Bild: Olaf Heine
Drei Jahrzehnte Deutschtümelei und schräge Kohabitationsphantasien: Seit 1994 ist bei Rammstein die Empörung stets vorkalkuliert und sorgt nebst der theatralischen Showeffekte für ungeheure Popularität, auch über den großen Teich. Kein Wunder also, dass selbst die gegenwartsnahen Wirbel letztlich nur Öl fürs Feuer sind, und Rammstein sich anschicken, 2024 ihr Jubiläum auch in Klagenfurt zu begehen.
Volksfeststimmung herrschte am 28. August 1988 auf der deutschen US-Air-Base Ramstein. Hunderttausende waren gekommen, um die Flugshow zu sehen. Um 15:44 Uhr kam es zur Katastrophe: Drei Maschinen der italienischen Staffel Frecce Tricolori kollidierten, ein Jet stürzte in die Menge und forderte mit 70 Menschenleben seinen Tribut. Der Tod dutzender Frauen, Männer und Kinder war namensgebend für die heute größte Rockband Deutschlands: Rammstein, die Nachgeburt entbunden im gärenden Urschleim ihrer ersten Kontroverse.
Es erscheint durchaus schlüssig, dass etwas, das auf einem Eklat fußt, selbigen auch stringent durch die Karriere ziehen muss: Aufgrund ihrer mehrdeutigen Texte und des harten Marschstils – zunächst bezeichnete die Band ihren Stil als „Tanzmetall” – wurde Rammstein gerade zu Anfangszeiten gerne vorgeworfen, rechtsextremen Tendenzen zu folgen oder zumindest nationalsozialistische Ästhetik gedankenlos zu idealisieren, etwa als sie für das Video zur Depeche-Mode-Coverversion „Stripped” 1998 Szenen aus den Olympiafilmen von Leni Riefenstahl aus dem Jahre 1936 nutzten – waren dies doch Propagandafilme für die Nationalsozialisten. Auch das Spiel mit Heldenmythen und verbaler NS-Ästhetik auf dem frühen Album „Mutter” ging in der Inszenierung vielen zu weit, etwa wenn „Sonne” auf den Sonnenkult bezogen wurde – ob Überzeugung oder kaltes Kalkül dahinterstand, hinterließ gern ein großes Fragezeichen, ein schwelendes Unwohlsein, ähnlich wie auch die Inszenierung der Musiker selbst, die sich als starke Männer im großen Pathos suhlten, similär dem maskulinen Körperkult der Nazis – eine Art sozialdarwinistisches „Survival of the Fittest”, wie es hieß. Vom rollenden „R”, das sich Lindemann wohl von der slowenischen Avantgarde-Band Laibach abgeschaut hat, gar nicht erst zu sprechen: Besonders sensible Kritiker sahen hier Ähnlichkeiten zum Sprachduktus Adolf Hitlers.
Auch ihre intensive Auseinandersetzung mit Gewalttaten (teils aus der Geschichte gegriffen, teils Phantasiegebilde von Texter und Sänger Till Lindemann) und (so veraltet der Begriff wirken mag) Unsittlichkeiten – nicht nur im Wort (nebst für Rammstein auch in Lindemanns Gedicht-Bänden), sondern auch im Bild, leibhaftig, auf der Bühne – brachte Rammstein oft ins Kreuzfeuer der Kritik, sie wurden als sadomasochistische Lüstlinge und sexistische Machos abgestempelt, die sich in ihrem Dominanzgebärden über die Frau erhöhen.
„Wie gefährlich ist diese Gruppe?“ frug das deutsche Schundblatt Bild am Sonntag dereinst scheinheilig: Sind das Kinderschänder, Asylantenfresser, Nazis gar? Seit 30 Jahren werden, wenn die Öffentlichkeit auf Rammstein zu sprechen kommt, Stirnen gerunzelt, Pädagogen wachen auf, Kulturrepräsentanten bekommen Seitenstechen, Randgruppenvertreter kollabieren am Fließband an Schnappatmung und fragen, ob das denn noch Kunst sei, ob man denn da nicht einschreiten müsse.
Etwa, als Rammstein für das Stück „Pussy” ihres vorletzten Albums „Liebe ist für alle da“ kurzerhand einen Hardcore-Porno simulieren und selbigen auf einem niederländischen Erotikportal debütieren ließen: Ein Schabernack, der selbst in aufgeklärten und (zumindest in Mitteleuropa) allerorts sexualisierten Zeiten immer noch für einen Aufschrei sorgte – insbesondere, weil auch das Merchandise-Angebot etwas infantil, dafür marktschreierisch mit den stark erotisch aufgeladenen Texten im Einklang stand, man denke da etwa an das dem Album zugehörige Boxset mit sechs, den Penissen der Mitglieder nachempfundenen rosaroten Dildos, Handschnellen und Gleitgel inklusive: zu viel des Guten.
Und auch die frühen Vorwürfe, man verwende schamlos Nazi-Ästhetik, kam erst bei ihrem aktuellen Album „Zeit” wieder auf, als nur wenige Sekunden der ersten Single „Deutschland“ den Weg ins Netz fanden, unterlegt von einer Videosequenz, in der sich die Mitglieder der Band als KZ-Insassen am Galgen inszenierten. „Wer den Holocaust zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch“, hieß es daraufhin mit drohendem Zeigefinger vom Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Der Antisemitismusbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Felix Klein, teilte mit, prinzipiell sei gegen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust nichts einzuwenden. „Wenn aber das Video nur zur Provokation und Verkaufsförderung erstellt wurde, um zu skandalisieren und Aufmerksamkeit zu erzeugen, dann wird damit eine rote Linie überschritten“, sagte Klein: Dies wäre eine geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit. Auch der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, lehnt klar und deutlich ab, das „Leid und die Unmenschlichkeit des Holocaust“ für „Effekthascherei und für Werbezwecke“ zu missbrauchen und lud die Band in die KZ-Gedenkstätte Dachau ein.
Es ist eine ziemlich konstante Strategie, dass sich Rammstein zu all den Vorwürfen in der Vergangenheit nur selten oder nur sehr schwammig geäußert haben: die Erklärungsnot, die hierauf beinah unheimlich, weil nicht greifbar im Raum schwebte, verstärkte den Effekt der Skandalmomente ungemein.
Auch jetzt wieder, nach den schweren Vorwürfen, die gegen Lindemann (und Keyboarder Flake) wegen sexueller Übergriffe und mutmaßlicher Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz erhoben wurden – ermittlungstechnisch und gerichtlich aber im Sand verliefen: Da hätten sich viele (nicht nur die Kritiker, sondern auch Fans) eine klarere Positionierung seitens der Band, seitens der Mitglieder gewünscht – und dies wäre bei jeder anderen Band wohl auch geschehen, zumal die Vorverurteilung unglaubliche Ausmaße annahm. Doch Rammstein tourten beinah kommentarlos weiter, während die Mühlen ihrer Anwälte im Hintergrund mahlten und nahmen indes (wie auch zweimal diesen Sommer in Wien zu sehen) nur marginale Adaptionen an ihrer Show vor (so war die „Penis-Kanone” zum zuvor angesprochenen „Pussy”-Song nicht im Einsatz).
Das erste musikalische Lebenszeichen war dann keines von Rammstein selbst, sondern von Lindemann solo: Sein neues Lied „Zunge” wurde Anfang September veröffentlicht und zeigt ihn als Mann im weißen Kittel (Unschuld!), der Mund vernäht mit Nadel und Faden – und er singt: „Meine Zunge hat keinen Knochen / Und so sag’ ich, was ich will / Ach, mein Herz, das ist gebrochen / Doch es schlägt noch, steht nie still / (...) Das feine Wort war stets mein Feind / So viele Worte nicht so gemeint / So viel Sprache, so gemein / So viele haben so viel geweint”. Wer jetzt eine Replik auf die Vorwürfe rauszuhören meint, wird jedoch leider erneut getäuscht: Auch wenn der Zeitpunkt geschickt gewählt scheint, Song und Video wurden bereits vor den Missbrauchsvorwürfen produziert.
Drei Jahrzehnte haben Rammstein in ihrem Auftreten nun schon polarisiert, waren seit Anbeginn der vielleicht größte Vorschlaghammer der Popkultur – und es scheint, dass nicht einmal die Realität Rammstein zum Adieu-Sagen zwingen kann, der Engel ist noch nicht vom Himmel gefallen. So werden sie wohl noch einige Jahrzehnte gekonnt für Ungewissheiten sorgen, zuvor aber ihre ersten 30 Jahre live Revue passieren lassen. Man ist gespannt, ob sich die Band zum runden Jubiläum ein besonderes Schelmenstück einfallen lassen wird – zu wünschen wäre es, hat ihre „Europe-Tour” in dieser Form ja bereits zweimal in Klagenfurt und viermal in Wien gastiert. Ausreichend Lametta (sprich: Feuer) für eine monumentale Lustbarkeit hat man ja ohnehin stets im Gepäck, zum besonderen Anlass könnte man die Spieluhr vielleicht wieder zurückdrehen und auch die Sehnsüchte der mitgealterten Fans befriedigen ...
Rammstein gastieren am 17. und 18. Juli im Wörthersee Stadion / 27 Black Arena. Aktuell ist das Konzert ausverkauft, gegebenenfalls werden zu einem späteren Zeitpunkt über Fansale Karten zum Verkauf angeboten. Tickets für andere ausgewählte europäische Städte sind noch bei oeticket erhältlich.