Bild: Max Hausmann
Aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen Tober und Ava Fina in ihren neuesten Singles davon, dass Gefühle zu zeigen auch heißt, Grenzen zu akzeptieren, wenn man gemeinsam des Weges schreitet: "Regie" im eigenen Leben zu führen, bedeutet, Räume nicht nur für sich selbst, sondern auch füreinander zu schaffen. Respekt ist "am Weg" immer ein nicht stiller, sondern lauter Begleiter.
Musik gerät heute dann am intensivsten, wenn sie in den Texten eine bestimmte Lebensrealität abbildet: Musik besitzt die einzigartige Kraft, ungeschmückt, emotional und authentisch das Leben nachzuerzählen, sie fungiert als Spiegel der Gesellschaft und verleiht den Gefühlen, Sorgen und dem Alltag eine Stimme. Natürlich hat jede*r von uns eine eigene, mal laut aus dem Mund heraus und mal nur leise, irgendwo im Hinterstübchen – doch wenn man merkt, man steht damit nicht allein auf weiter Flur, dann erblüht das Gefühl einer Gemeinschaft, in der man sowohl Freud als auch Leid teilt, in der man sich im Gegensatz zu dem nebulösen, tristen “da Draußen” verstanden fühlt.
Dies trifft sowohl auf die Menschen vor einer Bühne zu, die sich für wenige Stunden dann in einem gemeinsamen safe space bewegen und wissen: Hier werde ich, als Person, ernst genommen, hier wird nicht geurteilt, hier muss ich mich nicht erklären. Aber es trifft auch auf die Menschen auf der Bühne zu, denn sie breiten vor dem Publikum ihr Empfinden, ihre Emotionen und das tiefste Innere ihrer Seele aus – damit machen sie für sich selbst einerseits ihre eigenen Gefühlsregungen dingfest, machen sich aber gleichermaßen auch zum Sprachrohr ihres Publikums. In dieser Wechselwirkung zwischen den Individuen vor und auf der Bühne entsteht so dann ein Moment der Vertrautheit, der Zweisamkeit, der hilft, seine eigenen Gedanken zu ordnen, ihnen Gewicht zu verleihen – und diese Potenz letztlich auch raus aus der Konzerthalle, in den Alltag zu tragen.
Was im Großen – irgendwo zwischen Olivia Rodrigo und Harry Styles – funktioniert, funktioniert auch im Kleinen: ein gutes Beispiel hierfür sind die beiden österreichischen Songwriter Tober und Ava Fina, die am 20. Oktober im Wiener Club Lucia ihre jeweils neuen Singles vorstellen, Singles, in denen sie ihre jeweils empfundenen Lebensrealitäten aufs Tableau legen und sich über unterschiedliche Wege einem gemeinsamen Raum annähern.
Seit vergangenem Jahr zeichnet der Indie-Pop-Künstler Tober dafür verantwortlich, mit großer Präzision die emotionalen Zwischenräume seines Erwachsenwerdens einzufangen – Lebensrealitäten, die er mit vielen Menschen teilt. Da geht es irgendwo zwischen FOMO und FOBI (um eine Wortkreation von Wednesday Addams zu bemühen) um Unsicherheiten, Sehnsüchte und den Versuch, den eigenen Platz in einer Welt voller Möglichkeiten zu finden. Denn wenngleich die Welt heute immer mehr Druck aufbaut, so ist zumindest ein jeder Lebensweg nicht vorbestimmt: die Krux ist, den Wald vor lauter Bäume überhaupt erst zu finden – nicht nur in der Großstadt.
Einer dieser zahlreichen Bäume ist freilich das Zwischenmenschliche: davon erzählt Tobers neueste Single “Regie”, die diese Woche Freitag erscheint. Denn wenngleich welchen dieser Wege jede*r von uns letztlich beschreitet, zumindest ein Stück davon geht man allzu gern nicht allein, sondern zumindest zu zweit. Diesen Moment greift “Regie” nun auf: Manchmal geht man mit einem Menschen nur ein Stück nach Hause und merkt schon, dass man sich eigentlich nicht mehr trennen möchte. Zwar ist die Straße dieselbe wie gestern und vorgestern, die Ecken auch – aber trotzdem fühlt sich plötzlich alles anders an. Vielleicht geht man hierauf diesen Weg nochmals und dann immer wieder – bis die Angst aufkeimt, dass man irgendwann, an einem unbestimmten Zeitpunkt, diesen Weg plötzlich wieder allein gehen muss. Doch “Regie” erzählt davon, dass diese Angst nicht nach links und rechts weggeschoben werden muss, sondern ein Begleiter, vielleicht ein paar Schritte hinter einem, sein darf: Denn letztlich bedeutet jedes Herzklopfen auch immer die Möglichkeit, dass man irgendwann dorthin gehen muss, wo es wehtut. Davon, vom Leben, kann man natürlich auch weglaufen. Oder man nimmt es – gemeinsam – in die Hand und führt zusammen: “Regie”.
Nicht unähnlich auch bei Ava Fina, einer Songwriterin zwischen Soul und Pop: Auch bei ihr liegen schon seit einem halben Jahrzehnt die Emotionen am Tableau – teils schwere Themen, jedoch schön verpackt in positive Sounds. Wenn sie singt, erzählt auch sie aus ihrem Leben – einem Leben, in dem alles gleichzeitig passiert, vom Herzschmerz über Einsamkeit und finanzielle Sorgen, aber auch bis hin zur Selbstbestimmtheit, die man durch Erfahrungen sukzessive entwickelt. “Man muss schauen, wie man mit allem zurechtkommt”, sagte sie mal in einem Interview – und spricht damit Zukunftsängste an, die uns alle betreffen – gebündelt als die eine große Frage, wie man als Individuum in einer Gesellschaft leben – und nicht nur existieren – kann.
Ihre Inspiration ist “überall” – so auch in ihrer neuesten, vergangene Woche erschienenen Single “Boy, Get Out Of My Sun”. Darin geht es um das Satthaben von Ungleichheit. Es ist dies eine Realität, die speziell weiblich gelesene Personen kennen: diese ständige Wachsamkeit, das Hinnehmen überschrittener Grenzen und das Leben in einer Welt, in der Männer oft Freiheiten genießen, die für Frauen keineswegs selbstverständlich sind. In “Boy, Get Out Of My Sun” geht es um Verhaltensmuster und Machtverhältnisse, durch die viele Männer einen Raum einnehmen, der ihnen nun einmal nicht gehört. Daraus ergibt sich die selbstbewusste, aber eigentlich selbstverständliche Forderung: Nicht mehr ausweichen zu müssen, sondern seinen Weg gehen dürfen – insbesondere eben auch als Frau. Und damit nicht genug: “Boy, Get Out Of My Sun" ist lediglich das erste Statement von etwas Größerem. Denn kommendes Jahr soll mit “Orchid” das Debütalbum von Ava Fina erscheinen – und darauf wird sie sich in noch zahlreichen Stücken mehr zwischen Anpassung und Selbstbehauptung bewegen.
So divergierend die beiden Ansätze von “Regie” und “Boy, Get Out Of My Sun” auch sind: Ihnen gemein ist, dass sie gesellschaftliche Räume hinterfragen. Räume, in denen sich einzelne Personen ihren eigenen Raum schaffen, der die Räume von anderen Personen auch überlappen kann – solange dies auf gegenseitigem Einverständnis beruht. Ein Raum, ein Weg – das ist zwar in erster Linie etwas Persönliches, selbstbestimmtes. Aber selbst der eigene Raum, ein Weg sollte immer eine Einladung für andere sein – und kein Ausweichen erzwingen. Sowohl Tober als auch Ava Fina erzählen davon, das eigene Leben nicht einfach geschehen zu lassen, sondern selbstbewusst Raum für uns selbst und füreinander zu schaffen.
Und einer dieser Räume ist am 20. Oktober im Wiener Club Lucia: Vielleicht für noch mehr Menschen Ansporn, hinkünftig expliziter “Regie” im eigenen Leben zu führen? Der (gemeinsame) Weg ist das Ziel.