Bild: Arne Müseler Bild: Arne Müseler
Made in Austria

Please Madame: Appell an die Menschlichkeit

12.09.2024 von Robert Fröwein

Für ihr viertes Studioalbum „Easy Tiger“ haben die Salzburger Indie-Popper Please Madame an einigen Stellschrauben gedreht. Besonders markant: Die Band wird sich immer stärker ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst.

In so mancher Seminararbeit stellte sich wohl schon die Frage, ob Musiker Hochleistungssportler sind. Bei manchen Stars kann man die Frage definitiv mit „ja“ beantworten. Taylor Swift etwa übt an drei bis vier Abenden in Folge auf der Bühne ein dreieinhalbstündiges Workout aus und bereitet sich für diese Monsterleistung monatelang vor. Wenn Superstar P!nk bei ihren opulenten Konzerten durch ein Stadion segelt und dabei wild durch die Gegend wirbelt, hört man ihrer Gesangsstimme die Anstrengungen an. Please Madame-Frontmann Dominik Wendl hingegen sieht Sport vor allem als mentalen Ausgleich zum Leben als Musiker und Produzent. Der passionierte Tennisspieler und Berggeher benötigt das Gefühl des Auspowerns, um sich von allen Sorgen und Gedanken frei zu machen, aber auch, um den nötigen Abstand von der Realität zu gewinnen. Besagte Realität kann ganz schön hart sein, wie man auf dem vierten Bandalbum „Easy Tiger“ erfährt, wenn man Wendls Texten die nötige Aufmerksamkeit widmet.

Wichtig für Körper und Geist

Der Albumtitel selbst ist eine nonchalante Metapher, um ruhig zu bleiben und sich nicht aus dem Tritt bringen zu lassen. „Es ist vor allem ein Mantra an uns selbst als Band, aber auch allgemein“, erzählt er uns im gemütlichen Gespräch bei einem Seiterl Bier am Ottakringer Yppenplatz, „schau dich mal um, wie gehetzt wir alle sind. Nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben. Das kann unmöglich gesund sein und wir wollen ein bisschen aus diesem Hamsterrad rauskommen.“ Im Umkehrschluss bedeutet das, dass sich auch freischaffende Künstler die notwendigen Routinen aneignen müssen, um psychisch möglichst gesund zu bleiben. Für Wendl heißt das, die freien Tage auch als frei zu nützen. „Bei mir ist das Wochenende vielleicht dann Montag oder Dienstag, weil wir sonst meist auftreten. Aber dann versuche ich bewusst das Handy wegzulegen, Nachrichten einmal einen Tag lang nicht zu beantworten und mich beim Tennis zu verausgaben. Ich merke einfach, wie wichtig das für Körper und Geist ist.“

Mit ihrer zeitlosen Form des Indie-Rock/Pop haben sich Please Madame längst einen Namen über die eng gesteckten Landesgrenzen hinaus gemacht. Wendl und Co. scheuen nicht davor zurück, politische Kante zu zeigen und für Mitmenschlichkeit einzutreten. War der 2021 veröffentlichte Vorgänger „Angry Boys, Angry Girls“ thematisch noch eine klarere Kritik an die prekären Gesellschaftszustünde der Welt, geht „Easy Tiger“ introspektiver ans Werk. Wendl verarbeitet in den oftmals sehr persönlichen Texten unterschiedliche Dinge, ohne den thematischen Bogen zu verlieren. „In manchen Songs geht es ums Drogen ballern, in anderen um meine inhaltliche Leere oder den Tod meiner Tante. Die 13 Songs durchzieht ein bisschen Nostalgie, aber auch ein Blick nach vorne und die Erkenntnis, dass man mit Dingen im Leben abschließen und mit sich selbst umzugehen lernen muss. Ich bin sehr glücklich und es macht mich stolz, dass all das als Gesamtkonzept auf einem Album wirklich funktioniert.“

Den Kosmos geöffnet

Im Bandcamp hat man in den letzten Jahren an unzähligen Bausteinen gerückt und sich neu aufgestellt. Die Band hat einerseits ihr eigenes Label gegründet und bucht sich nun alle Konzerte selbst, andererseits hat man sich beim Songwriting erstmals nach außen hin geöffnet. Das Quartett ließ externe Songwriterinnen wie Violetta Parisini, Oliver Varga oder Felicia Lu in den eigenen Kosmos eindringen und sich damit von neuen Perspektiven überraschen. „Wenn eine Person wie Violetta, die in ihrer Karriere schon alles gesehen hat, auf einmal in deinem Studio sitzt und dir über das Songwriting und vom Leben erzählt, dann hörst du zu und nimmst so viel wie möglich mit.“ Nicht zuletzt am hohen gegenseitigen Respekt untereinander liegt es, dass Please Madame auf „Easy Tiger“ frisches Blut zuließen, im Endergebnis aber trotzdem noch nach sich selbst klingen. Wobei auch hier Änderungen zu verzeichnen sind. Mehr Elektronik, mehr Hedonismus, mehr Lockerheit. Trauen sich die Salzburger mit dazugewonnener Reife gar, die Indie-Fesseln abzulegen und offener gen Mainstream-Pop zu schreiten?

„Vielleicht hat das mit dem Alter zu tun, vielleicht ist uns aber einfach mehr wurscht“, lacht der Sänger, „in erster Linie mache ich Musik für mich und nicht für irgendwelche Idioten, die vor ihren Tastauren sitzen und mir sagen wollen, wie ich zu klingen habe. Wir sind sicher eingängiger geworden und ich freue mich darüber, dass das auch sehr gut angenommen wird. Es gibt so viel Musik da draußen, wenn es dir nicht gefällt, dann hör halt was anderes.“ Diese Einstellung unterscheidet sich freilich diametral vom Song „People Pleaser“. „Das bin ich natürlich auch. Ich will, dass es den Leuten gut geht, wenn sie unsere Konzerte besuchen, oder wenn sie mit mir reden. Immer geht das aber nicht. Manchmal hat man die Energie nicht und dann muss es auch okay sein, wenn man nicht alle zufriedenstellt. Das Album ist überhaupt ein Appell an die Menschlichkeit. Auch wenn uns die Gesellschaft das oft einreden will, aber wir sind keine Maschinen. Wir dürfen Fehler machen und auch mal grob danebengreifen, wenn wir uns entscheiden. Es ist nicht möglich, in jeder Situation des Lebens der Heiland zu sein und alles perfekt hinzukriegen.“

Die eine große Heroine

Die elektronischere Ausrichtung hängt auch damit zusammen, dass Please Madame auf Tour die Begleitband von AYMZ sind und Wendl AYMZ produziert. „Natürlich befruchtet das eine das andere. Es sind sicher mehr elektronische oder mutige Stellen auf ,Easy Tiger‘ zu finden. Vieles davon ist mir aber auch erst später aufgefallen, als wir mit dem Album schon fertig waren. Wenn wir Songs schreiben, liegen schon mal Instrumentals von einem Projekt herum, die dann vielleicht gut zum anderen passen. Das passiert alles sehr instinktiv.“ Auch mit Superstar Christina Stürmer arbeiten die Please Madame-Musiker eng zusammen. Die heimische Pop-Queen hat auf Wendl vor allem einen menschlich immens großen Einfluss. „Wir sind mit der ganzen Stürmer-Familie am Mittagstisch gesessen. Es herrschte so viel Wertschätzung. Sie waren alle so lieb und nett. Wenn ich menschlich in Österreich zu jemandem aufschaue, dann ist das Christina. Sie ist meine große Heroine. Sie liebt die Musik über alles, aber noch mehr ihre Familie. Sie kriegt alles unter einen Hut und das so spielerisch und völlig zwanglos. Sie ist ein absolutes Vorbild dafür, wie man im Musikbusiness auch sein kann.“

„Easy Tiger“ ist keinesfalls eine Anleitung zur Revolution, sondern vielmehr ein musikalisches Mahnmal für Gemeinschaft, Zwischenmenschlichkeit und der Liebe an sich. „Dieser sonderbare Begriff des Mannes, der nicht über seine Probleme reden darf, der nicht fühlen darf und der nicht verletzlich sein darf – das ist der größte Scheißdreck überhaupt in unserer Gesellschaft. Wir müssen genauso verletzlich sein, weil wir Menschen sind. Das gehört zum Leben dazu. Da tut sich gottseidank schon viel, aber noch viel zu wenig. Man muss sich im Leben den Raum für Emotionen erlauben. Es ist okay, wenn man sich einmal die ganze Nacht niedersäuft, weil es die Psyche verlangt. Es ist genauso okay, wenn du zwei Stunden lang auf einen Berg läufst, weil du das brauchst, um dich von allem zu lösen. Jeder Mensch in jedem Beruf braucht einen Ausgleich, der nichts mit seinem Alltag zu tun hat. Das ist ungemein wichtig.“ Zum Anfang eines solchen Ausgleichs könnte man beispielsweise „Easy Tiger“ hören. Tanzbarer und seelenstabiler wird Indie-Pop in Österreich heuer nicht mehr.

Please Madame gastieren im Oktober in Graz, Lustenau, Innsbruck, Kufstein, Wien & Salzburg, am 25. April dann nochmals. Tickets gibt es bei oeticket.

TICKETS
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren