Bild: Live Nation
Nickelback, “make me love you”! Werden sich die Kanadier mit ihrem neuen Album “Everything Under The Sun” den Ruf als “meistgehasste Band der Welt” entledigen können? Die klare Antwort: Jein.
In einer anderen Welt wäre womöglich alles ganz anders gekommen: Frontmann Chad Kroeger würde heute als kanadischer Rockgott verehrt werden, man würde Nickelback mit den Foo Fighters auf eine Stufe stellen und ihre zahllosen Hit-Singles würden nicht nur die beachtliche Fanschar, sondern auch die manchmal über das Ziel hinausschießenden Kritiker zu jauchzenden Freudensprüngen bewegen.
Nun befinden wir uns aber nicht in einer derartigen, vielleicht sogar schon rosanen Parallelwelt, in der Milch und Honig fließen und alle sich liebhaben. Dass Nickelback bis dato mehr als 60 Millionen Alben verkauft haben, bereits in die kanadische Music Hall Of Fame einzogen und quer über den Globus opulente Hallen ausverkaufen, schützt vor Häme nicht: Seit mehr als 20 Jahren, also gut zwei Drittel ihrer Karriere, gelten Chad Kroeger und Co. als meistgehasste Band der Welt – und das bei einer renommierten Konkurrenz von U2 bis Limp Bizkit, von Coldplay bis Imagine Dragons, von Oasis (!!) bis Mumford And Sons. Dies will zumindest das amerikanische Best Life Magazin dereinst anhand verfügbarer Daten im Internet ermittelt haben.
Ganz zu schweigen natürlich auch von all den Boybands, die in den Frühzeiten des Internets in den virtuellen Todestrakt geschickt wurden – aber mittlerweile alles andere als klammheimlich plötzlich ein zweites Revival einfahren, siehe etwa die umjubelten Shows der Backstreet Boys vergangenen Winter beim Ski-Opening in Schladming oder der große Ansturm auf die “Dreamers”-Tour von Take That.
Doch viele der einst so geschmähten Combos erfuhren über die Jahre Rehabilitation. Die Refrains der Backstreet Boys werden nun nicht mehr nur unter der heimischen Dusche oder auf trashigen 90er-Jahre-Partys lauthals von jenen mitgegrölt, die sie einst als Untergang der modernen Welt titulierten. Auch die Hamburger Techno-Institution Scooter hat dank der beharrlichen Selbstironie des dauerplatinblonden H.P. Baxxter ihren Ruf über die Jahre von “Konserven-Techno” auf “legendärer Kult” gedreht. Und wenngleich man immer noch Unmut darüber hegt, dass U2 2014 ihr “Songs Of Innocence” sämtlichen iTunes-Nutzern aufzwang und bei Bono Vox weiterhin das Politisieren – nicht unähnlich zu Herbert Grönemeyer – schweren Überhang hat: Ihr aktuelles Album “Carnaval De Luz” verkauft sich hervorragend und ihre kommende, allerdings noch nicht angekündigte Europa-Tournee wird wohl erneut die größten Hallen in Windeseile ausverkaufen. Ausverkaufen, das tun Oasis nach ihrer Wiedervereinigung ebenfalls gerade alles – auch wenn sich weltweit wohl auch weiterhin kaum ein Mensch finden lässt, der nicht für neues Brennholz sorgt, wenn jemand im Beisein am Lagerfeuer auf der Akustischen “Wonderwall” anstimmt.
Warum sich manche Bands im öffentlichen Verständnis über die Jahre ins Positive bewegen und andere nicht, das muss wissenschaftlich wohl noch genauer analysiert werden, wer die Formel entdeckt, verdient sich in der “Industrie” wohl einen Lottosechser. Genannte Charakteristika wie Beharrlichkeit und Selbstironie schaden jedenfalls nicht, außerdem ändern sich die Zeiten immer wieder: Gerade wenn die Welt um einen herum dunkel, trist und deprimierend wird, sucht man dann vielleicht auch wieder bewusst nach dem auf den ersten Blick naiv und verklärt erscheinenden Gegenpol einer quietschigen Welt, in der – zwischen Stadion-Pop und Boybands – Friede, Freude, Eierkuchen regiert.
Der (Internet)-Hass auf Nickelback ist jedoch von einer ganz besonderen Güte. Man kann ihn rational gar nicht mehr erklären. Als sie 2001 mit ihrem dritten Album “Silver Side Up” und der dazugehörigen Erfolgssingle “How You Remind Me” endgültig zu Rock-Weltstars wurden, blies der virtuelle Gegenwind das erste Mal kräftig – und sollte sich bis heute nicht mehr beruhigen. Slipknot-Frontmann und Lästermaul Corey Taylor gehörte (natürlich) 2002 zu den ersten Raunzern, der Chad Kroeger als “Shaggy from Scooby-Doo” und seine Band als “fucking pretty boys” bezeichnete. Bemerkenswert: All das passierte noch, bevor (a-)soziale Medien salonfähig wurden. Auf Twitter verglich sie der einstige kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger humorig mit Herpes, eine kanadische Polizeistation drohte betrunkenen Verkehrsteilnehmern damit, sie mit Nickelbacks Musik zu bestrafen. Die australische Queensland Police machte sich 2015 gar den Spaß, steckbrieflich für “Crimes Against Music” nach den vier Bandmitgliedern zu fahnden. Und selbst Dave Grohl twitterte einmal: “Wenn man Nickelback rückwärts hört, hört man den Teufel. Schlimmer noch, wenn man sie vorwärts hört, dann hört man einfach Nickelback.”
Die Mischung aus echter Ablehnung und augenzwinkerndem Trittbrettfahren entwickelte sich über die Jahre zu einem globalen Konsens. So erkennt etwa das kostenlose Browser-Plugin “Nickelblock” beim Surfen jede Erwähnung der Kanadier, und hält sie einem vom Leib. 2011 unterzeichneten mehr als 50.000 Menschen eine Petition, damit die Kanadier nicht in der Halbzeitpause eines Football-Spiels der Detroit Lions auftreten. Die Krönung des Veralberns kam von Mark Zuckerberg, Mr. Facebook, himself: In einem Video, das seinen persönlichen digitalen Heim-Assistenten Jarvis präsentierte, wird dieser gebeten, einige gute Nickelback-Songs zu spielen. Selbstredlich verneinte der Assistent, weil es solche einfach nicht gäbe.
Im Laufe der Jahre nahmen all diese kleinen Details einen derartigen Negativlauf, dass Nickelback noch heute und möglicherweise bis in alle Ewigkeit als Blaupause für absolute Outlaws gelten – die Crocs und Ed-Hardy-Shirts, oder auch die Pizza Hawaii der Rockwelt, wenn man so möchte.
“How You Remind Me” etwa zählte zwar zu den am meisten gespielten Songs in den nordamerikanischen Radios zwischen 2001 und 2009 und trotzdem fand man bei Straßenumfragen nur selten jemanden, der sich offiziell als Fan der Band bekannte. Neben der Aversion gegen vor allem Chad Kroeger (man denke an die Scheidung von Avril Lavigne oder offen zur Schau gestellter Trunksucht) kam der allumfassende Hass gegen die Musik selbst. Zu uncool für Grunge, zu anbiedernd für Alternative Rock, aber doch zu kantig für den Mainstream – Nickelback sind die Personifizierung des alten Kalauers “nicht Fisch, nicht Fleisch”. Die finnische Doktorandin Salli Anttonen wühlte sich für eine Arbeit an einer ostfinnischen Uni gar durch 14 Jahre Nickelback-Rezensionen und arbeitete das Thema wissenschaftlich auf. Ihre Arbeit trägt den klangvollen Titel “Durch knirschende Zähne ausgeübter heuchlerischer Bullshit: Authentizitäts-Abhandlung von Nickelback-Albenrezensionen in finnischen Medien”.
Die wichtigste Erkenntnis daraus? “Nickelback sind zu viel von allem, um genug von irgendwas zu sein. Sie folgen Genre-Erwartungen zu gut, was als leere Imitation angesehen wird, aber nicht zu gut, was wiederum als kommerzielle Taktik und das Fehlen einer stabilen und ehrlichen Identität interpretiert wird.” Eine weitere, durchaus nachvollziehbare Erkenntnis: Nickelback schlecht zu finden und zu diskreditieren, gehört fast schon zum “guten Ton” dazu und ist gar beinah eine Art Kunstform. Nicht nur im Medien-Geschäft, sondern auch am Stammtisch verkauft sich Negativität immer noch – leider – besser als Positivität. Wir sind leider alle – bildlich gesprochen – Römer*innen und wollen andere im Kolosseum leiden sehen, bevor stattdessen man vielleicht selbst (oder die eigene Lieblingsband) vom “Löwen” gefressen wird.
Apropos “Fressen”: Nicht nur waschechte Römer*innen lehnen die zuvor als Vergleich bemühte Pizza Hawaii kategorisch ab, und doch ist zumindest in Österreich das Schinken-Ananas-Verbrechen auf Platz 2 der beliebtesten Pizzen des Landes …
Nickelback könnten also längst nichts mehr richtig machen, selbst wenn sie es tun würden. Doch aus diesem Selbstläufer der Antipathie stanzte sich auch eine treue und devote Fan-Gegenbewegung, die ihre Helden bis zum letzten Atemzug verteidigen würde. Und so bewegen Nickelback gleich zwei Massen – ihre Singles charten immer wieder, selbst die größten Hallen sind auch nach Jahrzehnten immer noch rappelvoll. Während im Internet bei jedem neuen Anlass – etwa zum Ende Oktober kommenden neuen Album “Everything Under The Sun” – die Minderheit lauthals dagegen krakeelt. Bassist Mike Kroeger, älterer Halbbruder von Chad, hat das vor Jahren in einem Interview einmal gut auf den Punkt gebracht: “Wenn du am Höhepunkt bist, folgt das negative Echo auf den Fuß. Wenn du alles richtig machst, löst du immer eine starke positive und zugleich eine starke negative Reaktion aus.” Und Mike ist sich auch sicher: “Viele Hater besitzen insgeheim unsere Alben und kommen zu unseren Shows.”
“Make Me Love You”, so der Titel der vierten und wohl letzten Single für das am 30. Oktober erscheinende elfte Album “Everything Under The Sun”, ist somit ein hehres Ziel der Kanadier: Auch damit werden sie in ihrer Bubble rund um den Globus Erfolg genießen, und mit höchster Wahrscheinlichkeit wird auch ihr Stadthallen-Gastspiel kommenden Sommer in Windeseile ausverkauft sein. Dafür spricht, ganz objektiv gesprochen, etwa auch der Opener “Rattle The Cage”, der das Tempo erstaunlich anzieht und zudem mit Gast-Gitarrist John 5 (ex-Marilyn Manson, Rob Zombie und seit 2023 Mötley Crüe) auch mit “Breitbeinigkeit” nicht geizt. Und vermutlich werden auch dann wieder klammheimlich ein paar Hater die neue Platte ins Regal schieben und lauthals “If you ain't gonna stay all night, if you're only gonna say goodbye, if you're only gonna break my heart in two: don't make me love you!” mitgrölen.