Bild: Leon Ramirez
Natürlich werden Konzertkarten in erster Linie für die Headliner gekauft. Aber Support Acts sind erst das Salz in der Suppe, die Butter am Brot. Ein Beispiel dafür ist der Wiener Musiker TOBER, der am 19. März für Three For Silver in der ((szene)) eröffnet.
Wenn ich als Mittvierziger an die ersten Konzerte aus meiner Jugendzeit zurückdenke, dann verfalle ich zwar nicht der Verlockung zu predigen, dass früher alles besser war: Dass früher auf Konzerten keine Handys im Dauereinsatz waren, heute aber sehr wohl, stört mich beispielsweise überhaupt nicht - ganz im Gegenteil, für Bands ist es doch eine wunderbare und zudem kostenlose Werbung, wenn sie nach ihrem Auftritt in zahlreichen Social-Media-Stories auftauchen! Was früher aber sehr wohl nicht nur anders, sondern auch besser war: Support Acts wurden mehr geschätzt als heute. Ganz gleich, ob man in kleinen, mittleren oder großen Locations war - natürlich wurden Konzertkarten immer schon in erster Linie für den “Star” des Abends gekauft. Aber das Publikum war früher im Normalfall stets von Konzertbeginn an da und feierte auch die Bands im Vorprogramm ab.
Heute hingegen ist es leider sehr oft so, dass der vom Veranstalter veröffentlichte Timetable dazu verlockt, erst später zu kommen. Früher wusste man selten, wann welche Band tatsächlich auf der Bühne stehen wird, heute wird beinah mit deutscher Gründlichkeit auf das Einhalten des Zeitplans gepocht. Und nicht selten müssen sich Vorbands eine schlechte Stimmung gefallen lassen, weil das Publikum einfach nur den Hauptact sehen möchte und eigentlich nur deswegen bereits da ist, weil man sich einen guten Platz im Publikum sichern muss.
Als Eli Preiss etwa im Vorprogramm von CRO spielte, zollten ihr viele im Publikum quatschend kaum Respekt. Dabei gab sie alles, um ein würdiges Warm-up zu kredenzen! Dass sie bereits diesen Herbst auch ohne CRO bei ihrer Albumpräsentation die große Arena-Halle ausverkaufen wird, zeugt davon, dass diese Ignoranten ihr damals Unrecht getan haben. Ein weiteres Beispiel: Erst vergangenen Sommer sah ich in Prag Nessa Barrett - bekanntlich ein aufstrebendes Alt-Pop-Starlet, die in Kürze ihre neue EP “Jesus Loves A Primadonna” veröffentlichen wird. Im Vorprogramm spielte niemand Geringerer als sombr, der erst vor wenigen Wochen den Wiener Gasometer ausverkaufte (!) - aber in Prag ging vielleicht eine Handvoll Reihen mit, obwohl man sombr so intensiv und nah wohl nie wieder sehen wird können!
Natürlich treffen nicht alle Vorbands den Geschmack des ganzen Publikums, aber üblicherweise werden sie mit auf Tour genommen, weil die Stars oder zumindest ihr Management der Meinung sind, dass sie befähigt sind, für ein entsprechendes Warm-up zu sorgen. Also lasst uns ihnen doch wieder den Respekt zukommen, den sie verdient haben - sie sind keine Kür, die man absitzen muss, bevor es “richtig” losgeht! Denn das Tolle bei Konzerten ist doch, wenn man nicht nur seine Lieblingssongs vom Lieblingskünstler - oder der Lieblingskünstlerin - live hört, sondern wenn man vielleicht auch neue Musik entdeckt?
Eine Gelegenheit dafür ergibt sich bereits diesen Donnerstag, am 19. März in der Wiener ((szene)). Denn da spielen nicht nur Three For Silver mit ihrem neuen Album “Oh! For a Muse of Fire” auf: Für Fans von etwa Tom Waits sind die Herren aus dem amerikanischen Oregon ein Muss, zumal Herr Waits Österreich ja nicht und nicht besuchen will. Das Schlagzeug scheppert, die Fidel übt sich in Melancholie, die Geige greint wie beim Heurigen und Sänger Lucas Warford klackert als Brüllwürfel über die Bühne. Man sagt, im Leben gehe es darum, im Regen tanzen zu lernen, aber angesichts der Lage der Welt fragen Three For Silver eher, ob wir nicht in einem Feuersturm Polka tanzen möchten. Verruchte Dunkelheit, verregnete Pflastersteingassen, ein durch den Nebel zerstreuter Lichtkegel - so könnte man wohl die Welt beschreiben, durch die Three For Silver tänzeln.
Aber bereits vor ihnen hören wir einen fantastischen Musiker - zudem einer, der nicht erst aus Amerika anreisen musste, sondern in Wien beheimatet ist: TOBER.
TOBER hat erst vergangenen Freitag seine neue EP “Zwischen Nacht und Stadt” veröffentlicht - und beweist hierauf aufs Neue, dass ihm ein überaus sensibles Gespür für Zwischentöne in die musikalische Wiege gelegt wurde, aufgrund seines noch jungen Alters freilich wurzelnd in den Wirren eines jungen Erwachsenenlebens. Wie auch schon auf den superben Singles zuvor changiert TOBER zwischen nächtlicher Melancholie, urbanem Rausch, aber auch Momenten stiller Nähe - an diese beinah schon poetische Leichtigkeit können wir uns wohl alle noch erinnern, wenn wir ein bisschen in unserem Hinterstübchen kramen. Kein Wunder, dass da sein letztes Konzert im November im Wiener rhiz rappelvoll war!
Bereits über die Lieder seiner ersten EP “Zwischen Mitternacht und Morgenrot” urteilte ich, dass wir einen indie-poppigen Soundtrack zu einer Reise des Heranwachsens vorliegen haben – als ehemaliger Germanistikstudent war ich damals sogar versucht zu sagen, es seien die vertonten “Wilhelm Meisters Wanderjahre” aus der Feder von Goethe, eine Sammlung von Erfahrungen und Begegnungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. “Mit den ‚Wanderjahren‘ ist es wie mit dem Leben selbst: es findet sich in dem Komplex des Ganzen Notwendiges und Zufälliges, (…) wodurch es eine Art von Unendlichkeit erhält, die sich in verständige und vernünftige Worte nicht fassen noch einschließen lässt”, schrieb Goethe damals in einem Brief. Und genau dies ist auch TOBER gelungen: Er lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Lebensabschnitt, der von vielen, verschiedenen, teils widersprüchlichen, aber auch schönen und tollen Einzelheiten lebt – von langen Nächten, großen Träumen und der Suche nach dem, was wirklich zählt. Sein großes Geschick: Er weicht ab von dem einen roten Faden, holpert und stolpert auch einmal durch die Nacht - und zeigt sich musikalisch so wirklich und unvorhersehbar, wie das Leben selbst.
Während Three For Silver also dazu einladen, nächtens auf verregneten Pflastersteingassen Polka zu tanzen, nimmt uns TOBER durchs Zwielicht des Abendrots hindurch tapsend auf dem Weg dorthin an die Hand - ein Erlebnis, das zumindest ich nicht missen möchte: Weil ohne Salz schmeckt zumindest mir die Suppe fad, das Brot ohne Butter langweilig!