelegt, dass die vermeintlich frei- und selbstbestimmte Liebe nichts anderes als sexueller Missbrauch sowie die Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen von Seiten des selbst ernannten „Monarchen“ Muehl gewesen sein soll. 1991 wurde er wegen „Unzucht mit Minderjährigen“ und Verstoßes gegen das Suchtgiftgesetzt zu sieben Jahren Haft verurteilt. 

Ein Umstand, mit dem sich gerade die heimische Kunst- und Kulturszene noch immer schwer zu tun scheint: Dass der 2013 verstorbene Otto Muehl nicht nur in vielen Augen ein genialer Künstler, sondern aber auch ein verurteilter Straftäter, der Erwachsenen und Kindern seelisches Leid angetan und sich an Minderjährigen vergangen hat, war. So werden aktuell im Wiener Aktionismus Museum unter dem Titel „Vier Aktionen“ neben Werken von Brus, Nitsch und Schwarzkogler auch Werke von Otto Muehl gezeigt.

Auch der österreichische Schauspieler Florian Teichtmeister galt als Genie seiner Zunft, bekam unter anderem zwei Nestroy-Theaterpreise verliehen und spielte vom Publikum umjubelt etwa am Theater in der Josefstadt und ab 2019 als Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater, stand aber auch für unter anderem Harald Sicheritz und Michael Haneke vor der Kamera. Aber er soll auch über 13 Jahre hinweg Kinderpornografie (etwa 58.000 Mediendaten!) auf verschiedenen Datenträgern gesammelt haben – ein Vorwurf, der Anfang 2023 aufkam und ab Herbst desselben Jahres verhandelt wurde.

Teichtmeister zeigte sich kooperativ, vor Gericht reumütig und geständig – das Ergebnis: zwei Jahre bedingte Freiheitsstrafte, Therapie und Kontrollen über Alkohol- und Drogenkonsum. Zudem verklagte ihn sein ehemaliger Arbeitgeber, das Burgtheater, auf Schadenersatz und bekam nach einer Berufung erst diesen Februar knapp 60.000 Euro zugesprochen. Verloren hat der einstige Publikumsliebling damit nicht nur sämtliche Sympathien und seine Reputation, sondern auch seinen Job, seine Existenz und seine Zukunft. Wenngleich: Vielleicht wächst auch langsam hier, und das viel zu schnell, Gras über die Sache - auf Netflix sind mit „Der Fall des Lemmings“ und der Serie „Altes Geld“ zwei Produktionen mit Teichtmeister zu sehen, Arte strahlte als erster Sender im Free-TV Ende letzten Jahres sein Geschichtsdrama „Corsage“ aus.

„Liebe ist für alle da“ heißt ein Album von Rammstein – ebenfalls 2023 wurde aber die „seltsame“ Vorstellung über die Liebe von Sänger Till Lindemann publik: Im Mai erhob die Nordirin Shelby Lynn öffentlich Vorwürfe und brachte den Stein ins Rollen. Der Vorwurf: Rammstein hätten bei ihren Konzerten junge Frauen rekrutieren – „casten“ – lassen, die in erster Linie nach den Konzerten backstage, aber auch in Hotelzimmern Till Lindemann für sexuelle Handlungen zur Verfügung stehen mussten. Drogen und Gewaltausübungen sollen da zwar nicht regelmäßig, aber auch an der Tagesordnung gestanden haben – wie etwa auch die deutsche Influencerin und mittlerweile Musikerin Kayla Shyx berichtete.

Im Gegensatz zu Muehl und Teichtmeister verliefen die Vorwürfe nicht nur gegen Lindemann, sondern auch gegen Keyboarder Flake ermittlungstechnisch und gerichtlich im Sand – und Rammstein nahmen nur vorübergehend marginale Adaptionen an ihrer Live-Show (etwa das Fehlen der „Penis-Kanone“ während des Songs „Pussy“) vor, während sie weiterhin vor vollen Stadien spielten. Ein Thema, das auch Ärzte-Schlagzeuger in seinem aktuellen Buch „Fun“ thematisierte – freilich ein Buch, das zwar nicht explizit auf Rammstein Bezug nimmt, aber doch (zuletzt etwa bei der Lesung im ausverkauften Volkstheater) zahlreiche Parallelen erkennen lässt.

Rammstein: Das Casting

Wenngleich Till Lindemann und Rammstein nicht verurteilt wurden, also weiterhin gerichtlich unbescholten gelten, hallen die Vorwürfe weiterhin nach und hinterließen in der breiten, öffentlichen Wahrnehmung, aber auch bei einer kleinen Splittergruppe an ehemaligen Fans einen fahlen Beigeschmack: Nur weil gerichtlich nicht nachgewiesen werden konnte, was genau über Jahre hinweg auf Rammstein-Konzerten passiert ist, so bleibt es doch moralisch verwerflich, dass vermeintlich seit 2019 die Russin Alena Makeeva mit der Band als in- oder semi-offizielle „Casting Direktorin“ unterwegs war und aus der „Reihe 0“ heraus junge Frauen rekrutiert hat. Ob dies nun der Wahrheit entspricht, und wenn ja, für welchen Zweck genau und mit welchen Zwängen, das wissen heute nur die Betroffenen selbst.

Nun rufen auch die Wiener Festwochen – allerdings in aller Öffentlichkeit – zu einem Casting aus: „Rammstein Hardcore-Fan?! Die Wiener Festwochen suchen dich!“ Am 10. Mai können sich selbsterklärte Hardcore-Fans zwischen 11 und 14 Uhr im Funkhaus Wien in der Argentinierstraße 30A einfinden, um sich für den „Kongress“ am 15. Juni casten zu lassen. Gesucht wird ein Fan – egal ob männlich oder weiblich –, der Rammstein ungebrochen abfeiert, „ganz egal, was andere sagen und welche Vorwürfe am Tisch liegen“.

Unbekannt ist freilich das gesuchte Profil: Während bei Rammstein den Erzählungen zufolge ganz klar nach jungen, hübschen Frauen Ausschau gehalten wurde, weiß die Öffentlichkeit (noch) nicht, ob die Wiener Festwochen ob einer gewissen Edgyness einen unreflektierten, vielleicht sogar erklärt sexistischen Gegenpol zum vorherrschenden Diskurs suchen – oder doch eine Person, die zwischen Schwarz und Weiß Graustufen sieht und für sich ganz subjektiv und persönlich entschieden hat, den Künstler und sein Werk irgendwie voneinander trennen zu können. Entlohnt wird der Auftritt beim Kongress zu Rammstein am 15. Juni jedenfalls mit einem Honorar von 500 Euro. 

zum Casting für die Festwochen

Live-Termine


Wiener Festwochen

Casting für Kongress II: "Kunst des Missbrauchs"
10. Mai 2025 | Wien, Funkhaus (11 bis 14 Uhr)
Wiener Festwochen
16. Mai bis 22. Juni 2025 | Wien, diverse Locations
Kongress II: "Kunst des Missbrauchs"
13. bis 15. Juni 2025 | Wien, Odeon


Infos auf dem Stand vom 05.05.2025  

Tickets

Die Welt von Till Lindemann

Wenngleich Rammstein aktuell leise treten, so ist Sänger Till Lindemann solo aktiv: Ende März erschien seine neueste Videosingle “Meine Welt”, in der er die Skandale um seine Person wiederholt künstlerisch aufgreift, wenn er von einem Mob wütender Frauen mit “KILL TILL”-Schildern angegriffen, geknebelt und schließlich sogar verbrannt wird. Dazu singt Lindemann unter anderem: “Unerträglich, unerhört / Unausstehlich, ungestört / Unbefriedigt, ungeschickt / Ungeschminkt und ungefickt.”

Seine Welt und demnach auch seine innersten Gedanken bringt Till Lindemann dann am 29. November auch auf die Bühne der Wiener Stadthalle D - und man kann sich vor Ort überlegen, ob Künstler von Kunst trennbar ist. Oder ob man gleich beides abstoßend findet: Subjektive Wahrnehmung ist immer noch Teil vom Kunstverständnis.

Tickets
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren