Bild: Kierberger & Haider
Pizzera & Jaus sind mit einer neuen Single zurück: „zirkusprinz“ handelt von bedingungsloser Liebe. Wir haben Paul und Otto deshalb auf den Zahn gefühlt, wie es um ihren Seelenzustand in ihrem bisherigen Liebesleben bestellt war – und wieso man manchmal nicht mal mehr dem eigenen Schmerz vertrauen kann.
Endlich sind sie wieder da – obwohl sie eigentlich eh nie weg waren, im Gegenteil. Paul Pizzera ist dank höchsterfolgreichem „Hawi d'Ehre“-Podcast und diversen Musikprojekten (AUT of ORDA, Gastmusiker bei Folkshilfe) ohnehin dauerpräsent, Otto Jaus unterhält uns unterdessen prächtig auf der Kinoleinwand, in Musicals und sorgt (gemeinsam mit Mami Jaus) mit einem g’standenen Kochbuch für unser leibliches Wohl. Obendrein lieferten sie 2023, wieder als Duo, mit „Pulled Pork“ die dritterfolgreichste österreichische Filmproduktion des Jahres ab, 105.622 Besucher strömten ins Kino.
Ach ja, im August 2024 gaben sie einer Location namens Wiener Staatsoper die Ehre (und bitte nicht umgekehrt!), die obendrein auch noch ausverkauft war und die sich danach für einige Tage mit einem Coolness-Label schmücken durfte, wie man es in solch erlauchten Kreisen selten findet. Und zwischendurch begeistern Paul und Otto auch noch laufend mit kleineren und größeren Konzerten, bei denen sich Katharsis und Eskapismus selbstbewusst-verspielt die Hand reichen und sich somit immer wieder in den wohligen Mantel eines wort- und tongewaltigen Plädoyers für die Liebe und die Menschheit hüllen.
Also nein, Pizzera & Jaus waren eigentlich nie weg.
Aber jetzt ist, nach fast zwei Jahren, endlich wieder eine neue Single am Markt. „zirkusprinz“ heißt sie und ist ganz im Stil von Pizzera & Jaus eine wortakrobatische Ballade, die nur ein Ziel kennt: nämlich mitten ins Herz zu treffen und dabei einen Schmerz hervorzurufen, den man paradoxerweise zeitgleich herbeisehnt als auch fürchtet.
"zirkusprinz" ist ein in Noten gegossenes Märchen über die bedingungslose Liebe. Es geht um Selbstaufgabe, um verklärte Romantik, um das entfremdende (und fremdelnde?) Ich im Wir und den verlockend-schillernden Zirkuspalast, in den wir unsere Träume von einem besseren, bunteren und seligeren Gestern projizieren. Um den Moment, wenn aus Hoffnungen Ängste werden und der Zirkusprinz zum Zirkusclown. „zirkusprinz“ wohnt eine poetische Kraft inne, wie man sie im heimischen Musikgeschäft nur noch selten präsentiert bekommt. „Einen noch gefühlsträchtigeren Gänsehautmarsch wird es heuer wohl so nicht mehr geben“, steht im Pressetext geschrieben. Wir nicken eifrig, aber stumm, weil uns all die herabkullernden Tränen die Sprache verschlagen haben.
Irgendwann haben wir sie wiedergefunden. Und trafen Pizzera & Jaus zum Liebes-Pantscherl ... ähm, -Plausch.
Paul Pizzera: Es fühlt sich an, als wäre man nie von zuhause weggewesen.
Otto Jaus: Genauso ist es. Ich wollte genau dasselbe sagen.
Paul Pizzera: Wir haben eben sehr, sehr viele Zweitprojekte. Sei es Theater und Kochbuch oder AUT of ORDA und den „Hawi d’ehre“-Podcast. Wir haben gesagt: Wenn wir etwas rausbringen, dann lassen wir uns wirklich Zeit dafür. Immerhin ist „zirkusprinz“ seit zwei Jahren die erste Single von uns beiden gemeinsam.
Paul Pizzera: Ich glaube, gerade zur kuscheligen Herbstzeit passt es ganz gut, dass man da wieder bisschen etwas Emotionaleres anschlägt. Wir haben vor einigen Tagen das Lied das erste Mal live gespielt und das war für uns beide sehr intim und schön. Einige Leute haben bei dem Lied geweint und das war eine sehr schöne Respektbekundung.
Paul Pizzera: Ich habe versucht, diese schöne, märchenhafte Vorstellung von bedingungsloser Liebe einzufangen. Die natürlich im echten Leben total ungesund wäre, aber die einfach so eine schöne Romantik hat: Man ist bereit, bis zur Selbstaufgabe und vor allem zum amourösen Suizid für einen Menschen alles zu geben und vielleicht sogar draufzugehen. So etwas ist vielleicht im echten Leben nicht anwendbar, aber ich glaube, es ist etwas, das man halt einfach gern wieder mal spüren würde oder in einem Film sehen möchte. Deshalb auch das Thema Zirkus zum Song: die Flucht in diese verzaubernde Welt, die einem aus dem Alltag ein bisschen rausreißen soll.
Otto Jaus: Es gibt einen Satz, eine Textpassage, die mich sehr, sehr bewegt hat, als mir Pauli das erste Mal das Lied vorgespielt hat: „Wann wird es endlich wieder, wie es nie war?“ Dieser Satz trifft wirklich, leider Gottes, auf viele Beziehungen zu, die ich bereits hatte. Beim ersten Mal hören war ich den Tränen nahe, weil der Text so nah an der Realität ist. Er stimmt einfach.
Wenn wir aber von vollkommener Selbstaufgabe in einer Beziehung sprechen, dann ist das bei mir nur bei meinen Kindern der Fall. Für sie würde ich ohne zu überlegen mein Leben geben. Meine Kinder liebe ich bedingungslos.
Paul Pizzera: Es gibt ja diesen einen Spruch: „Um viel zu entsprechen, ließ ich mich brechen“. Ich glaube, man kann sich eine Zeit lang auf jemanden einzustellen versuchen, und merkt dann irgendwann – oder sollte merken –, wo die Grenze ist zur Selbstaufgabe. Der Moment, wenn du sagst: Das bin nicht mehr ich und das möchte ich auch nicht sein. Aber richtig aufgegeben habe ich mich noch nie für jemanden. Deswegen gibt es dieses Lied (lacht).
Paul Pizzera: Wir sind beide nicht die rigorosesten Schlusstrichzieher.
Otto Jaus: Ich war aber eine Zeit lang sehr schnell dabei, wenn es heißt, auf Wiedersehen zu sagen. Aber viel längere Zeit war ich dabei, etwas auszusitzen, zu hoffen, dass sich noch irgendetwas ändert, obwohl sich gar nichts mehr tut. Das ist natürlich auch ein kompletter Fehler. Und jetzt, wenn man verheiratet ist und Kinder hat, ist die Überlegung ohnehin komplett eine andere.
Zusammengefasst: Wie der Pauli schon gesagt hat, wir zwei sind dann doch welche, die gerne mal zu lange sitzen bleiben.
Paul Pizzera: Da hat doch auch mal so’n Spruch gegeben: „Um a Liebe kämpft ma währenddessen, ned danach“ ...
Paul Pizzera: Jo, welcher Trottl wor denn des scho wieda?!
Otto Jaus: Oida, jetzt zitiert der sich scho söba (lacht)!
Paul Pizzera: Aber im Ernst: Ich glaube, wenn beide kämpfen, ist es schön. Wenn nur einer kämpft, ist es gut, wenn man es nicht hat.
Otto Jaus: Das kommt ganz darauf an, wie die Beziehung beendet worden ist, wie weit die Beziehung schon kaputt war, was vorgefallen ist in dieser Beziehung. Da gibt es so viele verschiedene Möglichkeiten. Wenn es ein beiderseitiges Einverständnis war, dann wird es natürlich nachher noch etwas wehtun, weil man etwas nicht geschafft hat oder es nicht sein sollte.
Paul Pizzera: Eigentlich müsste man sagen: Wenn zwei Menschen sich trennen, kommen vier glückliche heraus.
Paul Pizzera: Bisher ist mit mir noch nie Schluss gemacht worden. Aber trotzdem gibt es 10.000 Gründe, um mit mir Schluss zu machen.
Otto Jaus: Ich glaube, das kann man nicht Beziehung nennen, aber als damals das Thema „Freundin“ aufgekommen ist, gab es ein paar unglückliche Liebschaften, die nicht erfüllt worden sind, meinerseits. Da war ich, glaube ich, 16, 17 oder 18 Jahre alt. Aber bei „richtigen“ Beziehungen, also jene, die zwischen circa zwei Monaten und vier Jahren angehalten haben, war ich meistens derjenige, der gesagt hat: „Das war's, auf Wiedersehen!“
Otto Jaus: Ein Post-It am Kühlschrank kommt immer gut. Oder eine Sprachnachricht. Oder, noch besser: Mit einem Foodora-Essen inklusive Brief (lacht).
Paul Pizzera: Abschiedspizza oder so.
Otto Jaus: Es gibt natürlich nicht den einen richtigen Weg.
Paul Pizzera: Aber wie immer im Leben gilt auch hier: ein respektvoller Umgang ist das Wichtigste!
Beide: Alkohol!
Otto Jaus: Nein, Blödsinn, überhaupt nicht. Liebeskummer kann ja auch etwas wahnsinnig, obwohl es sehr weh tut, Schönes sein. Denn dieser Schmerz bedeutet ja auch, dass mal etwas Schönes da war. Und deshalb kann es vielleicht helfen, sich hinzusetzen und dankbar zu sein, dass man diese Erfahrung machen kann – oder darf. Das ist natürlich sehr schwer, das muss ich zugeben. Aber ich glaube, erst, wenn du etwas anerkennst und dankbar dafür bist, dass du das fühlen darfst, kannst du auch etwas ändern.
Paul Pizzera: Liebeskummer ist Luxus, Baby (lacht).
Otto Jaus: Ja, wirklich, ist es.
Otto Jaus: Das kann man mal ausprobieren, aber meiner Erfahrung nach? Nein. Das ist zwar lieb und schön, aber danach geht’s dir meistens noch g’schissener als vorher (lacht)!
Paul Pizzera: Es gibt ja auch viele One-Nightmare-Stands, deshalb sollte man sich das gut überlegen ...
Paul Pizzera: In der Realität nicht. Weil so etwas irgendwann ungesund wird. Das gilt auch dann, wenn man selbst bedingungslos geliebt wird. Wenn man selbst überhaupt nichts falsch machen kann. Eine gute Beziehung lebt von einem ehrlichen Korrektiv, das man durch den Partner oder die Partnerin erfährt, und das ist bei einem bedingungslosen Lieben nicht mehr möglich.
Otto Jaus: Aber die Vorstellung ist schön.
Paul Pizzera: Es wäre aber auch schön, wenn es mehr bedingungslose Selbstliebe gäbe.
Paul Pizzera: Sehr, sehr wichtig.
Paul Pizzera: Eigentlich das, worüber Otto vorher schon gesprochen hat: „Es wird nicht mehr so werden, wie es mal war.“ Sich an eine Erinnerung festzuhalten. Aber eine Erinnerung verklärt dir die Realität. Man gibt sich ja gern immer noch der rosa Brille hin und redet sich ein, dass eigentlich eh alles schön ist. Man will den Schmerz gar nicht fühlen. Gemeint ist also die Unfähigkeit, auf sich selbst zu achten.
Paul Pizzera: Ich glaube, ein trauriges Lied. Weil bei der Trauer hast du eine Entwicklung. Du kommst von etwas Negativen zu etwas Reinigendem. Es ist ja reinigend, wenn du weinst. Man durchlebt die Entwicklung von Traurig-Sein zu Reflektiert-Sein, zu einem „Jetzt geht es mir nicht so schlecht“-Gefühl. Wenn man von vornherein von etwas Positivem ausgeht, dann ist nur das Positive da, ein einziges Gefühl, das die Stimmung aufrechterhalten muss.
Bei traurigen Songs wiederum hast du eine Metamorphose deiner Gefühlswelt, und das ist schön. Man sich halt viel mehr reinsuhlen. Wie STS schon geschrieben hat: eine „Überdosis G‘fühl“. Wenn du Trauer zulässt, geht’s dir danach besser.
Paul Pizzera: Also so falsch gesungen haben wir Gott sei Dank noch nicht! Ich glaube aber nicht, dass man diese Meinung auf Musiker umlegen kann. Beziehungsweise kann ich das so nicht unterschreiben.
Paul Pizzera: Man muss es ehrlich sagen: Es kommt auf die Form und den musikalischen Mantel an. Das Rad neu erfinden wird man inhaltlich eher nicht mehr, deshalb geht es dann einfach um kluge Reime, um schöne Bilder. (überlegt) Obwohl, eine Ballade über das Verfassen der Lohnnebenkosten gibt’s no ned ... Aber da wäre wahrscheinlich wohl auch die Zielgruppe sehr überschaubar!
Paul Pizzera: Bei mir ganz klar: „Book of Love“ von Peter Gabriel.
Otto Jaus: Meins ist „10 kleine Jägermeister“ von den Toten Hosen. (beide lachen laut) Ansonsten habe ich letztens erst „ I don’t wanna miss a thing“ von Aerosmith auf meiner Playlist gehört. Gefällt mir schon wahnsinnig gut.
Otto Jaus: Ich finde mich in all diesen Rollen wieder. Manchmal auch dazwischen. Manchmal weiß ich ja gar nicht, wer ich bin. Manchmal bin ich auch einfach der Wassertank (lacht).
Paul Pizzera: Auch wenn es von meinen physischen Fähigkeiten sehr weit entfernt ist, wäre ich gerne ein Seiltänzerakrobat. Ich kann glaube ich sogar für den Herrn Jaus antworten: Er wäre gern ein Messerwerfer. Der Herr Jaus sammelt nämlich Messer, deshalb würde das gut passen. Ein Messerwerfer im Clownskostüm.
Otto Jaus: Ja, das stimmt. Ich habe eine Faszination für Messer, frag mich aber nicht, warum! Messerwerfen, Axtwerfen, Bogenschießen und so weiter, das taugt mir irgendwie.
Paul Pizzera: Wir wissen, dass es passiert. Wir möchten aber keinen Termin sagen. Wir möchten uns Zeit lassen. Wir freuen uns jetzt einmal auf ein bisschen Ruhe, die einkehrt. Und auf ein bisschen Reflektieren-Können nach dem ganzen Wahnsinn, der passiert ist. All die tollen Open-Air-Shows und der Auftritt in der Staatsoper. Wir merken, dass wir ein bisschen Ruhe brauchen.
Paul Pizzera: Ist nicht vorhanden.
Pizzera & Jaus gastieren laufend mit "Comedian Rhapsody" in ganz Österreich, darunter am 5. Juli auf Burg Clam: Hier sind Wolfgang Ambros, Opus Band und Schick Sisters im Vorprogramm zu hören. Tickets gibt es bei oeticket.
Paul Pizzera erleben wir zudem mit seinem Live-Podcast "Hawi D'Ehre" gemeinsam mit Gabi Hiller und Philipp Hansa ab Dezember in ganz Österreich, auch hierfür gibt es Tickets bei oeticket.