Bild: Gwen Meta
Utopie statt Dystopie: Die österreichische Künstlerin Rahel entführt mit ihrer Musik in eine Welt, in der alles möglich ist. Ein Interview über das Patriarchat, Text und Wirklichkeit sowie den Wunsch nach einer Käsefarm.
Die österreichische Musikerin Rahel heißt bürgerlich Rahel Klara Kislinger. Die 1995 im Waldviertel geborene Künstlerin studierte bei Elfriede Ott Schauspiel, 2021 kam ihre erste Single „Tapp Tapp Tapp“ heraus, 2024 ihr erstes Album „Miniano“. Musikalisch trifft bei Rahel New Wave auf Dream-Pop. Sowohl Rahels Stimme als auch ihre Texte laden zum Träumen ein, ohne dabei oberflächlich zu sein, denn Text ist für sie „ein ganzes Land“.
Ich bin nicht immer zuversichtlich. Bei tiefen inneren Abgründen sehnt man sich aber wahrscheinlich besonders nach paradiesischen Zuständen. Musik oder kreative Produkte können Räume aufmachen, in denen Mensch ein Mensch sein kann. Das funktioniert nämlich nicht in einer Drogerie und hat im besten Fall nichts mit Einkaufen zu tun!
Viele Dinge spürt man im ersten Moment gar nicht. Selbst als eine Person, die sich viel mit diesen Themen auseinandersetzt. Manchmal braucht es Jahre, bis man merkt: Das war eigentlich gar nicht okay. Es kursieren sonderbare Meinungen: Frauen, die zu akustischen Gitarrenklängen singen, sind süß, Frauen, die auf der Bühne stehen, müssen einem gewissen Ideal entsprechen. Oft hört man auch von Frauen selbst komische Sachen, da muss man sich dann daran erinnern, dass es nicht ihre Schuld ist, sondern die patriarchale Ordnung, unter der sie selbst leiden.
Ja, total. Ich sag dann: Oh, ein richtiger Powermann. Ein Hausmann. Eine gar nicht so schlechte Männerband.
… Männern die Frage zu stellen, was Mann sein für sie bedeutet.
Die wenigsten negativen Sachen bekommt man ins Gesicht gesagt. Was ich aber schon zweimal gehört habe: Wow, du bist ja gar nicht so schön und stehst trotzdem auf der Bühne! Ur mutig! Da muss ich dann lachen, wenn ich überall schwitzige, wabernde, sabbernde, oberkörperfreie, sich in den Schritt greifende Männer sehe. Körper sind aber auch so langweilig. Ich mag Gedichte lieber!
Ich war im Schauspiel weder wahnsinnig erfolgreich, noch hat es mich auf Dauer ausreichend interessiert. Und ich war noch zu jung im Kopf. Dann habe ich Raphael Krenn gesucht und gefunden und hatte plötzlich eine Möglichkeit, etwas ganz Eigenes zu erfinden, was erstmal immer nur uns gehört. Wenn ich schreibe, denke ich nur an die Wörter und was für Bilder, Farben, Formen und Gefühle sie auslösen. Schreiben zu lernen ist für mich eine lebenslange Reise. Ich glaube, im Moment verschwimmen die Grenzen zwischen Bühnen-Ich und Schreibenden-Ich immer mehr und das ist schön. Ich will keine Barriere, ich will, dass die Texte ankommen und dazu muss alles sehr nah und kompromisslos an mir dran sein.
Text ist einfach ein ganzes Land. Dieses Land ist noch viel tiefer und weiter, als ich dachte. Von dieser Erkenntnis muss ich mich gerade erst erholen. Ich werde oft von coolen Liedern inspiriert. Im Moment von der Band Keimzeit und der Gruppe Jetzt!. Manchmal von Büchern, aber oft fällt es mir schwer, den Weg in ein Buch zu finden. Wenn es mir gelingt, dann will ich nicht mehr rauskommen. Bei Helena Adler passiert mir das oder bei Bachmann, jetzt nehme ich mir Ilse Aichinger vor.
Im Moment etwas zerfahren. Die Struktur ist schon eine schöne Erfindung, da stimme ich auch ausnahmsweise mit der Arbeitswelt überein. Ich suche noch nach einem Ausgleich. Falls jemand eine Käsefarm hat, ich würde gerne halbjährlich vorbeikommen.
(Das volle Gespräch findet man auf funk-tank.at.)
Rahel findet ihr auch auf Instagram.