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Konzerte

"Nuthin’ to fuck wit" bei der Abschiedstour vom Wu-Tang Clan

22.10.2025 von Stefan Baumgartner & Eduard Mastalski

Am 6. März kommt der legendäre Wu-Tang Clan im Zuge ihrer Abschiedstournee “The Final Chamber” wieder in die Wiener Stadthalle. Aber: Was macht ihren Legendenstatus eigentlich aus? Und noch viel wichtiger: Was ist für ihre Fans zu ihrem Abschied alles geplant?

Es ist der 25. Februar 1998, Radio City Music Hall, New York: die Grammy-Verleihung. Gerade kommt Singer-Songwriterin Shawn Colvin auf die Bühne um den Preis für “Song of the Year” für “Sunny Came Home” entgegenzunehmen. Da stürmt plötzlich Russel Jones, besser bekannt als Ol' Dirty Bastard vom Wu-Tang Clan, die Bühne und ergreift das Wort: Er habe sich extra ein teures Outfit gekauft, weil er davon ausging, dass der Wu-Tang Clan heute gewinnen würde. Was nicht der Fall war, denn “Best Rap Album” hatte Puff Daddy für sein Debütalbum “No Way Out” gewonnen – was für Herrn Jones nicht in Ordnung ging, denn, und ich zitiere, “Wu-Tang is for the children, we teach the children (…) Puffy is good but Wu-Tang is the best.” Also ein Kanye West bei den EMAs lange vor Kanye West bei den EMAs – ohne jetzt einen verwirrten Geist wie ihn ins selbe Boot mit dem Clan setzen zu wollen. Und “Wu-Tang is for the children” wurde ein weiteres Zitat in einem Konvolut an Vokabeln, Samples und Zitaten, die zur Legende des Wu-Tang Clans beitrugen. Aber dazu später.

An American Saga

Den geschichtlichen Abriss der Anfänge des Wu-Tang Clans kann man sich an dieser Stelle sparen - es sei die erstklassige Serie “Wu-Tang: An American Saga” auf Disney+ ans Herz gelegt (sofern man den Konzert nicht aus Prinzip aufgrund seiner Trump-Hörigkeit boykottiert).

RZA, geboren 1969 als Robert “Bobby” Diggs in Brooklyn, ist jener Mann, der heute als Kopf der Weltmarke “Wu-Tang” gilt und das gleichnamige Hip-Hop-Kollektiv Anfang der Neunzigerjahre in Staten Island, New York zusammengetrommelt hat. Dabei inszeniert die benannte Serie die Entstehung des Clans naturgemäß als klassischen Bildungsroman: Herz und Hirn von RZA sind angefüllt mit geilen Beats und weisen Worten der Meister aus den von ihm so sehr geliebten Hong-Kong-Kung-Fu-Filmen - etwa “Shaolin and Wu Tang” aus dem Jahre 1983. Aber man kann sich denken, dass in Staten Island geile Beats und weise Worte nicht wirklich Butter aufs Brot zaubern, viel mehr das Elendsgeschäft der Gangs mit Crack: Und so taucht man in den ersten Episoden der Serie ein in eine Welt junger Schwarzer, die versuchen, aus Drogen Geld zu machen - in erster Linie, um Miete und Essen zu finanzieren, aber auch, um sich Equipment zu besorgen.

Und tatsächlich: Bereits das Debütalbum “Enter the Wu-Tang (36 Chambers)” wird - lediglich ein Jahr nach Gründung des Kollektivs - zu einem Hip-Hop-Album für die Ewigkeit. Es folgten drei weitere Alben als Gruppe, deren neun originale Member jeder Hip-Hop-Head im Schlaf aufsagen kann und etliche legendäre Soloalben. 2004 starb Ol' Dirty Bastard, 2007 folgte ihm (offiziell) Capadonna als neuntes Mitglied nach - seither wurden drei weitere Alben veröffentlicht, das letzte 2015 mit dem erneut an die Kung-Fu-Filme erinnernden Titel “Once Upon a Time in Shaolin”.

Die musikalische und kulturelle Relevanz des Wu-Tang Clans steht außer Frage: “Enter the Wu-Tang” ist unangefochten eines der wichtigsten Hip-Hop-Alben aller Zeiten: lyrisch herausragend, instrumental wegweisend und mit all den Samples und Verweisen auf Kung-Fu Filme der Sechziger und Siebziger und einer daraus abgeleiteten Mystik nahezu schon ein Konzeptalbum. Abgesehen davon, dass direkt aus dem Leben von neun jungen, armen Afro-Amerikanern im Staten Island der Neunziger erzählt wurde, mit einer Authentizität, die viele von den bereits erfolgreichen Rappern der Zeit nicht lieferten.

Wu-Tang Incorporated

All das begleitet von einem Geschäftsmodell, das außergewöhnlich und bahnbrechend (und für eine Gruppe von neun Leuten wohl auch notwendig) war: RZA war von Anfang an der erklärte Chef, der “Busfahrer” wie er es selbst einmal bezeichnete. Letzter Halt: Nummer 1, Fahrtdauer nach dem Einstand: fünf Jahre.

Nach diesen fünf Jahren folgte mit “Wu-Tang Forever” das zweite Album, zudem ein Doppelalbum, das nach dem Erfolg des Debüts und der Soloalben einzelner Mitglieder (die alle als Künstler unabhängig waren und bei anderen Labels veröffentlichen konnten) keine Ansage mehr war, denn Ansagen wollen etwas beweisen – und beweisen musste der Clan nichts mehr: das war ein Meisterstück. Das Logo in einer Weltkugel auf dem Plattencover: das war nicht mehr nur der Wu-Tang Clan, das war Wu-Tang Incorporated. Weltweit. Und für immer. Da ist es schon verständlich, wenn man nicht damit einverstanden war, gegen Puff Daddy bei den Grammys zu verlieren.

In den Folgejahren traten die Solo-Releases in den Mittelpunkt und festigten die Bedeutung einzelner Member in der Szene und darüber hinaus. Das gelbe “W” auf schwarzem Grund (oder umgekehrt) ist eines der allgegenwärtigsten Hip-Hop-Logos überhaupt (wie viele andere fallen einem ad hoc überhaupt ein?): Clark’s Wallabees, Nike Dunks, Crocs, Hoodies, Caps und Sonnenbrillen (eine eben solche lag dem Kauf der “Wu-Tang Forever” bei) – wenige Acts haben sich so erfolgreich vermarktet, dass ihr Logo zu tragen fast schon mehr als modisch denn als Akt des Fantums angesehen wird (looking at you, Nirvana- und Rolling Stones-Shirts bei H&M).

Und trotzdem steht Wu-Tang noch immer für Authentizität, für Staten Island in den Neunzigern. Sicherlich einerseits, weil die Qualität der Releases für sich spricht, aber auch, weil sie sich als Gruppe rarmachen. Die einzelnen Mitglieder tauchen immer mal wieder mit einem Release, einem Soundtrack oder einer Rolle in einem Film oder einer Serie auf, aber der Clan an sich, alle zusammen, an einem Ort, das passiert nur alle paar Jahre – und ist somit etwas Besonderes, sei es für ein gemeinsames Album oder eine gemeinsame Tour, beides wird entsprechend aufgeregt antizipiert. Vielmehr vermutlich jetzt, bei ihrer letzten gemeinsamen Abschiedstournee, die “Final Chamber”-Tournee, die am 6. März auch schon in der Wiener Stadthalle Station macht.

Der Wu-Tang Clan bei ihrem letzten Österreich-Auftritt, 2023 in der Wiener Stadthalle. Fotos: Cherie Hansson

Legendenstatus

Was immer es auch ist, es ist erstaunlich, dass selbst Aktionen wie “Once Upon a Time in Shaolin” – das berüchtigte Album, von dem es nur eine Kopie gab, die für 88 Jahre nicht öffentlich gemacht werden darf und von einem zwielichtigen Pharma-Millionär gekauft wurde, nur um dann von der US-amerikanischen Justiz beschlagnahmt zu werden – nicht wirklich am Legendenstatus des Clans kratzen, andere Künstler*Innen sind an solchen Stunts grandios gescheitert.

Aber der Wu-Tang Clan als Konzept transzendiert in einer gewissen Weise die reale Welt, ganz wie die Vorbilder aus der fernöstlichen Mythologie oder den Superheldencomics. Er transzendiert auch die einzelnen Mitglieder: nicht umsonst sehen wir auf dem Cover von “Enter the Wu-Tang” verhüllte Gestalten, die sich alle gleichen. Und vielleicht liegt genau hier die Langlebigkeit der Gruppe: “Wu-Tang” ist mehr als RZA, GZA, Ol' Dirty Bastard, Inspectah Deck, Raekwon the Chef, U-God, Ghostface Killa, Method Man, Masta Killa und Capadonna. Oder wer auch immer als Mitglied gezählt wird (das kann, je nachdem welches der Gründungsmitglieder man wie und in welcher Stimmung fragt, variieren) – ein Schwarm eben, wie Killerbienen, nicht aus Versehen eines der vielen Wu-Tang Vokabeln.

Der Wu-Tang “Eisberg” reicht tief. Die Mythologie, inklusive Numerologie und Vokabular, die der Clan über die Jahre akkumuliert hat – aus fernöstlicher Philosophie, den Lehren der Five-Percent Nation, Straßenslang und vielen anderen Quellen – ist umfangreich und erschließt sich einem auch nach jahrelangem Hören nicht selbstverständlich, was eine tiefgehende Auseinandersetzung wirklich lohnenswert macht: man kann sich die “Lore”, das Bedeutungsfeld, erarbeiten, so man das möchte – nur um dann – wenn man meint, alles verstanden zu haben – wegen eines weiteren Interviews oder weil man zufällig diesen einen obskuren Kung-Fu-Film im Nachtprogramm gesehen hat wiederum mit erweitertem Verständnis neue Bedeutungen zu finden. Der Wu-Tang Clan hat seine eigene Hermeneutik, eine, die so im Hip-Hop – in der Popmusik generell – selten zu finden ist.

Ist das notwendig, um den Wu-Tang Clan gut zu finden? Nein, ganz im Gegenteil: Legt man die “Enter the Wu-Tang”, “Wu-Tang Forever”, “8 Diagrams” und so weiter auf, kann man ab Sekunde eins unproblematisch kopfnicken, selbst wenn man kein Wort versteht, so tight und roh sind die Beats, so melodisch und rhythmisch die Flows. Das funktioniert bei Kindern, jugendlichen und erwachsenen Hörer*innen gleichermaßen: Und ja, sie haben den Kindern tatsächlich Wichtiges beigebracht: “Geld regiert alles um mich herum”; “nach dem Gelächter folgen die Tränen”; “eine Partie Schach ist wie ein Schwertkampf, man muss zuerst denken, bevor man seinen Zug macht” und am wichtigsten: “Wu-Tang Clan is nuthin’ to fuck wit!”

The Final Chamber

Aber anscheinend ist jedes Geschäftsmodell einmal fertig erzählt: Der Wu-Tang Clan hat dieses Jahr mit ihrer Hip-Hop-Residency in Las Vegas das letzte Kapitel des Clans eingeläutet - und ja, tatsächlich erneut mit allen verbliebenen acht lebenden Mitgliedern RZA, GZA, Raekwon, Ghostface Killah, Method Man, Inspectah Deck, U-God and Masta Killa. Auch Cappadonna wird mit dabei sein, sowie Young Dirty Bastard, der Sohn der (man ahnt es bereits) Wu-Legende Ol' Dirty Bastard.

Mit ihrer Hip-Hop-Residency in Las Vegas haben sie diesen Februar sogar fast dem Super Bowl den Rang abgelaufen: Da gab es “Protect Ya Nack” und “Wu Tang Clan Ain't Nuthing ta F' Wit”, und gerade bei “Shimmy Shimmy Ya” war es mehr als deutlich, dass Young Dirty Bastard die rohe Energie von seinem verstorbenen Vater absolut verinnerlicht hatte. Gegen Ende des Hit-reifen Programms, das aber auch einige Schmankerl (die auch auf die Tour mitgenommen werden!) beinhielt, würdigte RZA die letzten 50 Jahre des Hip-Hops und diejenigen, die wir seitdem verloren haben: Künstlern wie Tupac Shakur, Notorious B.I.G., DMX, Biz Markie und schließlich natürlich auch Ol' Dirty Bastard.

Throughout hip-hop … we’ve lost so many things to foolish acts, guns and drugs. And even though Wu-Tang is a part of the streets, we use our arts and our music to escape the streets. This anger that young people have inside of them, it needs an outlet. I advise us as a culture, as a community, to give our youth a better outlet for their anger and their violence, and we can make a better f*cking culture, aight?

Und auch wenn nun das letzte Kapitel des Wu-Tang Clans eingeläutet wurde - sie bleiben nicht nur Teil der Popkultur, ist ihre Geschichte, ihre Musik und ihre Message tief in uns verankert. Auch wird das letzte Kapitel “eine Zeit andauern und mehr als nur eine Tour umfassen": “The Final Chamber”, so RZA, ist ein Fünf-Jahres-Plan, der auch eine Dokumentation, eine Mini-Serie und diverse individuelle Biographien umfassen soll. Volles Fanservice also. Aber ja, natürlich auch ein Dollarregen für den Clan - wie in Las Vegas zum Track “C.R.E.A.M. (Cash Rules Everything Around Me)”. So ist die Welt.

Welche Wu-Alben gehören in jede Sammlung?

“Enter the Wu-Tang (36 Chambers)” [1993]: Hier hat alles begonnen. Ein Album, das man gehört haben muss, selbst wenn man kein Hip-Hop-Head ist. Eine erste Einführung in all das, was den Wu-Tang Clan ausmacht, dabei ein zeitloses Hip-Hop-Album, das immer noch genauso fresh klingt wie vor 30 Jahren.

“Wu-Tang Forever” [1997]: Das Magnus Opus. Doppelalbum, 27 Songs, Solo-Performances genauso wie der ganze Clan gemeinsam auf einem Track. All das auf gewohnt harten Beats und mit der herausragenden Lyrik, die schon auf dem Debüt präsent waren, aber eben etwas “aufpolierter”.

“The W” [2000]: Ein Album, das (leider) im Schatten eines Songs steht: “Gravel Pit”. Und während die Nummer heute noch genauso den Dancefloor uplitted wie damals, zahlt es sich auf jeden Fall aus, auch die weiteren Songs durchzuhören, die wieder herrlich rough klingen.

Ghostface Killah – “Iron Man” [1996]: Neben dem “most 90s Albumcover ever” eines der ersten Soloalben und auch eines der besten. Ghostface beweist, dass er einer der technisch herausragendsten Mitglieder ist und weicht auch inhaltlich bei einigen Songs deutlich von Rap-Stereotypen der Zeit ab.

Ol' Dirty Bastard – “Return to the 36 Chambers: The Dirty Version” (1995): ODBs Charakter und seine Eigenarten würden schon reichen, um dieses Album zu empfehlen. Aber noch dazu ist es ein richtig gutes, wenn auch (na no na net) abgedrehtes, Hip-Hop-Album. Das ist “Stream of Consciousness” (oder besser zu ODB passend: Unconsciousness) wie kein anderes (kommerziell erfolgreiches) Hip-Hop-Album, und das fängt schon beim Intro an. Einfach anhören.


Live-Termine


Wu-Tang Clan - "The Final Chamber"

06. März 2026 | Wien, Wiener Stadthalle D
Tickets gibt es ab Freitag, 24. Oktober, um 10 Uhr!

Infos auf dem Stand vom 22.10.2025  

Ticketalarm Wu-Tang Clan
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