Bild: Enya Waterhölter
Auf seiner ersten EP „Zwischen Mitternacht und Morgenrot“ wird der Wiener Indie-Pop-Musiker und Student TOBER zu Goethes Wilhelm Meister und taucht ein in seine Lehr- und Wanderjahre. Live wird die EP am 7. Juni im Wiener Tunnel vorgestellt, im Vorprogramm: Junes Ivy.
Könnt ihr euch noch an eure Studienzeit erinnern – oder steckt vielleicht gerade mittendrin? Es ist – oder war – eine aufregende Zeit! Das erste Mal steht man auf eigenen Füßen und merkt, dass das „Hotel Mama“ doch ein ziemlich beschaulicher Brutkasten war, auch wenn die Eltern manchmal vielleicht etwas genervt haben.
Als Student*in lernt man erstmals das wirkliche Leben kennen – in all seinen Widersprüchen: Ja, die Nächte gehören plötzlich einem selbst, die Tage aber auch. Man pendelt zwischen Dosenbierpartys in der WG-Küche und Behördenbriefen, deren Absender man erst googeln muss, muss dazwischen aber auch an der Uni vorbeischauen und vielleicht sogar jobben – weil selbst der billigste Filterkaffee kostet Geld, und eigentlich will man ja sogar bio und fairtrade. Ein Alltag entfaltet sich, der zwar frei, aber chaotisch und manchmal auch wunderbar unvernünftig ist – und man merkt: Zwischen den Semesterplänen bleibt erstaunlich viel Raum für Planlosigkeit. Passen die IKEA-Möbel eigentlich in die Garconniere oder das WG-Zimmer? Wie programmiert man die doofe Waschmaschine? Was will der RSA-Brief von mir? Und was tun, wenn am Ende vom Geld noch viel Monat über ist? Aber auch: Wo komme ich her, wo gehe ich hin, wer bin ich überhaupt? Bringen mich jetzt gerade philosophische Küchenrunden mit Studienkolleg*innen im Leben weiter, oder habe ich dann morgen keinen Kopf für den vorgestrigen Prof? Das Studentenleben ist ein Paradox: Einerseits wirkt es wie ein Probelauf fürs Leben, andererseits ist es gleichzeitig der wichtigste Abschnitt in unserem Leben überhaupt.
Mittendrin in diesem Lebensabschnitt: der junge Wiener Musiker TOBER. Er verarbeitet seine Gedanken, seine Sorgen, Probleme und Ängste, aber auch seine Befreiung, seine Freude und seinen Spaß am Leben in seinen Liedern, die ganz wie das Leben klingen: Mal leise, mal laut, mal nostalgisch, mal beschwingt, mal expressiv, mal introspektiv. Sein Indie-Pop, der über die Lieder seiner ersten EP „Zwischen Mitternacht und Morgenrot“ tänzelt, ist ein gelungener Soundtrack einer Reise des Erwachsenwerdens – als ehemaliger Germanistikstudent bin ich sogar versucht zu sagen, es sind die vertonten „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ aus der Feder von Goethe, eine Sammlung von Erfahrungen und Begegnungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden – kleine Geschichten, die durch einen romantischen Faden zusammengeschlungen ein wunderlich anziehendes Ganzes bilden.
In einem Brief an Johann Friedrich Rochlitz hat Goethe im November 1829 über das Buch geschrieben: „Mit den ‚Wanderjahren‘ ist es wie mit dem Leben selbst: es findet sich in dem Komplex des Ganzen Notwendiges und Zufälliges, (…) wodurch es eine Art von Unendlichkeit erhält, die sich in verständige und vernünftige Worte nicht fassen noch einschließen lässt.“ Und genau dies ist auch TOBER mit seiner vertonten Kurzgeschichtensammlung „Zwischen Mitternacht und Morgenrot“ gelungen: Er lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Lebensabschnitt, der von vielen, verschiedenen, teils widersprüchlichen, aber auch schönen und tollen Einzelheiten lebt – von langen Nächten, großen Träumen und der Suche nach dem, was wirklich zählt. Dabei öffnet TOBER aber auch seine Gedanken, lässt uns Eintauchen in sein eigenes Verliebtsein, Fragen über Freundschaft und Fragen, warum die Welt eigentlich so tickt, wie sie tickt. Das klingt mal leichtfüßig und bittersüß, dann auch wieder aufregend holprig – so vielseitig wie der Alltag, bei dem oft die stillen Momente am lautesten nachklingen.
Am 7. Juni wird die EP in ihrer ganzen Vielfalt bei einer Release-Show im Tunnel in Wien live vorgestellt, als Support spielt Junes Ivy: Zuletzt gab es Mitte April von der jungen Grazer Musikerin mit „Us, Love!“ nach ihrem Debütalbum “Happy, Whatever!” vergangenen September ein erfrischendes Lebenszeichen, das irgendwo zwischen Indie-Pop, Dream-Pop und Grunge springt und nicht unähnlich zu TOBER eine Klangwelt eröffnet, die vielschichtig, atmosphärisch und vor allem deep ist. Wie auch bei TOBER hat Junes Ivy eine Dynamik, die sanft, aber nachdrücklich ist – und stets eine Botschaft mitschwingen lässt: Bei „Us, Love!“ geht es etwa um ein allgegenwärtiges Thema, die Liebe, die uns zeitlebens beschäftigt: Mit all ihren Facetten, Höhen und Tiefen – ein spannendes Wechselbad zwischen tiefer Verbundenheit und endloser Entfremdung.
Ganz gleich, ob wir beim Konzertabend “Zwischen Mitternacht und Morgenrot” mitfühlen, weil auch wir selbst noch mittendrin in der Lebenswelt der beiden Geschichtenerzähler*innen sind, oder nur in Nostalgie an unsere Jugend zurückdenken: Es wird ein Moment werden, der bleibt und berührt.