Bild: Moritz Schell
Ob True Crime, Comedy oder Nachrichten: Stimmen sind nun nicht mehr nur im Kopf, sondern auch im Ohr. Ein Versuch der Annäherung an das Phänomen Podcast. Ein Phänomen, das auch live auf der Bühne für Begeisterung sorgt.
Philipp Hansa hat viele Freunde. Die meisten davon kennt er nicht persönlich. Oder hat je von ihnen gehört. Seit der Ö3-Starmoderator im überaus erfolgreichen Podcast „Hawi D’Ehre“ aus dem alltäglichen Leben erzählt, gilt er – gemeinsam mit Gabi Hiller und Paul Pizzera – als „Hawi der Nation“. Er weiß: „Podcasts können gegen Alleinsein helfen“, sagt er im Interview mit HEADLINER (Das Interview könnt ihr hier lesen.). Er aber würde es lieben, „auch mal allein zu sein“. Und dann würde er sich einen Podcast seiner Wahl zu Gemüte führen. „In dieser Phase kann ich mir für eine halbe Stunde einen Freund holen, der aber auch mal die Gosch’n hält, wenn ich es will. Das macht ein echter Freund nicht unbedingt.“ Lachende Conclusio: „Podcasts sind also die besseren Freunde!“
Eigentlich wäre damit der Kern der Analyse, wieso Podcasts seit einigen Jahren so extrem beliebt sind, beantwortet. Doch so ganz sind wir mit dieser Antwort noch nicht zufrieden (sorry, Philipp!). Also forschen wir weiter – und wenden uns an PD Dr. Petra Herczeg des Wiener Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Auch sie dockt an der Theorie der Einsamkeit an: „Früher hat man das Radio oder den Fernseher aufgedreht, heute sind es eben Podcasts. Es stellt sich mir die Frage: Ertragen wir überhaupt noch Stille?“
Die Erklärung, die Corona-Pandemie (in der Einsamkeit eine große Rolle spielte) hätte zum Boom der Podcasts beigetragen, will sie aber nicht unkritisch stehen lassen: „Das ist sehr schwer zu belegen.“ Zwar erfuhren, so die Expertin weiter, vor allem in den USA Nachrichten-Podcasts, beispielsweise von CNN, in dieser Zeit einen enormen Aufschwung, da sie minutenweise über die Entwicklung der Pandemie berichteten. „Große Plattformen wie Spotify haben aber bereits vor der Pandemie sehr stark in Podcasts investiert, auch gab es bereits verbesserte technische Möglichkeiten. Wir wissen also, dass die Podcastnutzung schon vor Covid zugenommen hat.“
Mit anderen Worten: Podcasts sind nichts Neues. Bereits Anfang der Nullerjahre kamen die ersten Podcasts auf den Markt, damals nannte man es noch etwas sperrig „Audioblogging“. Als Erfinder gilt der amerikanische Softwareentwickler Dave Winer, doch den Begriff selbst rief der britische Digital-Experte Ben Hammersley ins Leben, eine Wortkreation aus „Broadcast“ und „iPod“, bezugnehmend auf die damals so erfolgreichen Apple-Geräte. In den darauffolgenden Jahren gerieten Podcasts in Vergessenheit, doch dann kam die Verbreitung der Smartphones – und seitdem gibt es kein Halten mehr:
Laut der Studie von SevenOneAudio wurden 2023 weltweit 12.000 neue (!) Podcasts veröffentlicht. Auch die Nutzungsdauer und die Reichweite von Podcasts sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, wie zahlreiche Studien belegen. Und obwohl hier die exakten Zahlen nicht gänzlich deckungsgleich sind, ist der Konsens eindeutig: Podcasts sind so beliebt wie nie zuvor.
Als einen der Hauptgründe für die allgegenwärtige Liebe zu Podcasts nennen Studien, aber auch Herczeg und Hansa die Flexibilität des Mediums: „Podcasts begleiten dich durch den ganzen Tag“, bringt es Hansa auf den Punkt und Herczeg ergänzt: „Sie sind jederzeit und überall verfügbar.“ Egal ob auf dem Weg zur Arbeit, beim Putzen, Kochen oder beim Einschlafen – Podcasts machen Alltagsroutinen erträglicher und lassen die Zeit zwischen zwei „Übergängen“ schneller vergehen.
Damit einher geht die Möglichkeit einer zeitlichen Zweitverwertung. Das bedeutet, dass man Podcasts zeitgleich zu anderen Tätigkeiten hören kann, was unserer schnelllebigen Zeit entgegenkommt, wie auch Herczeg erklärt. Hansa geht noch einen Schritt weiter: „Wir alle sind stark visuell reizüberflutet, der Fernseher ist oft nur noch Second-Screen. Mit dem Podcast besinnt man sich wieder auf die Basics, man konzentriert sich darauf, etwas bewusst wahrzunehmen, zur Ruhe zu kommen.“ Der deutsche Kommunikationswissenschaftler Oliver Zöllner drückt es im Interview mit welt.de folgendermaßen aus: „Musikhören ist zu einer Nebenbei-Tätigkeit geworden. Wir haben eine neue Sehnsucht nach dem gesprochenen Wort entwickelt.“ Und wir lernen wieder, zuzuhören.
Weil Sehnsucht eines der stärksten menschlichen Gefühle darstellt, ist der Podcast natürlich auch ein emotionsgeleitetes Medium – sogar, wenn es um nüchterne Nachrichtenvermittlung geht. Podcasts stillen das menschliche Grundbedürfnis nach Kommunikation. „Durch den Host entsteht oftmals eine direkte oder sehr persönliche Ansprache“, so Herczeg. „Das Hören der bekannten Stimme schafft Vertrauen, Sicherheit und Intimität. Vielleicht hat man sogar das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.“ In dieselbe Kerbe schlägt auch Hansa: „Es entsteht eine besondere Art der Intimität, ein Gefühl des Beim-Stammtisch-Zusammensitzens.“ Medienpsychologen sprechen hier von „Podcast Intimacy“, die auch zur Entspannung beitragen kann.
Der Wunsch nach Autonomie und Freiheit, sich also die Themengestaltung individuell und nach Herzenslust zusammenzustellen, wird nicht nur beim Stammtisch und bei Podcasts, sondern auch bei Streamingportalen wie Netflix bedient. „Podcasts sind im Grunde Netflix zum Hören“, sagt Journalist Jordan Harbinger. Auch Expertin Herczeg sieht hier einen möglichen Zusammenhang: „Es ist vorstellbar, dass die autonome Programmgestaltung von Netflix und Co. auf andere Medienarten übergeschwappt ist.“ Unsere Hör- passt sich unserer Sehgewohnheit an.
Diese aktive Entscheidung, einen Podcast zu hören, sei auch der große Unterschied zum Radio. „Beim Radio lässt man sich berieseln, man hört es nebenher. Man hört es live und man erwartet sich Musik und aktuelle Themen. Mit einem Podcast kann ich mich hingegen in Themen vertiefen. Ich nehme den Content bewusster wahr.“ Die Themenauswahl in der Podcastwelt ist mittlerweile derart breitgefächert, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist, auch Nischenthemen finden immer größere Beachtung. Und was sagt Ö3-Moderator Hansa zur Radio-Podcast-Konkurrenz? „Aufgrund der Unterschiede ist für beide Medien nebeneinander genug Platz.“
Was einen guten Podcast ausmacht, darüber scheiden sich natürlich die Geister. Herczeg nennt eine hochwertige technische Qualität als Basis, genauso wie eine regelmäßige Veröffentlichung und angemessene Folgelängen. Wichtig seien aber auch „eine klare Struktur, Tiefgang statt Oberflächlichkeit, komplexe Themen einfach zu vermitteln und ein respektvoller Umgang bei etwaigen Gästen.“ Sowohl Medienexpertin als auch Moderator Hansa nennen Natürlichkeit, Ungefiltert-Sein und Authentizität als äußerst wichtige Pfeiler für einen „guten“ Podcast.
Das Publikum sei mittlerweile, auch aufgrund der immensen Masse an Veröffentlichungen, sehr anspruchsvoll geworden, gibt Herczeg zu bedenken. Eine Übersättigung des Marktes sieht sie aber nicht, genauso wenig wie einen Podcast-Hype. „Ich denke nicht, dass es einen Hype gibt, da sich die Zahlen stabil halten. Vielmehr ist der Podcast mittlerweile ein eigenständiges Medium und ein fixer Bestandteil der Medienwelt geworden.“ Interessanter als die Frage nach einem abnehmenden Podcast-Boom sei die Frage, wie sich das Medium zukünftig entwickeln wird. „Es wird bessere Produktionstools und diverse Geschäftsmodelle geben“, wagt die Expertin einen Blick in die Podcast-Glaskugel. „Auch eine Integration von KI ist möglich, zum Beispiel hinsichtlich verbesserter Empfehlungssysteme.“ Herczeg nennt auch eine Einbindung von interaktiven Elementen sowie eine stärkere Nischen-Spezialisierung als mögliche Entwicklungen. Eines jedenfalls ist sicher: Der Podcast ist gekommen, um zu bleiben.
Das volle HEADLINER-Gespräch mit Philipp Hansa findet ihr an dieser Stelle.
Auf den Geschmack gekommen? Für Podcastfreunde gibt es noch viele andere Veranstaltungen, die tolle Podcasts und ihre Stimmen live auf die Bühne holen!
NILZ BOKELBERG: 26. April 2025 | Wien, SIMMCity: Der Entertainer, Moderator und Podcaster hat bei “Büdchen of the Universe” das eine oder andere Schmankerl aus seiner VIVA-Zeit im Gepäck. Immerhin ist er seit 30 Jahren im Geschäft! Wie man dabei den Überblick behält und sich durch so einen Dschungel an Aufgaben, aber auch Möglichkeiten navigiert, erzählt er uns bei seinem großen Solo-Abend. Dabei erzählt er von den wilden Anfangstagen bei VIVA, spielt uns Lieder auf der Ukulele vor, erklärt uns unsere Lieblings-Plattencover und malt live einen Comic, mit seinem selbsterfundenen seltsamen Lieblingsheld. Ein Abend, der weird, aufregend, schön, nostalgisch, liebenswert und unberechenbar wird!
MORD AUF EX: 26. Februar 2025 | Wien, Stadthalle D: “Mord auf Ex”, das ist einer der erfolgreichsten deutschen True-Crime-Podcasts - und nun kommen die beiden Podcasterinnen Linn Schütze und Leonie Bartsch mit ihren fesselnden Reisen durch wahre Kriminalfälle auch live auf die größten Bühnen! Die Tour bietet allen "Exis" und True-Crime Fans die besondere Gelegenheit, nicht nur den spannenden Erzählungen von Linn und Leo zu lauschen, sondern diese hautnah mitzuerleben. Eigens für die Tour produzierte Filme, Interviews mit Beteiligten und Expert*innen, die aktive Einbindung des Publikums sowie die ein oder andere Überraschung sorgen für ein interaktives Erlebnis, das weit über den reinen Podcast hinausgeht.
SCHWARZ & RUBEY - "Podcast Live!": laufend | in ganz Österreich: Es war ein Deal: Manuel Rubey wollte mit Simon Schwarz gemeinsam auf die Bühne, das Ergebnis ist ihr Erfolgsprogramm “Das Restaurant”. Dafür wollte Simon Schwarz mit Manuel Rubey einen Podcast machen. Weil: Eigentlich machen die beiden Freunde schon seit Jahren einen Podcast, nur aufgenommen hat die beiden bislang leider niemand. Nun labern sie überaus erfolgreich über Gott und die Welt und ihr Podcast - gespickt mit Wiener Schmäh - ist zu einer Podcast-Perle für alle Fans von Theater, Film, Kabarett und Wiener Lebensart geworden. Wir finden das super, dass wir dem Podcast auch live auf der Bühne lauschen können!
MÄNNER, DIE AUFS WASSER STARREN!: 26. November 2025 | Wien, Theater Akzent: Jemand hat sie bestimmt schon auf Instagram oder TikTok gesehen, während sie am Hafen hocken und sich gegenseitig mit ihren Witzen versuchen zum Lachen bringen! Die Rede ist natürlich von Nico & Joschka, den unbestrittenen Herrschern der Flachwitze. Ihre Geschichte? Na, sie haben es von 150 Instagram-Followern im Oktober 2022 auf astronomische 300.000 hochgekurbelt. Und TikTok? Da haben sie ihre 300 Follower auch gleich mal auf beeindruckende 600.000 aufgepumpt! Kein Kanal in Deutschland wächst schneller als diese beiden Spaßkanonen! Wir bereiten uns schon einmal auf eine Flutwelle des Humors vor!
ERDBEERKÄSE - DER TRASH-TV-PODCAST: 14. September 2025 | Wien, Stadtsaal: "Strawberry Cheese Forever Ever" heißt das Spektakel, das die drei Trashologen Tim, Colin und Mark – allesamt Gesichter der Hamburger Rocket Beans - endlich auch auf internationalen Boden führt, nämlich in das trash-begeisterte (ATV, anyone?) Österreich. Mit Scharfsinn und Schmäh sezieren die Hosts alles, was der Trash-TV-Kosmos hergibt: Hier geht es um “Reality-Helden” und “Scripted Desaster”, um Glitzer und um Drama - und natürlich auch um ganz viel Interaktion: Es wird gequizzt, und man kann Fragen stellen. Außerdem versprechen uns Tim, Colin und Mark, dass sie auf den Trash in Österreich ein besonderes Auge werfen …
DAS CAFÉ AM RANDE DER FREUNDLICHKEIT: September bis Oktober 2025 | Wien, Linz, Graz, Salzburg: Wenn sich die drei bärtigen „Brothers from different Mothers“ ans Mikro hängen, wird der Ausnahmezustand ausgerufen. Wolfram Felice ist mit seinen wöchentlichen Ausrastern wohl allen Fans ein emotionaler Begriff – auch mit Trash-TV-Wissen glänzt der selbsternannte „Gossip King“. Robin Limpek darf als Barista und Grantler werken, ein bisschen Sehnsucht nach Fame ist aber nicht zu leugnen. Das Trio komplett macht Marco J. Wagner, der als gebürtiger Deutsche ganz elegant das Organisieren übernimmt. Und ja, im Zeitalter der Gleichberechtigung dürfen sich auch Männer zum Kaffeeklatsch treffen!
PETER FILZMAIER & ARMIN WOLF: Februar bis September 2025 | Wien, Globe & Theater im Park: Armin Wolf, der ZiB-Anchorman vom ORF, ist zwar älter, hat aber trotzdem bei Peter Filzmaier studiert. Und ihn im Hörsaal fürs Fernsehen entdeckt. Seither haben sie dort sehr oft miteinander gesprochen - ist Filzmaier immerhin so etwas wie der ORF-Erklärbär. Im Fernsehen reden sie über Politik. Nie über Sport. Dabei weiß Peter über Sport fast noch mehr als über Politik. Armin ist es ein Rätsel, wie man sich für Sport überhaupt interessieren kann. Außer für Curling. Aber das verachtet Peter. Auf der Bühne werden sie trotzdem ein wenig über Sport reden, viel über Politik und übereinander.