Bild: Sennheiser
Wenn Sennheiser neue Kopfhörer herausbringt, lohnt es sich ja prinzipiell schon einmal, hellhörig zu werden – auch im unteren Preissegment für den unprätentiösen Tagesgebrauch wird man hier gut fündig. Kaum eine andere Kopfhörermarke genießt einen so guten Ruf wie das deutsche Traditionsunternehmen, unter anderem auch deshalb, weil man sich schon lange nicht mehr nur auf kabelgebundene HiFi-Kopfhörer fokussiert, sondern von In-Ears über True-Wireless bis hin zu Soundbars die komplette Range abdeckt, und das eben gleich in allen Preisklassen.
Zugegeben, für den Nachfolger des beliebten HD 660S muss man gerade in Zeiten der Inflation schon die Komfortzone verlassen: 599 Euro für einen Kopfhörer sind kein Pappenstiel, insbesondere, wenn es sich um keinen Allrounder handelt. Denn: Wie auch schon sein direkter Vorgänger ist der HD 660S2 ein „offener“ Kopfhörer, das bedeutet, dass die Rückseite der Ohrmuscheln offen sind und die empfindlichen Membranen nur durch ein Gitter geschützt sind. Das bietet klanglich natürlich ungemein viel Potenzial, heißt aber auch, dass die Kopfhörer eher nur für die eigenen vier Wände geeignet sind – denn so wie auch jedes störende Geräusch von außen an die Membran herangetragen wird, so dürfen auch umstehende die Musik gleich mitgenießen. Letztes mögen audiophile Musik-Connaisseure in ihrem Übermut vielleicht sogar positiv werten, ich kann aber aus Erfahrung sagen, dass nicht sämtliche meiner Bürokollegen große Fans der Sleaford Mods sind – und das, obwohl ihr neues Album „UK Grim“, das am 10. März erscheint, wirklich eine amtlich fette Bombe geworden ist.
Apropos fett: Ich habe vor einigen Jahren einmal nicht näher benannte Kopfhörer getestet, die neben einem großen Rapper-Namen als Aushängeschild insbesondere mit einem fetten Bass um die Gunst warben – jedoch ernüchternd waren. Wenn ein dröhnender Bass nur undifferenziertes Wummern ist, hat man eindeutig den tiefgründigen Sinn nicht verstanden. Sennheiser-Kopfhörer sind jedoch – in sämtlichen Preisklassen – für eine feine Auflösung bekannt. Manchmal ist der Bass, wie auch beim Vorgänger HD 660S, etwas zu schlank, das wurde beim HD 660S2 deutlich nachgeschärft, greift er hier doch eine ordentliche Ecke heftiger zu und brüllt gerade bei plötzlichen Impulsen wie ein brünftiges Vieh. Allerdings auch nicht zum Nachteil von leisen Tönen – der HD 660S2 löst so gut auf, dass er auch im Mitteltonbereich flüssiger und gleichzeitig voluminöser als sein Vorgänger tönt. Apropos Volumen: Während der Vorgänger besonders durch seinen räumlichen Sound auffiel, setzt der HD 660S2 mehr und vor allem hyperrealistischen Fokus auf die einzelnen Klänge – im Feldversuch mit der hürdenreichen Messlatte sunn O))) bedeutet dies etwa, dass die Dramatik deutlich erhöht wird und gewissermaßen ein klaustrophobisches Erlebnis erweckt wird, so wie es die Band auch bei ihrem Livekonzerten mit einer monströsen Backline schafft.
Ohne sich jetzt in technische Details zu verlieren, einen kleinen Nachteil bringt dies mit sich: Der HD 660S2 arbeitet derart diffizil (Stichwort Impedanz), dass die meisten Smartphones nicht mithalten können und es sich empfiehlt, einen Kopfhörerverstärker zwischenzuschalten. Das ist allerdings kein großes Problem, da der HD 660S2 ohnehin nicht für unterwegs, sondern für daheim gedacht ist. Dies suggerieren auch die beiden Kabel, die mit ausgeliefert werden – mit 6,3mm- und 4,4mm-Klinke, wobei ein Adapterkabel ebenfalls vorhanden ist.
Über die gewohnt hochwertige Verarbeitung des HD 660S2 braucht man keine Worte verlieren – die ist bei Sennheiser ohnehin „Grundausstattung“. Auch der Tragekomfort sei hervorgehoben: Während der Vorgänger etwas lockerer saß, schmiegt sich der HD 660S2 angenehm dicht (und gepolstert) um Ohrmuschel und Kopf und doppelt so das zuvor angesprochene dramatische Musikgefühl nochmals.
Kurz: Die Verbesserung eines beliebten Klassikers unter Beibehaltung seiner besten Eigenschaften ist gelungen, das Hörerlebnis ist warm, dabei aber seidenweich, Timbre und Einzigartigkeit jeder Instrumentierung werden perfekt herausgearbeitet – an der Lautstärke ließe sich vielleicht noch etwas schrauben, aber das ist mit dem ohnehin zu empfehlenden Kopfhörerverstärker leicht zu lösen. Wer Musik gerne mit einer Vielzahl an „Aha!“-Momenten genießt, die sich sonst nur in einer diffizil austarierten Halle herauskristallisieren können, wird hier also bestens bedient – wer jedoch einen guten Kopfhörer für eine geräuschvolle Umgebung oder für ein störfreies Miteinander sucht, sollte zu einer der zahlreichen Alternativen greifen.
Der Sennheiser HD 660S2 ist ab sofort um € 599,00 vorbestellbar, das offizielle Verkaufsdatum ist der 21. Februar.