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Österreich bei der Tischtennis EM

12.09.2024 von Robert Fröwein

Im Oktober kommt die europäische Tischtenniselite nach Linz, weil hier die Europameisterschaft über die Bühne geht. Im heimischen Fokus steht die Linzerin Sofia Polcanova, die bei der letzten Einzelbewerbs-EM in München 2022 gleich zwei Goldmedaillen holte.

Sofia Polcanova fällt auf. Einerseits durch ihre körperliche Größe, andererseits durch ihr impulsives und offensives Tischtennisspiel. Damit ist sie derzeit Österreichs Aushängeschild und tritt in die Fußstapfen von einheimischen Legenden wie Werner Schlager oder Liu Jia, die nebenbei zu ihren größten Idolen zählen. Bei der EM 2022 in München gewann Polcanova Gold im Einzel und im Doppel, nach ihrer Teilnahme bei den diesjährigen Olympischen Spielen ist die anstehende EM in Linz das nächste Highlight. Linz ist seit 2008 nämlich auch die Wahlheimat der 30-jährigen Vollblutathletin, die mit Tischtennis durch ihren Vater in der alten Heimat Moldau in Berührung kam und längst zur Elite des Sports zählt.

Nach Schwechat 2013 findet heuer im Herbst in Linz die bislang zweite Tischtennis-EM in Österreich statt. Bei der ersten warst du noch relativ jung. Hast du noch gute Erinnerungen daran?

Ich habe grundsätzlich sehr positive Erinnerungen an Schwechat. Es war natürlich ein Highlight, dass die EM in Österreich stattgefunden hat. Ich habe im Einzel zwar nicht so gut gespielt, aber im Team kamen wir ins Viertelfinale – das war schon ein gutes Ergebnis. Und ich habe zum ersten Mal ein besseres Gefühl für Teamplay bekommen.

In diesen elf Jahren hat sich viel verändert. Es gab Höhenflüge, aber auch ein paar Rückschläge. Bist du ein anderer Mensch als 2013?

Sicher. Ich war 2013 19 Jahre alt und seitdem sind sehr viele Sachen passiert. Ich habe meine Sichtweise auf das Leben verändert und mich stark weiterentwickelt. Als ich früher noch für die Republik Moldau gespielt habe, war mein Papa mein Trainer, 2014 hat er Krebs bekommen und ist dann 2015 gestorben. Das hat mich sehr geprägt, aber natürlich auch stark verändert.

Tischtennis ist vor allem ein mentaler Sport. Kann man das Mentale trainieren und ist es wichtig, um für das Physische gerüstet zu sein?

Ich denke, dass das Mentale sogar extrem wichtig ist. Man kann die Stimmung trainieren, die man an einem Wettkampf- oder auch an einem normalen Trainingstag hat. Mir persönlich ist es besonders wichtig, Ziele zu visualisieren und fest daran zu glauben.

Kann man seine mentale Grundfestigkeit so trainieren, dass man automatisch selbstsicherer in ein Spiel geht?

Ein wichtiger Faktor ist natürlich, dass man Spiele gewinnt. Es ist sehr wichtig, dass man von sich und seiner Spielweise überzeugt ist. Mit der richtigen Visualisierung kann man viel bewirken. Ansonsten probiere ich immer im Moment zu bleiben.

Was macht denn Tischtennis zu einem intensiveren oder schwierigeren Sport als andere Sportarten?

Ich denke, jede Sportart, die man auf professionellem Niveau betreibt, ist sehr intensiv. Im Tischtennis hängt sehr viel von Konzentration ab und wir müssen schnell antizipieren. Tischtennis ist so wie Schach, nur muss man sich dazu auch noch bewegen. Man muss die Kombinationen schon im Vorhinein wissen, aber trotzdem im Moment entscheiden können. Wenn der Ball zu dir fliegt, musst du innerhalb von einer Sekunde 1.000 Mal überlegen, was du jetzt machst und in welche Richtung du spielst.

Natürlich überstrahlen die Olympischen Spiele heuer alles, aber eine Europameisterschaft direkt in deiner Wahlheimat Linz ist schon auch etwas ganz Besonderes.

Ich habe in Linz schon die Austrian Open gespielt, aber eine EM ist der Wahnsinn. Für mich ist das ein ganz besonders schönes Gefühl. Ich lebe seit 16 Jahren in Linz. Die Stadt ist meine Heimat und die TipsArena ist nur acht Minuten mit dem Auto von meinem Zuhause entfernt.

Was bedeutet diese Europameisterschaft für Linz als Stadt?

Natürlich sehr viel. Linz war schon immer eine Tischtennisstadt. Der Leistungsstützpunkt ist in Linz und Sport hat hier generell eine hohe Bedeutung. Wir hatten den „Olympic Day“ in Linz, der LASK und BW Linz spielen hier und es gibt sehr viele Judoveranstaltungen. Es ist schön, dass jetzt auch Tischtennis wesentlich mitmischt. Hoffentlich wird es eine sehr große Veranstaltung, die alle Beteiligten erfreut.

Österreich hat eine große und erfolgreiche Tischtennis-Historie von Werner Schlager bis Liu Jia. Beflügelt das so, dass du sie übertreffen willst oder verunsichern dich diese großen Leistungen aus der Vergangenheit?

Von Werner Schlager war ich schon immer begeistert, in meiner Kindheit hing ein Post von ihm in der Trainingshalle. Einmal gewann ich für Moldau eine Medaille: Ich habe sie für die Fotos dann zwischen die Zähne genommen, so wie er, weil mir das so imponiert hat. Deswegen ist es manchmal noch ein bisschen surreal, dass ich für Österreich spielen darf und auch schon zwei EM-Titel gewonnen habe. Ich kann behaupten, ein bisschen Geschichte für dieses Land geschrieben zu haben. Es gibt viele erfolgreiche Tischtennisspieler in Österreich, alle sind anders. Niemand muss jemand anderem etwas wegnehmen. Man kann stolz sein, dass wir im Tischtennis so viele Erfolge hatten.

Wenn Kinder mit Sport beginnen, wollen sie Fußball- oder Tennisprofi werden, aber nur selten hat jemand eine Karriere im Tischtennis im Kopf. Wie kam es bei dir überhaupt dazu?

Mein Vater spielte die wichtigste Rolle. Er hat früher selbst Tischtennis gespielt, aber dann aufgehört. Eltern wollen immer das Beste für ihr Kind, also hat mein Vater mit mir trainiert und mich zu Turnieren gefahren. In meiner Kindheit gab es nur sehr wenig Geld, aber sehr viele Möglichkeiten. Es gab keine Finanzierung vom Staat oder sowas, doch wir haben alles versucht und sind viel mit dem Bus gereist. Flüge waren für uns viel zu teuer. Meine Eltern haben wirklich alles dafür getan, dass ich jetzt hier sitzen und mit dir reden kann.

Als du 2008 nach Österreich gekommen bist, warst du 14 Jahre alt. Welchen Stellenwert hatte da der Sport? Hat er dir dabei geholfen, dich an diesem neuen Platz in deinem Leben zurechtzufinden?

Der Sport hat mir sehr dabei geholfen, mich zu integrieren. Ich konnte anfangs nur ein paar rudimentäre Brocken Deutsch und hatte keine Freunde, aber die Tischtennisgruppe, in der ich damals trainierte, hat mich sehr unterstützt. Die Mädels waren alle richtig nett zu mir, was eine sehr große Hilfe war.

Was sind deine Ziele für die Europameisterschaft?

Ich habe natürlich konkrete Ziele, rede aber nie in der Öffentlichkeit darüber. Man darf mich da ruhig als abergläubisch bezeichnen, aber bislang bin ich ganz gut damit gefahren.

Hast du ganz bestimmte Träume oder Ziele, die du dir im Sport und auch außerhalb davon noch erfüllen möchtest?

Außerhalb des Profisports lebe ich meinen Traum. Beim Tod meines Vaters hatte ich eine unglaublich schwierige Zeit, deshalb wünsche ich mir vor allem Gesundheit für meine Familie. Das ist das Allerwichtigste. Zum Sportlichen: Natürlich wünscht man sich immer eine Olympiamedaille oder eine Medaille bei einer EM. In Linz eine Medaille abzuräumen wäre natürlich unglaublich. Den ganz großen Traum von EM-Gold konnte ich mir zum Glück schon erfüllen. München war legendär und nach diesem Erfolg hat es ein bisschen gedauert, mir neue Ziele zu überlegen.

Die Tischtennis EM geht vom 15. bis 20. Oktober in der TipsArena Linz über die Bühne. Tickets gibt es bei oeticket.

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